„Dass sich gesellschaftliche Gräben nicht weiter vertiefen“ Ines Dallaji, Sängerin_Wien 6.8.2021

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit der Beendigung meines Gesangsstudiums im Juni dieses Jahres habe ich wieder mehr Zeit, um mich dem Aufbau meines eigenen Musikprojekts und meiner zweiten Beschäftigung, dem Booking für andere KünstlerInnen, zu widmen.

Ich bin sehr froh, selbständig zu sein und mir meine Arbeitszeit frei einteilen zu können, da ich nicht so gerne früh aufstehe und den Tag lieber langsam angehe. Auch das gemeinsame Frühstück mit meinem Partner ist mir sehr wichtig. Er ist ebenfalls in der Musikbranche tätig, und wir nutzen diese Zeit, um uns über unser Musikschaffen und Dinge, die mit unseren Berufen zusammenhängen, auszutauschen.

Am Vormittag erledige ich meist Administratives bzw. die angefallene Büroarbeit. Dies beinhaltet die Kommunikation mit VeranstalterInnen, das Sammeln und Weiterleiten von Infos zu ausgemachten Konzerten, Social Media, Buchhaltung und im Moment auch das Stellen von Förderanträgen. Die Nachmittage sind immer unterschiedlich, mal arbeite ich weiter am Computer, mal probe ich oder bin im Studio zum Schreiben, Aufnehmen oder Mixing. Manchmal treffe ich andere MusikerInnen, mit denen ich zusammenarbeite, um zu besprechen und zu planen, oder ich habe irgendwelche Erledigungen zu tätigen. Am Abend gehe ich – seit es wieder möglich ist – auf Konzerte oder treffe FreundInnen. Wenn ich zuhause bin, koche ich und singe dabei zu Musik, die mir gefällt. Das ist meine liebste Art zu üben. Manchmal spiele ich auch ein wenig Klavier, oder ich setze mich nochmal vor den Computer, um zusätzlich Angefallenes abzuarbeiten. Songtexte schreibe ich auch am liebsten am Abend. Wenn alles erledigt ist, was ich mir vorgenommen habe, schaue ich noch eine Folge einer Serie oder einen Film.

Ines Dallaji, Sängerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Bezug auf negative Umstände und Entwicklungen, die uns alle betreffen, etwa die Pandemie und die Folgen des Klimawandels, ist es meiner Meinung nach wichtig, den Dialog zu suchen und zu versuchen, sich konstruktiv auszutauschen und gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Dazu gehört vor allem, die Ängste, Sorgen und Bedenken anderer Menschen ernst zu nehmen und zu versuchen, eventuell vorhandene Informationslücken auf Augenhöhe zu schließen, auch von staatlicher Seite. Das ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, aber vielleicht lässt es sich dadurch über kurz oder lang verhindern, dass sich gesellschaftliche Gräben noch weiter vertiefen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Mich persönlich würde es freuen, wenn der Aufbruch/Neubeginn positive Folgen für Mensch, Tier und Umwelt hätte. Es wäre schön, wenn die Entwicklungen, mit denen wir uns im Moment konfrontiert sehen, dazu führen, dass wir Dinge wie unseren Umgang mit unserem Planeten, unser Konsumverhalten und unsere Ernährung überdenken und idealerweise ändern. Auch sozial und zwischenmenschlich gibt es auf vielen Ebenen Handlungs- und Besserungsbedarf. Ich fürchte jedoch, dass im Moment noch zu langsam agiert wird und (schlechte) Gewohnheiten nur schwer über Bord geworfen werden.

Wie die Musik, oder die Kunst im Allgemeinen, auf einen Aufbruch oder soziale und ökologische Probleme bzw. Entwicklungen reagieren soll, lässt sich nicht verallgemeinern und liegt in der Entscheidung jedes Künstlers/jeder Künstlerin selbst. Ich verarbeite in meinen Liedtexten vorwiegend Themen und Erfahrungen, die mich persönlich betreffen oder betroffen haben. Da ich als Musikerin mit meinem eigenen Projekt aber noch ganz am Beginn stehe, bin ich noch nicht sicher, ob und auf welche Weise ich auch gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen möchte. Letztlich ist alles auch eine Frage der Reichweite.

Was liest Du derzeit?

„Memoiren – Ein Interview gegen mich selbst“ von Franz Schuh und „In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“ von Martin Peichl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was mich zurzeit in meiner Entscheidung bekräftigt, eigene Musik zu schreiben und aufzunehmen, und mir den Druck nimmt, jemanden Bestimmten oder etwas Bestimmtes damit erreichen zu müssen, ist folgendes Zitat von Frank Zappa:

„My desires are simple: All I want to do is get a good performance and a good recording of everything that I ever wrote, so I can hear it. And if anybody else wants to hear it, that’s great too. Sounds easy, but it’s really hard to do.“

Ich hatte sehr mit der Vorstellung zu kämpfen, als Mensch sowie als Musikerin nur dann etwas wert zu sein, wenn ich perfekt und fehlerfrei bin. Deshalb habe ich mich lange nicht getraut, mich als Sängerin zu bezeichnen und als Künstlerin zu positionieren. Mittlerweile hilft es mir, wenn ich mir sage, dass niemand perfekt ist bzw. sein muss, und ich lerne, mich von Misserfolgen nicht mehr aus der Bahn werfen oder an einem Vorhaben hindern zu lassen, denn ohne Fehler keine Entwicklung.

Ines Dallaji, Sängerin

Vielen Dank für das Interview liebe Ines, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ines Dallaji, Sängerin

Alle Fotos_Matthias_Ledwinka

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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