„Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen“ Sibylle Helbich, Schriftstellerin _Bochum 5.8.2021

Liebe Sibylle, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich derzeit Ferien habe und meine Kinder verreist sind, ist da wenig Ablauf in meinem Tag. Heute bin ich nach dem Frühstück zum Schwimmbad geradelt, ein paar Bahnen geschwommen, kam dann sehr wach wieder nach Hause und habe versucht, aus dieser Wachheit mein tägliches Gedicht zu machen.

Ist mir nicht gelungen. Wahrscheinlich ist der Ansatz schon falsch. Aber darum geht es auch nicht. Immerhin gefiel das Ganze dem Rücken.

Den Rest des Tages werde ich später planen. Oder gar nicht.

Diese Ferien fühlen sich aus den bekannten Gründen für Lehrer, die gleichzeitig auch Eltern sind, eher wie eine Rehabilitation an als alles andere… und ich brauche noch ein wenig.

Sibylle Helbich, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Humor und Empathie.

Man muss sich das vorstellen: wir leben mitten in einer Pandemie, dazu sind hier ganz in der Nähe gerade ganze Dörfer kleinsten Bächen zum Opfer gefallen… ich brauche nicht aufzählen, was sonst noch alles ansteht… und was machen wir: wir fliegen mitten in dem ganzen Schlamassel irgendwo in die Sonne, wo wir das Handy vor ebenjene halten, weil man sonst so schlecht sehen kann, ob man gerade einen Rechtschreibfehler bei der Belehrung eines fremden Menschen auf den sozialen Netzwerken gemacht hat. Denn das wäre ja peinlich.

Das ist natürlich nichts Neues, ich wünschte mir nur einfach, dass jetzt gerade die Zeit wäre, in der wir so viel wie möglich gemeinsam lachten. Uns freuten, einander wieder zu haben. Unangemessen laut und dreckig lachend von mir aus. Gern über schlechte Witze, über taktlose, grenzüberschreitende, flache, dumme… einfach über alle Witze, die zum Lachen bringen. Denn nichts ist so verbindend, wie gemeinsames Lachen… und nichts brauchen wir gerade so sehr, wie das Gefühl von Verbundenheit. Das sollten wir doch eigentlich im Lockdown bemerkt haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, eine sehr unbequeme.

Es gilt gerade, ein paar festgefahrene Strukturen zu zerbrechen. Vieles, das längst überholt ist, wurde in den letzten Monaten unter eine riesige Lupe gelegt. Angefangen beim System Schule, über die Prioritäten, die diese Gesellschaft vor langer Zeit gesetzt hat und die uns jetzt nicht mehr weiter bringen, bis zu der Wahrnehmung in jedem Einzelnen, dass das eigene Handeln für alle Relevanz hat.

Und mit unbequem meine ich nicht, dass wir alle voreinander stehen sollten, und uns mit dem Rohrstock auf die Finger hauen, wenn wir einmal einen Fehler gemacht haben, oder ein falsches Wort sagen. Das war didaktisch noch nie die beste Idee.

Mit unbequem meine ich, dass jeder in Bewegung gerät und andere mitreißt. Dass wir gemeinsam kreativ werden, ganz gleich, ob wir uns Künstler, oder Pädagogen oder Baggerfahrer nennen. Letztere waren die ersten, die in den Hochwassergebieten kreativ wurden. Es muss etwas entstehen, das wir noch nicht kennen. Und natürlich kann die Kunst da einen großen Beitrag leisten. Genau das ist ja Kunst. Ein bisschen weniger nur um sich selbst zu kreisen täte ihr dabei gut.

Was liest Du derzeit?

Vieles. Ich muss gerade mal wieder meine Zelte abbrechen und meine Bücher in Kisten verstauen. Da bleibt man einfach oft hängen, liest neu, bildet diese kleine „unbedingt bald“-Ecke, wo erst zwei Bücher liegen und dann plötzlich ein Turm steht. Dann mehrere.

Zuletzt habe ich André Gorz’ „Brief an D“ erneut gelesen. Wunderschön, immer wieder.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

The idea that you have to be protected from any kind of uncomfortable emotion is what I absolutely do not subscribe to.

John Cleese

Vielen Dank für das Interview liebe Sibylle, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sibylle Helbich_Schriftstellerin

Foto_privat.

30.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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