„Das Bedürfnis nach Poesie wird bestehen“ Francisca Ricinski, Schriftstellerin – Bad Neuenahr/Ahrweiler/D 18.10.2022

Liebe Francisca, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich mit der Eule verwandt bin, bricht mein Tag später an … Erst wenn sie über alle Schlafende wacht, kehre ich zum Schreibtisch zurück. Aber nicht immer lassen sich schwebende Sätze auf dem Blatt nieder. An manchen Tagnächten schlafen rebelle Gedanken oder Wortbilder ein und dann tanzen die Finger auf der Tastatur wie katzenfreie Mäuse oder zeichnen seltsame Hieroglyphen. Irgendwann weckt mich das Werfen herausgekloppter Mauerreste in Container. Was für einen guten, ruhigen Morgen, ein Jahr nach der Flut, sage ich mir dann, während ich die Küche wie eine Oase betrete …  Ich trinke den Kaffee beim Stehen auf Fenster, die Weinberge winken mir zu …

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht pauschal antworten. Da jeder von uns einzigartig ist, hat jeder eine persönliche Hierarchie von Interessen und Zielen, seine Wichtigkeitsskala. Aber es gibt sicherlich die schon allseits bekannten Punkte, die einen gemeinsamen Codex für jetzt und für morgen bilden könnten, falls ein Morgen für alle gewünscht ist. Gemeint sind hier eine grundsätzliche Rückkehr zum Dialog und zum Respekt voneinander, die Rettung des Friedens, der globalen Natur sowie die Unterstützung der sozial Vergessenen, der ihrem harten Schicksal Überlassenen, über alle Differenzen und Trennungsmerkmale hinaus. Die Triage, auf welcher Ebene auch immer, wäre kein ethischer, schuldenfreier Lösungweg. Es mag utopisch klingen, wenn es auf taube Ohren fällt. Oder wenn man darauf wartet, dass der Wandel zum Guten – wie das biblische Manna – vom Himmel fällt …

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Leider merke bzw. spüre ich keinen Aufbruch, denn Aufbruch ist für mich ein positiv geladener Begriff.  Neubeginn ja, ein Neubeginn der irrationalen Konfrontationen. Die Taube mit dem Olivenzweig in dem Schnabel ist nur noch ein nostalgisches Symbol geworden. Der kriegerische Geist spuckt Feuer, droht und zerstört, zieht immer mehr Völker und Geschöpfe aller Art in sein Inferno hinein. Hysterie und vergiftete Statements generieren Revolte und existentielle Angst.

Die Kunst, ob Musik, Malerei, Theater, Literatur etc. werden sich wie bisher, in der langen Geschichte ihres Daseins, oder noch intensiver mit diesen in unserem Leben neu eingetretenen Aspekten und Fakten inhaltlich auseinandersetzen, die Kraft im eigenen Wesen suchen, um das Bewusstsein der Kunstfreunde und der Menschen im allgemeinen aufzurütteln, für den Not des Anderen zu sensibilisieren, auch zu trösten und stärken, neue Wege zu zeigen. Dafür werden vielleicht neue, gar nonkonforme, mutige Ausdrucksformen notwendig sein, die eine gerechte Rezeption des Werkes und dessen Wirksamkeit erleichtern. Das Bedürfnis nach Poesie wird bestehen. Dichter werden weiterhin das an sich Unaussprechliche in bedeutungsvolle Formeln übertragen. Dichter werden ihren Texten  Arme und Füße oder Flügel wachsen lassen, damit man zwischen den fröhlichen Klängen und Farben die Tränen der Erde und ihre Schreie hört, ihr jetziges Alphabet aus Feuer und Schatten.

Was liest Du derzeit?

Alle sind Relektüren, unterschiedlich begründet: Umberto Eco, „Quasi dasselbe mit anderen Worten“ (Über das Übersetzen), Silvia Plath, „Die Bibel der Träume“ ; Friedrich Nietzsche, „Gedichte“ und die Poeme des französischen Dichters Gérard Blua aus „Funeriales“, Edition Campanile, Nice, 2021, mit dem von mir geschriebenen Vorwort.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich zitiere aus Nietzsches zeitloses Gedicht: „Gebet in der Morgenröte“ : „Ach, so gebt doch Wahnsinn,/ihr Himmlischen, /Wahnsinn, dass ich endlich/an mich selber glaube!/Gebt Delirien und Zuckungen,/plötzliche Lichter und Finsternisse,/schreckt mich mit Frost und Glut,/wie sie kein Sterblicher noch empfand,/mit Getöse und umgebenden Gestalten,/lasst mich heulen und winseln/und wie ein Tier kriechen:/nur dass ich bei mir selber Glauben finde! „

Francisca Ricinski, Schriftstellerin und Journalistin   

Vielen Dank für das Interview liebe Francisca, Schriftstellerin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Francisca Ricinski, Schriftstellerin und Journalistin  

Foto_privat

13.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Gegen morgen schleicht sich“ Melitta L. Roth, Schriftstellerin _Give Peace A Chance _ Hamburg 18.10.2022

Melitta L. Roth, Schriftstellerin und Bloggerin

GIVE PEACE A CHANCE

Gegen morgen schleicht sich

In aller Heimlichkeit Diktator P., den alle Welt bald als Wlad, den

Verlorenen kennen wird, aus seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo.

Er trägt Tarnkleidung und hat seinen kleinen Rucksack dabei.

P. schleicht sich aus dem Vorort Moskaus, schleicht sich aus dem

europäischen Teil Russlands und zockelt gen Osten, bis sein Jeep

Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse steckenbleibt.

Cholera! Schimpft der Diktator und zockelt zu Fuß weiter.

Er erreicht erst Wochen später das abgelegene Dorf im

Altai und bittet die Bewohner um Unterschlupf, er werde zahlen.

Chren mit dir Väterchen, sagt eine Alte, bleib. Sie

Heizt die Sauna an. Für sich und P. und ihren Nachbarn Michail Iljitsch.

Als sie drei Stunden schwitzen und schweigen, will P. raus.

Nein, bleib du schön drin, sagt Iljitsch. Gib mal die Birkenreiser rüber.

Chren, was seid ihr Moskauer für Weicheier, meint die Alte drei Stunden später.

Eigentlich war der aus Piter, sagt Iljitsch und verlässt mit der Alten die Banja.


Melitta L. Roth, 12.10.2022

Melitta L. Roth, Schriftstellerin und Bloggerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Melitta L. Roth, Schriftstellerin und Bloggerin

https://scherbensammeln.wordpress.com/

Fotos_privat

Walter Pobaschnig _ 12.10.2022.

https://literaturoutdoors.com

„maximal tohuwabohuös“ Katja Brunner, Schriftstellerin _ Wallisellen/CHE 17.10.2022

Liebe Katja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aktuell sieht mein Tagesablauf leider maximal tohuwabohuös aus. Zwischen Arbeitsrückständen aufarbeiten und dem Flitter des Neuen, noch nicht Getanen, noch nicht Geschehenen herumrauschen, es steht und fällt irgendwie alles und nix. Aber jeden Tag Rote Beete Saft, immerhin das an der offenbar heilsamen Routine.

Zu Beginn der Pandemie fiel mir ein rigoroses Strukturregiment leicht, jetzt zerfasert grad alles – oder nein, ist schon zerschnitten daliegend ohne Sinn und Verstand. Eigentlich ist dann jeder Tag ein Tanz um jenes, was da liegt, sinn – und verstandslos, aber der geheimen Logik komm ich vielleicht noch auf die Schliche/Sprünge oder so. Also eigentlich hoffe ich jeden Tag. Und wenigstens tanze ich dabei.

Katja Brunner, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, so im Hausflurrahmen: Der liebe Gruss, das nette Wort, das niemanden was kostet, aber die meisten irgendwie der Gutgeartetheit der gemeinhin als Welt erfassten Schichten versichert.

Sonst jenseits des Herumwandelns als konkreter Körper in Strassen, Ubahnen, Hausfluren etc: Ich glaube, sich nicht von der Angst packen zu lassen, die gerade agitativ kursiert, sich von ihr bestenfalls den nötigen Antrieb geben zu lassen, aber nicht die Nervosität, das Antizipieren des Aufpralls sekündlich vor Augen zu haben. Dazu zählt vielleicht: Nicht im Hasenbau des Medienkonsums zu verschwinden – und positiv formuliert: Umsicht, Gütigkeit, Versöhnung. (bald werd ich hier religiös ohje), aber mir ist es ernst: Rückversicherung im Jetzt, es steht nicht die Apokalypse bevor und Zorn kann heilig sein & vor allem produktiv.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Oh, es fällt mir stets schwer, solche großen Fragen irgend halbwegs adäquat zu beantworten, bin ich selber hilflos vor den Toren der Ahnung über die Dimension meiner eigenen Unwissenheit, also erstens: Vielleicht diese Unwissenheit / aufkeimende absterbende Ratlosigkeit nicht schlimm zu finden?,

Zweitens, Kunst: Die große Retterin! Die Versöhnerin! Die Ebnerin, wenns ruppig ist und Ruppigerin, wenn s zu eben ist! Ihre fortwährende Fähigkeit, Empathie zu boosten, Neugier zu kultivieren, all die angelebten Leben, all die gefundenen Bilder für diffus Empfundenes. Die ganze verdammte dunkel lockende und hell türmende Vielfältigkeit der Möglichkeiten von Kunst, diese zu schätzen, das ist so ein evergreen.

Was liest Du derzeit?

Aktuell vornehmlich Gedichte: Querbeet durch Majakowski und Langgedichte von Pasolini (Wer ich bin). Und Comics aus der Reihe RACHEL RISING. Und Deborah Levy! Preziosen sind das. Und Rachel Cusk.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hélène Cixous: „It is easy to love and sing one’s love. That is something I am extremely good at doing. But to be loved, that is true greatness. Being loved, letting oneself be loved, entering the magic and dreadful circle of generosity, receiving gifts, finding the right thank-you’s, that is love’s real work.“

Vielen Dank für das Interview liebe Katja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Sehr gerne!

5 Fragen an Künstler*innen:

Katja Brunner, Schriftstellerin

https://katjabrunner.com/

Foto_Diana Pfammatter

6.10.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Global Female Future“ Wie feminstische Kämpfe Arbeit, Ökologie und Politik verändern. Andrea Ernst, Ulrike Lunacek, Gerda Neyer, Rosa Zechner, Andreea Zelinka (Hrsg.). Kremyar&Scheriau Verlag

Das Jahr 1982. Die Welt ist in Angst und Bewegung. Krieg auf den Falklandinseln. Die Berliner Mauer, der „Eiserne Vorhang“ trennt Europa. Atomwaffen positionieren sich in Ost und West. Die Zukunft ist in vielen ungewiss. Und was ist jetzt zu tun? Als Frau hier und dort, was muss benannt, aufgezeigt, was muss verändert werden? Jetzt, sofort, wofür gilt es zu kämpfen?…

In dieser Situation mit so vielen regionalen wie weltpolitischen Herausforderungen bildet sich in Österreich eine Frauengruppe und bildet die Organisation und Zeitschrift „Frauen*solidarität“. Internationale Vernetzung und Bewusstwerdung erfolgt und kritisch engagiert werden Hilfestellungen und -aktionen durchgeführt. Um wesentliche Bausteine gesellschaftlicher Werte wird gerungen und diese bilden bis heute ein Fundament politischer Verantwortung.

Wie hat sich nun 1982 die Bildung, Organisation und Aktion des Frauenkollektivs gestaltet und wie sieht es 40 Jahre danach aus?

Die damaligen Aktivistinnen erzählen Hintergründe und laden gegenwärtige regional wie global engagierte Mitstreiterinnen ein über ihre Projekte und politischen Wege zu erzählen.

So entsteht in Schilderung, Erinnerung wie im Dialog zur Gegenwart ein Buch, das wie ein Regenbogen in buntesten Facetten von Aktionen wie Persönlichkeiten strahlt und beeindruckend Zeugnis gibt, wie aktiv und engagiert „Global Female Future“ damals wie heute ist.

„Ein Buch als feministische Erinnerung, Manifest und Auftrag“

„Global Female Future“ Wie feminstische Kämpfe Arbeit, Ökologie und Politik verändern.

Andrea Ernst, Ulrike Lunacek, Gerda Neyer, Rosa Zechner, Andreea Zelinka (Hrsg.). Kremyar&Scheriau Verlag

Walter Pobaschnig 10_22

https://literaturoutdoors.com

„Aufstand“ Céline Lassalle, Verlegerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 17.10.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Gebt den

Igeln

Vibraphone, den

Elstern

Posaunen

E-Moll

A-Dur

Cis-Moll

E und U

Aufstand, ganz sanft und

Charmant

Husten Texte dazu

Anfangs albern

Nachts dann müde auf dem

Chaiselongue-Rücken eines summenden

Esels

Céline Lassalle, 2.9.2022

Céline Lassalle, Verlegerin 

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Céline Lassalle, Verlegerin 

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 2.9.2022.

https://literaturoutdoors.com

„Worte sind mein Verband, mein Pflaster“ Eva Christina Zeller, Lyrikerin _ Tübingen/D 16.10.2022

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gerade unterrichte ich creative writing im Hamilton College, Clinton in Upstate New York und lese hier aus meinem gerade erschienenen Roman „Unter dem Teppich“, der in Teilen schon übersetzt wurde und hier „under the rug“ heißt. Es ist schön, in interessierte und aufgeweckte Gesichter der jungen, angehenden AutorInnen zu blicken, die mir Fragen stellen, als hätte ich eine Ahnung wie man schreibt!

Eva Christina Zeller, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Stellen Sie, Walter Pobaschnig die Frage im Kontext von Klimawandel, Krieg oder Covid?

Mit welchen Schrecklichkeiten oder Herausforderungen müssen wir zurechtkommen? Zum Krieg wurde so viel geschrieben und gesagt. Ich verstehe ihn nicht, wenn ich versuche ihn zu verstehen, dann stehen mir die Haare zu Berge und ich weiß nicht, wie ich mein tägliches Kleinklein bewältigen soll. Krieg zu führen ist verrückt, weil wir den Abgrund vermessen. Aber den Klimawandel nicht aufzuhalten und nur Feigenblätter zu verteilen, ist genauso verrückt.

Aber ich muss mich an die eigene Nase fassen. Ich bin in die USA geflogen, um hier zu arbeiten, um Studierenden meine Gedichte und Geschichten vorzulesen und um ihnen zu erzählen, warum ich schreibe und wie ich schreibe. Kreativität ist eine Kraft und das Schreiben hat mein Leben gerettet, um es pathetisch auszudrücken. Wie das genau vor sich ging, steht in meinem neuen Roman. Ich flog auch hierher, um meine ehemalige Gastfamilie von vor 45 Jahren zu besuchen. Wie kann ich dies rechtfertigen?

Ich sehe hier in den USA die allgemeinen Gegensätze überdeutlich. Die Reichen in ihren großen Autos und riesigen Häusern, die Auswahl von zwanzig verschiedenen Arten von Peanutbutter und gleichzeitig die Wohnungslosen auf der Straße, die die Mieten nicht mehr bezahlen können. Diese Gegensätze sind kaum auszuhalten und machen mich wütend.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?  

Für mich ist sie Nahrung. Ich lese Gedichte, ich schreibe Gedichte. Ich  gehe in die Natur und schaue mir die Bäume an. Sie geben mir einen guten Grund am Leben zu sein. Als ich gerade an der Westküste in Nordkalifornien in einem artist retreat war, hörte ich fast jeden Morgen die Erde beben und es tat weh, wenn wieder ein Redwoodtree, ein Mammutbaum, viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte alt, gefällt wurde.

Was liest Du derzeit?

Ich lese Gedichte von Elizabeth Bishop und das Buch der Anthropologin Nastassja Martin „An das Wilde glauben“. Wie können wir westliche Psychologie und Rationalität auf der einen Seite und den Pantheismus und Animismus auf der anderen Seite nicht nur als Gegensätze betrachten? Dieser Frage geht die Autorin aufgrund einer tätlichen Begegnung und Verletzung mit einem Bären nach. Ich kann nur dadurch leben, dass ich eine Verbindung mit Mensch und Tier und Baum aufzubauen versuche, das klingt jetzt plump. Nichts anderes mache ich in meinen Gedichten: ich verbinde mich mit Worten. Worte sind mein Verband, mein Pflaster. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?  

„Ich war bereits einmal Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und flutentauchender, stummer Fisch“

Empedokles, Über die Natur, Fragment 117

„Zur Ruhe kommen

Wenn der Leib unaufhörlich

in Bewegung gehalten wird,

wird er müde.

Wenn der Geist unaufhörlich

in Bewegung gehalten wird,

wird er sorgenvoll;

und Sorge verursacht Erschöpfung.

Das Wesen des Wassers ist,

dass es klar wird,

wenn man es in Ruhe lässt,

und still,

wenn man es nicht stört.“

Dschuang Dsi

Vielen Dank für das Interview liebe Eva Christina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Christina Zeller, Lyrikerin

http://eva-christina-zeller.de/

Foto_Wolfgang Irg

6.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Romy Schneider war immer alles“ Phoebe Violet, Musikerin _ 40.Todesjahr Romy Schneider _ Wien 16.10.2022

Phoebe Violet_Musikerin, Malerin _
acting Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris)

Liebe Phoebe, welche Bezüge, Zugänge gibt es vonDir zu Romy Schneider?

Als Kinder haben wir zu Hause die Sissi Trilogie ungefähr 500 mal gesehen.

Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?

 “L’Enfer” von Henri-Georges Clouzot. Der Film wurde nie vollendet, aber Teile davon sind online verfügbar. Dieser Film ist für mich ein Gesamtkunstwerk, sie natürlich auch.

Romy Schneider spielte in ihren Filmrollen sehr intensiv und ausdrucksstark, auch körperlich, und ging bis an die Grenzen des persönlich Möglichen. etwa in den Filmen „Nachtblende“, „Trio infernale“ oder „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Wie siehst Du als Künstlerin die Darstellerin Romy Schneider in Ihrem Kunstgenre?

Unfassbar. Die Farbpalette, die sie von sich zeigte, war immer anders, immer auf der Suche nach Neues. Ich mache mir fast Sorgen um sie, wenn ich sie auf der Leinwand anschaue. Es geht so tief hinein, wie sie spielt. Sie nimmt alles auf, da gibt es keine Wände.

Müssen Mensch und Kunst sich immer ganz nah, intensiv berühren, um das Publikum erreichen und auch berühren zu können?

Die Frage finde ich seltsam gestellt. Weil Kunst und Mensch sind nicht zwei voneinander getrennte Sachen. Kunst entsteht in einem; durch einen. Somit kann ich nicht sagen, dass ich “nah zur Kunst stehe”, wenn Kunst aus mir kommt. Es ist einfach immer da. Kunst macht man nicht für ein Publikum. Kunst macht man, weil es aus einem raus muss. Diese Eile ist so voll mit Leidenschaft und Ehrlichkeit, dass es andere berührt. Oder nicht. Weiss ich nicht…

Gibt es Momente in der Kunst, in der sich gleichsam die Kontrolle im Kunstprozess verlieren kann? Und wenn ja, was holt einen dann zurück?

Die von der Gesellschaft festgestellte Realität.

Würdest Du einen Film von Romy Schneider gerne spielen und wenn ja, warum?

 Nein.

Es gibt von Romy Schneider sehr viele Fotoserien. Gibt es eine Serie, die Du hervorheben möchtest?

Ich kenne nicht viele, aber es gibt eine Fotoserie von der deutschen Fotografin Helga Kneidl: Romy Schneider ganz entspannt, Schneidersitz, in einem Blumenkleid, schulterlos, Zigarette in der Hand. Diese Leichtigkeit finde ich wunderschön.

Wie siehst Du Romy Schneider vor der Fotokamera? Ist sie da Schauspielerin oder Privatperson oder beides?

Ich glaube, sie war immer alles.

Auch unser Projekt ist ein szenisches Foto/Interviewprojekt. Wie hast Du Dich im Vorfeld darauf vorbereitet und was ist Dir dabei wichtig?

Ich dachte an Kleidung. Und durchwühlte mein Kleiderschrank. Las auch ein bisschen über sie. Aber nicht viel. Da kommt so viel Tratsch und private Sachen, die ich nicht erfahren will.

Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich (Kunstberuf)?

Ich glaube, es gibt eine Schwelle des Ruhmes, wo es sehr schwer wird, das eigene Leben für sich zu behalten. Mir stört es sehr, wenn interessante Persönlichkeiten und KünstlerInnen durch ihr Privatleben zerstört werden. Es ist, als ob sich die Masse erfreut, wenn sie erfahren, dass diese unfassbare Person in Wirklichkeit doch leidet. Dann wird sie „normal“. Ich kann mir vorstellen , dass es für den meisten unvorstellbar ist, dass Menschen so pervers sein können, Genuss in der Qual anderer zu finden. Aber angeblich ist das Verkaufen vom Verfall des eigenen Privatlebens ein tolles Geschäft. „Skandal“ bedeutet „viel kassieren“. Und Geld bezahlt die Rechnungen; nicht Menschlichkeit. Der Umgang mit Romy Schneider war ja nicht anders.

Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Kunstberuf?

Das Leben besteht aus persönlicher Weiterentwicklung. Wenn das aufhört, ist man tot. Wie zuvor gesagt, Kunst und Mensch-sein gehen Hand in Hand. Kunst für mich ist eine Reflexion oder Darstellung von eigenen Prozessen oder Prozessen anderer, die man internalisiert und kristallisieren möchte. Ohne persönliche Entwicklung findet nichts statt.

Wie war Dein Weg zur Kunst und welche Erfahrungen hast in Wien gemacht?

Ich bin mit Kunst aufgewachsen. Wir – meine Schwester und ich – hatten einen sehr respektvollen und gleichzeitig sehr zugänglichen Bezug zur Welt der Kunst. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Wien hat meine künstlerische Ader auf jeden Fall unterstützt. Es sind 20 Jahre Erfahrungen in Österreich, davon 16 in Wien. Da wusste ich nicht, wo ich anfangen würde.

Was wünscht Du Dir für den Kunstberuf?

 Ich habe keine Wünsche. Nur viele Ideen, die ich umsetzen werde.

Was sind Deine kommenden Projekte?

Es entstehen gerade mehrere. Ich möchte erst darüber sprechen, wenn sie klarer sind.

Was möchtest Du Kunststudenten*innen mitgeben?

Gar nichts. Sie sollen es selbst herausfinden.

Wie siehst Du die Umstände des Todes von Romy Schneider?

Ich habe mich damit nicht befasst. Ich sehe nur, was sie als Künstlerin hinterlassen hat. Und das ist wunderschön.

Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?

Ob sie mit mir auf einen Kaffee gehen möchte.

Was kann eine Künstlerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?

Ihre Perspektive.

Phoebe Violet_Musikerin, Malerin _
acting Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris)

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Phoebe Violet_Musikerin, Malerin

https://www.phoebeviolet.com/news

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_10.2022

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_22

„Golofshan hieß sie und sah auf ihrem Hochzeitsfoto aus wie Jeanne Moreau“ Tania Kibermanis, Autorin _ Give Peace A Chance _ Hamburg 16.10.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Golofshan hieß sie und sah auf ihrem Hochzeitsfoto aus wie Jeanne Moreau.

Inzwischen dürfte sie weit über Siebzig sein, aber reiten kann sie bestimmt immer noch, besser als jeder Kerl.

Vor ein paar Jahren sind wir uns im Iran begegnet, in einem Dorf am Kaspischen Meer, wo es Bergleoparden gibt und man die Sterne viel heller sieht als hier.

Einen Hund darf man im Iran nicht haben, weil das den Mullahs nicht gefällt, aber sie hatte einen, in ihrem geheimen Garten hinter einem riesigen Tor.

Politik interessierte sie nicht, aber sie sagte: Die Frauen hier im Norden sind stark, sie machen das Geld, und die Männer bleiben zu Hause.

Eine halbe Nacht lang saßen wir in ihrer Webstube zwischen bunten Stoffen, auf denen sie Geschichten erzählt, für die man keine Sprache braucht. 

Auch geheime Zeichen webt sie ein, ganz subversiv.

Chadorshab – so heißen die aus Wollfäden gesponnenen Märchen, es bedeutet: Arbeit, die man in der Nacht tut.

Es gab heißen Tee, den wir aus Untertassen schlürfen, und ihre Tochter war auch dabei, sie ist

Anwältin und geht an den Wochenenden mit jungen Mädchen in den Wald, um ihnen zu zeigen, wie man Feuer macht und sich auch ohne Männer behaupten kann.

Chamenei wettert gegen alles, was Freude macht – und er scheint von besessen zu sein von  

Haaren, die man nicht sehen darf, aber Golofshan trug ihr Kopftuch stets trotzig am Hinterkopf.

An sie denke ich inzwischen jeden Tag, wenn ich die Nachrichten sehe, und ich weiß, dass sie sich

Nicht kleinkriegen lässt, auch nicht von einem geifernden

Chamenei, der nichts anderes hat als seine Haarobsession.

Es ist jetzt Zeit, die alten Männer mit euren Haaren aus ihren Sesseln zu fegen -du, Golofshan, und all die anderen.

Tania Kibermanis, Text und Fotos _ 9.10.2022

Tania Kibermanis  _Autorin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Tania Kibermanis  _Autorin

Fotos_Iran -Tania Kibermanis; Portrait – privat.

Walter Pobaschnig _ 9.10.2022.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst ist vielleicht etwas, das uns später trotz allem als Menschen kennzeichnen wird“ Kurt Fleisch, Schriftsteller _ Wien 15.10.2022

Lieber Kurt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unregelmäßig. Im Idealfall stehe ich zu Mittag auf, gehe dann meinem Broterwerb nach. Am späten Abend Mahlzeit zur ZIB2, danach gegebenenfalls Sozialleben. In der Ruhe der Nacht Chaos im Kopf: Medienkonsum (Text, Bild); verliere mich… oftmals Schreibversuche, die derzeit eine Suche darstellen. Vor der Morgenröte ein Bier, abschließend die Qual des Einschlafens.

Kurt Fleisch, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, das ist sehr unterschiedlich. Verständnis, selbst für das Unverständliche, Solidarität und Empathie für andere sindTugenden, die für uns alle wichtig wären. Es herrscht eine seltsame Stimmung… die Aufforderung zu jeder Krise, zu jeder Thematik Stellung zu beziehen. Like, Dislike. Menschen sind aber keine Schaltkreise, die nur zwischen 0 und 1 differenzieren. Persönlich ist es mir wichtig, unentschieden bleiben zu dürfen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Stehen wir nicht immer schon stets vor einem Aufbruch? Ich denke, die moralisierende Empörung (in vielen Bereichen) findet doch wieder nur auf dem Boden jener pervers-abgehobenen spätkapitalistischen, postkolonialen Welt statt, die eben diese Welt ausgebeutet, sich einverleibt hat. Ich fürchte, wir stehen nicht vor einem Aufbruch, wir stehen vielmehr vor einem Abgrund. Und die Kunst ist vielleicht etwas, das uns später trotz allem als Menschen kennzeichnen werden wird.

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein sehr langsamer Leser — letzten Monat habe ich begonnen mit: Macht der Wiederholung von Marc Rölli sowie Nietzsche. Ein Lesebuch von Gilles Deleuze.

Um nicht nur Philosophie zu lesen, stehen vorerst zumindest zwei Titel für den September auf der Liste: Lento Violento von Maria Muhar und Schwerer als das Licht von Tanja Raich.

Für depressive Tage bleibt immer noch Thomas Bernhard.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Um an die vorherige Frage anzuschließen, ein Zitat von Deleuze (in diesem Satz könnte man auch Bernhard anstelle von Nietzsche einsetzen):

„Wer Nietzsche liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und manchmal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Nietzsche nicht läse.“

Vielen Dank für das Interview lieber Kurt, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Kurt Fleisch, Schriftsteller

https://www.bananenfisch.net/

Foto_privat

6.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Gedanken an Frieden“ Alexandra Huß, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Bochum 15.10.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gedanken an Frieden

Im

Vers

Enthüllt


P steht für Palmen am Meer und

E für das Eis in der Hand

A erzählt vom Aufgang der Sonne und

Chancen, die

Ein jeder träumen mag, wie

Abendgedichte zum Frühstück

C ein Chalet in den Bergen

H ist ein Hafen in dir

A wird geändert in á la carte

Nach Belieben nachgießen, nach dem Krieg, für den Frieden, nach Herzenslust

Champagner

Ein für alle Mal


 
Alexandra Huß, 7.10.2022

Alexandra Huß, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Alexandra Huß, Schriftstellerin

Alexandra Huß | Autorenwelt

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 7.10.2022.

https://literaturoutdoors.com