„Der Romanschauplatz ist sehr sinnbildlich für die Geschlechterrollen“ Annkathrin Dehn, Tänzerin_Romanjubiläum Malina _ Wien 8.8.2021

Annkathrin Dehn_Tänzerin, Performerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

Mit Ingeborg Bachmann verbinde ich vor allem Wien und sie kommt mir immer wieder zu Ohren hier. Ich denke, Ingeborg Bachmann ist ein Teil dieser Stadt. In Zukunft wird ihre Person, ihr Werk mich bestimmt auch noch beschäftigen.

Wien hat ja immer auch etwas Dunkles, Abgründiges, auch eine Todesnähe. Bachmann ist auch da Wienerin.

Was macht das eigene Selbst aus? Wie sehr erfolgt diese Definition auch über andere, von außen, welche Konstellationen gibt es da? Wie sehr kann man sich selbst darin verlieren, untergehen? Was macht einen als Ganzes aus? Diese Fragen nach Identität sind zentral im Roman. Persönlich denke ich, Identität ist nie etwas Festes sondern eine Entwicklung.

Ebenso sind die Fragen nach der Frauen-, Männerrolle in der Gesellschaft im Roman zentral. Wie stark die eine von der anderen abhängt. Auch wie dadurch gewisse Konventionen kreiert werden.

50 Jahre nach Erscheinen des Romans sind die Fragen nach Identität und gesellschaftlicher Rolle gleichgeblieben. Diese beschäftigen überall auf der Welt sobald wir beginnen, uns diesen bewusst zu werden. Die Kontexte und damit Herangehensweisen sind natürlich anders. Es gibt je unterschiedliche Freiheiten und Debatten.

Derzeit sind die Fragen nach der Benennung von Identität im gesellschaftlichen Mittelpunkt. Wie benenne ich meine Identität und muss ich das überhaupt? Da kommt auch gesellschaftlich viel an die Oberfläche.

Im Kern ist Identität natürlich eine individuelle Frage – wie ich mich und in Beziehung zu anderen definieren möchte.

Wien ermöglicht künstlerisch viele Möglichkeiten und Freiheiten. Dazu braucht es persönliche Perspektiven und Ziele. Das Neuankommen in einer Stadt ist zunächst immer ein Kennenlernen des Rhythmus von Ort und Zeit.

Wien hat große künstlerische Traditionen, aber diese sind nicht festgefahren. Es entsteht überall viel Neues. Es gibt ganz viele unterschiedliche, Plätze, Ecken, Entwicklungen. Das zu entdecken, ist auch eine Aufgabe, wenn man in Wien ankommt.

Es gibt so viele schöne Plätze in Wien, da kann man sich gar nicht entscheiden (lacht). Es ist der Genuss des alltäglich Schönem. Man geht vor die Haustür und findet Geschichte, Kunst. Jeden Gedanken kann man in Wien finden.

Die Floridsdorfer Brücke ist ein Lieblingsplatz von mir. Ich liebe da den Blick in Richtung Stadtmitte. Das war längere Zeit mein Arbeitsweg und immer wieder ein Highlight.

Der Weg über die Donau in Wien ist auch innerlich ein Reflexionsbogen. Da begleiten viele Gedanken und ist man über den Fluss, ist es wieder gerade gebügelt (lacht).

Der Blick auf die Stadt gibt mir viel und Wien wurde auch dadurch schnell Heimat. Das Sehen, Spüren ist ein Entdecken wie Wiederfinden. Man fühlt sich angekommen.

Ich bin sehr gerne am Wasser. Da ist das Fortfließende, Loslassende wie das Verbindende. Die Donau verbindet Europa und damit auch mit meiner Familie in Deutschland. Es ist schön zu wissen, dass das Fließende etwas ist, das auch Nähe spüren lassen kann.

Wasser lässt zur Ruhe kommen, aber auch einen Schritt weiter machen. Die Natur, das Wasser haben eine große Bedeutung für mich.

Ein Genusstag in Wien ist für mich eine Fahrradtour oder ein Spaziergang und dann der Blick auf die Stadt. Ich liebe auch Grätzlspaziergänge, das ist beeindruckend. Fasziniert ist auch wie wenig sich der Wiener bewegt (lacht). Das macht aber auch das Besondere von Mensch und Stadt aus. Es strahlt Ruhe aus.

In meiner tänzerischen Arbeit gehe ich sehr gerne mit Texten um. Ich liebe die Struktur von Texten, den unmittelbaren Raum der Wörter. Das kann vom Märchen bis zum abstrakten Gedicht reichen. Es gibt da viele Ansätze choreographischer Arbeit.

Liebe ist ein Sich-Selbst-Wahrnehmen, ein persönliches Verorten, eine ganz starke Entwicklung, in der man sich mit Ehrlichkeit gegenübersteht. Die Selbstliebe, der Zugang zu sich selbst ist Voraussetzung der Liebe, um zu wissen, wo ich anfangen und verknüpfen kann. Um Klarheit zu gewinnen.

Letztendlich verschwindet die Frau im Roman in dem ihr aufgestülpten Männerbild. Sie geht darin unter.

Kommunikation in der Liebe wie der Gesellschaft hat immer ein breites Spektrum von Hell bis Dunkel. Auch das Schwarze, Dunkle gehört dazu. Wie es ja auch im Roman der Fall ist.

Kommunikation läuft nie nur glatt. Es gibt immer Ecken und Kanten, Konflikte. Liebe ist da die stärkste Basis, um sich austauschen und auch überwinden zu können.

Kommunikation ist die Grundlage jeder Beziehung, des Aufbaus dessen.

Konflikte in der Kommunikation können auch etwas Positives sein. Es ist eine Klarheit und damit Basis, die gewonnen werden kann, in verschiedenen Richtungen.

Die Begegnung mit Ivan am Blumengeschäft ist natürlich sehr sinnbildlich. Ich denke aber, dass es Begegnungen mit einer Form des Zugehörigkeitsgefühls geben kann. Auch das Wege schon auf gemeinsame Interessen verweisen.

Liebe ist Prozess und Entwicklung über einen unterschiedlichen Zeitraum.

Liebe hat vielfältigste Formen, die über das romantische Zusammensein hinausgehen.

Eine Beziehung zeichnet die Spannung von Liebe und Distanz aus. Die Kontexte ändern sich dabei, etwa zur Zeit des Romans und dem Heute.

Ivan hat für die Frau eine Anziehung in Geist und Körper. Es geht ja immer auch um die Welt des Anderen in einer Beziehung.

Lebenswirklichkeiten in einer Beziehung zu verstehen, wie zwischen Ivan und der Frau, ist eine Frage des Wollens und wie weit ich das brauche. Das Verhandeln darüber ist sehr wichtig.

Auf den ersten Blick gibt es heute eine größere Beziehungsfreiheit. Strukturell ist sich da aber nichts vorzumachen. Es ist viel in Bewegung, aber es ist noch viel gesellschaftlich eingefahren, was Freiheit und Toleranz in diesem Bereich betrifft.

Glück gilt es zu suchen. Es ist dafür etwas zu tun. In der Liebe und in allem.

Das eigene Glück ist immer ein Versuch. Es ist Arbeit.

Die Traumbeschäftigung mit persönlicher Vergangenheit im Buch ist ein Teil der Selbstfindung und damit auch der Partnerschaft. Die Kapitelfolge ist ja so aufgebaut.

Träume haben für mich etwas sehr Schönes. Es sind beeindruckende Erlebnisse und ich bin oft traurig mich nicht zu erinnern.

Träume an sich, als auch Lebensziele, machen einen klar, dass es auch andere Wege sind, die möglich sind.

Wien selbst hat etwas von einem Traum. Es erfüllt für mich viel in Lebensqualität, Natur und Kunst.

Mein Weg zum Tanz begann damit, dass meine Mutter meinte, „wir gehen besser nicht eine Ballettvorstellung sonst möchte sie tanzen“. Meine Mutter hat es dann trotzdem getan (lacht) und damit war eigentlich der Weg geebnet und der Wunsch danach da. Es war für mich nie der Rosa-Ballett-Kleid Traum sondern die Freude an Bewegung, das Lernen, Arbeiten und auch das An-Etwas-Dran-Bleiben. Die Freude am Fortschritt, der Weiterentwicklung hat mich auch immer bewegt dies weiterzumachen. Es ging dann über Ausbildungs-, Projektstationen bis jetzt zum gegenwärtigen Unterrichten und zur künstlerischen Arbeit in Wien. Ich bin jetzt sechs Jahre in Wien.

Die Fähigkeit zur Reflexion, auch zu Bescheidenheit und das Bewahren, Finden eines offenen Blickes ist heute für den Menschen wichtig. Dass man sich nicht nur als starkes Ich fühlt, das die Welt beherrschen kann.

Dass die Stärke des Ich heute auch die Stärke eines Zurücknehmens ist – „ich bin hier und kann viele Dinge bewirken und habe eine Verantwortung.“

Der Romanschauplatz und die Wohnsitze der Protagonisten*innen hier sind sehr sinnbildlich für die Geschlechterrollen und die Beziehung von Frau und Mann im Roman. Der Wohnsitz der Frau liegt in der Straße tiefer, das Haus ist etwas zierlicher, aber anderseits gibt es diese Dachterrassen und sie hat den Überblick, eine gleichsam unsichtbare Macht. Zum Eingangstor des Ivan-Hauses führt der Weg die Straße nach oben. Das Haus ist sehr stark im Ausdruck, herausgestellt und dominant. Das fällt schon im ersten Blick auf. Die Topographie spiegelt den Romaninhalt sehr gut wider.

Annkathrin Dehn_Tänzerin, Performerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Annkathrin Dehn_Tänzerin, Performerin_Wien 

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Tanz | Annkathrin Dehn – Coaching, Masterclasses | Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_7_2021.

https://literaturoutdoors.com

„In der Kunst können wir unsere Zukunft bauen“ Helena-May Heber, Schauspielerin_ Wien 7.8.2021

Liebe Helena May, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, mit Atemübungen und Körperarbeit energievoll in den Tag starten und dann ab ins Theater zum Proben! Danach tobe ich mich noch bildnerisch an Bühnenbild und Kostümen aus und nach einem guten Abendessen freue ich mich auf mein Bett.

Helena May Heber, Schauspielerin, Bildhauerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kleine Freuden, Begegnungen und Geschenke im Leben sehen und schätzen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst ist ein großes Spielfeld, in dem wir anhand von Geschichten entwerfen, wie wir leben wollen, oder eben auch, wie wir nicht leben wollen. Hier können wir über unsere Vergangenheit reflektieren, unsere Gegenwart verändern und unsere Zukunft bauen.

Was liest Du derzeit?

„Penelopiade“ von Margaret Atwood

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser. Ich spüre es in der Erde. Ich rieche es in der Luft.“

Helena May Heber, Schauspielerin, Bildhauerin

Vielen Dank für das Interview liebe Helena May, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Helena May Heber, Schauspielerin, Bildhauerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 7_21.

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass sich gesellschaftliche Gräben nicht weiter vertiefen“ Ines Dallaji, Sängerin_Wien 6.8.2021

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit der Beendigung meines Gesangsstudiums im Juni dieses Jahres habe ich wieder mehr Zeit, um mich dem Aufbau meines eigenen Musikprojekts und meiner zweiten Beschäftigung, dem Booking für andere KünstlerInnen, zu widmen.

Ich bin sehr froh, selbständig zu sein und mir meine Arbeitszeit frei einteilen zu können, da ich nicht so gerne früh aufstehe und den Tag lieber langsam angehe. Auch das gemeinsame Frühstück mit meinem Partner ist mir sehr wichtig. Er ist ebenfalls in der Musikbranche tätig, und wir nutzen diese Zeit, um uns über unser Musikschaffen und Dinge, die mit unseren Berufen zusammenhängen, auszutauschen.

Am Vormittag erledige ich meist Administratives bzw. die angefallene Büroarbeit. Dies beinhaltet die Kommunikation mit VeranstalterInnen, das Sammeln und Weiterleiten von Infos zu ausgemachten Konzerten, Social Media, Buchhaltung und im Moment auch das Stellen von Förderanträgen. Die Nachmittage sind immer unterschiedlich, mal arbeite ich weiter am Computer, mal probe ich oder bin im Studio zum Schreiben, Aufnehmen oder Mixing. Manchmal treffe ich andere MusikerInnen, mit denen ich zusammenarbeite, um zu besprechen und zu planen, oder ich habe irgendwelche Erledigungen zu tätigen. Am Abend gehe ich – seit es wieder möglich ist – auf Konzerte oder treffe FreundInnen. Wenn ich zuhause bin, koche ich und singe dabei zu Musik, die mir gefällt. Das ist meine liebste Art zu üben. Manchmal spiele ich auch ein wenig Klavier, oder ich setze mich nochmal vor den Computer, um zusätzlich Angefallenes abzuarbeiten. Songtexte schreibe ich auch am liebsten am Abend. Wenn alles erledigt ist, was ich mir vorgenommen habe, schaue ich noch eine Folge einer Serie oder einen Film.

Ines Dallaji, Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Bezug auf negative Umstände und Entwicklungen, die uns alle betreffen, etwa die Pandemie und die Folgen des Klimawandels, ist es meiner Meinung nach wichtig, den Dialog zu suchen und zu versuchen, sich konstruktiv auszutauschen und gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Dazu gehört vor allem, die Ängste, Sorgen und Bedenken anderer Menschen ernst zu nehmen und zu versuchen, eventuell vorhandene Informationslücken auf Augenhöhe zu schließen, auch von staatlicher Seite. Das ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, aber vielleicht lässt es sich dadurch über kurz oder lang verhindern, dass sich gesellschaftliche Gräben noch weiter vertiefen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Mich persönlich würde es freuen, wenn der Aufbruch/Neubeginn positive Folgen für Mensch, Tier und Umwelt hätte. Es wäre schön, wenn die Entwicklungen, mit denen wir uns im Moment konfrontiert sehen, dazu führen, dass wir Dinge wie unseren Umgang mit unserem Planeten, unser Konsumverhalten und unsere Ernährung überdenken und idealerweise ändern. Auch sozial und zwischenmenschlich gibt es auf vielen Ebenen Handlungs- und Besserungsbedarf. Ich fürchte jedoch, dass im Moment noch zu langsam agiert wird und (schlechte) Gewohnheiten nur schwer über Bord geworfen werden.

Wie die Musik, oder die Kunst im Allgemeinen, auf einen Aufbruch oder soziale und ökologische Probleme bzw. Entwicklungen reagieren soll, lässt sich nicht verallgemeinern und liegt in der Entscheidung jedes Künstlers/jeder Künstlerin selbst. Ich verarbeite in meinen Liedtexten vorwiegend Themen und Erfahrungen, die mich persönlich betreffen oder betroffen haben. Da ich als Musikerin mit meinem eigenen Projekt aber noch ganz am Beginn stehe, bin ich noch nicht sicher, ob und auf welche Weise ich auch gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen möchte. Letztlich ist alles auch eine Frage der Reichweite.

Was liest Du derzeit?

„Memoiren – Ein Interview gegen mich selbst“ von Franz Schuh und „In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“ von Martin Peichl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was mich zurzeit in meiner Entscheidung bekräftigt, eigene Musik zu schreiben und aufzunehmen, und mir den Druck nimmt, jemanden Bestimmten oder etwas Bestimmtes damit erreichen zu müssen, ist folgendes Zitat von Frank Zappa:

„My desires are simple: All I want to do is get a good performance and a good recording of everything that I ever wrote, so I can hear it. And if anybody else wants to hear it, that’s great too. Sounds easy, but it’s really hard to do.“

Ich hatte sehr mit der Vorstellung zu kämpfen, als Mensch sowie als Musikerin nur dann etwas wert zu sein, wenn ich perfekt und fehlerfrei bin. Deshalb habe ich mich lange nicht getraut, mich als Sängerin zu bezeichnen und als Künstlerin zu positionieren. Mittlerweile hilft es mir, wenn ich mir sage, dass niemand perfekt ist bzw. sein muss, und ich lerne, mich von Misserfolgen nicht mehr aus der Bahn werfen oder an einem Vorhaben hindern zu lassen, denn ohne Fehler keine Entwicklung.

Ines Dallaji, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Ines, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ines Dallaji, Sängerin

Alle Fotos_Matthias_Ledwinka

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ingeborg Bachmann ist ein Schutzschirm“ Melamar_Schriftstellerin _ Romanjubiläum Malina_Wien 5.8.2021

Melamar_Schriftstellerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

Ich begann sehr früh zu schreiben, als Teenager. Ich notierte damals schon meine Gedanken in Notizhefte, die ich immer mit mir herum trug und in der Schule kritzelte ich Gedichte ins Mathematikbuch, anstatt dem Unterricht zu folgen (lacht).

Das Schreiben ging wie von selbst. Ich schrieb auch auf Wände, eine Art Graffiti.

Mein Ding war immer das Wort, die Literatur. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen war mir aber stets wichtig, etwa mit Musiker*innen.

Ich war schon in der Kindheit an Sprache, dem Sprachspiel, wie auch an der Vielfalt von Sprachen interessiert. Wenn ich andere Sprachen gehört habe, habe ich immer die Ohren gespitzt und war neugierig (lacht).

Ich bin in Kärnten aufgewachsen und da hatte ich auch slowenischsprachige Mitschüler*innen. Ich war entsetzt, dass manche von ihnen ihre Mehrsprachigkeit auf Geheiß der Eltern geheim hielten – „Psst, sag´ das ja nicht weiter!“ Ich konnte das als Kind überhaupt nicht verstehen. Für mich war das immer ein Schatz, wenn jemand mehr als eine Sprache beherrschte. Es ist sehr schlimm, wenn sich Menschen für eine Sprache schämen müssen.

Das Thema Kindheit kommt jetzt vermehrt in meinen Texten vor. Lange Zeit war dies nicht der Fall. Jetzt treten Kindheitserinnerungen und Reflexionen mehr künstlerisch zutage.

Ich bin in Wolfsberg, Kärnten, aufgewachsen, da lebt man zwischen Klagenfurt und Graz. Ich wusste aber schon früh, dass ich nach Wien wollte. Wien war ein Sehnsuchtsort für mich. Eine erste Begegnung gab es dann mit vierzehn auf der schulischen Wienwoche.

Ich bin ein Mensch, der sich gerne bewegt, der gerne weiterzieht aber auch gerne zurückkommt.

Orte haben ihre eigene Energie.

Wien kommt sehr viel in meinen Texten vor. Das war auch bei meinem letzten Roman „Bukurìe“ ein Thema im Lektorat – „Das ist ja nicht wichtig ob die Person bei der Josefstädterstraße aussteigt“, „Doch, es ist wichtig“, sagte ich. Ich bestand dann auf den Wiener Straßennamen im Text. Dieses Lokalkolorit habe ich sehr verteidigt, weil es sich nicht nur um Namen handelt, sondern diese eine Bedeutung haben.

Im Roman „Bukurìe“ ist das Thema Identität zentral und es kommen der 8., 16. und der 11. Bezirk Wiens als Schauplätze vor. Da spielt auch die soziale Buntheit einer Stadt eine Rolle, die verschiedenen urbanen Lebenswelten und auch deren Grenzen. Etwa die Bezirksgrenzen, der Sprung über den „Gürtel“ (Anm: der Gürtel ist eine Hauptverkehrsader Wiens um den Stadtkern).

Die Einflüsse im Schreiben sind schwer festzumachen, weil einen alles, was gefällt, beeinflusst. Da ich in Kärnten aufgewachsen bin, waren Ingeborg Bachmann und Christine Lavant allgegenwärtig. Ich bin da sehr dankbar.

Ich wurde einmal in einem Interview gefragt ob es nicht schwierig war, als Frau zu schreiben und man mir nicht vielleicht suggeriert hätte „Schreiben ist Männersache“. Das war für mich nie ein Thema, weil es eben so starke Frauen in der Literatur wie Bachmann und Lavant von meiner Kindheit an gab. Ich war da gleichsam unter ihrem Schutzschirm (lacht).

Ein ganz starker Impuls der Poesie war für mich mit fünfzehn Jahren Erich Fried. Dann fiel mir etwa im „Wühlkistl“ einer Buchhandlung ein Charles Bukowski Gedichtband in die Hände. Und als ich diesen aufschlug, war da ein Gedicht über das „Sch….“. Ich dachte, wow, darüber kann man auch schreiben. Das kannte ich vom Schulunterricht noch nicht (lacht).

Das Interesse für Poesie war auch immer mit Musik verbunden. Ich hörte sehr gerne die DOORS und habe dann auch die zweisprachigen Poesiebände von Jim Morrison, dem Sänger der Band, gelesen, der ja auch die Songtexte schrieb. Ich habe in Paris vor ein paar Jahren das Grab Jim Morrisons im Père Lachaise Friedhof besucht. Ich kannte es von Fotos her als ein sehr buntes, mit Blumen und Graffitis geschmücktes Grab. Zu meinem Entsetzen fand ich es grau und unscheinbar vor, unzugänglich hinter einer Absperrung. Offenbar hatte man den Stein mit einem Sandstrahler „gereinigt“, sehr traurig sah das aus. Ich sprach mit einer Reiseleiterin vor Ort, die sagte, dass sich andere Besucher von diesem bunten Grab in ihrer Trauer gestört gefühlt hatten und auch von den Jim Morrison Fans und ihrer unkonventionellen Art zu gedenken.

In der Prosa hat mich in meiner Jugend „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse sehr begeistert. Ich kannte ganze Kapitel auswendig.

Zu Ingeborg Bachmann kam ich erst in späteren Jahren. Das wäre mir wohl mit fünfzehn Jahren noch zu schwierig gewesen. Es braucht ja auch eine Zeit, bis gewisse Inhalte verstanden werden können.

Ein laufender künstlerischer Schwerpunkt ist jetzt mein Projekt „Poetisiaka“, das sind Gedichte, Aphorismen, Kurzprosa. Derzeit steht auch ein multimediales Kunstprojekt namens „Bäume aus Licht“ im Fokus. Das ist ein Text-, Foto-, Musikprojekt zum Thema Bäume. Da arbeite ich mit dem Musiker Herbert Lacina zusammen, der in der Wiener Improvisationsszene sehr bekannt und aktiv ist.

Ich bin mit der Natur aufgewachsen und schätze auch in Wien die Nähe zur Natur sehr.

Gesellschaftlich gesehen, war zur Zeit des Romans Malina in den 1960er, beginnenden 1970er Jahren, der Mann ja noch das offizielle Familienoberhaupt. Er konnte etwa den Job seiner Frau kündigen. Da hat sich glücklicherweise doch einiges verändert. Eine völlige Gleichstellung ist leider bis heute nicht erreicht. Es gibt noch immer einen beachtlichen Gender-Pay-Gap.

Frauen waren jetzt in der Coronazeit tendenziell stärker belastet als Männer, da traten diese Ungleichheiten massiv zutage. 

Die Geschichte des Patriarchats ist eine jahrtausendelange. Das lässt sich nicht einfach von einer Generation auf die andere überwinden. Das liegt auf der Hand und heißt auch, dass wir wachsam sein müssen und Errungenschaften, die wir erreicht haben, verteidigen.

Wir machen zwei Schritte nach vorn und einen zurück in der Frage nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Dabei geht es nicht darum, dem Mann etwas wegzunehmen. Es geht einfach um Fairness.

Von sozialer Gerechtigkeit profitiert die ganz Gesellschaft. Es geht nicht darum, nur ein Stück vom Kuchen zu reichen.

Meine gesellschaftlichen Wahlmöglichkeiten sind mit jenen meiner Mutter und Großmutter nicht zu vergleichen. Ich bin froh, jetzt gewisse Freiheiten zu haben, im individuellen Lebensstil und auch in Bezug auf Partnerschaften. Dies wäre vor Jahrzehnten nicht möglich gewesen. Da war es ja eine Verpflichtung zu heiraten und Kinder zu haben. Die Fragen waren nur, wann und wen. Die Frage nach dem ob überhaupt stellte sich ja nur, wenn man ins Kloster ging. Das war für viele Frauen die einzige Alternative.

Diese alte Mentalität der traditionellen weiblichen Rollenbilder ist aber nach wie vor sehr lebendig. Da gibt es natürlich Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Ich war vor kurzem wieder in Rumänien. Da ist die Rollenzuschreibung für eine Frau sehr stark. Wenn du in ein Schuhgeschäft gehst, dreht sich  der Smalltalk mit der Verkäuferin gleich um Ehe und Kinder. Da kommt man schnell in eine Rechtfertigungsposition. Das erlebe ich zum Glück in Wien nicht so. Hier sind die Menschen ein wenig diskreter. 

Ingeborg Bachmann ist eine Pionierin in vielem, in diesem großen Spannungsfeld, in dem sie gelebt hat und in dem wir auch heute leben. Malina ist da ein sehr lebendiger wie kritischer Impuls, auch nach 50 Jahren.

Melamar_Schriftstellerin _
Romanschauplatz Malina_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Melamar_Schriftstellerin_Wien _

melamar (melamarpoetry.blogspot.com)

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_8_2020.

https://literaturoutdoors.com

„Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen“ Sibylle Helbich, Schriftstellerin _Bochum 5.8.2021

Liebe Sibylle, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich derzeit Ferien habe und meine Kinder verreist sind, ist da wenig Ablauf in meinem Tag. Heute bin ich nach dem Frühstück zum Schwimmbad geradelt, ein paar Bahnen geschwommen, kam dann sehr wach wieder nach Hause und habe versucht, aus dieser Wachheit mein tägliches Gedicht zu machen.

Ist mir nicht gelungen. Wahrscheinlich ist der Ansatz schon falsch. Aber darum geht es auch nicht. Immerhin gefiel das Ganze dem Rücken.

Den Rest des Tages werde ich später planen. Oder gar nicht.

Diese Ferien fühlen sich aus den bekannten Gründen für Lehrer, die gleichzeitig auch Eltern sind, eher wie eine Rehabilitation an als alles andere… und ich brauche noch ein wenig.

Sibylle Helbich, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Humor und Empathie.

Man muss sich das vorstellen: wir leben mitten in einer Pandemie, dazu sind hier ganz in der Nähe gerade ganze Dörfer kleinsten Bächen zum Opfer gefallen… ich brauche nicht aufzählen, was sonst noch alles ansteht… und was machen wir: wir fliegen mitten in dem ganzen Schlamassel irgendwo in die Sonne, wo wir das Handy vor ebenjene halten, weil man sonst so schlecht sehen kann, ob man gerade einen Rechtschreibfehler bei der Belehrung eines fremden Menschen auf den sozialen Netzwerken gemacht hat. Denn das wäre ja peinlich.

Das ist natürlich nichts Neues, ich wünschte mir nur einfach, dass jetzt gerade die Zeit wäre, in der wir so viel wie möglich gemeinsam lachten. Uns freuten, einander wieder zu haben. Unangemessen laut und dreckig lachend von mir aus. Gern über schlechte Witze, über taktlose, grenzüberschreitende, flache, dumme… einfach über alle Witze, die zum Lachen bringen. Denn nichts ist so verbindend, wie gemeinsames Lachen… und nichts brauchen wir gerade so sehr, wie das Gefühl von Verbundenheit. Das sollten wir doch eigentlich im Lockdown bemerkt haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, eine sehr unbequeme.

Es gilt gerade, ein paar festgefahrene Strukturen zu zerbrechen. Vieles, das längst überholt ist, wurde in den letzten Monaten unter eine riesige Lupe gelegt. Angefangen beim System Schule, über die Prioritäten, die diese Gesellschaft vor langer Zeit gesetzt hat und die uns jetzt nicht mehr weiter bringen, bis zu der Wahrnehmung in jedem Einzelnen, dass das eigene Handeln für alle Relevanz hat.

Und mit unbequem meine ich nicht, dass wir alle voreinander stehen sollten, und uns mit dem Rohrstock auf die Finger hauen, wenn wir einmal einen Fehler gemacht haben, oder ein falsches Wort sagen. Das war didaktisch noch nie die beste Idee.

Mit unbequem meine ich, dass jeder in Bewegung gerät und andere mitreißt. Dass wir gemeinsam kreativ werden, ganz gleich, ob wir uns Künstler, oder Pädagogen oder Baggerfahrer nennen. Letztere waren die ersten, die in den Hochwassergebieten kreativ wurden. Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen. Und natürlich kann die Kunst da einen großen Beitrag leisten. Genau das ist ja Kunst. Ein bisschen weniger nur um sich selbst zu kreisen täte ihr dabei gut.

Was liest Du derzeit?

Vieles. Ich muss gerade mal wieder meine Zelte abbrechen und meine Bücher in Kisten verstauen. Da bleibt man einfach oft hängen, liest neu, bildet diese kleine „unbedingt bald“-Ecke, wo erst zwei Bücher liegen und dann plötzlich ein Turm steht. Dann mehrere.

Zuletzt habe ich André Gorz’ „Brief an D“ erneut gelesen. Wunderschön, immer wieder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

The idea that you have to be protected from any kind of uncomfortable emotion is what I absolutely do not subscribe to.

John Cleese

Vielen Dank für das Interview liebe Sibylle, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sibylle Helbich_Schriftstellerin

Foto_privat.

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen“ Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin, München _4.8.2021

Liebe Lalena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache grundsätzlich ohne Wecker auf, frühmorgens.

Ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach, bei einer Tasse Kaffee genieße ich den Tagesbeginn, meine liebste Zeit. Leise und unberührt, alles noch vor mir. Oftmals gehe ich joggen, nur wenigen Menschen begegne ich, Sportler, Hundebesitzer, der Fluss, die Isar bestimmt meinen Lauf.

Nach dem Frühstück radle ich am Fluss entlang zu der Buchhandlung, in der ich angestellt bin.

Dort ist das Gegenteil von leise und unberührt. 2500qm in zentraler Lage, da kann es schon leicht mal hektisch werden.

Ich liebe das Unvorhergesehene, liebe den Kontakt mit Menschen, die, wenn alles glücklich läuft, intensiven Gespräche über Bücher, das Zack Zack und freundlich an den Kassen und ebenso die alten Herrschaften, die Hilfe mit ihren Lesegeräten brauchen und nicht zu vergessen, ich liebe die herrlichen Gerüche nach Espresso und Zimt aus unserem Kaffee, die den ansonsten eher kühl gehaltenen Laden durchdringen.

Etwas benommen komme ich am Abend zurück in meine kleine Altbauwohnung, wenn ich mich nicht noch in der Stadt mit Freunden verabrede. Zuhause gehören meine freien Stunden den Büchern und mir selbst. Ich lese, mache mir Notizen, höre Musik, lasse meinen Gedanken freien Lauf.

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Gedichte drängen sich mir immer unvermutet auf, die schreibe ich sofort in mein Smartphone, Zeilen, Abschnitte oder auch ganze Texte in einem Rutsch. Das kann überall passieren und jederzeit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann unmöglich für andere sprechen, denn jeder geht mit dieser Krise anders um und das steht jedem genauso zu.

Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für uns alle erscheint es mir wichtig, uns weiterzubewegen und nicht vor weitreichenden Entscheidungen zurückzuscheuen.

Eine Krise bringt Veränderungen mit sich. Manches erscheint negativ, anderes positiv. Arrangieren wir uns und bleiben dennoch wachsam. Wir sollten bereit sein für die Chancen und Risiken.

Wir sollten keine Angst vor der Zukunft haben, ganz andere Herausforderungen haben doch schon Generationen vor uns gelebt.

Was liest Du derzeit?

Dreierlei, ich lese selten nur ein Buch…

1.Ganz und gar wunderbar, erhellend und klug:

Igor Levitt und Florian Zinnecker „Hauskonzert“,

2.Anne von Canal und Heikko Deutschmann „I get a bird“ (erscheint Ende August)

ein Briefroman-Experiment, in dem sich die Schriftsteller im Namen ihrer Protagonisten 2 Jahre lang, ohne weitere Absprachen, Briefe schreiben, faszinierend!

3. Francesco Petrarcas „Canzoniere“ – das Erstaunliche ist, wie unvergänglich die großen Themen der Menschheit sind, in diesem Falle die Liebe. Unvergänglich bedeutet auch, sie verlieren niemals an Aktualität. Im 14. Jahrhundert war die Nutzung der Sprache anders, die Themen waren aber dieselben. Die Sprache hat Zeit und ist aufwendig, es lohnt sich in jedem Fall, sich davon forttragen zu lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir reisen herum wie wandernde Bettler

wie reiche Leute wie Aristokraten

wir sind die neuen Proletarier

wir sind die neuen Rebellen

wir sind die neuen Helden

wir sind die neuen Idioten

wir sind die neuen Bettler

wir sind die neuen Armen

wir sind die neuen Träumer

wir sind die neuen Politiker

wir sind die neuen Clowns

auf Facebook und im Radio

und im Fernsehen in den Zeitschriften und den Reklamekampagnen für uns selbst.

Wir sind es die die Wahrheit sagen

Über den Zustand und die Zukunft des Landes

Über Flüchtlinge über Kriege

Über Klimakrisen und Großpolitik

Über Feminismus über bedrohte Tierarten

Flutkatastrophen den mittleren Osten Ölförderung

Muslime Kapitalismus Religion

Über Philosophie Kunst und Literatur

wir sind es

wir sind die neuen Schriftsteller.“

Aus Tomas Espedal „Das Jahr“

Vielen Dank für das Interview liebe Lalena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich bedanke mich für die Denkanstöße

5 Fragen an Künstler*innen:

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Foto_privat

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst hat immer dafür gesorgt, dass Menschen träumen“ Alexander Bruckner, Regisseur_ Los Angeles/USA 4.8.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hallo & vielen lieben Dank für die Interview Einladung.

Zur Zeit arbeite ich bei der ORF Krimi Serie „Soko Linz“ als Assistent der Set Aufnahmeleitung.

Nach Drehschluss verbringe ich noch einige Zeit damit, E-Mails bezüglich dem von mir gegründeten Festival (https://www.viennainternationalfilmawards.com) zu beantworten und überarbeite mein Drehbuch (Spielfilm).

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aktiv bleiben, Zusammenhalt, Zukunftsvisionen und gesund bleiben.

The Passenger_2020_Alexander Bruckner_director, producer

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Nach der schwierigen Zeit mit der Pandemie ist es für uns alle wichtig, klare Ziele zu definieren, festzulegen wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Das wichtige Thema des Naturschutzes sollte wieder vermehrt in den Vordergrund rücken. Wir als Künstler sollten dazu beitragen, die Gesellschaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten, als auch diverse Lösungsoptionen anzubieten. Kunst hat immer dafür gesorgt, dass Menschen träumen, wir brauchen zur Zeit definitiv Träume, und auch die Energie diese Träume in Wirklichkeit umzusetzen.

Was liest Du derzeit?

Ein Drehbuch zu einem FernsehFilm, an dem ich demnächst in der Funktion der ersten Aufnahmeleitung arbeiten werde.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Live Free. Live Film.

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alexander Bruckner_Regisseur, Produzent _ Los Angeles_Wien

Alle Fotos_Alexander Bruckner

2.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Kunst soll die Menschen auch wieder aus dem Alltag abholen“ Anna Zöch, Schauspielerin_ Wien 3.8.2021

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So unstrukturiert wie schon lange nicht mehr! (lacht) Eine Angewohnheit, die sich im Sommer- meiner Lieblingsjahreszeit – aber einfach nicht verhindern lässt. Das Einzige, das ich immer brauche, ist ein ruhiger Morgen mit ausgeprägtem Frühstück. Danach bekommen meine vielen Pflanzen und Kräuter am Balkon und in der Wohnung einen Check.

Ich versuche während der Woche so viel Bürokratisches wie nur möglich abzuarbeiten, um die Wochenenden für Kurzurlaube in Österreich mit Freunden und Familie freizuhaben. Generell werden bei mir vormittags Homeoffice-Tätigkeiten wie zB Mails, Bewerbungen, Zoomcalls, Recherchen etc. sowie der Haushalt erledigt. An heißen Tagen wie heute schnappe ich mir dann ab Nachmittag mein Rad und fahre auf die Donauinsel um mich abzukühlen – nachdem ich mich bei den Public Moves vom Impulstanzfestival ausgepowert habe. Zusätzlich schaue ich darauf, dass ich mich mit regelmäßigem Laufen und Home-Workouts fit halte.

Wenn spontan Engagements oder Castings reinkommen, sieht mein Alltag natürlich wieder vollkommen anders aus und er wird voll und ganz danach angepasst. Aber auch das liebe ich, denn so bleiben meine Tage immer frisch und lebendig.

Anna Zöch, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt – in welcher Form auch immer! Zusammenhalten und gemeinsam durchgehen. Keine Angst oder Scheu haben um nach Hilfe zu fragen, auch mal jemanden an der Hand nehmen und eine andere Perspektive zeigen. Ich glaube immer daran, dass man in der Gruppe viel mehr schaffen kann als alleine!

Und natürlich rausgehen und erleben! Ich spüre enorm, wie glücklich viele Menschen in meinem Umfeld an der wieder erlebbaren Freiheit sind und regelrecht aufblühen. Das ist sehr schön zu sehen und gibt mir selbst viel Energie!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, es ist gerade jetzt wahnsinnig wichtig einen guten Ausgleich zwischen Reflexion und Ablenkung in allen künstlerischen Medien zu schaffen. Einerseits müssen wir die Erfahrungen der Pandemie kritisch anfassen und aufarbeiten. Da darf nicht weggesehen werden, nur weil die Menschen die Corona-Themen satt haben. Wie haben wir uns als Menschen weiterentwickelt, was hat die Isolation mit uns, unseren Beziehungen und unseren Bedürfnissen gemacht? All das gibt genug Stoff für einen guten Film oder ein neues Theaterstück.

Auf der anderen Seite soll die Kunst die Menschen auch wieder aus dem Alltag abholen, sie ablenken, ihnen Unterhaltung und einfach große Freude schenken. Das würde ich mir für die nächsten Spielpläne wirklich sehr wünschen.

Dennoch gibt es noch sehr viele andere Themen, mit denen die Welt (aktiv) zu kämpfen und die Covid bisher in den Schatten gestellt hat. Vielleicht sollten wir endlich anfangen die Klimakatastrophe, vor allem politisch aber auch künstlerisch, zu thematisieren und in den Vordergrund zu stellen!

Persönliche merke ich, dass ich noch viel weniger Ressourcen zum Leben brauche als schon vor der Pandemie. Ich habe noch nie so extrem gespürt was mir wirklich wichtig ist im Leben, woher ich meine Energie schöpfe, was ich brauche und wonach ich strebe. Ich habe mich in dieser Zeit viel besser kennengelernt.

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Nachttisch stapeln sich derzeit die Bücher „The Moment of Lift“ – Melinda Gates, „Hamster im hinteren Stromgebiet“ – Joachim Meyerhoff und „Adult Children of Alcoholics“ – Janet G. Woititz, die hoffentlich alle so bald als möglich verschlungen werden. Ich bin leider keine durchgehende Leseratte. Ich brauche dafür meine Zeit und Ruhe, um in die Bücher auch wirklich eintauchen und sie genießen zu können.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat, welches mich persönlich immer motiviert:

„If people aren‘t laughing at your dreams, then they aren‘t big enough!“

Anna Zöch, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anna Zöch, Schauspielerin

Anna Zöch – Schauspielerin (annazoech.com)

Alle Fotos_David Schermann

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen“ Tanja Raich, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 3.8.2021

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

Wien ist meine Wahlstadt. Ich habe mich spätestens in diese Stadt verliebt als ich den Lesesaal der Haupt-Universität gesehen habe (lacht). Für mich war klar, dass ich hier leben möchte und nirgendwo anders.

Orte sind gerade beim Schreiben sehr wichtig für mich. Ich kann eigentlich nur in der Natur schreiben. Ein Ort macht etwas auf oder er schließt etwas. 

Je nachdem, wo ich schreibe, schreibe ich dann andere Texte. In meinem aktuellen Roman (Anm: „Jesolo“ Tanja Raich, Roman, 2019) spielt der Ort eine wesentliche Rolle. Ein Satz und eine Atmosphäre sind für mich der Beginn einer Geschichte, dann kommt der Ort dazu. Oder dieser ist schon gleichzeitig da. Was zuerst da ist, ist oft schwer zu sagen.

In meinem Roman „Jesolo“ war im ersten Satz „Wir liegen am Strand in Jesolo“ schon das „Wir“ da, die Passivität der beiden und der Ort, der auch metaphorisch für die Beziehung und das Leben, das sie führen, steht. Da war der Ort sehr zentral. Auch bei meinem nächsten Roman wird es so sein. Da wird eine Insel eine große Rolle spielen.

Beim Roman „Jesolo“ habe ich aus der persönlichen Erinnerung der Kindheit geschöpft. Aber natürlich auch von ähnlichen Orten. Ich hatte einen Schreibaufenthalt in Rom, es war so heiß, dass ich am Lido di Ostia geschrieben habe. Dort habe ich den Anfang des Romans geschrieben, die Strandszenen in vielen Details aufgenommen.

Beim aktuellem Romanprojekt habe ich einen Ort gesucht, der zum Roman passt und bin dann auf Sri Lanka gestoßen. Da habe ich sehr viel Inspiration vor Ort mitgenommen. Die Idee zum Roman kam aber nicht in Sri Lanka, sondern in Indien, und ich habe erst nachher überlegt, wo ich hinfahren könnte, welcher Ort mir noch etwas eröffnen könnte für den Roman. 

In meinem neuen Roman geht es auch viel um Licht und Schatten. Wie es ja  jetzt gerade hier im Innenhof zu sehen, spüren ist (lacht). (Anm: es wechseln Regen und Sonne und dessen Lichtspiel während des Interviews im Hof des Romanschauplatzes).

Beim Schreiben rufe ich Orte, Bilder aus der Erinnerung auf, das kann ein Blatt sein, das ich in Sri Lanka gesehen habe, oder das Rauschen der Blätter, das ich in einem Wiener Park beobachtet habe, ich arbeite das dann ein, aber es wird zu einem fiktiven literarischen Ort, in dem sich mehrere Ebenen, mehrere Zeiten, Orte, Realitäten miteinander verbinden.

Ich liebe es neue Orte zu entdecken. Für den Roman „Jesolo“ hatte ich das Glück öfters in Italien sein zu dürfen, insgesamt drei Monate habe ich in Paliano und Rom gelebt und geschrieben. Gerade Paliano ist ein Ort, ein Leben, das ich so nicht gekannt habe. Ich hatte ein ganzes Haus für mich, mit einem weiten Blick auf die Felder des Römer Hinterlands. In Rom bin ich nachts zum Forum Romanum spaziert und ich habe es sehr genossen, frei und ungebunden zu sein. Ich hatte viel Raum, um über mein Schreiben, meine Figuren nachzudenken, das war sicher die wichtigste Zeit, die mein Schreiben maßgeblich geprägt hat.

Wir sind auch 50 Jahre nach Malina in vielen Dingen gesellschaftlich stehengeblieben. Es gibt zwar gleichberechtigte Paare, aber das ist nicht die Norm. Es gibt noch diese traditionellen Rollenbilder und man wird schnell in diese hineingedrängt. Das hat einerseits mit Erwartungen der Gesellschaft, mit eigenen Erwartungen bzw. Erziehung, aber auch mit Strukturen zu tun. Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir uns vollständig davon entfernt haben. Auch in der Literatur.

Ingeborg Bachmann war damals eine der wenigen Frauen, die geschrieben haben. Das hat sich heute verändert. Es gibt sehr viele Frauen, die publizieren und auch besprochen werden. Aber ich glaube, dass sie es nach vor schwerer haben, sich zu etablieren und wahrgenommen zu werden. Es sind dann doch die „großen“, „intellektuellen“ Autoren, die besprochen werden und größere Aufmerksamkeit bekommen, mehr Besprechungen, mehr Platz im Feuilleton, die auch gerne als Genies gehandelt werden. Frauen werden hingegen oft als „junge Wunder“ (wenigstens nicht mehr Fräuleinwunder) tituliert, verschwinden aber schnell wieder von der Bildfläche nach ein, zwei Büchern. Dies ist mein Eindruck.

Bei Autorinnen heißt es dann auch oft, dass sie sich mit „kleinen Themen“ auseinandersetzen, Alltäglichem, Beziehungen, Mutterschaft, während sich die Autoren mit den „großen Themen“ unserer Zeit auseinandersetzen. Alles, was mit dem Privaten zu tun hat, wird als „klein“ und „unwichtig“ gehandelt, das spiegelt sich dann auch in den Besprechungen wider.

In „Jesolo“ geht es um Rollenzuschreibungen und um Lebensentscheidungen, Lebensentwürfe. Es geht auch darum, wie wir mit Zuschreibungen von außen umgehen. Etwa in Bezug auf die Kinderfrage, mit denen doch hauptsächlich Frauen konfrontiert sind. Eine Frau wird erst dann als „vollständig“ gesehen, sobald sie ein Kind hat. Die Gesellschaft muss sich endlich davon lösen.

In „Malina“ ist die Protagonistin genauso mit Fragen der Freiheit und Lebensentscheidungen konfrontiert. Malina und Ivan sind besitzergreifend, drängen auch sie in ihre Rolle als Frau, haben Erwartungen, wie sie zu sein hat, wie sie sich zu verhalten hat. Da gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu „Jesolo“. Georg drängt meine Protagonistin in ein Leben, das sie so nie führen wollte. In Träumen sucht sie nach Auswegen, denkt immer wieder daran auszubrechen, aber sie schafft es nicht. Bei Bachmann endet der Roman schließlich mit dem  Verschwinden in der Mauer und auch in Jesolo ist es ein „Untergehen“. Es ist ein ähnliches Ende. Eine Resignation.

Das Schöne 50 Jahre nach Malina ist, dass es eigentlich im Männerselbstbild alles gibt: im Positiven wie im Negativen. Es gibt Männer, die Feministen sind, ihr eigenes Rollenbild hinterfragen, und Männer, die noch in klassischen Rollenbildern feststecken, mit Kindererziehung wenig am Hut haben wollen und es selbstverständlich finden, dass die Frau sich um Kind und Haushalt kümmert. Jede Frau muss da sehen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten kann, das sie gerne möchte. Darum geht es, die Möglichkeit zu haben, zu entscheiden als Frau.

Ich denke, man kann als Frau sehr viel erreichen und leben, da hat sich in 50 Jahren sehr viel verändert. Allerdings ist der Moment der Schwangerschaft mit Sicherheit ein Dreh- und Angelpunkt in der Partnerschaft. Oft bleiben dann die wirklich wichtigen Dinge, die Organisation des Lebens, doch bei der Frau hängen, weil der Mann doch nicht in Karenz gehen kann/will, weil er doch mehr verdient, etc. Es ist leider oft ein Scheitern ursprünglicher partnerschaftlicher Vereinbarungen. Die Frauen sind dann zwei-, dreifachbelastend, das war jetzt in der Pandemie ja besonders markant. Homeoffice, Homeschooling und Haushalt. Es fehlen da auch die Strukturen, die von der Politik geschaffen werden müssten. Da ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Ich denke, es kommt in diesen Herausforderungen des partnerschaftlichen Lebens dann zu jenen Kriegen, kleinen Kriegen, von denen Bachmann spricht. Hier stellt sich durchaus die Frage: „Wer verzichtet auf seine Karriere“? Frauen gehen oft in Teilzeit, stecken zurück, geben klein bei. Männer verzichten selten auf ihre Karriere. Manchmal kommt es dann zu einem größeren Krieg und im schlimmsten Fall zur Trennung, die dann in manchen Fällen die Gleichberechtigung möglich macht, die vorher nicht möglich war.

Heute sind Frauen selbstbewusster und vieles ist selbstverständlicher im alltäglichen Leben geworden. „Was, du malst zu Hause deine Wände aus? Macht das nicht der Mann?“, fragt etwa meine Großmutter. Oder „Du bügelst nicht die Hemden von deinem Partner?“ Das sind dann Irritationen bei meiner Großmutter, weil ich das nicht bzw. selbst mache (lacht). Meine Urgroßmutter hat noch zu Hause in einer geblümten Schürze Gulasch gekocht und Apfelstrudel gebacken den ganzen Tag. Das mache ich jetzt nicht mehr (lacht). Einiges hat sich schon zum Positiven verändert. Lebensrealitäten in Partnerschaften gibt es natürlich wie Sand am Meer. Da ist Ebbe und Flut und viel dazwischen.

Ich denke, es wird heute mehr diskutiert in Partnerschaften, versucht zu verändern. Im schlimmsten Fall wird die Flinte ins Korn geworfen. Heutzutage ist es üblicher auszubrechen und in die nächste Beziehung zu wechseln. In meiner Großeltern-Generation war man verheiratet und das war`s. Da hat man sich nicht scheiden lassen. Das waren nur wenige Außenseiterinnen, die das gemacht haben.

Bei Ingeborg Bachmann spiegelt sich die Persönlichkeit der Figur in Ivan und Malina, zwei verschiedene Lebensmodelle, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Das ist auch in meinem Roman so. Man kann in Freiheitsgedanken schwelgen und das biederste Leben führen. Aber vermutlich zerbricht man irgendwann an diesen Widersprüchen.

Frauen sind gesellschaftlich von klein auf viel stärker mit Regeln konfrontiert. „Lach` nicht so laut, red` nicht so viel, zieh` dich ordentlich an …“ Jede Frau kann da wohl hundert Dinge aufzählen, die sie als Kind gehört hat. Als Frau versucht man immer zu gefallen, weil es antrainiert wurde. Eine betrunkene Frau etwa gilt als besonders hässlich, schlimm. Bei Männern wird das akzeptiert. Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen und das Gesicht verlieren. Frauen, die nicht dem klassischen Bild entsprechen, werden dann oft abgestraft von öffentlichen Hasskommentatoren und medial durch den Kakao gezogen. Wenn irgendetwas anders ist, wenn eine Frau nicht ihre Rolle erfüllt, dann wird da viel kritisiert.

Je mehr wir uns auf Augenhöhe begegnen, umso fruchtbarer ist dies für eine Beziehung und umso mehr können beide voneinander lernen. Meine Vätergeneration sagt ja, ich habe alles verpasst und von meinem Kind nichts gesehen und sie holen es jetzt als Großväter nach. Gleichberechtigung ist eine große Chance für alle.

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Tanja Raich_Schriftstellerin_Wien _

Tanja Raich | Autorin

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst geht alle an“ Stefan Hölscher, Schriftsteller_ Heidelberg 2.8.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da muss ich zunächst unterscheiden zwischen Stefan Hölscher, dem Autor und Künstler und Stefan Hölscher, dem Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator. Letzterer verdient das Geld. Er zahlt die Zeche, was aber nicht heißt, dass er allein auch die Musik bestimmt.

Gemeinsam ist beiden, dass sie auch in Pandemie und Lockdowns früh aufstehen (gegen 06.00 Uhr), irgendwann am Tag gut eine Stunde Sport (meistens Fitness) machen und auf regelmäßige Mahlzeiten wertlegen. Der Coach SH ist meistens stark mit Businessterminen durchgetaktet, ob nun in Präsenz, wie vor der Pandemie oder online, wie es jetzt deutlich mehr geworden ist. Der Autor und Künstler SH versucht am Tag mindestens zwei, aber auch nicht mehr als vier Stunden maximal zu schreiben und ein paar Stunden zu lesen. Während der Pandemie, als ich so viel zu Hause war wie die letzten 25 Jahre nicht (der Coach SH ist normalerweise ein Vielreisender), hat der Autor und Künstler mehr Zeit eingenommen als der Coach. Das war eine neue Erfahrung für mich. Neu war auch: ganz viel Haushaltsarbeit (ich bin bei uns, zumal ich nicht kochen kann und mag, für die niederen Arbeiten zuständig). Sehr positiv fand ich, dass wir als Familie mal wieder alle vier, meine Frau, unsere zwei Söhne (21 und 19) und ich für längere Zeit tagtäglich zusammen waren. Nicht zu vergessen Eddy, unser Dackel-Zwergpinscher-Mischling, der in der Pandemie extrem viel Zuwendung bekommen hat.  Schön war auch, dass ich meinen Long-Time-Sexpartner (das Wort passt besser als „Lover“), der in der Nähe wohnt, öfter als sonst treffen konnte (wenn auch sicher nicht täglich).  

Stefan Hölscher, Schriftsteller, Managementcoach, Therapeut, Trainer und Moderator.

    

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die großen Themen zu sehen: Rettung der Natur, Rettung des Planeten, Rettung von individueller Freiheit und Menschenwürde, die weniger hierzulande, aber in vielen Staaten immer schamloser bedroht und ausgehöhlt werden… Für solche Dinge konsequent aktiv zu werden und gleichzeitig Spontanität, Lust und Lebensfreude zu bewahren und vielleicht sogar zu steigern! Das scheint mir die Aufgabe von allen zu sein, denen daran gelegen ist, dass das Leben für uns und die, die uns nachfolgen, lebenswert bleibt. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist systemrelevant, auch wenn unsere Politiker*innen während der Pandemie mit allergrößter Deutlichkeit klargemacht haben, dass sie das nicht verstehen, dass sie in einer Weise reduktionistisch denken, die im Zweifel sogar ein hochkomplexes Thema wie Gesundheit in absurder Weise auf eine einzige Zahl reduzieren möchte. Eine direkte Manifestation dieser geistigen Verarmung, die Kunst nur als Sonntagsschönwetterthema sieht, zeigt sich im Kernfeld der Politik selbst, nämlich in dem eklatanten Mangel langfristiger Visionen und dazu passender konsequenter Strategien und Umsetzungen. Politik ist ganz überwiegend ein in der Kurzfristigkeit verfangenes Durchwursteln geworden. Im günstigen Fall hilft uns das über den Tag. Im ungünstigeren, der aber alles andere als unwahrscheinlich ist, nehmen dabei langfristig Demokratie, Freiheit, Gestaltungsspielraum und die Natur als nicht ersetzbare Grundlage unseres Lebens massiven Schaden.

Freiheit, Menschenwürde, Kunst, Verantwortung, Innovationsgeist und Toleranz gehören aufs Engste zusammen. Sie sind der wirtschaftlichen Prosperität nicht nachgeordnet, sondern bilden zusammen mit ihr den Ermöglichungsgrund von Humanität und auch von ökologischem Handeln. Kunst und Literatur sollten sich m.E. wieder viel stärker ins Gesellschaftliche und Politische einmischen. Nicht als elitäre Veranstaltung, sondern mittendrin. Kunst geht alle an. Das heißt auch: sie muss alle angehen (fast hätte ich gesagt: anspringen). Und da sie seit Beginn der Pandemie so stark weggedrängt wurde, glt: jetzt erst recht!

Was liest Du derzeit?

„Meine Leben“, die gerade auf Deutsch erschienene Autobiographie von Edmund White. Ich werde eine Rezension für queer.de und das Signaturen Magazin dazu schreiben.

Außerdem – ich lese immer auch Lyrik – „Hundert Freuden“, Gedichte von Wislawa Szymborska. Und ich überlege aktuell, ob ich mal Michel Foucault lesen sollte. Es gibt da abgesehen davon, dass ich außer Psychologie auch Philosophie studiert und darin auch promoviert habe, viele thematische Affinitäten. Trotzdem habe ich um ihn bisher immer einen Bogen gemacht. Vielleicht hole ich ihn jetzt aber mal aus dem Regal. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Leben ohne Kunst ist wie Kaffee ohne Wasser.

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Berufsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Stefan Hölscher, Schriftsteller

Foto_privat. Dieses Bild wird auf der Coverrückseite des in einigen Wochen erscheinenden neuen Lyrikbands von Stefan Hölscher zu sehen sein: „Ich sehe wirklich keinen Matrosen. Queerfeine Gedichte und weise Sprüche“ Geest-Verlag

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com