„Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen“ Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin, München _4.8.2021

Liebe Lalena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache grundsätzlich ohne Wecker auf, frühmorgens.

Ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach, bei einer Tasse Kaffee genieße ich den Tagesbeginn, meine liebste Zeit. Leise und unberührt, alles noch vor mir. Oftmals gehe ich joggen, nur wenigen Menschen begegne ich, Sportler, Hundebesitzer, der Fluss, die Isar bestimmt meinen Lauf.

Nach dem Frühstück radle ich am Fluss entlang zu der Buchhandlung, in der ich angestellt bin.

Dort ist das Gegenteil von leise und unberührt. 2500qm in zentraler Lage, da kann es schon leicht mal hektisch werden.

Ich liebe das Unvorhergesehene, liebe den Kontakt mit Menschen, die, wenn alles glücklich läuft, intensiven Gespräche über Bücher, das Zack Zack und freundlich an den Kassen und ebenso die alten Herrschaften, die Hilfe mit ihren Lesegeräten brauchen und nicht zu vergessen, ich liebe die herrlichen Gerüche nach Espresso und Zimt aus unserem Kaffee, die den ansonsten eher kühl gehaltenen Laden durchdringen.

Etwas benommen komme ich am Abend zurück in meine kleine Altbauwohnung, wenn ich mich nicht noch in der Stadt mit Freunden verabrede. Zuhause gehören meine freien Stunden den Büchern und mir selbst. Ich lese, mache mir Notizen, höre Musik, lasse meinen Gedanken freien Lauf.

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Gedichte drängen sich mir immer unvermutet auf, die schreibe ich sofort in mein Smartphone, Zeilen, Abschnitte oder auch ganze Texte in einem Rutsch. Das kann überall passieren und jederzeit.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann unmöglich für andere sprechen, denn jeder geht mit dieser Krise anders um und das steht jedem genauso zu.

Ich möchte den Mut nicht verlieren und immer das Schöne erkennen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für uns alle erscheint es mir wichtig, uns weiterzubewegen und nicht vor weitreichenden Entscheidungen zurückzuscheuen.

Eine Krise bringt Veränderungen mit sich. Manches erscheint negativ, anderes positiv. Arrangieren wir uns und bleiben dennoch wachsam. Wir sollten bereit sein für die Chancen und Risiken.

Wir sollten keine Angst vor der Zukunft haben, ganz andere Herausforderungen haben doch schon Generationen vor uns gelebt.

Was liest Du derzeit?

Dreierlei, ich lese selten nur ein Buch…

1.Ganz und gar wunderbar, erhellend und klug:

Igor Levitt und Florian Zinnecker „Hauskonzert“,

2.Anne von Canal und Heikko Deutschmann „I get a bird“ (erscheint Ende August)

ein Briefroman-Experiment, in dem sich die Schriftsteller im Namen ihrer Protagonisten 2 Jahre lang, ohne weitere Absprachen, Briefe schreiben, faszinierend!

3. Francesco Petrarcas „Canzoniere“ – das Erstaunliche ist, wie unvergänglich die großen Themen der Menschheit sind, in diesem Falle die Liebe. Unvergänglich bedeutet auch, sie verlieren niemals an Aktualität. Im 14. Jahrhundert war die Nutzung der Sprache anders, die Themen waren aber dieselben. Die Sprache hat Zeit und ist aufwendig, es lohnt sich in jedem Fall, sich davon forttragen zu lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir reisen herum wie wandernde Bettler

wie reiche Leute wie Aristokraten

wir sind die neuen Proletarier

wir sind die neuen Rebellen

wir sind die neuen Helden

wir sind die neuen Idioten

wir sind die neuen Bettler

wir sind die neuen Armen

wir sind die neuen Träumer

wir sind die neuen Politiker

wir sind die neuen Clowns

auf Facebook und im Radio

und im Fernsehen in den Zeitschriften und den Reklamekampagnen für uns selbst.

Wir sind es die die Wahrheit sagen

Über den Zustand und die Zukunft des Landes

Über Flüchtlinge über Kriege

Über Klimakrisen und Großpolitik

Über Feminismus über bedrohte Tierarten

Flutkatastrophen den mittleren Osten Ölförderung

Muslime Kapitalismus Religion

Über Philosophie Kunst und Literatur

wir sind es

wir sind die neuen Schriftsteller.“

Aus Tomas Espedal „Das Jahr“

Vielen Dank für das Interview liebe Lalena, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich bedanke mich für die Denkanstöße

5 Fragen an Künstler*innen:

Lalena Hoffschildt, Schriftstellerin

Foto_privat

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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