„Jeder Ort hat eine bestimmte sinnliche Ansprache“ Lisa Schrammel_Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 29.7.2021

Lisa Schrammel_Schauspielerin _am Romanschauplatz „Malina“ _ Wien

Orte sind in jedem Fall sehr stark mit Emotionen verbunden. Bewusst wie unbewusst. Wenn ich träume und mich dabei in Bildern in einem Haus bewege oder aufhalte, ist es sehr oft das Haus meiner Kindheit. Obwohl es keine bewusste Erinnerung gibt und ich auch nur sehr unregelmäßig jetzt dort zu Gast bin.

Ich habe selten Albträume, es sind meist Verarbeitungen aktueller Geschehnisse. Vielleicht ein Indiz, dass ich keine unaufgearbeiteten Traumata mit mir trage (lacht).

Während dem ersten Lockdown letzten Jahres begann ich erstmals ein Traumtagebuch zu schreiben. Ich hatte am Morgen das Bedürfnis dies aufzuschreiben. Diese Träume waren größtenteils sehr unterhaltsam (lacht). Anfangs war es ein regelmäßiges Notieren, dann trat es wieder in den Hintergrund.

Jeder Ort hat eine bestimmte sinnliche Ansprache. Das betrifft das Sehen, Hören, Riechen. Es ist ganz unmittelbar.

Der Theaterort, Theaterraum selbst ist natürlich ganz speziell. Da ist das Einverständnis zwischen Darsteller*innen und Publikum zentral, das man sich gibt für einen gewissen Zeitraum.

Ich bin in Tirol geboren. Mein Vater ist Tiroler, meine Mutter aus der Steiermark. Vor meinem Besuch der Volksschule zogen wir nach Niederösterreich. Zu Tirol habe ich heute noch einen starken Heimatbezug, ein Heimatgefühl. Ich bezeichne mich auch selbst als Tirolerin obwohl ich selbst ja an anderen Orten länger gelebt habe, etwa in Wien jetzt. Den Tiroler Dialekt spreche ich allerdings im Alltag kaum. Meist nur mit meinem Papa. Aber ich kann es natürlich („I kunt schon a“ – lacht).

Mein künstlerischer Werdegang ist stark mit Wien verbunden. Ich habe früher getanzt und wollte Tänzerin werden, habe mich aber dann für das Schauspiel entschieden. Habe dann auch eine Gesangsausbildung gemacht und Musical studiert. Spielte dann auch einige Produktionen, konnte aber darin meine Zukunft nicht sehen. Über glückliche Zufälle bin ich dann ins Sprechtheater gestolpert (lacht) und sehr glücklich über diese Entscheidung und diesen Weg, der mich gefunden hat.

Vieles findet sich im Leben, auch im künstlerischen Leben, oft selbst. Es braucht oft mehr Gelassenheit, Vertrauen.

Wien ist die tollste Stadt der Welt. Was Lebensqualität wie Kunst betrifft. Es hat auch die perfekte Größe, nicht zu groß und nicht zu klein. Die Wiener sind eigen aber nicht zu eigen. Wien hat die perfekte Mischung von allem was ich mir von einer Stadt wünsche. Auf die nächsten zwanzig Jahre in Wien (lacht).

Ich habe den Roman Malina vor längerer Zeit gelesen. Künstlerisch war das Werk Ingeborg Bachmanns bisher kein künstlerischer Schwerpunkt.

Den Bachmannpreis in Klagenfurt finde ich sehr spannend und das Entdecken, Kennenlernen neuer Literaten*innen dabei.

Als Kind habe ich selbst sehr viel geschrieben. Ich wollte da Autorin werden. Das waren etwa Kriminalgeschichten. Mein Papa hat das dann gelesen und auch ausgedruckt. Vor ein paar Jahren bekam ich bei einem Besuch meine Frühwerke auf Diskette (lacht). Ich war damals so zehn, elf Jahre alt.

In den letzten 50 Jahren hat sich vieles für Frauen in der Gesellschaft verändert. Aber es gibt noch sehr viel zu tun. Hoffen wir auf eine weitere positive Entwicklung.

Ich habe den Eindruck, dass jetzt etwa auch in meinem Beruf Machtverhältnisse aufbrechen und eine neue Generation von Männern heranwächst, die anderes an die Dinge herangeht. Das hat auch mit der #MeToo Bewegung zu tun und ich kenne auch Kolleginnen, die da Schauriges zu berichten wissen.

Frauen, Künstlerinnen haben jetzt ein größeres Selbstbewusstsein. Aber der Blick im Theaterbereich auf Intendanzen, Regie, Drehbuch zeigt schon, dass man Frauen mit der Lupe suchen muss. Eine Studie von 2018 in Deutschland über leitende Berufe im Theaterbereich zeigte da, dass das Geschlechter Verhältnis bei ca. 80/20 zugunsten der Männer liegt.

Als eine Schauspielchefin in Deutschland konsequent Frauen als Regisseurinnen in ihrer Eröffnungssaison forcierte gab es einen riesigen Aufschrei, warum keine Männer dabei sind und was für ein extrem feministisches Statement das sei. Das Absurde ist, bei Männern, welche seit Jahren Spielpläne dominieren, wird dies einfach hingenommen. Da gibt es keinen Aufschrei. Dies sagt sehr viel aus und gibt es definitiv noch einiges zu tun.

In unseren Beziehungswirklichkeiten haben sich die Grundstrukturen nicht wesentlich verändert. Es gibt natürlich heute mehr Freiheiten, die man sich nehmen kann. Das Korsett ist da nicht mehr so eng.

Für jedes Individuum ist es eine lebenslange Suche was einem in der Liebe erfüllt. Ich denke man muss da auch immer Abstriche machen. Liebe, Beziehung mit dem Alltäglichen zu vereinen, ist eine zeitlose Herausforderung.

Es ist für uns Menschen schwierig jemanden zu finden, mit dem man alles teilen kann. Das Aufteilen, Zuteilen und leben von Bedürfnissen, etwa von körperlichen ist heutzutage leichter, da sehr schnell online greifbar. Aber das Leben als Ganzes und eine gemeinsame Zukunft anzugehen und zu gestalten, dies scheint schwieriger geworden zu sein.

Liebe auf den ersten Blick? Spontane Begegnungen im Alltag sind heute erschwerter. Der Blick aufs Handy bestimmt den Alltagsweg in einer Stadt, der U-Bahn etwa. Aber ich halte diese Anziehung in erster Begegnung für nicht ausgeschlossen (lacht).

Es ist ein Irrglaube, dass es den perfekten Menschen in der Liebe gibt, der alle Bedürfnisse gleichermaßen erfüllen kann. Das halte ich etwas für naiv gedacht. Aber sag` niemals nie (lacht).

Erinnerung ist wichtig. Als Kind war ich eine extreme Tagträumerin und das vermisse ich manchmal etwas im hektischen Alltag.  Wenn es mir heute gelingt, schwelge ich sehr gerne in Erinnerungen. Es ist dabei interessant, welche Erinnerungen gespeichert sind, wiederkehren oder verblassen.

Erinnerungen sind in jeder Form wesentlich, auch sich diesen zu stellen. Wenn Erinnerung Hilfe braucht, gibt es zum Glück professionelle Möglichkeiten.

Die vollständige gesellschaftliche Gleichstellung von Frau und Mann ist eine ganz wichtige Utopie. Wir diskutieren ja im Kontext noch immer Themen, die vor zwanzig Jahren schon diskutiert wurden. Es ist Zeit für nachhaltigere Veränderungen. Das ist ein großer Wunsch.

Der Roman macht darauf aufmerksam, sich die Tatsache einzugestehen, dass man gewisse Bedürfnisse hat, sei es körperlicher oder intellektueller Natur. Und dass man sich zugesteht, diese Bedürfnisse auch erfüllen zu lassen. Dies ist ein sehr wichtiger, inspirierender Punkt.

Ich bin für die Liebe in meinem Leben, Familie, Freunde, sehr dankbar. Erfüllende Liebe kann sehr vielfältig sein.

Lisa Schrammel_Schauspielerin _am Romanschauplatz „Malina“ _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Lisa Schrammel_Schauspielerin_Wien _

Lisa Schrammel (lisa-schrammel.com)

Station bei Ingeborg Bachmann_

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz_Malina_Wien_9_2020.

https://literaturoutdoors.com

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