Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Hallo & vielen lieben Dank für die Interview Einladung.
Zur Zeit arbeite ich bei der ORF Krimi Serie „Soko Linz“ als Assistent der Set Aufnahmeleitung.
Nach Drehschluss verbringe ich noch einige Zeit damit, E-Mails bezüglich dem von mir gegründeten Festival (https://www.viennainternationalfilmawards.com) zu beantworten und überarbeite mein Drehbuch (Spielfilm).
Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aktiv bleiben, Zusammenhalt, Zukunftsvisionen und gesund bleiben.
The Passenger_2020_Alexander Bruckner_director, producer
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Nach der schwierigen Zeit mit der Pandemie ist es für uns alle wichtig, klare Ziele zu definieren, festzulegen wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Das wichtige Thema des Naturschutzes sollte wieder vermehrt in den Vordergrund rücken. Wir als Künstler sollten dazu beitragen, die Gesellschaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten, als auch diverse Lösungsoptionen anzubieten. Kunst hat immer dafür gesorgt, dass Menschen träumen, wir brauchen zur Zeit definitiv Träume, und auch die Energie diese Träume in Wirklichkeit umzusetzen.
Was liest Du derzeit?
Ein Drehbuch zu einem FernsehFilm, an dem ich demnächst in der Funktion der ersten Aufnahmeleitung arbeiten werde.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Live Free. Live Film.
Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent
Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent _ Los Angeles_Wien
Alle Fotos_Alexander Bruckner
2.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
So unstrukturiert wie schon lange nicht mehr! (lacht) Eine Angewohnheit, die sich im Sommer- meiner Lieblingsjahreszeit – aber einfach nicht verhindern lässt. Das Einzige, das ich immer brauche, ist ein ruhiger Morgen mit ausgeprägtem Frühstück. Danach bekommen meine vielen Pflanzen und Kräuter am Balkon und in der Wohnung einen Check.
Ich versuche während der Woche so viel Bürokratisches wie nur möglich abzuarbeiten, um die Wochenenden für Kurzurlaube in Österreich mit Freunden und Familie freizuhaben. Generell werden bei mir vormittags Homeoffice-Tätigkeiten wie zB Mails, Bewerbungen, Zoomcalls, Recherchen etc. sowie der Haushalt erledigt. An heißen Tagen wie heute schnappe ich mir dann ab Nachmittag mein Rad und fahre auf die Donauinsel um mich abzukühlen – nachdem ich mich bei den Public Moves vom Impulstanzfestival ausgepowert habe. Zusätzlich schaue ich darauf, dass ich mich mit regelmäßigem Laufen und Home-Workouts fit halte.
Wenn spontan Engagements oder Castings reinkommen, sieht mein Alltag natürlich wieder vollkommen anders aus und er wird voll und ganz danach angepasst. Aber auch das liebe ich, denn so bleiben meine Tage immer frisch und lebendig.
Anna Zöch, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zusammenhalt – in welcher Form auch immer! Zusammenhalten und gemeinsam durchgehen. Keine Angst oder Scheu haben um nach Hilfe zu fragen, auch mal jemanden an der Hand nehmen und eine andere Perspektive zeigen. Ich glaube immer daran, dass man in der Gruppe viel mehr schaffen kann als alleine!
Und natürlich rausgehen und erleben! Ich spüre enorm, wie glücklich viele Menschen in meinem Umfeld an der wieder erlebbaren Freiheit sind und regelrecht aufblühen. Das ist sehr schön zu sehen und gibt mir selbst viel Energie!
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, es ist gerade jetzt wahnsinnig wichtig einen guten Ausgleich zwischen Reflexion und Ablenkung in allen künstlerischen Medien zu schaffen. Einerseits müssen wir die Erfahrungen der Pandemie kritisch anfassen und aufarbeiten. Da darf nicht weggesehen werden, nur weil die Menschen die Corona-Themen satt haben. Wie haben wir uns als Menschen weiterentwickelt, was hat die Isolation mit uns, unseren Beziehungen und unseren Bedürfnissen gemacht? All das gibt genug Stoff für einen guten Film oder ein neues Theaterstück.
Auf der anderen Seite soll die Kunst die Menschen auch wieder aus dem Alltag abholen, sie ablenken, ihnen Unterhaltung und einfach große Freude schenken. Das würde ich mir für die nächsten Spielpläne wirklich sehr wünschen.
Dennoch gibt es noch sehr viele andere Themen, mit denen die Welt (aktiv) zu kämpfen und die Covid bisher in den Schatten gestellt hat. Vielleicht sollten wir endlich anfangen die Klimakatastrophe, vor allem politisch aber auch künstlerisch, zu thematisieren und in den Vordergrund zu stellen!
Persönliche merke ich, dass ich noch viel weniger Ressourcen zum Leben brauche als schon vor der Pandemie. Ich habe noch nie so extrem gespürt was mir wirklich wichtig ist im Leben, woher ich meine Energie schöpfe, was ich brauche und wonach ich strebe. Ich habe mich in dieser Zeit viel besser kennengelernt.
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Nachttisch stapeln sich derzeit die Bücher „The Moment of Lift“ – Melinda Gates, „Hamster im hinteren Stromgebiet“ – Joachim Meyerhoff und „Adult Children of Alcoholics“ – Janet G. Woititz, die hoffentlich alle so bald als möglich verschlungen werden. Ich bin leider keine durchgehende Leseratte. Ich brauche dafür meine Zeit und Ruhe, um in die Bücher auch wirklich eintauchen und sie genießen zu können.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat, welches mich persönlich immer motiviert:
„If people aren‘t laughing at your dreams, then they aren‘t big enough!“
Anna Zöch, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Tanja Raich, Schriftstellerin – am Romanschauplatz Malina _Wien
Wien ist meine Wahlstadt. Ich habe mich spätestens in diese Stadt verliebt als ich den Lesesaal der Haupt-Universität gesehen habe (lacht). Für mich war klar, dass ich hier leben möchte und nirgendwo anders.
Orte sind gerade beim Schreiben sehr wichtig für mich. Ich kann eigentlich nur in der Natur schreiben. Ein Ort macht etwas auf oder er schließt etwas.
Je nachdem, wo ich schreibe, schreibe ich dann andere Texte. In meinem aktuellen Roman (Anm: „Jesolo“ Tanja Raich, Roman, 2019) spielt der Ort eine wesentliche Rolle. Ein Satz und eine Atmosphäre sind für mich der Beginn einer Geschichte, dann kommt der Ort dazu. Oder dieser ist schon gleichzeitig da. Was zuerst da ist, ist oft schwer zu sagen.
In meinem Roman „Jesolo“ war im ersten Satz „Wir liegen am Strand in Jesolo“ schon das „Wir“ da, die Passivität der beiden und der Ort, der auch metaphorisch für die Beziehung und das Leben, das sie führen, steht. Da war der Ort sehr zentral. Auch bei meinem nächsten Roman wird es so sein. Da wird eine Insel eine große Rolle spielen.
Beim Roman „Jesolo“ habe ich aus der persönlichen Erinnerung der Kindheit geschöpft. Aber natürlich auch von ähnlichen Orten. Ich hatte einen Schreibaufenthalt in Rom, es war so heiß, dass ich am Lido di Ostia geschrieben habe. Dort habe ich den Anfang des Romans geschrieben, die Strandszenen in vielen Details aufgenommen.
Beim aktuellem Romanprojekt habe ich einen Ort gesucht, der zum Roman passt und bin dann auf Sri Lanka gestoßen. Da habe ich sehr viel Inspiration vor Ort mitgenommen. Die Idee zum Roman kam aber nicht in Sri Lanka, sondern in Indien, und ich habe erst nachher überlegt, wo ich hinfahren könnte, welcher Ort mir noch etwas eröffnen könnte für den Roman.
In meinem neuen Roman geht es auch viel um Licht und Schatten. Wie es ja jetzt gerade hier im Innenhof zu sehen, spüren ist (lacht). (Anm: es wechseln Regen und Sonne und dessen Lichtspiel während des Interviews im Hof des Romanschauplatzes).
Beim Schreiben rufe ich Orte, Bilder aus der Erinnerung auf, das kann ein Blatt sein, das ich in Sri Lanka gesehen habe, oder das Rauschen der Blätter, das ich in einem Wiener Park beobachtet habe, ich arbeite das dann ein, aber es wird zu einem fiktiven literarischen Ort, in dem sich mehrere Ebenen, mehrere Zeiten, Orte, Realitäten miteinander verbinden.
Ich liebe es neue Orte zu entdecken. Für den Roman „Jesolo“ hatte ich das Glück öfters in Italien sein zu dürfen, insgesamt drei Monate habe ich in Paliano und Rom gelebt und geschrieben. Gerade Paliano ist ein Ort, ein Leben, das ich so nicht gekannt habe. Ich hatte ein ganzes Haus für mich, mit einem weiten Blick auf die Felder des Römer Hinterlands. In Rom bin ich nachts zum Forum Romanum spaziert und ich habe es sehr genossen, frei und ungebunden zu sein. Ich hatte viel Raum, um über mein Schreiben, meine Figuren nachzudenken, das war sicher die wichtigste Zeit, die mein Schreiben maßgeblich geprägt hat.
Wir sind auch 50 Jahre nach Malina in vielen Dingen gesellschaftlich stehengeblieben. Es gibt zwar gleichberechtigte Paare, aber das ist nicht die Norm. Es gibt noch diese traditionellen Rollenbilder und man wird schnell in diese hineingedrängt. Das hat einerseits mit Erwartungen der Gesellschaft, mit eigenen Erwartungen bzw. Erziehung, aber auch mit Strukturen zu tun. Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir uns vollständig davon entfernt haben. Auch in der Literatur.
Ingeborg Bachmann war damals eine der wenigen Frauen, die geschrieben haben. Das hat sich heute verändert. Es gibt sehr viele Frauen, die publizieren und auch besprochen werden. Aber ich glaube, dass sie es nach vor schwerer haben, sich zu etablieren und wahrgenommen zu werden. Es sind dann doch die „großen“, „intellektuellen“ Autoren, die besprochen werden und größere Aufmerksamkeit bekommen, mehr Besprechungen, mehr Platz im Feuilleton, die auch gerne als Genies gehandelt werden. Frauen werden hingegen oft als „junge Wunder“ (wenigstens nicht mehr Fräuleinwunder) tituliert, verschwinden aber schnell wieder von der Bildfläche nach ein, zwei Büchern. Dies ist mein Eindruck.
Bei Autorinnen heißt es dann auch oft, dass sie sich mit „kleinen Themen“ auseinandersetzen, Alltäglichem, Beziehungen, Mutterschaft, während sich die Autoren mit den „großen Themen“ unserer Zeit auseinandersetzen. Alles, was mit dem Privaten zu tun hat, wird als „klein“ und „unwichtig“ gehandelt, das spiegelt sich dann auch in den Besprechungen wider.
In „Jesolo“ geht es um Rollenzuschreibungen und um Lebensentscheidungen, Lebensentwürfe. Es geht auch darum, wie wir mit Zuschreibungen von außen umgehen. Etwa in Bezug auf die Kinderfrage, mit denen doch hauptsächlich Frauen konfrontiert sind. Eine Frau wird erst dann als „vollständig“ gesehen, sobald sie ein Kind hat. Die Gesellschaft muss sich endlich davon lösen.
In „Malina“ ist die Protagonistin genauso mit Fragen der Freiheit und Lebensentscheidungen konfrontiert. Malina und Ivan sind besitzergreifend, drängen auch sie in ihre Rolle als Frau, haben Erwartungen, wie sie zu sein hat, wie sie sich zu verhalten hat. Da gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu „Jesolo“. Georg drängt meine Protagonistin in ein Leben, das sie so nie führen wollte. In Träumen sucht sie nach Auswegen, denkt immer wieder daran auszubrechen, aber sie schafft es nicht. Bei Bachmann endet der Roman schließlich mit dem Verschwinden in der Mauer und auch in Jesolo ist es ein „Untergehen“. Es ist ein ähnliches Ende. Eine Resignation.
Das Schöne 50 Jahre nach Malina ist, dass es eigentlich im Männerselbstbild alles gibt: im Positiven wie im Negativen. Es gibt Männer, die Feministen sind, ihr eigenes Rollenbild hinterfragen, und Männer, die noch in klassischen Rollenbildern feststecken, mit Kindererziehung wenig am Hut haben wollen und es selbstverständlich finden, dass die Frau sich um Kind und Haushalt kümmert. Jede Frau muss da sehen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten kann, das sie gerne möchte. Darum geht es, die Möglichkeit zu haben, zu entscheiden als Frau.
Ich denke, man kann als Frau sehr viel erreichen und leben, da hat sich in 50 Jahren sehr viel verändert. Allerdings ist der Moment der Schwangerschaft mit Sicherheit ein Dreh- und Angelpunkt in der Partnerschaft. Oft bleiben dann die wirklich wichtigen Dinge, die Organisation des Lebens, doch bei der Frau hängen, weil der Mann doch nicht in Karenz gehen kann/will, weil er doch mehr verdient, etc. Es ist leider oft ein Scheitern ursprünglicher partnerschaftlicher Vereinbarungen. Die Frauen sind dann zwei-, dreifachbelastend, das war jetzt in der Pandemie ja besonders markant. Homeoffice, Homeschooling und Haushalt. Es fehlen da auch die Strukturen, die von der Politik geschaffen werden müssten. Da ist noch ein weiter Weg zu gehen.
Ich denke, es kommt in diesen Herausforderungen des partnerschaftlichen Lebens dann zu jenen Kriegen, kleinen Kriegen, von denen Bachmann spricht. Hier stellt sich durchaus die Frage: „Wer verzichtet auf seine Karriere“? Frauen gehen oft in Teilzeit, stecken zurück, geben klein bei. Männer verzichten selten auf ihre Karriere. Manchmal kommt es dann zu einem größeren Krieg und im schlimmsten Fall zur Trennung, die dann in manchen Fällen die Gleichberechtigung möglich macht, die vorher nicht möglich war.
Heute sind Frauen selbstbewusster und vieles ist selbstverständlicher im alltäglichen Leben geworden. „Was, du malst zu Hause deine Wände aus? Macht das nicht der Mann?“, fragt etwa meine Großmutter. Oder „Du bügelst nicht die Hemden von deinem Partner?“ Das sind dann Irritationen bei meiner Großmutter, weil ich das nicht bzw. selbst mache (lacht). Meine Urgroßmutter hat noch zu Hause in einer geblümten Schürze Gulasch gekocht und Apfelstrudel gebacken den ganzen Tag. Das mache ich jetzt nicht mehr (lacht). Einiges hat sich schon zum Positiven verändert. Lebensrealitäten in Partnerschaften gibt es natürlich wie Sand am Meer. Da ist Ebbe und Flut und viel dazwischen.
Ich denke, es wird heute mehr diskutiert in Partnerschaften, versucht zu verändern. Im schlimmsten Fall wird die Flinte ins Korn geworfen. Heutzutage ist es üblicher auszubrechen und in die nächste Beziehung zu wechseln. In meiner Großeltern-Generation war man verheiratet und das war`s. Da hat man sich nicht scheiden lassen. Das waren nur wenige Außenseiterinnen, die das gemacht haben.
Bei Ingeborg Bachmann spiegelt sich die Persönlichkeit der Figur in Ivan und Malina, zwei verschiedene Lebensmodelle, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Das ist auch in meinem Roman so. Man kann in Freiheitsgedanken schwelgen und das biederste Leben führen. Aber vermutlich zerbricht man irgendwann an diesen Widersprüchen.
Frauen sind gesellschaftlich von klein auf viel stärker mit Regeln konfrontiert. „Lach` nicht so laut, red` nicht so viel, zieh` dich ordentlich an …“ Jede Frau kann da wohl hundert Dinge aufzählen, die sie als Kind gehört hat. Als Frau versucht man immer zu gefallen, weil es antrainiert wurde. Eine betrunkene Frau etwa gilt als besonders hässlich, schlimm. Bei Männern wird das akzeptiert. Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen und das Gesicht verlieren. Frauen, die nicht dem klassischen Bild entsprechen, werden dann oft abgestraft von öffentlichen Hasskommentatoren und medial durch den Kakao gezogen. Wenn irgendetwas anders ist, wenn eine Frau nicht ihre Rolle erfüllt, dann wird da viel kritisiert.
Je mehr wir uns auf Augenhöhe begegnen, umso fruchtbarer ist dies für eine Beziehung und umso mehr können beide voneinander lernen. Meine Vätergeneration sagt ja, ich habe alles verpasst und von meinem Kind nichts gesehen und sie holen es jetzt als Großväter nach. Gleichberechtigung ist eine große Chance für alle.
Tanja Raich, Schriftstellerin – am Romanschauplatz Malina _Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da muss ich zunächst unterscheiden zwischen Stefan Hölscher, dem Autor und Künstler und Stefan Hölscher, dem Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator. Letzterer verdient das Geld. Er zahlt die Zeche, was aber nicht heißt, dass er allein auch die Musik bestimmt.
Gemeinsam ist beiden, dass sie auch in Pandemie und Lockdowns früh aufstehen (gegen 06.00 Uhr), irgendwann am Tag gut eine Stunde Sport (meistens Fitness) machen und auf regelmäßige Mahlzeiten wertlegen. Der Coach SH ist meistens stark mit Businessterminen durchgetaktet, ob nun in Präsenz, wie vor der Pandemie oder online, wie es jetzt deutlich mehr geworden ist. Der Autor und Künstler SH versucht am Tag mindestens zwei, aber auch nicht mehr als vier Stunden maximal zu schreiben und ein paar Stunden zu lesen. Während der Pandemie, als ich so viel zu Hause war wie die letzten 25 Jahre nicht (der Coach SH ist normalerweise ein Vielreisender), hat der Autor und Künstler mehr Zeit eingenommen als der Coach. Das war eine neue Erfahrung für mich. Neu war auch: ganz viel Haushaltsarbeit (ich bin bei uns, zumal ich nicht kochen kann und mag, für die niederen Arbeiten zuständig). Sehr positiv fand ich, dass wir als Familie mal wieder alle vier, meine Frau, unsere zwei Söhne (21 und 19) und ich für längere Zeit tagtäglich zusammen waren. Nicht zu vergessen Eddy, unser Dackel-Zwergpinscher-Mischling, der in der Pandemie extrem viel Zuwendung bekommen hat. Schön war auch, dass ich meinen Long-Time-Sexpartner (das Wort passt besser als „Lover“), der in der Nähe wohnt, öfter als sonst treffen konnte (wenn auch sicher nicht täglich).
Stefan Hölscher, Schriftsteller, Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die großen Themen zu sehen: Rettung der Natur, Rettung des Planeten, Rettung von individueller Freiheit und Menschenwürde, die weniger hierzulande, aber in vielen Staaten immer schamloser bedroht und ausgehöhlt werden… Für solche Dinge konsequent aktiv zu werden und gleichzeitig Spontanität, Lust und Lebensfreude zu bewahren und vielleicht sogar zu steigern! Das scheint mir die Aufgabe von allen zu sein, denen daran gelegen ist, dass das Leben für uns und die, die uns nachfolgen, lebenswert bleibt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst ist systemrelevant, auch wenn unsere Politiker*innen während der Pandemie mit allergrößter Deutlichkeit klargemacht haben, dass sie das nicht verstehen, dass sie in einer Weise reduktionistisch denken, die im Zweifel sogar ein hochkomplexes Thema wie Gesundheit in absurder Weise auf eine einzige Zahl reduzieren möchte. Eine direkte Manifestation dieser geistigen Verarmung, die Kunst nur als Sonntagsschönwetterthema sieht, zeigt sich im Kernfeld der Politik selbst, nämlich in dem eklatanten Mangel langfristiger Visionen und dazu passender konsequenter Strategien und Umsetzungen. Politik ist ganz überwiegend ein in der Kurzfristigkeit verfangenes Durchwursteln geworden. Im günstigen Fall hilft uns das über den Tag. Im ungünstigeren, der aber alles andere als unwahrscheinlich ist, nehmen dabei langfristig Demokratie, Freiheit, Gestaltungsspielraum und die Natur als nicht ersetzbare Grundlage unseres Lebens massiven Schaden.
Freiheit, Menschenwürde, Kunst, Verantwortung, Innovationsgeist und Toleranz gehören aufs Engste zusammen. Sie sind der wirtschaftlichen Prosperität nicht nachgeordnet, sondern bilden zusammen mit ihr den Ermöglichungsgrund von Humanität und auch von ökologischem Handeln. Kunst und Literatur sollten sich m.E. wieder viel stärker ins Gesellschaftliche und Politische einmischen. Nicht als elitäre Veranstaltung, sondern mittendrin. Kunst geht alle an. Das heißt auch: sie muss alle angehen (fast hätte ich gesagt: anspringen). Und da sie seit Beginn der Pandemie so stark weggedrängt wurde, glt: jetzt erst recht!
Was liest Du derzeit?
„Meine Leben“, die gerade auf Deutsch erschienene Autobiographie von Edmund White. Ich werde eine Rezension für queer.de und das Signaturen Magazin dazu schreiben.
Außerdem – ich lese immer auch Lyrik – „Hundert Freuden“, Gedichte von Wislawa Szymborska. Und ich überlege aktuell, ob ich mal Michel Foucault lesen sollte. Es gibt da abgesehen davon, dass ich außer Psychologie auch Philosophie studiert und darin auch promoviert habe, viele thematische Affinitäten. Trotzdem habe ich um ihn bisher immer einen Bogen gemacht. Vielleicht hole ich ihn jetzt aber mal aus dem Regal.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Leben ohne Kunst ist wie Kaffee ohne Wasser.
Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Berufsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Stefan Hölscher, Schriftsteller
Foto_privat. Dieses Bild wird auf der Coverrückseite des in einigen Wochen erscheinenden neuen Lyrikbands von Stefan Hölscher zu sehen sein: „Ich sehe wirklich keinen Matrosen. Queerfeine Gedichte und weise Sprüche“ Geest-Verlag
1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Mieze Medusa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Winter war hart. Die wenigen Auftritte, die möglich waren, nur virtuell. Gleichzeitig ein großes Glück: „Du bist dran“ mein dritter Roman ist im Residenz Verlag erschienen und wurde rezensiert. Mehr als das, auch die anderen Menschen haben ihr Leben ins Internet verlegt und mich getagged, Mails geschrieben und erzählt, wie ihnen das Buch gefällt. Ich habe mich gelesen gefühlt, dafür sage ich danke. Das war ein großes Glück.
Aktuell ist mein Tagesablauf normalisierter: Ich habe Lesungen, ich moderiere, ich treffe Freund*innen. Das Besuchen von den Lesungen und Veranstaltungen anderer hat mir genauso sehr gefehlt, wie die eigenen. Dazu kommt, die Gastgärten machen mir die Entscheidung leicht: Selbst kochen oder essen gehen?
Was gleich geblieben ist, Markus Köhle und ich sind mehr als in den Jahren davor in der gleichen Stadt und in der gleichen Wohnung. Das ist sehr schön.
Rücksicht nehmen, auf sich selbst UND auf andere achten. Aufpassen: Wer zahlt? Wem will der Bundeskanzler was kürzen? Wem nicht?
Dazu kommt: Wir leben digitaler als vor 2 Jahren. Datenschutz, Privatsphäre, Demokratie, das alles gilt es zu bewahren.
Ach ja, und das mit dem Weltretten ist ausgesprochen dringend geworden. Keine Ausreden mehr. Vor allem keine mehr von der Politik.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die gleiche Rolle wie immer, aber es wird nicht die gleiche Literatur oder Kunst sein. Das Digitale wird uns bleiben. Das ist dort, wo es gut ist, gut und dort, wo es bedauerlich, bedauerlich. Form und Inhalte werden sich ändern. Manchen Künstler*innen wird das Freude machen, anderen gar keine.
(Das wäre aber ohnehin passiert, ein bisschen langsamer vielleicht.)
Was liest Du derzeit?
Ingeborg Bachmann – „Malina“ (wiedermal). Zadie Smith (wiedermal und für einen sehr schönen Abend im Oktober in der Alten Schmiede in Wien). „Queenie“ von Candice Carty-Williams. „Zurück in die Herkunft“ von Markus Köhle, weil das Buch so ausgesprochen schön geworden ist (yeah, Sonderzahl Verlag), weil Markus da so ehrlich über Lesen und Leben erzählt und weil ich als Autorin jedes Mal wieder darüber staune: Wie viel mehr ein Buch ist als das Manuskript. Dabei war das Manuskript schon toll!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Sicherheit ist ein Prozess, kein Zustand.“
Das habe ich Eduard, einer der Hauptfiguren in meinem dritten Roman „Du bist dran“ in den Mund gelegt und Eduard hat damit nicht nur im Bereich der IT Recht. Das gilt auch für Beziehungen und für gesellschaftliche Prozesse.
Jetzt hab ich mich selbst zitiert. Das ist eigentlich peinlich. Wobei: Kurz gegoogelt, das sagen eh alle und es stimmt ja auch einfach.
Achtung, wenn jemand von Sicherheit als Zustand spricht, dann ist das ein Wolf, der Kreide gefressen hat.
Vielen Dank für das Interview liebe Mieze Medusa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ina Solea_Schauspielerin _ Romanschauplatz „Malina“ Wien
Orte sind Möglichkeiten der Ruhe und Ideensammlung, der persönlichen Energiegewinnung.
Orte haben immer auch viel Erinnerung, ihre je einzigartige Geschichte. Ich erinnere mich etwa gerne an Frankreich, wo ich einen Teil meiner Schulzeit verbracht habe. Ich lebte da an der Cote d`Azur. Das war eine sehr schöne Erfahrung, die Welt sehen und erste Freiheit. Es ist ein starker innerlicher Bezug bis heute.
Ich suche mir immer wieder gerne neue Orte der Inspiration. Dabei geht es mir um Überraschung, um eigene Erfahrungen, das Entdecken von Orten, Wegen. Meist mache ich das ohne Reiseführer.
Ich bin in Wien Hernals aufgewachsen. Maturierte dann in Döbling an einem wirtschaftskundlichen Realgymnasium. Wir zogen dann nach Klosterneuburg. Ein wunderbarer Ort an der Donau.
Mit Wien verbinde ich den reichen Schatz von Kunst und Kultur. Wenn ich durch die Stadt gehe, denke ich auch an die Künstler*innen, die hier gelebt haben. Etwa an Stefan Zweig oder eben Ingeborg Bachmann und ihren Roman Malina, der ja ein Wien Weg ist. Literatur hat ein gutes Gedächtnis. Worte verschwinden nicht.
In der Freiheit der Frau hat sich in den letzten 50 Jahren einiges verändert. Gerade auch als Mutter. Zu arbeiten als Ehefrau und Mutter war ja zur Zeit der Romanentstehung praktisch nicht möglich. Auch die Möglichkeiten persönlicher Interessen, etwa Kultur waren eingeschränkt. Die Rolle war klar vorgegeben, der Mann bestimmte. Der Platz der Frau war Zuhause. Es gibt heute mehr Freiheit, Entscheidungsfreiheit für die Frau aber es ist noch viel gesellschaftlich zu tun.
Väter sind heute in der Kindererziehung präsenter. Das ist eine positive Entwicklung. Allerdings ist die Karriereentscheidung größtenteils beim Mann und die Frau muss da zurückstecken.
Das Selbstbewusstsein, die Selbständigkeit der Frau jagt den Männern oft Angst ein. Es geht darum ehrlich und authentisch zu sein, auf beiden Seiten. Das ist ein gemeinsamer Weg.
Frau und Mann brauchen sich gegenseitig.
Freiheit muss sich auch von einem Schuldgefühl lösen. Da lastet die patriarchale Geschichte schwer auf uns.
Ein Mann muss nicht immer stark sein. Er darf auch Schwäche zeigen. Ehrlich sollte es sein.
Jeder Mann und jede Frau haben eine Kindheit und Rollenbilder, Erfahrungen in sich. Daran kommt man nicht vorbei. Es gilt diesen offen ins Auge zu sehen.
Eine eigene Existenz aufzubauen war mir immer sehr wichtig. Da waren auch viele Anstrengungen, Widerstände dabei. Das Wirtschaftsstudium war nichts für mich. Da brauchte ich bei den Vorlesungen Zahnstocher für die Augen (lacht). Zum Theater, Schauspiel kam ich durch Zufall. Ich bin da reingerutscht.
Theater und Leben stehen einander sehr nahe. Empathie, Reflexion, Ausdruck, Interaktion. Vieles aus dem Alltag, aus Lebenssituationen finde ich auf der Bühne wieder. Das reflexive Arbeiten ist sehr wichtig.
Eine Rolle ist ein Hineinfühlen. Es ist zunächst das Auflegen einer Schablone für die Rolle. Dann beginnt die Arbeit daran. Da ist natürlich immer viel Persönliches dabei. Bekanntes und Unbekanntes.
Zur Zeit des Romans Malina war auch die Liebe ein Teil des vorgegebenen gesellschaftlichen Rollenbildes von Frausein. Liebe war ein von außen definierter Ort. Die Liebe selbst war für die Frau größtenteils unerfüllte Sehnsucht.
In der Liebe, in einer Beziehung müssen Erwartungen kommuniziert werden. Das ist oft schmerzvoll aber ganz wichtig, wenn es Zukunft haben soll.
Das Leben, die Liebe stellen immer Entscheidungsfragen. Wo geht es hin mit Ivan, oder Malina, oder alleine? Die Frau trifft eine solche im Roman.
Menschen haben oft eine scheinbare Unnahbarkeit. Es gibt dann Geschichten über sie, von nebenan. Auch darüber erzählt der Roman, auch mit viel Humor.
Jede Seite im Roman ist Zeugnis von einer Liebe zu Wien.
Ingeborg Bachmann ging mutig ihren Weg als Schriftstellerin und Frau. Sie hat viel eröffnet.Der Roman ist ihr Vermächtnis an Kunst, Leben und die Stadt. Und das Gedächtnis davon.
Ina Solea_Schauspielerin _ Romanschauplatz „Malina“ Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Ina Soléa_Schauspielerin_Wien
Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.
Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.
Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich vor allem dahingehend geändert, dass ich nicht mehr so viel persönlichen Kontakt mit Autor*innen und ganz generell mit Menschen habe. Ich arbeite in einem Verlag, und mittlerweile bin ich auch wieder die meiste Zeit im Büro. Aber: Die Reisen, um sich mit potentiellen Autor*innen usw. zu treffen, gehen erst langsam wieder los. Vieles fand in den letzten eineinhalb Jahren online statt. Auch das klappt. Trotzdem ist es schön, sich zu sehen und kennenzulernen. Ansonsten: schreibe ich abends, das ist auch nach wie vor so. Nur: Mir fehlt der menschliche Kontakt. Schreiben an sich hat zwar immer etwas Einsames, aber ich brauche den Austausch, die Nähe, Erlebnisse, Gespräche, Gerüche, Gefühle von anderen, die sich in meine eigenen mischen. Ich bin keine Autorin, die zwei Monate in einer Holzhütte sitzen könnte. Und ich spüre, gerade jetzt, da sich alles wieder öffnet, wie sehr mir das gefehlt hat.
Katharina Schaller, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, dafür gibt es keine pauschale Antwort. Wir sind verschieden. Eine Gesellschaft ist nie homogen. Was vielen Menschen in privilegierten Situationen abhandengekommen ist, ist die Sicherheit. Der Glaube daran, dass schon alles gut wird. Leute, die nicht so privilegiert sind, kennen dieses Gefühl. Deshalb empfinde ich das Gerede über Solidarität oft als anmaßend. Natürlich braucht es Solidarität. Aber es macht eben einen Unterschied, ob ich in meiner Wohnung mit Garten in Innsbruck sitze – oder ob eine Familie mit wenig Geld auf wenigen Quadratmetern eingesperrt wird. Deshalb macht es auch einen Unterschied, von wem wir diese Solidarität einfordern. Dieses „Wir sitzen alle in einem Boot“ ist dermaßen lächerlich, dass ich oft kaum glauben kann, dass manche Menschen wirklich dieser Ansicht sind. Jedenfalls: werden wir alle erst herausfinden, was für uns wichtig ist. Ich könnte jetzt sagen: ein Systemwechsel. Aber das scheint zu weit weg von der Realität. Trotzdem denke ich: Wir brauchen menschliche Politik. Und mit menschlich meine ich: wirklich nahe am Menschen. Nicht nur nahe an denen, denen es bereits gut geht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Für mich ganz wesentlich ist Empathie. Das Aushalten von Ambivalenzen in Menschen. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Was braucht es, um empathisch sein zu können? Fähigkeiten? Bereitschaft? Wieso ist es für manche so schwierig, andere Positionen, Diskriminierung und Marginalisierung anzuerkennen? Gefühle sind immer valide. Mir ist bewusst, dass das Hineinfühlen in andere Menschen oft nicht nur schwierig, sondern auch anstrengend ist. Aber es ist etwas, was uns ausmacht, in gewisser Weise. Und ja, Empathie braucht es auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene.
Ich glaube nicht, dass es absehbar ist, was diese Krisenzeit wirklich für Folgen nach sich ziehen wird. Das war und ist eine Erschütterung auf allen Ebenen. Individuell bedeutet das auch, dass Menschen unterschiedlich darauf reagieren werden. Das sollten wir akzeptieren. Unsere eigenen Ansprüche nicht immer auf andere projizieren. Ich glaube, das ist wichtig. Und ich würde mir wünschen, dass diese Zeit wirklich einen Umbruch auslöst. Die Krise hat auf vieles ein sehr eindeutiges Licht geworfen. Und es wäre schön, würden wir das nutzen, um grundlegende Veränderungen loszutreten.
Literatur (und Kunst im Allgemeinen) wird dabei dieselbe Rolle zukommen, die sie schon immer innehatte – meiner Meinung nach. Gesellschaftliche Änderungen zeigen sich in kreativen Tätigkeiten, Prozessen, Werken. Deshalb ist es auch so essentiell, dass sich der Kunst- und Literaturbetrieb endlich öffnet (noch weitaus mehr als bisher). Dass wir verschiedene Perspektiven, Blickwinkel, Positionen abbilden. Literatur kann antreiben, aber vor allem kann man in ihr sehen, was in Menschen passiert, welche Veränderungen stattfinden. Literatur und Kunst sind immer auch politisch, egal in welcher Form. Wir müssen nur hinschauen. Deshalb bin ich unglaublich wütend über manche Feuilleton-Diskussionen zu Büchern, die als Identitätskitsch abgetan werden. Wie kann sich ein Kritiker so etwas herausnehmen? Fehlender Weitblick? Fehlende Empathie, vielleicht. Deshalb wieder zum Anfang: Wir brauchen Empathie auf allen Ebenen.
Was liest Du derzeit?
Gerade beendet habe ich „Lust“ von Elfriede Jelinek. Ich habe es geliebt, aber ich glaube, man könnte es noch zehnmal lesen und immer etwas Neues darin entdecken. Außerdem habe ich „Kink“ von den Herausgeber*innen R.O. Kwon und Garth Greenwell angefangen: Kurzgeschichten von mehreren Autor*innen, u.a. Roxane Gay, Kim Fu usw., in denen es um Liebe, Sex, Fetische geht. Das musste ich allerdings kurz zur Seite legen, da ich von Angela Lehner ihren neuen Roman „2001“ zugeschickt bekommen habe. Und ich freue mich sehr darauf, weil Angela Lehner, wie ich finde, eine der besten österreichischen Schriftstellerinnen ist. Und ansonsten stehen sowieso immer einige Manuskripte an.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich habe mich für eine Gedichtzeile von May Ayim entschieden. Es ist eine Zeile aus zeitenwechsel (aus: weitergehen, orlanda verlag), und ich glaube, sie passt wunderbar als Abschluss dieses Interviews:
um mitternacht
bröckelte hagel
aus den wolken herab
zerplatzte meine einsamkeitsstille
das echo klang bis zu dir
Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Erinnerungen sind verlässlichste Wegbegleiter. Es sind Menschen, Orte, Erfahrungen und Erlebnisse, die unser Leben kennzeichnen, bewegen und Spuren hinterlassen. Worte und Bilder lassen uns dann zurückblicken auf Glück wie Herausforderung und Leid.
Der Literaturkalender 2022 der edition momente trägt den Jahrestitel „Momente der Erinnerung“. Der Untertitel „Texte und Bilder aus der Weltliteratur“ umreißt in Bescheidenheit diesen ganz besonderen literarischen Schatz, der sich nun hier Woche für Woche über ein Jahr auftut. Es ist eine außergewöhnliche Fotoauswahl, die Schriftsteller*innen wie Simone de Beauvoir, Sylvia Plath oder Truman Capote im ausdrucksstarken Porträt vieler seltener Aufnahmen wie thematischen Textzitaten vorstellt. Dieses literarische Wochenkalenderblatt ist dabei ein Impuls, der nachdenken, staunen oder lachen lässt und den Wochenbeginn so überraschend wie neugierig gestaltet. Ein Geschenk der Literatur an die Liebe zu Mensch und Welt in allen Jahreszeiten unseres Lebens und wohl eines der schönsten vademecum durch ein Jahr.
Erinnerungen, das bedeutet auch gemeinsames Erinnern. Und dies ist wohl kaum besser möglich als bei einem besonderen gemeinsamen Essen. Auch dazu hat die edition momente eine literarische Kücheninspiration anzubieten, die Schriftsteller*innen wie Ella Ferante oder Theodor Fontane deren kulinarischen Geheimnisse, von süß bis sauer, in Text und Bild entlockt.
Der literarische Küchenkalender 2022 hat das jeweilige literarische Rezept am Wochenkalenderblatt abgedruckt und es steht somit dem inspirierenden literarischen Kochen und Backen nichts im Wege. Natürlich auch alleine ein Text- und Gaumenschmaus
Liebe Uschi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meinen Tag bestimmt meine Stelle an der Uni, also besteht der größere Teil der Woche aus Arbeit. Die findet fast nur digital oder online statt, auch mein Schreib-Seminar, das ich einmal wöchentlich gebe. Ich habe viele Veranstaltungen als Online-Format erlebt, Hochschullehre, Wissenschaftstagungen, Musikfestivals und natürlich Lesungen. Das Publikum vermisse ich da sehr, es fehlt dieses interessierte Zuhören, die Blicke, der Applaus. Ich verbringe noch mehr Zeit am Bildschirm und pendle nicht mehr jeden Tag, bin aber auch insgesamt viel weniger unterwegs. Deshalb habe ich als Ausgleich zu dem Übergewicht an Digitalem nach analogen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht und die Liebe zur Analogfotografie entdeckt, mit 35mm-Film und DDR-Kameras aus den Jahren 1958 bis 1985. Beim Fotografieren mit dem Smartphone werden etliche Metadaten gespeichert, Ort, Zeit, Personen usw. Bei analogen Bildern gibt es das nicht, wodurch die eigene Erinnerung wertvoller wird. Das möchte ich für die Zukunft beibehalten. Ansonsten sehen meine freien Tage recht gleichförmig aus, sie beginnen mit einer Tasse Earl Grey, danach lese ich oder gehe in die Natur und fotografiere. Schreiben kann ich vormittags nicht, jedenfalls keine Literatur. Das kommt erst im Laufe des Tages. Dann lese und schreibe ich viel, manchmal bis tief in die Nacht. Nach der Pandemie werde ich hoffentlich wieder sagen dürfen: die Nacht gehört ganz der Kultur, den Lesungen, Konzerten und dem Theater.
Uschi Schmidt, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität mit denen, die sie brauchen. Solidarität mit denen, die vergessen wurden. Unterstützung für Künstler*innen und für die Kulturszene überhaupt. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, sie zu erhalten. Ohne Kultur hat alles keinen Sinn.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Als Gesellschaft sollten wir unsere Lehren aus dieser Zeit ziehen. Bei der „ersten Welle“ gab es ein paar Wochen leere Straßen, kaum Flugverkehr und dafür saubere Luft über Millionenstädten, die sonst in eine Smogwolke gehüllt waren. Die Natur schien sich etwas zu erholen. Viele möchten jetzt nur schnell wieder zur „Normalität“ zurückkehren. Aber manches von dem, was sich normal nannte, waren ökologisch katastrophale Zustände. Ich wünsche mir in Zukunft weniger Auto, weniger Plastik, weniger Konsum, weniger Fleisch, weniger Schadstoffemissionen. Dafür mehr Bewusstheit bei der Lebensführung, mehr regionale Produkte und auch mehr Beachtung für die Kunst- und Kulturszene. Es war schon immer Aufgabe der Kunst, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und das ist jetzt wichtiger denn je. Kunst muss unbequem, muss Störfaktor sein, damit nicht einfach unwidersprochen zum Status Quo zurückgekehrt werden kann.
Was liest Du derzeit?
Für mich hat jedes Buch seine Zeit und seinen Ort. Zu Beginn der Pandemie war das „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Diese Leseerfahrung, die auf die Realität überzugreifen schien, hat mich tief beeindruckt und begleitet mich bis heute. Eine andere erschütternde Lektüre war „Midnight in Chernobyl“ von Adam Higginbotham, ein Sachbuch erschreckender als alles, was mir in den Genres Horror und Science-Fiction je begegnen könnte. Im Moment lese ich „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky. Überhaupt interessiert mich am meisten, was mich nicht kalt lässt, was mich aufwühlt und verändert. So möchte ich auch schreiben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht ein Zitat von Hans Keilson, das mir erst kürzlich begegnet ist und mit dem ich sehr resoniere: „Die Literatur ist das Gedächtnis der Menschheit. Wer schreibt erinnert sich, und wer liest hat an Erfahrungen teil. Bücher kann man wieder neu auflegen. Von Büchern gibt es schließlich Archivexemplare. Von Menschen nicht.“
Vielen Dank für das Interview liebe Uschi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lisa Schrammel_Schauspielerin_am Romanschauplatz „Malina“ _ Wien
Orte sind in jedem Fall sehr stark mit Emotionen verbunden. Bewusst wie unbewusst. Wenn ich träume und mich dabei in Bildern in einem Haus bewege oder aufhalte, ist es sehr oft das Haus meiner Kindheit. Obwohl es keine bewusste Erinnerung gibt und ich auch nur sehr unregelmäßig jetzt dort zu Gast bin.
Ich habe selten Albträume, es sind meist Verarbeitungen aktueller Geschehnisse. Vielleicht ein Indiz, dass ich keine unaufgearbeiteten Traumata mit mir trage (lacht).
Während dem ersten Lockdown letzten Jahres begann ich erstmals ein Traumtagebuch zu schreiben. Ich hatte am Morgen das Bedürfnis dies aufzuschreiben. Diese Träume waren größtenteils sehr unterhaltsam (lacht).Anfangs war es ein regelmäßiges Notieren, dann trat es wieder in den Hintergrund.
Jeder Ort hat eine bestimmte sinnliche Ansprache. Das betrifft das Sehen, Hören, Riechen. Es ist ganz unmittelbar.
Der Theaterort, Theaterraum selbst ist natürlich ganz speziell. Da ist das Einverständnis zwischen Darsteller*innen und Publikum zentral, das man sich gibt für einen gewissen Zeitraum.
Ich bin in Tirol geboren. Mein Vater ist Tiroler, meine Mutter aus der Steiermark. Vor meinem Besuch der Volksschule zogen wir nach Niederösterreich. Zu Tirol habe ich heute noch einen starken Heimatbezug, ein Heimatgefühl. Ich bezeichne mich auch selbst als Tirolerin obwohl ich selbst ja an anderen Orten länger gelebt habe, etwa in Wien jetzt. Den Tiroler Dialekt spreche ich allerdings im Alltag kaum. Meist nur mit meinem Papa. Aber ich kann es natürlich („I kunt schon a“ – lacht).
Mein künstlerischer Werdegang ist stark mit Wien verbunden. Ich habe früher getanzt und wollte Tänzerin werden, habe mich aber dann für das Schauspiel entschieden. Habe dann auch eine Gesangsausbildung gemacht und Musical studiert. Spielte dann auch einige Produktionen, konnte aber darin meine Zukunft nicht sehen. Über glückliche Zufälle bin ich dann ins Sprechtheater gestolpert (lacht) und sehr glücklich über diese Entscheidung und diesen Weg, der mich gefunden hat.
Vieles findet sich im Leben, auch im künstlerischen Leben, oft selbst. Es braucht oft mehr Gelassenheit, Vertrauen.
Wien ist die tollste Stadt der Welt. Was Lebensqualität wie Kunst betrifft. Es hat auch die perfekte Größe, nicht zu groß und nicht zu klein. Die Wiener sind eigen aber nicht zu eigen. Wien hat die perfekte Mischung von allem was ich mir von einer Stadt wünsche. Auf die nächsten zwanzig Jahre in Wien (lacht).
Ich habe den Roman Malina vor längerer Zeit gelesen. Künstlerisch war das Werk Ingeborg Bachmanns bisher kein künstlerischer Schwerpunkt.
Den Bachmannpreis in Klagenfurt finde ich sehr spannend und das Entdecken, Kennenlernen neuer Literaten*innendabei.
Als Kind habe ich selbst sehr viel geschrieben. Ich wollte da Autorin werden. Das waren etwa Kriminalgeschichten. Mein Papa hat das dann gelesen und auch ausgedruckt. Vor ein paar Jahren bekam ich bei einem Besuch meine Frühwerke auf Diskette (lacht). Ich war damals so zehn, elf Jahre alt.
In den letzten 50 Jahren hat sich vieles für Frauen in der Gesellschaft verändert. Aber es gibt noch sehr viel zu tun. Hoffen wir auf eine weitere positive Entwicklung.
Ich habe den Eindruck, dass jetzt etwa auch in meinem Beruf Machtverhältnisse aufbrechen und eine neue Generation von Männern heranwächst, die anderes an die Dinge herangeht. Das hat auch mit der #MeToo Bewegung zu tun und ich kenne auch Kolleginnen, die da Schauriges zu berichten wissen.
Frauen, Künstlerinnen haben jetzt ein größeres Selbstbewusstsein. Aber der Blick im Theaterbereich auf Intendanzen, Regie, Drehbuch zeigt schon, dass man Frauen mit der Lupe suchen muss. Eine Studie von 2018 in Deutschland über leitende Berufe im Theaterbereich zeigte da, dass das Geschlechter Verhältnis bei ca. 80/20 zugunsten der Männer liegt.
Als eine Schauspielchefin in Deutschland konsequent Frauen als Regisseurinnen in ihrer Eröffnungssaison forcierte gab es einen riesigen Aufschrei, warum keine Männer dabei sind und was für ein extrem feministisches Statement das sei. Das Absurde ist, bei Männern, welche seit Jahren Spielpläne dominieren, wird dies einfach hingenommen. Da gibt es keinen Aufschrei. Dies sagt sehr viel aus und gibt es definitiv noch einiges zu tun.
In unseren Beziehungswirklichkeiten haben sich die Grundstrukturen nicht wesentlich verändert. Es gibt natürlich heute mehr Freiheiten, die man sich nehmen kann. Das Korsett ist da nicht mehr so eng.
Für jedes Individuum ist es eine lebenslange Suche was einem in der Liebe erfüllt. Ich denke man muss da auch immer Abstriche machen. Liebe, Beziehung mit dem Alltäglichen zu vereinen, ist eine zeitlose Herausforderung.
Es ist für uns Menschen schwierig jemanden zu finden, mit dem man alles teilen kann. Das Aufteilen, Zuteilen und leben von Bedürfnissen, etwa von körperlichen ist heutzutage leichter, da sehr schnell online greifbar. Aber das Leben als Ganzes und eine gemeinsame Zukunft anzugehen und zu gestalten, dies scheint schwieriger geworden zu sein.
Liebe auf den ersten Blick? Spontane Begegnungen im Alltag sind heute erschwerter. Der Blick aufs Handy bestimmt den Alltagsweg in einer Stadt, der U-Bahn etwa. Aber ich halte diese Anziehung in erster Begegnung für nicht ausgeschlossen (lacht).
Es ist ein Irrglaube, dass es den perfekten Menschen in der Liebe gibt, der alle Bedürfnisse gleichermaßen erfüllen kann. Das halte ich etwas für naiv gedacht. Aber sag` niemals nie (lacht).
Erinnerung ist wichtig. Als Kind war ich eine extreme Tagträumerin und das vermisse ich manchmal etwas im hektischen Alltag. Wenn es mir heute gelingt, schwelge ich sehr gerne in Erinnerungen. Es ist dabei interessant, welche Erinnerungen gespeichert sind, wiederkehren oder verblassen.
Erinnerungen sind in jeder Form wesentlich, auch sich diesen zu stellen. Wenn Erinnerung Hilfe braucht, gibt es zum Glück professionelle Möglichkeiten.
Die vollständige gesellschaftliche Gleichstellung von Frau und Mann ist eine ganz wichtige Utopie. Wir diskutieren ja im Kontext noch immer Themen, die vor zwanzig Jahren schon diskutiert wurden. Es ist Zeit für nachhaltigere Veränderungen. Das ist ein großer Wunsch.
Der Roman macht darauf aufmerksam, sich die Tatsache einzugestehen, dass man gewisse Bedürfnisse hat, sei es körperlicher oder intellektueller Natur. Und dass man sich zugesteht, diese Bedürfnisse auch erfüllen zu lassen. Dies ist ein sehr wichtiger, inspirierender Punkt.
Ich bin für die Liebe in meinem Leben, Familie, Freunde, sehr dankbar. Erfüllende Liebe kann sehr vielfältig sein.
Lisa Schrammel_Schauspielerin_am Romanschauplatz „Malina“ _ Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt: