„die Musikalität ihrer Sprache und die Radikalität der Innerlichkeit“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Jörn Birkholz, Schriftsteller _ Wiesbaden/D 27.3.2026

Ingeborg Bachmann _ Jörn Birkholz

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Jörn Birkholz, Schriftsteller, Musiker, Historiker

Lieber Jörn, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist eigentlich ein ganz einfacher: Ich war von ihrer sprachlichen Präzision fasziniert. Sie zwingt einen beim Lesen, genauer hinzuhören – auf die Zwischentöne, auf das, was nicht gesagt wird, auf das Ausgesparte. Das überzeugt mich bis heute mehr als jede große Geste.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre Sprache ist reif, sehr verdichtet und radikal ehrlich – immer noch.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Zuerst kam ich mit ihren Erzählungen in Berührung, die ich damals für sehr gut befunden hatte. Kürzlich und mit einem Abstand von etwa fünfzehn Jahren habe ich mir nochmals einige ihrer Novellen („Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“, „Alles“, „Drei Wege zum See“ usw. ) vorgenommen und ich stellte fest: keine dieser Geschichten hat mich enttäuscht, bzw. sie haben tatsächlich nichts an ihrer Klarheit und Wucht verloren.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Was ich an Bachmann immer überzeugend fand: Sie zeigt nicht nur die offensichtliche Unterdrückung, sondern diese leisen, inneren Mechanismen – wie Sprache, Rollenbilder oder Beziehungsdynamiken einen klein machen können. Und ehrlich gesagt: Ganz verschwunden ist das ja nicht. Natürlich hat sich seit den Sechzigern viel verändert. Aber ihre Texte wirken heute weniger wie Anklage, sondern eher wie eine frühe, ziemlich klarsichtige Analyse – und vielleicht als Erinnerung daran, wachsam zu bleiben.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Bei Bachmann ist Liebe nie nur romantisch, sondern immer auch riskant. Sie kann beglücken, aber eben auch zerstören (Malina).

Nach oder mit Bachmann zu lieben heißt: nicht blind an die große Erlösung zu glauben, sondern aufmerksam zu bleiben, sich nicht selbst zu verlieren – misstrauisch sein.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Persönlich gefragt: nein. Vielleicht liegt das daran, dass ich langsam in ein Alter komme, in dem ich mich – und das Schreiben – nicht mehr überhöhen möchte (falls ich das je ernsthaft getan habe, ich hoffe nicht).

Vieles kann schnell künstlich, aufgesetzt oder aufgeblasen wirken, wenn man nicht aufpasst. Ich hadere auch nach knapp zwanzig Jahren noch mit der Bezeichnung „Schriftsteller“ und nenne mich, wenn es denn sein muss, lieber Autor. Und manchmal frage ich mich durchaus, wer das alles eigentlich noch lesen soll. Das aufrichtige Interesse scheint kleiner zu werden. Vielleicht wird es irgendwann, nur noch eine kleine Elite sein, die sich den ohnehin nicht allzu großen Kuchen teilt. Das wäre womöglich auch nicht das Schlechteste.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Neben ihrer existenziellen und gesellschaftskritischen Schärfe sagt mir zweierlei zu: Zum einen die Musikalität ihrer Sprache – selbst in der Prosa hört man den Rhythmus. Zum anderen die Radikalität der Innerlichkeit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wie war Ihr Spaziergang mit Gombrowicz 1964 durchs „fast menschenleere“ Berlin? Über was haben Sie sich ausgetauscht?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Unsere neue Platte (DAS LECK – „Die Wirtschaftsweisen“) erscheint im Mai. Immer eine entspannte Ablenkung von der Schreiberei – wobei die Songtexte im Grunde ja auch zur Schreiberei zählen. Manche bekommen für sowas ja sogar Nobelpreise 😉

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Kann mich schwer entscheiden, daher mal zwei, wenn es mir gestattet ist:

„Ich glaube an das Ungesagte zwischen zwei Menschen.“

„Wir schlafen nicht mehr ruhig. Es ist immer Krieg.“

Jetzt waren es sogar drei, und das letzte wird wohl immer aktuell bleiben.

Herzlichen Dank für das Interview!

Jörn Birkholz, Schriftsteller, Musiker, Historiker

Lesungstermine: Lesung mit Jörn Birkholz: „Der Ausbruch“ – Literaturmuseum Theodor Storm   Der Autor steht für Terminvereinbarungen gerne zur Verfügung.

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Foto: Jörn Birkholz _ privat.

Walter Pobaschnig 7.3.2026

https://literaturoutdoors.com

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