Liebe Stefanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nachdem ich am Tag vor dem Lockdown noch eine Premiere hatte – inklusive dem dazugehörigen Stress – nutzte ich jetzt die Zeit um aufzuholen was liegen geblieben ist. Als große Freundin der To-Do-Liste fühle ich mich also eh in meinem Element. Vor allem der Hund genießt Lockdowns geradezu – die langen Spaziergänge im Wald tun aber nicht nur ihm gut.
Stefanie Elias, Schauspielerin und Podcasterin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, wir müssen alle aufpassen, dass wir nicht anfangen uns gegeneinander zu wenden. Ich merke selbst, dass ich in alltäglichen Situationen viel gereizter reagiere, als ich es von mir kenne. In Zeiten wo sich Menschen mehr und mehr polarisieren (lassen) – durch Medien, Informationsunterschiede, Social Media, die Politik und nicht zuletzt durch sich selbst – sollten wir alle bewusst darauf achten aufeinander zuzugehen, uns auf Augenhöhe gegenseitig zuzuhören und vorgefertigte Meinungen stets zu hinterfragen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass niemand genau weiß wie die Zukunft aussehen wird. Darin liegt aber meiner Ansicht nach auch eine Chance. Wenn Dinge, die wir für unumstößlich gehalten haben, plötzlich wegbrechen, kann das angsteinflößend sein. Aber die Möglichkeit Festgefahrenes komplett neu zu denken ist doch unglaublich spannend. Ich denke, dass Kunst gerade jetzt viel Neuland erobern kann.
Was liest Du derzeit?
Leben, um davon zu erzählen von Gabriel Garcia Márquez – ein Buch, das schon lange auf meinem Nachtkasterl wartet. Jetzt habe ich endlich die Zeit dazu. Und Untenrum Frei von Margarete Stokowski.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
It’s better to dance than to march through life. Yoko Ono
Stefanie Elias, Schauspielerin und Podcasterin
Vielen Dank für das Interview liebe Stefanie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ich wache meist gen 5:00 auf, egal ob ich das will oder nicht, tapse in die Küche, beende das Geschirrstapelchaos meiner Kinder vom Abend. Nachdem die Spülmaschine arbeitet, schlurfe ich mit dem Türkischen in der Hand ins Wohnzimmer, um eingemummelt auf meinem Lieblingssessel den herannahenden Tag zu treffen. Jeder einzelne davon hat andere Aufgaben, ich bin selbständig, aber diese dunkle Stille am Morgen ist immer gleich sicher.
Heute, Donnerstag, gibt es nur einen Außentermin nachmittags, AG Kreatives Schreiben in einer Gesamtschule Potsdam. Dort werde ich literarische Atmosphären besprechen. Wie und warum erschaffe ich sie? Was bewirken sie?
Es dämmert, ich ziehe mir den Laptop auf die Knie und arbeite weiter am Konzept für das Halbjahresprojekt mit zwei Kooperationspartnern, um mit Mitteln des Kreativen Schreibens, Treffen mit Wissenschaftlern, Kontakt mit Künstlern und Autoren den Kindern und Jugendliche, die nicht so umsorgt werden mit Bildung, Literatur und Kunst eine Arbeitsplattform zu schaffen. Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu entwickeln, zu stärken, damit sie frei ihre Geschichten schreiben können oder erzählen, Bilder malen, Fotos machen. Die Deadline klebt neongrün am Laptop. Muss ich in Etappen denken. Mach ich erstmal Pause.
Die Spülmaschine piepst. Kinder wachen auf, Schule, Brote, Puschelei. Los.
Auf meinem Schreibtisch drängeln sich die Aufgaben. Sie machen mich wuschig, weil ich nicht weiß, was ich jetzt zuerst machen soll.
Die Radiosendung „Auslesen“ am 28.11. – 16:00h bei Max v.d.O. Meine vertonten Texte zum Vorlesen auswählen, meine Gedichte sichten, Musik, die mich vom Hocker reißt und zu mir gehört auswählen. Schwer, Ich hab ja nicht ewig Zeit, geht ja nur ne Stunde, dieses wunderbare Format um Autor:innen mit ihren Werken vorzustellen, quatschen, vorlesen, lachen, Musik zu hören. Mit Max wird das sicher gut gehen, auf UKW 91,0 MHz oder im Livestream www.alex-berlin.de/radio
Die Nachbereitung des Kreativen Schreibworkshops im Rahmen des Kunstphotoprojektes: Bestiarium. Stories von bedrohten Bestien.
Vier Dienstagstermine in folge, vier Klassen schreiben Fabeln, Kurzgeschichten, Gedichte, Comics unter meiner Leitung zu der Ausstellung im Gotischen Haus Berlin Spandau. Am Ende entsteht ein Buch. Vier Bücher liegen vor mir.
last but not least
Mein wort_trifft_ton_&_bild Programm fürs nächste Jahr zusammenstellen.
Mein Format, das Aufeinandertreffen von verschiedenen künstlerischen Ausdrucksweisen zu einem Thema gemeinsam ein Ganzes zu entwickeln, die Perspektiven der anderen wahrzunehmen, Empfindungen auszutauschen, jeder mit seiner Form und dann dem geneigten Publikum das Ergebnis zu präsentieren. Mit Wenzel Benn, einem jungen Jazzkomponisten und Improvisatoren, erschaffen wir experimentelle Klangteppiche aus Geräuschen, Tönen, Lauten, auf denen ich dann meine Texte und Gedichte lese und wir improvisieren. Die dritte Tour muss ich also organisieren, wenn sie stattfinden soll. Soll! Ich liebe es vor Menschen zu lesen, sie zu erreichen. Der Austausch danach ist unbezahlbar.
Mach ich also die Nachbereitung zuerst, da kann ich auch für das Halbjahresprogramm noch Gedanken notieren.
Nach dem Haushalt, den Kindern und so, nach dem schlechten Gewissen, was heute alles NICHT geworden ist, sitze ich und lese in meinen Universen, um in die Innenwelt, die Denkräume zurückzukehren, zu der Stille vom Morgen. Das hab ich mir verordnet. Lesen. Anhalten. Verdichten. Neue Szenen schreiben.
Jana Franke, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mit Herzenswärme und Humor Frohsinn unter die Leute streuen. Seinen Geist nicht schläfrig werden lassen, die A-H-A und Umgangshygiene einhalten. Respektvoll und dankbar im Umgang mit Bundesmitteln, mit Zusammenarbeiten, mit geschenkten Zeiten und Aufmerksamkeiten, mit Freundschaften. Eigentlich wie sonst auch.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst und Literatur bleiben Ausdruck der inneren Auseinandersetzungen, mit dem, was äußere Bedingungen bieten, egal ob sie ins Außen dringen, finden sie doch statt. Der Prozess, ist er einmal in Gang, versiegt nicht.
In der Zurückgezogenheit des Pandemiefrühlings 2020 waren die Wasseradern der Serenissima ungetrübt, sodass wir Schildkröten sahen und Delfine neben den Gondeln sprangen, die auch in brauner Brühe lebten, nur eben unsichtbar für uns. Der Himmel blau und unzerschnitten, die Vögel schrien weniger und unterhielten sich fassettenreicher. Die Luftverschmutzung nahm erstaunlich schnell ab. Natur, die sich selbst in kürzester Zeit regeneriert. Schreibpulsierend, möchte ich meinen.
Der digitale Raum ist zu einer festen Größe geworden, in der sich neue Kunst- und Literaturformate etabliert haben. Parallelwelten entwickeln sich, in der die Frage : Was ist Realität?, neu zu bewerten ist.
Nebenher wachsen autokratische Regierungen, die dem demokratischen Gedanken an die Gurgel gehen.
Der Begriff Narzissmus und wie sich zu verhalten ist, verschafften sich Platz auf der großen Bühne, wie auf den unzähligen Kleinen. Ein Schauspiel der besonderen Art. Weiß Gott nicht neu, aber nah und bedrohlich. So sichtbar, wie des Kaisers neues Kleid.
Da können wir uns nun verhalten mit unserer Kunst, schreiben und uns ausdrücken.
Was liest Du derzeit?
Ich hab Stapel und lese quer.
Momentan lebe ich in diesen Lyrikwelten : VLUST von Anna Hofmann. Ulrich Koch: Dies ist nur der Auszug … . Jan Wagner: Selbstporträt mit Bienenschwarm und von der wunderbaren Romina Nikolic geschenkt bekommen, Michael Stavaric: Zu brechen bleibt die See. Und natürlich, TISCH Tuch Notizen von Johanna Hansen.
Im Leserausch von Deborah Levi´s: Landschaft verschluckt. Übersetzt von Marion Hertle, mit Empfehlung meiner Buchhändlerin Stefanie auf meine Frage: Was gibt’s Neues?
Den poetischen Miniaturenroman, soeben erschienen, „Manchmal oben Licht“ von Monika Littau, den ich letztes Wochenende auf der Heimfahrt von Bonn las, zweimal nachorderte, um ihn in Haushalte zu schicken, denen diese literarische Einlassung Hilfe sein wird.
Das Manuskript von Carmen Winters Gedichtband : Tanz auf Distanz, der Anfang Dezember erscheinen will.
Naja und dann noch Rechercheliteratur für die Kreativen Schreibprojekte des nächsten Jahres, die ich machen darf, u.a. Dank der Unterstützung des Friedrich Bödecker Kreises Brandenburg. Kat Menschik – Mark Beneckes illustrirtes Thierleben Katharina Herrmann – Dichterinnen und Denkerinnen
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen Gedanken zu … was wir heute von Hilma af Klint lernen können: „In Anfängen zu denken und polarem Denken zu misstrauen. Nichts leuchtete Ihr weniger ein, als die Welt in Gegensätze zu ordnen“ … so ihre Biografin, die Kunsthistorikerin Julia Voss über die Pionierin der abstrakten Malerei.
Vielen Dank für das Interview liebe Jana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Herzlichen willkommen, liebe Julia Lorünser, Sängerin, Schauspielerin, hier im Cafè Prückel in Wien!
Diese Interviewreihe mit Künstler*innen ist betitelt mit „Vienna Calling“ und nimmt dabei auf den Wiener Musiker Falco und die 80thies Bezug. Das Regenwetter heute erinnert an den Song „november rain“, der in den 80thies berühmt gewordenen Band Guns n`Roses. Gibt es einen Lieblingssong aus dieser Zeit von Dir?
Ich höre sehr gerne Musik aus den 80thies, daher ist es eine schwierige Frage, die Liste ist lang (lacht). Sehr gerne habe ich AC/DC gehört, da auch die älteren Nummern. „Gimme A Bullet“ würde mir jetzt einfallen, das ist aber glaube noch aus den 70thies. Ich möchte es aber dabei belassen, da AC/DC für mich die 80thies wesentlich mitgeprägt hat.
Was schätzt Du als Musikerin an AC/DC, die ja als Band über Jahrzehnte erfolgreich geblieben sind?
AC/DC haben einen ganz eigenen Stil des Rock `n` Roll entwickelt und waren nicht so angepasst. Die 80thies Band Bon Jovi war im Vergleich dazu etwas im „Schonwaschgang“ des Rock. AC/DC hat dagegen kompromisslos etwas auf den Plattenteller gehau`n (lacht). Ich schätze das und finde es faszinierend, wenn man nicht versucht, glattgekämmt mit dem Strom zu schwimmen, sondern etwas anderes macht, ohne sich dabei zu denken wie kommt das an, werden die Leute das mögen? Sondern dass man einfach neue Wege geht.
Du bist selbst Musikerin – in welche Richtung geht Deine Musik? Was inspiriert Dich?
Tatsächlich in diese Richtung. Es ist Rock, Hard Rock, aber da ich mit Punkrock aufgewachsen bin wie auch meine Bandkollegen sind auch diese Wurzeln zu hören. Es ist eine sehr energiegeladene Musik und so sind auch unsere Live-Auftritte.
Das Publikum empfindet es meist auch als ein outburst an Energie (lacht). Das ist so der allgemeine Tenor.
Wie heißt Deine Band und was inspiriert euch?
Die Band heißt „Igel vs.Shark“. Ursprünglich ist dabei der „Adler“ (Eagle) gemeint. Um Copyright Komplikationen mit einem gleichnamigen Film zu vermeiden, haben wir uns für das deutsche Wort Igel entschieden, das ja im Wortklang gleich ist.
Es steckt natürlich auch Selbstironie im Bandnamen gegenüber den gängigen Klischees von Rock nur mit Lederjacke und Tattoos und einem „Hartsein“ als Selbstdarstellung.
Ich spiele Bass und singe in unserer Band.
Wir sind Menschen, die sich dem Rock verschrieben haben, ohne die coolen Rocker als Programm ständig hinaushängen zu wollen. Wir nehmen uns in dieser Hinsicht nicht so ernst.
Es braucht auch im Rock immer ein Augenzwinkern, wie im Leben (lacht).
Das heißt Du bist Rockmusikerin ohne Lederjacke und Tattoos?
Ich habe eine Lederjacke aber es ist kein Muss (lacht).
Welche Bedeutung hat die Tiersymbolik im Bandnamen für Dich?
Es ist ja ein Gegenüber der Tiere, ein versus. Ein Igel gegen einen Hai. Wir werden oft gefragt, wer gewinnt denn da jetzt? Für mich steht der Igel für den underdog in diesem Duell, der dann doch gewinnt.
Was sind Themen Eurer Musik?
Alles mögliche (lacht). Vom Feiern, dem einfach eine gute Zeit zu haben bis zu Problemen, Themen der Gesellschaft.
Wir würden uns nicht als politische Band bezeichnen aber die Probleme im gesellschaftlichen Zusammenleben beschäftigen uns und finden Ausdruck in der Musik.
Unsere Konsumgesellschaft in ihrem „eat, drink, fuck, die – repeat“, wie es in einer unserer Textzeilen im neuen Album heißt – ich weiß gar nicht ob ich das schon verraten darf (lacht) – da sehen wir schon kritisch auf uns selbst, auf Mensch und Zeit, hin. Das beschäftigt uns auf jeden Fall.
Wir sind aber keine Zeigefinger Band was die Gesellschaft betrifft.
Welche weiteren Pläne gibt es jetzt mit Deiner Band?
Wir planen jetzt einen weiteren Entwicklungsschritt mit einem neuen Label und freuen uns auf diese spannende Zukunft.
Wir haben bis jetzt viel selbst organisiert, geplant und versuchten uns so durchzuschlagen. Jetzt hoffen wir, dass sich neue Möglichkeiten ergeben, wenn man sich da etwas unter die Arme greifen lässt.
Derzeit ist es natürlich pandemiebedingt eine paradoxe Situation. Einerseits gibt es Perspektiven und Wege und anderseits wird man aufgrund der Situation zurückgehalten, weil wir nicht spielen können und auch nicht wissen, wie lange dies so sein wird.
Wenn man neue Songs rausbringt, möchte man diese natürlich auf die Bühne, zum Publikum bringen.
Ist die Musik der 80thies und das damit verbundene Lebensgefühl auch heute inspirierend?
Die 80thies hatten viele musikalische Wege, Aufbrüche zu bieten. Da hat sich sehr viel getan. Auch politisch natürlich, wenn man etwa an den Mauerfall (Anm: Berlin 1989) denkt. Da haben sich ja fast wortwörtlich neue Welten aufgetan.
Ich würde mir wünschen, dass wir etwas von diesem „drive“ der 80thies mit in unsere Zeit nehmen.
Den Mut zu leben und auch den Mut für die Zukunft zu haben, in vielerlei Hinsichten, dass geben uns die 80thies zweifellos mit.
Du bist Musikerin, Schauspielerin und Kulturanthropologin. Wie kam es zu dieser spannenden Kombination und welche Inspirationen bzw. Zusammenschauen ergeben sich daraus?
Ich habe mich immer schon sehr für den Menschen und seine Lebensweisen in unterschiedlichen Kulturen interessiert. Diese Aufmerksamkeit, Wahrnehmung stand dann im Mittelpunkt meines Studiums der Sozial- und Kulturanthropologie.
Mich interessieren Menschen in ihrem Verhalten und Erleben, ich beobachte dies gerne. Das Cafè ist ja ein wunderbarer Ort dafür (lacht).
Dieses Interesse für den Menschen kommt mir natürlich auch im Schauspiel zugute, im Rollenspiel, der Erarbeitung und Darstellung von Charakteren.
Die Musik war vor allen anderen da (lacht). Damit bin ich aufgewachsen. Ich habe meinen Brüdern immer über die Schultern geschaut, wie sie damals in Bands gespielt und Musik gemacht haben, bin auch auf Konzerte mitgenommen worden – und das wollte ich auch- auf die Konzertbühne.
Auf der Bühne zu stehen, ob im Theater oder bei einem Konzert, hat einen Suchtfaktor. Man braucht das immer wieder, weil es einem so viel zurückgibt. Es ist für mich wie eine Droge.
Du bist nicht in Wien geboren und aufgewachsen. Wie war Dein Weg nach Wien?
Ich bin in Bludenz, Vorarlberg geboren und aufgewachsen, zur Schule gegangen.
In der Schule habe ich auch schon Theater gespielt. Mein Deutsch Professor hat mich damals in die Theatergruppe eingeladen, in der er auch inszenierte. Meine Liebe zum Theater hat da seine Wurzeln. Ich habe das Schauspiel meinem Deutsch Professor zu verdanken (lacht).
Nach der Matura wollte ich immer in Wien studieren. Für mich war klar, ich will in diese Stadt und das habe ich auch gemacht.
Wie war das Ankommen für Dich in Wien und wie ist es heute für Dich?
Das Ankommen war schwer. Ich brauchte einige Jahre, um mich in dieser Stadt zurechtzufinden. Dieses pulsierende Leben forderte heraus und faszinierte. Das ist heute noch so. Die Ruhe fehlt mir aber schon in der Stadt.
Ich schätze das kulturelle Angebot Wiens mit Konzerten, Theater, Kabarett und vielen weiteren kulturellen Möglichkeiten, wo du spontan hineinstolpern kannst, sehr. Derzeit ist ja leider dies nicht möglich.
Du spielst Bassgitarre und singst. Wie kam es dazu?
Ich habe in meiner Schulzeit ein musisches BORG (Gymnasium Oberstufe; Anm.) besucht und da Gitarre gelernt.
Als wir unsere erste Band gründeten, war der Bass naheliegend, da die Gitarre schon besetzt war. Ich habe dann zum Bass gewechselt.
Ich singe im Background, sehe mich derzeitnicht als Frontsängerin.
Welche Bezüge gibt es von Dir zum Wiener Musiker Falco, welcher ja wie Du zunächst auch Bass spielte, und dessen Musik?
Ich denke, dass man als Österreicher*in nicht an Falco vorbeikommt. Da hat jeder so seine Berührungspunkte. Für mich war es der Song „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ in den 90thies. Das war ja ein Riesenhit und ich habe es damals lauthals mitgesungen (lacht).
Wir haben für das Fotoshooting “Vienna Calling“ das Tastentelefon der 80thies/90thies hier. Welche Gedanken hast Du dazu?
Ja, schön (lacht), da wird man ganz nostalgisch. Wir hatten auch ein Tastentelefon mit Kordel Zuhause.
Herumspazieren mit dem Telefon wie jetzt beim Shooting (lacht), konnte man natürlich damals nicht. Man war da ja gebunden an den Standort und beim Telefonieren im Mittelpunkt des Familiengeschehens (lacht).
Telefonierst Du gerne und viel?
Damals haben ich mit den Freundinnen aus der Schule telefoniert, aber nicht so lange (lacht), da es ja ein Familientelefon war.
Auch heute halte ich Telefongespräche meistens sehr kurz. Ich spreche lieber, wie jetzt, mit einem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht.
Was sind Deine derzeitigen Projekte im Schauspiel?
Ich habe heuer leider kein Theater gespielt. Ich hatte Werbedrehs und ein Dreh für eine Hollywood Netflix Produktion in Prag steht nun bevor. Das ist sehr schön und ich freue mich darauf. Das sind dann diese positive Impulse, gerade in diesen Zeiten, die man ja in jedem Beruf braucht. Ich freue mich, dass wieder was weitergeht und daran halte ich fest (lacht).
Worum geht es bei diesem Film Projekt? Dürfen wir da schon etwas erfahren?
Ich darf jetzt nur den Drehort, Prag, verraten, mehr leider noch nicht.
Bezugnehmend auf „Vienna Calling“ – welche Lieblingsstädte gibt es für Dich?
Ich bin ein Fan von Edinburgh. Überhaupt England, Schottland, auch die Städte im Norden Europas gefallen mir sehr gut.
Das alljährliche Edinburgh Festival Fringe im Sommer ist auch ein absolutes Highlight mit einem unglaublich vielfältigen Angebot an Theater, Konzerten, Comedys und mehr. Ich war da auch einmal mit einer Produktion vor Ort und es war begeisternd, dieser so bunte Sommer von Kultur und Begegnung. Das ist für Künstler*innen im August der Himmel auf Erden (lacht), wenn es stattfinden kann.
Das Wiener Cafè, die Wiener Cafèhauskultur ist ja auch ein Ort des Schreibens. Du schreibst auch?
Ich schreibe die Songtexte zusammen mit dem Sänger unserer Band. Ich versuche mich immer wieder (lacht).
Die Inspiration zu den Texten sind meine persönlichen Erlebnisse. Das Erleben und auch das Durchmachen, da fließt auch viel Persönliches ein.
Ein Songtext ist immer auch ein von-der-Seele-schreiben.
Wir sind hier im Cafè von Spiegeln umgeben und haben da auch fotografiert. Wie beschreibst Du Dich selbst?
Ich habe in meinem Lebensweg und meinen vielseitigen Interessen und Projekten von Kindheit an immer Unterstützung erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar und dies ist auch ein Privileg.
Diese Unterstützung meines Umfeldes gibt auch immer wieder Kraft im weiteren Weg, auch im Zweifel, der auch begleitet.
Welchen Tiersymbol Eures Bandnamens würdest Du Dich als Persönlichkeit eher zuordnen?
Dem Igel. Ein Igel ist neugierig, vielleicht auch etwas unterschätzt und dennoch überrascht wie überzeugt er. Da erkenne ich mich wieder (lacht).
Dein Blick auf den Menschen ist ein dreifacher als Musikerin, Schauspielerin und Kulturanthropologin. Wie siehst Du den Menschen der Gegenwart?
Derzeit sehe ich mehr die Abgründe unseres Menschseins. Das Gute im Menschen zu sehen und daran zu glauben, fällt oftmals schwerer. Da habe ich leider auch etwas eine misanthropische Geisteshaltung (lacht).
Ich hoffe und glaube aber doch daran, dass wir es bessermachen können. Ich hoffe (lacht).
Du hast von Abgründen gesprochen. Welche Abgründe hast Du selbst?
Ich denke, dies ist meine pessimistische Seite, dieser etwas fatalistische Blick auf die Welt – ab und zu tut sich dieser Abgrund auf (lacht).
Die Last der Welt kann schon manchmal auf die Schulter drücken und da kann ich schon mal vor mich hin schimpfen (lacht).
Das ab-und zu-schimpfen ist ja auch etwas Wienerisches. Inwieweit bist Du in den Jahren jetzt in der Lebensart Wienerin geworden?
Ich kann mich schon aufregen über bestimmte Verhaltensweisen, da bin ich schon Wienerin. Das kriegt halt dann meistens jemand ab (lacht). Da bin ich absolut wienerisch geworden (lacht).
Das Wienerische hat in der Lebensart etwas von ohne Filter sein, etwas von frei-von-der-Leber-weg sprechen. Da geht es um Gefühl, ganz direkt. Es ist ein kein Blatt-vor-den Mund-nehmen – „oida“.
Das Rauslassen der Seele in Emotion und Wort schützt vor einem Magengeschwür (lacht). Mich würde interessieren ob die Wiener*innen da weniger Magengeschwüre haben (lacht)?
Das Schimpfen ist in Wien auch immer etwas liebevoll. Hunde, die bellen…(lacht).
Österreichische, Wiener Literatur, Dramatik oder Psychoanalyse blickt in die Abgründe des Menschseins. Inwieweit ist dies auch für Dich künstlerisch inspirierend?
Diese Wege der Kunst und Wissenschaft nehmen den Menschen in seiner Ambivalenz sehr genau wahr. Da kommt etwa das unbewusste Lustbedürfnis oder auch eine brüchige Intellektualität in den Blick.
Wenn man einen Songtext schreibt, ist der Blick in die dunkle Seele natürlich ein Impuls und man setzt sich damit auseinander.
Wenn es so einen regnerischen November Tag in der Seele gibt, schreibt man ja die besten Texte, sagt man, weil es fließt dann. Ich denke, das ist so und es bringt schon Inspiration.
Von den Abgründen eines Novembertages zum, frei nach Peter Handke und Lou Reed, geglücktem Tag, perfect day. Was ist für Dich ein perfekter Tag in Wien?
Die Jahreszeit dazu ist Frühling oder Sommer. Wärme. Und rauf auf die Himmelwiese, mit Picknickkorb und Stadtblick (lacht). Ja, das ist mein erster Gedanke für einen perfekten Tag (lacht).
Es gibt in Wien ja viele Möglichkeiten perfekte Tage zu verbringen (lacht).
Ist das Wiener Cafè für Dich auch ein Ort für einen perfekten Tag?
Ja, sehr. In letzter Zeit ja leider schwierig.
Das Wiener Cafè ist Treffpunkt und Begegnung in vielerlei Hinsicht.
Im Cafè bist Du nie allein. Du kannst sprechen, erzählen oder einfach auf die Leute oder in die Stadt hinausblicken.
Die Auswahl an sehr netten Cafès als Orte des Zusammenseins ist in Wien sehr groß.
Jetzt, während unseres Interviews im Lockdown bedingtem leeren Cafè, fehlt die typische Geräuschkulisse. Das gehört einfach dazu.
Was trinkst, isst Du gerne im Cafè?
Auf jedem Fall Kaffee mit viel Milch (lacht). Und dazu gerne eine Torte, Mehlspeise.
Ich esse Süßspeisen aller Art sehr gerne (lacht). Ich bin ein großer Fan davon und Wien ist ein Ort, wo man da nicht zu kurz kommt (lacht).
Ein Kuchen, eine Mehlspeise gehört auf alle Fälle dazu zum Kaffee.
Kochst, bäckst Du gerne?
Ich backe sehr gerne. Das hat mir meine Mutter, sie ist Pädagogin, mitgegeben. Zuhause gab es auch immer einen Kuchen. Es wurde immer viel gebacken, etwa zur Weihnachtszeit.
Die Weihnachtszeit ist ja auch eine sehr musikalische Zeit. In der Rockmusik vielleicht auch eine Zeit der Balladen. Gibt es diese auch in Eurer Musik? Wie ist Eure Musik ausgerichtet?
In unserer Musik geht es im Normalfall eher schneller und härter zu.
Wir haben einen Song „step up“. Dieser ist jetzt keine Ballade, aber es ist etwas Ruhigeres. Ich würde es als Hymne bezeichnen, eine Motivationshymne.
In „step up“ geht es darum, dass man nicht aufgeben soll – „step up, don`t stop…giving it all…“.
Dieses „step up“ ist das Credo unserer Band und auch meines persönlich. Man muss einfach immer dranbleiben und weitermachen.
Dieser Song trifft ja auch die Situation der Zeit.
Ja, absolut.
Das Thema Liebe ist ja ein wesentliches im Rock`n`Roll. Wie siehst Du die Liebe heute?
Liebe hat grundsätzlich immer etwas Umfassendes. Sie ist Grundlage des Lebens von Mensch und Welt.
Die Liebe ist das Wichtigste auf ganz vielen verschiedenen Ebenen.
Ganz wesentlich ist für mich etwa die Liebe zur Musik, zum Schauspiel, zur Kunst.
Wir haben das Interview mit dem Impuls des Songs „november rain“ begonnen. Darum geht es um Liebe und Vergänglichkeit. Wie siehst Du die Lebensdauer von Liebe?
Natürlich wünscht man sich immer Ewigkeit in der Liebe.
Ich bin in der Liebe aber eher auf der realistischeren Seite (lacht). Ich habe nicht das Bild oder die Illusion einer unendlichen Liebe.
Ich denke, es gibt in der Liebe Stationen.
Liebe kann eine kurze Flamme oder ein Feuer sein.
Darf ich Dich zum Abschluss des Interviews zu einem Achrostikon zum titelgebenden „Vienna Calling“ dieser Interviewreihe in Wien bitten?
Liebe Fiona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das weiß ich aktuell selbst nicht so genau, er variiert ziemlich – wir leben in seltsamen Zeiten. Letzte Woche kam da schon mal ein Anruf in der Früh und ich hatte abends Vorstellung in einer abgeänderten Version gespielt. Aktuell befinde ich mich wieder in so einem Schwebezustand, indem ich nicht weiß wie und wann es weitergeht. Diese Unsicherheit nagt an mir. Deswegen versuche ich so gut es geht etwas Alltag reinzubekommen. Dazu nehme ich mir in der Früh eine „handylose“ Zeit, die ich mit Sport und Meditation verbringe – und dann lasse ich mich aufs Chaos ein.
Fiona Ristl, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich wünsche mir mehr Toleranz und Verständnis in einer Zeit, die polarisiert und damit Gräben aufwirft, die nur schwer zu schließen sind. Wir benötigen mehr Zusammenhalt und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen. Besonders wichtig wäre jetzt eine Abkehr vom Egotrip unserer Gesellschaft hin zu einem nachhaltigen Denken und Verhalten, um uns allen eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Kunst kann ein Nährboden für gesellschaftliche Veränderung sein in dem sie Ideen und Ansätze zum Nachdenken zur Verfügung stellt. Als systemrelevante Komponente berührt sie den Geist, nährt die Seele und lässt einen in andere Welten eintauchen.
Was liest Du derzeit?
Ernst Lothar – das Wunder des Überlebens
Textbuch – Tom Stoppard – Leopoldstadt
Und ich bin gerade im Schiller Fieber und verschlinge da „sämtliche Gedichte und Balladen“
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
F. Schiller („Einer“)
„(…) Immer war mir das Feld und der Wald, und der Fels und die Gärten
Nur ein Raum, und du machst sie, Geliebte, zum Ort.
Raum und Zeit, ich empfind es, sind bloße Formen des Denkens,
Da das Eckchen mit dir, Liebchen, unendlich mir scheint.“
E. Lothar:
„ (…) dass jemand mich beaufsichtigte, wusste ich nicht, dass andere Leute außer mir da waren, verschwand, ich war glücklich. Davon, was auf der Bühne vorging, weiß ich nichts mehr, nur von dem Glücksgefühl. Und von einer willigen Bereitschaft, dem Wirklichen zu entlaufen.“
Vielen Dank für das Interview liebe Fiona, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Fiona Ristl, Schauspielerin
Foto_Harald Fischerlehner
28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Reinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nachdem wir uns ja gerade, dank dem meiner Meinung nach völligem Versagen der Regierung, bereits im vierten Lockdown befinden, etwas eingeschränkt. Ich darf wieder nicht arbeiten, bin daher viel zu Hause und kümmere mich darum, dass meine Tochter nicht nur Tik-Tok Videos dreht, sondern auch etwas lernt. Wir haben uns aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens entschieden sie im Homeschooling zu lassen. Diesmal werde ich auch versuchen mich etwas weniger vollzustopfen und mich auch mehr zu bewegen als in den früheren Lockdowns, in denen ich enorm an Gewicht zugelegt habe. Da ja auch die Gastronomie geschlossen ist, kochen wir wieder mehr und werden neue Rezepte ausprobieren.
Reinhard Nowak, Kabarettist und Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir aus der Vergangenheit lernen, und nicht wieder bei sinkenden Inzidenzen auf alle Maßnahmen vergessen. Darum wäre es auch wichtig, dass seitens der Regierung nicht wieder die Pandemie frühzeitig für beendet erklärt wird. Jetzt ist die Situation leider so, dass es ohne Impfpflicht nicht zu schaffen sein wird, wieder ein halbwegs normales Leben zu führen. Dies ist nur möglich, wenn wir Alle an einem Strang ziehen und jeder Einzelne ohne egoistisch zu sein, an die Gemeinschaft denkt, auf die Wissenschaft vertraut und dementsprechend handelt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, dem Theater/ Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ganz wesentlich wird sein, dass wir uns nicht entmutigen lassen und wieder Freude am Leben finden sollten, falls sie der Eine oder die Andere verloren hat.
Hoffentlich kommen die Menschen in absehbarer Zeit wieder ins Theater oder ins Kabarett, damit wir Künstler sie dabei unterstützen mögen! Und sie uns, damit wir wieder etwas verdienen können. Das wäre doch eine schöne Win-Win Situation J
Was liest Du derzeit?
Wenn Bücher gemeint sind, lese ich zur Zeit gar nichts. Ist zwar eine unspannende Antwort ist aber so. Verbringe leider zuviel Zeit auf Facebook. Hab aber schon einige Bücher in meinem Leben gelesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein passender Spruch zur Pandemie und für die vielen Fehlgeleiteten die irgendwelche Fakenews und Verschwörungstheorien verbreiten, und gleichzeitig ein Aufruf zur Impfung:
„Lieber glaube ich an Wissenschaftler, die sich mal irren, als Irren, die glauben sie seien Wissenschaftler.“
Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Im Jahresrückblick zunächst war der Sommer zum Glück konzertreich und mit vielen Auslandsreisen entsprechend intensiv und wunderschön. Allerdings hat es mich viel Kraft gekostet nach langer Pause wieder so viel unterwegs zu sein. Über die Corona-Zeit hat man sich an’s Daheim sein gewöhnt.
Im Herbst war ich dabei mit meinem Sohn Jascha wieder einen einigermaßen geregelten Tagesablauf einzuführen. Beruflich war sehr viel administrative Arbeit zu bewältigen, ich begann auch zu unterrichten und einige Reisen waren geplant und nun leider auch verschoben, aber es lichtet sich schon so langsam, hoffe ich, und die Planung wird wieder leichter bzw. möglich.
Aus eigener Sicht würde ich sagen – die Ruhe und Besinnung auf sich, sowie die Flexibilität, die uns die erste Pandemiezeit hoffentlich gelehrt hat, zu bewahren. Ich habe es wohl einer guten Einstellung zu verdanken und schätze mich glücklich, dass mir die letzten 1,2 Jahre sehr viele positive Entwicklungen auf allen Ebenen gebracht haben.
Ich denke die meisten von uns Musikerinnen/Bühnenmenschen haben sich mittlerweile damit abgefunden – trotz der Freude über die Rückkehr auf die Podien – dass die „alte Normalität“, wenn überhaupt, nicht so schnell wieder einkehren wird. Für die einen wird es zu viel, für andere zu wenig Aktivität sein. So wähle ich jetzt beispielsweise bewusster und reflektierter die Tätigkeiten aus, die für mich Sinn machen und meine Energie wert sind.
Besonders wichtig wird es weiterhin sein bei jeder Gelegenheit, politisch und gesellschaftlich, für die Notwendigkeit einer regen, vielseitigen und gut durchbluteten Kunstszene einzustehen. Geduld, Wertschätzung und Dankbarkeit sind mir immer wichtig – jetzt noch mehr als früher.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich empfinde seit geraumer Zeit mehr als je das Bedürfnis zur Sinnfindung durch meine künstlerische Tätigkeit. Der Pandemie sei Dank ist es mir gelungen ein wunderbares Projekt für meine Community im Sankt-Elisabeth-Grätzel auf die Beine zu stellen – mit Unterstützung der Bezirksvorstehung und der Kirchengemeinde haben wir es in der warmen Jahreszeit 2020 und 2021 geschafft insgesamt etwa 70 Genre-übergreifende Musikveranstaltungen am Vorplatz der Kirche zu organisieren. Die Rezeption dieser frei zugänglichen Konzerte, die gesammelt vom Lauf- zum Stammpublikum so viel Dankbarkeit und Wertschätzung eingespielt haben, erfreuen durch eine Eigendynamik, die mich einer gesellschaftlichen Aufgabe als Künstlerin so nah gebracht haben wie sonst nichts zuvor. Ich wünsche allen Künstlerinnen eine solche Erfahrung. Vor und für Menschen spielen zu dürfen ist Privileg und Lebensaufgabe. Wir haben die Fähigkeit durch die eigene Freude am Auftritt der menschlichen Begegnung mit sich und anderen eine sinnstiftende Qualität zu schenken – das ist meiner Ansicht nach ein unbezahlbares, wunderschönes Gut.
Was liest Du derzeit?
Dies und das, zwischendurch. Erich Fromm „Vom haben zum Sein“, „Das Wunder der Wertschätzung“ von Reinhard Haller und eine große Empfehlung – „Women who run with the wolves“ von Clarissa Pinmkola Estés. Gerne immer wieder Falter und Standard.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Das Gefühl kann viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig.“ Viktor Frankl
Vielen Dank für das Interview liebe Nora, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Herzlichen Willkommen, liebe Hannelore Schmid, Schauspielerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien III.!
Hannelore Schmid_Schauspielerin_ am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Du lebst und arbeitest in Wien und Graz. Welche Bedeutung haben Orte für Dich?
Als Erstes fällt mir Erinnerung ein. In Wien bin ich aufgewachsen und wenn ich durch die Straßen gehe, ploppt an jeder Ecke eine Erinnerung auf. Manchmal genieße ich es, mich in die Atmosphäre hinein fallen zu lassen, aber dann hatte ich Sehnsucht nach einem Ort ohne Erinnerung. Das ist Graz für mich. Ein Ort wo Neues entstehen darf. Bis auch das zur Erinnerung wird.
Ingeborg Bachmann zog in jungen Jahren aus Kärnten nach Wien. Bei Dir gibt es die umgekehrte Bewegung in den Süden nach Graz. Was waren da für Dich Beweggründe?
Ich war vor zehn Jahren schon einmal eine Zeit lang in Graz, habe dort Schauspielunterricht genommen und mich in die Stadt verliebt. Diesmal kam der Impuls eigentlich von Freunden. Ich habe ein Wochenende mit ihnen in Graz verbracht um Geburtstag zu feiern, und mein bester Freund sagte: „Wenn du dich hier so wohl fühlst, nimm doch wieder einmal eine Auszeit und geh zum Schreiben nach Graz.“ Nach einem Monat Schreiben in der Stadt meines Herzens, war der Wunsch zu bleiben so vehement, dass ich seither einen zweiten Wohnsitz habe.
Wolfgang Bauer hat ja einmal gesagt: „Zum Schreiben brauche ich eine Stadt, in der es innerlich tobt, zum Beispiel New York oder Graz.“ Ich sehe das auch so (lacht). Graz ist eine hervorragende Stadt, um zu schreiben.
Was sind Deine aktuellen Schreibprojekte?
Aktuell arbeite ich mit dem Regiesseur Thomas Toppler an einem Theaterprojekt. Es handelt sich dabei um die in Österreich noch wenig bekannte Spielform des Bouffon Theaters. Wir arbeiten gemeinsam am Text und sind zurzeit dabei Darsteller*innen zu casten. Premiere ist im März 2022 am TAG Theater.
Das gemeinsame Schreiben ist eine Herausforderung, bei der Thomas und ich uns gut ergänzen. Für mich geht es um die Aneignung eines neuen künstlerischen Genres und darum dem komplexen Aufbau des Stückes gerecht zu werden. Es gibt drei Spiel- und vier Handlungsebenen. Wir entwickeln die Handlung und schreiben Dialoge, lassen aber auch Platz für Szenen, die über Improvisation mit dem Ensemble entstehen sollen. Es ist in vielerlei Hinsicht neu und aufregend für mich.
Könntest Du das Konzept des Bouffon Theaters etwas näher vorstellen?
Bouffons sind clownähnliche Kunstfiguren, welche auf der Bühne die Ausgestoßenen einer Gesellschaft darstellen. Da sie auf der untersten Stufe stehen, dürfen sie dem Publikum gnadenlos den Spiegel vorhalten. Im Spiel mit dem Publikum testen sie Grenzen aus, bleiben dabei aber stets charmant, um die Gunst der Zuseher*innen nicht zu verlieren. Das Ausprobieren beginnt schon beim Schreiben. Was darf ausgesprochen werden, was nicht? Bereits das Verfassen der Projektbeschreibung für die Förderstellen war eine Gratwanderung. Ein sehr interessanter Prozess.
Ist diese Theater Konzeption auch mit dem Roman „Malina“ vergleichbar? Siehst Du da Berührungspunkte?
Schwierig, vielleicht am ehesten in der Form. Malina spielt auch mit unterschiedliche Textebenen. Es gibt den Bewusstseinsstrom, der durch Briefe, Interviews, Dialoge unterbrochen wird. Und man weiß nie genau: Was ist Realität, was Traum, was Gedanke, was ist Innen- oder Außenwelt? Die Frage, wer diese Figuren, die im Roman auftreten, eigentlich sind, bleibt letztlich offen. Sind das reale Menschen oder Anteile einer einzigen Person?
In unserem Bouffon Theaterstück gibt es auch mehrere Ebenen im Text und zum Beispiel Figuren, die als Personifikation eines Prinzips auftreten.
Ist die Ich-Erzählerin in ihrer Beziehung zu Ivan im Roman mit den Prototypen der Ausgestoßenen im Bouffon Theater vergleichbar?
Ivan und die Ich-Erzählerin stoßen einander gegenseitig weg. Es ist keine Partnerschaft, sondern eine Affäre und sie beziehen beide etwas daraus. Sie interessieren sich nicht wirklich füreinander oder das Leben des anderen. Die Ich-Erzählerin schildert, dass sie einander niemals in der Stadt begegnen. Es gibt keine Berührungspunkte außer ihre Treffen zu zweit.
Ivan darf für sie nur der wunderbare Ivan sein und das soll, muss er bleiben. Sie möchte keinen Alltag mit ihm.
Die Ausgegrenztheit der Ich-Erzählerin sehe ich einerseits im Außen, wo sie in der Gesellschaft funktioniert aber untergeht und anderseits innerlich, wo sie die sensible, naive Seite abspaltet vom männlichen Part Malina.
Wie siehst Du den Weg der Ich-Erzählerin als Frau in diesen Gegebenheiten, denen sie ausgesetzt ist?
Für mich ist dieser Roman sehr interessant, weil ich schon einer anderen Generation angehöre und dadurch einen gewissen Abstand habe. Ich sehe vieles darin was immer noch stattfindet – nur auf einer subtileren Ebene – und kann mich gut einfühlen.
In ihrem Verhältnis zu den beiden Männern – wenn man Ivan und Malina als reale Personen betrachtet – fragt man sich bald, warum die Ich-Erzählerin Ivan so sehr anhimmelt. Er ist eine eher uninteressante Figur ist und geht einem nach wenigen Seiten auf die Nerven. Ivan ist nicht empathisch oder unterstützend, er versteht sie nicht, sondern macht sie nieder und sagt Dinge wie: „Sei doch fröhlich!“ oder „Schreib doch einmal ein schönes Buch.“ Warum vergöttert sie ihn so, warum braucht sie dieses Vergöttern? Aber Ivan ist ihr Rausch, wenn Ivan da ist, ist alles gut. Ivan ist das Allheilmittel und sie gibt sich diesem hin. Es ist sehr interessant, dass der Roman diese Seite der Abhängigkeit, dieses Denken und Fühlen, zeigt, dies schildert und zugibt. Diese naive, verletzliche Seite, die ständig mit ihrem Selbstwert kämpft,wird schonungslos präsentiert.
Malina ist distanziert, aber immer für sie da. Wenn im Außen etwas zu erledigen ist, übernimmt Malina. Da ist diese Souveränität, die die verletzliche Seite beschützt.
Es ist nicht so, dass sie diesen beiden Männern ausgeliefert ist. Sie hat sich ganz gut eingerichtet zwischen den beiden, von dem Einem bezieht sie das Eine von dem Anderen das Andere. Und die beiden begegnen einander nie. So lebt sie, wie es anfangs wirkt, ganz gut. Bis dann alles auseinanderbricht. Malina verrät sie, der Beschützer wird zur inneren Bedrohung. Er beginnt sie zu kontrollieren, zuerst auch um sie zu retten, als er ihr beispielsweise die Tabletten wegnimmt. Aber nach und nach nimmt er alles, was sie ausmacht.
Wenn ich den Roman heute lese, dann merke ich, dass auch ich als Frau eine Seite in mir verstecke, beschütze, verdränge und dass auch ich mir etwas zugelegt habe, das nach Außen wirkt.
Ist die Ich-Erzählerin in ihrer zerbrechlichen Identität, dem Wechselspiel von Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, auch heute ein Bild für das Frausein?
Der Roman schildert den Kampf um Identität der Ich-Erzählerin in schonungsloser Offenheit. Einen Versuch von Freiheit, der für mich misslingt. Es werden die letzten Tage eines langen Weges beschrieben.
Die Welt, in der sie es sich eingerichtet hat, stürzt zusammen, die Vergangenheit, holt sie alptraumhaft ein, sie kann nicht mehr zurück in das gesicherte Leben im Ungargassenland. Sie kann auch Ivan nicht mehr so ansehen wie früher. Sie sieht ihn jetzt „wie ein Arzt einen Lungenkranken“. Sie sieht die „Flecken am Röntgen vom Rauchen“ und nicht mehr den herrlichen Ivan. Die Droge wirkt nicht mehr.
Malina, der sie beschützt hat, wendet sich gegen sie.
Im Roman findet keine Befreiung statt. Das Ende ist das Ende.
Was sind die Gründe für dieses Ende, dieses Verschwinden der Ich-Erzählerin im dramatischen Romanfinale?
Die Situation der Ich-Erzählerin, ist aus dem Zusammenspiel ihrer persönlichen Geschichte und den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu sehen. Im zweiten Kapitel tritt diese zerstörerische Vaterfigur auf, die aus diesem System erwachsen und dafür sehr typisch ist.
Der Vater spielt seine Macht aus, die Mutter beschützt das Kind nicht. Und das nimmt es ein Stück weit mit in sein ganzes Leben. Auch wenn das Umfeld dann relativ freundlich und ungefährlich ist, reißt die Wunde immer wieder auf, wenn Abwertung geschieht.
Das Verschwinden oder die Auslöschung findet im Innen und Außen statt. Die Ich-Erzählerin ist persönlich geschwächt und findet keinen Platz in der Gesellschaft, keine Möglichkeit ihre Verletztheit zu überwinden und einen Sinn zu finden, der über etwas wie die Scheinfreude mit Ivan hinausgeht. Sie findet nichts in dieser Welt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Wie siehst Du die Konzeption und inhaltliche Ausrichtung des Romans?
Der erste Teil liest sich zunächst recht schön in der Schilderung einer Lebens-, Liebesgeschichte. Schon zu Beginn sagt sie, dass sie mit Ivan eigentlich kaum spricht. Auch die Telefonate sind Ausdruck davon. Es sind Satzfetzen, aus denen keine echte Kommunikation entsteht. Wirkliche Gespräche führt sie mit Malina. Die sind aber im Endeffekt Gespräche mit sich selbst sind. Es gibt keine Verbindung nach Außen, sie handelt alles innerlich ab.
Der Mittelteil im Rückblick auf Vergangenheit, Traumschilderung fällt deutlich heraus. Im dritten Teil stehen dann die inneren Monologe/Dialoge mit Malina im Vordergrund.
Am Interessantesten sind für mich die kleinen, konkreten Dinge. Etwa das Scheininterview, das da geführt wird und die Briefe, die sie als „die Unbekannte“ an Menschen schreibt, auf die sie wütend ist oder ihre Wut projiziert. Auch ihre Aggression lebt sie im Rückzug aus. Ihre Briefe zu lesen hat aber etwas sehr Befriedigendes. Denn diese naive, sensible Seite, die die Ich-Erzählerin zeigt, traut sich darin Sachen zu sagen, die zwar offensichtlich absurd sind, aber gleichzeitig möchte man sagen, ja, das ist vollkommen wahr, da hat sie vollkommen recht.
Der Roman ist ganz aus der Innensicht geschrieben. Nur ihre innere Welt wird geschildert.
Die Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin. Gibt es da ein Wiederkennen im Ringen von Beruf und Leben als Künstlerin, Schauspielerin?
Ja, durchaus. Sowohl in der Verzweiflung wie im Umgang mit der Verzweiflung (lacht). Dass man vieles in Geschichten verpackt, ist mir sehr vertraut, auch diese inneren Monologe oder Dialoge zu führen. Briefe zu schreiben, die man niemals abschickt (lacht).
Über ein Thema ironisch zu reflektieren, es nicht zu ernst zu nehmen und aber dadurch auf Wahrheiten zu kommen, finde ich eine spannende Zugangsweise bei Bachmann.
Es sind viele einzelne Passagen, Sätze, die mir sehr gut gefallen. Etwa wenn sie sagt, „nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir“. In meiner Kindheit und Jugend, habe ich alles gelesen, was mir in die Finger gekommen ist. Wenn sie schreibt, „ich lese in der Küche und am Gang…“, das ist mir alles sehr nah.
Ganz toll finde ich die Stelle, wo sie sagt „es gibt Bücher, die nehme ich nur vormittags zu mir“. Für mich war Malina ganz klar ein Buch, das ich am Morgen gelesen habe. Nur das Ende habe ich gestern Abend gelesen. Das hat mich dann auch ganz aufgewühlt. Zum Glück habe ich eine Freundin erreicht, mit der ich darüber reden konnte (lacht). Malina ist ein Roman, den man sich besser nur vormittags zuführt.
Warum ist für Dich der Vormittag die ideale Malina Lesezeit?
Am Morgen habe ich die Leichtigkeit, das Positive in dem Roman zu sehen. Nachmittags würde ich seine Schwere als bedrückend empfinden. Der Geist ist auch wacher in der Früh, Malina ist kein ganz einfaches Buch, man braucht Ruhe und Wachheit dafür.
Gibt es für Dich beim Lesen bestimmte Rituale, Settings?
Momentan lese ich morgens, ich starte den Tag mit einem Buch. Und sonst in der U-Bahn (lacht). Und sehr gerne auch nachmittags in am Balkon in der Sonne. Ich habe auch immer ein Buch in der Küche. Während der Reis kocht, lese ich (lacht). Im Zug natürlich auch.
Wie war der Leseprozess für Dich jetzt bei Malina? Wie reflektierst, verarbeitest Du da?
Der Roman hat mich zum persönlichen Nachdenken angeregt. Natürlich hatte ich dabei im Hinterkopf, später darüber sprechen zu können. Ich fand es lustig, dass im Roman selbst eine Interview-Situation vorkommt. Oder der Herbstmantel der Ich-Erzählerin, den sie im Frühjahr ihren Frühjahrsmantel nennt. So wie der Mantel, den ich für´s Shooting gewählt habe. Parallelen sind auf so vielen Ebenen zu finden! Verarbeitet habe ich das Gelesene in Gesprächen und Tagebucheinträgen.
Als ich angefangen habe Malina zu lesen, hatte ich auch gerade „Ein eigenes Zimmer“ von Virginia Woolf begonnen. Ich habe die beiden Bücher parallel gelesen und fand die theoretische Ebene des Essays über Frauen und Literatur bei Virginia Woolf und die emotionale Innenschau von Ingeborg Bachmann sehr befruchtend.
Ist Malina ein Roman, der sehr direkt nach der eigenen Lebenswelt fragt und zum Nachdenken einlädt bzw. dies fordert?
Auf jeden Fall. Man vergleicht sich unwillkürlich mit der Ich-Erzählerin, findet sich in ihren Lösungsansätzen wieder oder ertappt sich bei dem Gedanken: Ich mache es genau so, und das ist keinesfalls eine Lösung!
Man nimmt viel mit, wenn man sich auf den Dialog mit dem Roman einlässt. Ich konnte ihn nicht von mir weghalten (lacht). Ich habe ihn aber auch mit der Absicht gelesen, mich davon berühren zu lassen.
Welche Zugänge gab es bisher von Dir zu Ingeborg Bachmann?
Nicht viele, ihre Gedichte haben mich als Jugendliche sehr angesprochen, damals habe ich selbst Gedichte geschrieben. Natürlich war sie mir immer ein Begriff und ihre Lebensgeschichte bewegt mich.
Ich bin dankbar für den wunderbaren Anlass jetzt Malina zu lesen.Ich denke, dass ich jetzt im richtigen Alter für den Roman bin. Als Zwanzigjährige hätte ich nicht so viel daraus beziehen können.
Wie befinden uns am Weg zum Romanschauplatz, dem „Ungargassenland“ in Wien III.. Ist Dir dieses vertraut?
(lacht) Ja, es ist mir sehr vertraut. Ich habe meine ersten fünf Lebensjahre im südlichen Teil von Wien III. verbracht, wir haben zu fünft in einer Zimmer-Küche-Kabinett Wohnung gelebt.
Als Kind nimmt man alles über die Sinne wahr, die Stadt ist ganz Geruch, Lärm, Farbe.
Mein erster Kinderspielplatz war unter dem Flakturm des Weltkrieges im Arenbergpark. Als Kind hatte die Stadt etwas Bedrängendes und Bedrohliches an sich, ich habe mich nach dem Grün, dem Land gesehnt.
Als Erwachsene habe ich das Ungargassenland mit anderen Augen sehen gelernt, Freunde leben hier und ich habe in einem Espresso in der Gegend gearbeitet. Ich habe mich auf Spurensuche nach meiner Kindheit begeben und viel Schönheit gefunden, etwa das Grün versteckter Innenhöfe.
Hast Du im Roman Orte der Kindheit wiedererkannt?
Ja, die Straßen und Wege, die im Roman genannt sind, sind mir sehr geläufig. Damit und darin bin ich aufgewachsen, das ist und bleibt präsent.
Wie siehst Du als Wienerin das Wienbild im Roman?
Ich erkenne das Wien meiner Kindheit darin. Ingeborg Bachmann schildert die Orte mit viel Liebe, die Gesellschaft aber als sehr oberflächlich. Bei den Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, stellt man sich die Frage, ob sie überhaupt real sind. Sie wirken wie Hüllen, sind nur Namen ohne Charakter. Vielleicht sind sie alle nur Ideen, Anteile ihrer selbst? Wien hat diese Schönheit, Faszination und Ungreifbarkeit.
Außerhalb der Sadt, etwa am Wolfgangsee, wird es sehr real, da wird eine selbstverliebte Gesellschaft bis ins Detail beschrieben. An beiden Orten gibt es keine Nähe zwischen den Menschen.
Das Ungargassenland ist im ersten Teil ganz ihr Zuhause, das sie liebt und nie verlassen will. Im dritten Teil beginnt sie zu überlegen wegzuziehen. In den dreizehnten oder neunzehnten Bezirk, aber bloß nicht auf die Hohe Warte (lacht). Das Ungargassenland hat keine Sicherheit mehr für sie.
Ingeborg Bachmann zog von Wien nach Rom und verfasste dort den Roman. Sie überlegte in den letzten Lebensjahren nach Wien zurückzukehren. Wie erlebst Du das Fortgehen und Wiederankommen in Wien?
Ich sehe es genauso, dass Wien mich nicht loslässt (lacht). Meine Familie und Freunde leben auch hier.
Für mich ist das richtige Nähe-Distanz Verhältnis zu Wien wichtig (lacht). Dann kann ich es auch genießen. Das ist wie in der Liebe (lacht). Ohne Nähe entsteht nichts und einander zu nahe treten wirkt auch zerstörerisch.
Was macht den Zauber von Wien aus?
Wien ist es der Ort meiner Kindheit und Wurzeln. Ich liebe die unterschiedlichen Plätze und Grätzl in Wien, die Architektur der inneren Stadt genauso wie den Charme der Vorstadt, die Donauinsel oder den Wiener Wald. Ich kann zu Fuß in den Wald gehen und bin trotzdem mit der U-Bahn gleich im Stadtzentrum. Wo hat man das sonst? Die soziale Durchmischung ist gut in den Wien, Gemeindebauten liegen neben Villenviertel.
Das öffentliche Verkehrsnetz ist toll.
Die Luft ist gut in Wien (lacht). Auch wenn sich alle über den Wind beklagen.
Wiener*inne zeigen ihre Liebe auch dadurch, dass sie sich über alles aufregen. Das Grant´ln. Man weiß dabei aber auch, dass man selbst mitgemeint ist und die Aggression wird abgemildert durch Humor. Den Wiener Schmäh. Wiener Schimpfwörter sind sehr lustig und nicht nur verletzend.
Wienliebe und Wiener Schmäh gehören zusammen (lacht). Genauso die Melancholie und Sentimentalität.
Darf ich Dich zum Interviewabschluss zu einem Malina-Achrostikon bitten?
M Mein
A Abenteuer
L Lust
I Innenraum
N Nähe
A Aus
Hannelore Schmid_Schauspielerin_ am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Hannelore, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
bewegen, frühstücken, üben, lesen, essen, schlafen, bewegen, proben, spielen, schlafen. in dieser o.ä.reihenfolge. aufnehmen, singen, büro als variable
Robert Reinagl, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
nix anderes als sonst. ich zitiere heini staudinger: ned deppert sein, si ned anscheissen und liebe
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
im wesentlichen auch hier dasselbe wie immer. die pandemische zwangspause hat auch zeit zum nachdenken, zum lernen, gebracht. kunst als reflexion über unsere existenz, als spiegel, aber auch als zweckungebundenen luxus unterscheidet uns vom vieh. listen ausfüllen kann man vermutlich auch einem pudel beibringen.
Was liest Du derzeit?
bücher von john cleese, werner schneyder, meinhard rauchensteiner, hans lebert und robert burns. liedertexte, die hermann leopoldi vertont hat.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
nichts gibt einem so sehr das gefühl der unendlichkeit als wie die dummheit. (vorwort „geschichten aus dem wiener wald“ ödön von horvath
Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Mai 2017. Paris. Da ist das Leben und da ist der Tod. Ruhelos. Die Nachricht vom werdenden Leben und die Nachricht von der Schändung des Grabes der Mutter. Sonne und Mond. Tag und Nacht. Gedanken. Zurück. Im Mai 1982 stirbt ihre Mutter Romy Schneider. Mit 43 Jahren. 1981 starb ihr Bruder David. Der Blick nach vor und der Blick zurück…jetzt aufschreiben, erzählen, zurück- und aufblicken…
„Es gibt nichts Schöneres, als sie „meine Mutter“ zu nennen. Niemand außer mir darf sie so nennen. Das lasse ich mir nicht nehmen…“
Sarah Biasini, Schauspielerin, Tochter von Romy Schneider, Schauspielerin, legt mit „Die Schönheit des Himmels“ eine eindringliche Reise zu Gedankenstationen im Leben einer jungen Frau und werdenden Mutter wie Tochter eines berühmten Filmstars vor, die in Offenheit und Direktheit im Lesen ganz still werden lassen und einladen gleichsam respektvoll zuzuhören und die Bilder im Erzählen wahrzunehmen.
Das Buch erinnert in seiner Bildkraft und existentiellen Szenenfolge eines Lebens und dessen Fragen und Herausforderungen an die Tradition französischen Films. Es ist eine Leinwand eines Lebens, Dunkelheit um lebendiges Bild, und jedes Wort hat eine Wirkung im Erzählen einer jungen Frau wie Tochter, dass immer auch eine Ansprache, einen Dialog zur Lesenden/zum Leser hat.
Sarah Biasini setzt mit diesem Buch ihrer berühmten Mutter kein Denkmal stummen Steins sondern gibt mutigen, fragenden Leben in Erinnerung und Weg das Wort. Ein besonderes Lesereignis.