Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das kommt ganz darauf an ob und mit welchem Projekt ich gerade beschäftigt bin. Grundsätzlich bin ich aber ein Frühaufsteher und lerne gerne morgens meinen Text. Organisatorisches u. Administratives gehört ebenfalls zum Job. Laufen ist mir auch sehr wichtig. Einerseits macht es den Kopf frei, andererseits dient es der Fitness. Im Lockdown wurde einem auch wieder bewusst, welch tollen Beruf wir ausleben können. Es sind Ideen entstanden. Diese gilt es nun in die Tat umzusetzen. Nachzudenken über Vieles aber manchmal auch nur sinnloses Spielen mit den eigenen Gedanken – auch das gehört dazu. Im Grunde genommen, ist kein Tag wie der andere. Einen fixen Tagesablauf gibt es nicht.
Peter Wolf, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Belastendes abwerfen. Die Langsamkeit des Lockdowns in den Alltag mitnehmen. Es zumindest versuchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Es gilt zuerst mal wieder in den Alltag zu finden. Wieder mit mehreren Menschen zu kommunizieren, ihnen nah zu sein. Ich habe für mich bemerkt, dass das gar nicht so einfach ist. Die Sehnsucht danach, Kunst live zu erleben war groß. Für Künstler wie auch für jene die Kunst konsumieren. Welcher Art auch immer. Ich genieße es wieder auf der Bühne zu stehen. Ich erfreue mich an den glücklichen Gesichtern im Publikum. Dieses Wohlgefühl gilt es zu vermitteln. Die Kunst kann das.
Was liest Du derzeit?
Im Lockdown konnte ich mit Kollegin Caroline M. Hochfelner einen Audio Blog starten. „Latrinenpoesie- Wenns mal schnell gehen muss“, heißt das Ding – Humorvolle Kurzgeschichten, Gedichte und kurze Szenen aller Art. Bunt gemischt. Dafür gilt es Texte zu finden. http://www.latrinenpoesie.at – hört mal rein
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat eines an MS erkrankten bringt die derzeitige Situation auf den Punkt: „Sehen wir nicht immer das Negative, denken wir an das was möglich ist.„
Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist zumindest werktags von dem Fulltime Job geprägt, den ich seit mehr als 20 Jahren ausübe. Allerdings findet der seit über einem Jahr komplett im Home-Office statt. Das war anfangs sehr angenehm. Mittlerweile sind meine sozialen Kontakte im Kollegen- und Freundeskreis beinahe ausnahmslos gegen Null gefahren, alles findet online oder am Telefon statt, und das nervt. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand zum Stubenarrest verdonnert, und ich weiß bis heute nicht, weshalb.
Ich schreibe viel weniger als früher. Mir fehlen die Ideen, die alltäglichen Beobachtungen. Viele meiner Texte sind spontan entstanden, auf der Straße, in Cafés, auf einer Parkbank, manchmal im Auto. Da ich das Haus kaum noch verlasse, fehlen diese Eindrücke und Anregungen. Filme oder Bücher liefern nur selten Inspiration, und wenn, dann nur Second Hand. Ich hab mich für den Moment damit abgefunden, hoffe aber sehr, dass die Muse mich wieder küsst, sobald ich die Maske endgültig absetzen darf.
Andreas Frank, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, es ist wichtig, die Füße noch ein wenig still zu halten. Wir befinden uns hoffentlich auf dem abklingenden Ast dieser Pandemie, zumindest hier in Europa. Doch in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten sterben die Menschen noch immer in Massen. Es ist noch nicht vorbei!
Ich habe Verständnis für alle, die nun auf einen Schlag nachholen wollen, was sie über mehr als ein Jahr verpasst haben, vor allem für die jungen Menschen. Meine Bitte: macht, was geht, aber bleibt weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir werden sicherlich eine Art Neubeginn erleben, aber den kann ich nicht voraussagen. Um die Kunst mache ich mir keine Sorgen. Die hat seit ewigen Zeiten alle Krisen und die schlimmsten Katastrophen überstanden. Die Kunst macht einfach weiter, weil sie von Individuen erschaffen wird, die neben und über den Dingen stehen. Menschen, die anders sehen und empfinden als die meisten von uns. Und die wird es immer geben.
Was ich mir nicht wünsche: Dass nach dem hoffentlich absehbaren Ende dieser Pandemie eine Flut von künstlerisch ambitionierten Corona-Reflexionen in Wort, Ton und Bild auf uns heranrollt. Ich denke, die Leute sind durch, sie haben das Thema satt. Ich will nicht dafür sprechen, dass die Kunst der Ablenkung dienen soll, aber im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als ein wenig Abwechslung durch Museen, Kinos, Theater, Konzerte, Straßenfeste, Trödelmärkte, Reisen, Kneipen- und Restaurantbesuche etc., alles was geht. Und da möchte ich vorerst nichts von dem Thema hören, das uns nun schon so lange beschäftigt.
Was liest Du derzeit?
Seit Beginn des letzten Jahres lese ich fast ausschließlich Biographien und Autobiographien. Die Bände können gar nicht dick genug sein. Das Hineinversetzen in ein fremdes und bedeutsames Leben in anderen Zeiten und an anderen Orten ist für mich der beste Weg, mich von den aktuellen Wirren und Sorgen abzulenken, meine Gedanken auf Reisen zu schicken und dabei noch etwas zu lernen. Nachdem ich die neue Biographie von Benjamin Moser über Susan Sontag, eine der einflussreichsten US-Amerikanerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gelesen habe, dachte ich, es wäre eine angemessene Idee, mit „Autobiographie der Alice B. Toklas“ auch ein umfangreiches und sehr schönes Buch über eine der einflussreichsten US-Amerikanerinnen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, nämlich Gertrude Stein, zu lesen. Das Buch stammt noch aus den Beständen meines Studiums. Ich habe es immer gern, wenn man durch die Lektüre eines neuen Buches an die alten Bücher erinnert wird, und sie dann erneut in die Hand nimmt und liest.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da gäbe es unzählige. Da ich jedoch gerade in die Autobiographie der Alice B. Toklas vertieft bin, die natürlich die Autobiographie der Gertrude Stein ist, möchte ich folgende Passage zitieren, die ihr von Amerika geprägtes Demokratieverständnis inmitten der Schrecken des ersten Weltkriegs in Europa widerspiegelt: „(…) als gute Demokratin behandelte sie einen Menschen wie den anderen. Wenn man sich so verhält, sagte sie, dann hilft einem jeder und bei allem. Wichtig ist nur, betont sie immer, dass einem der Sinn für Gleichheit tief im Blute steckt. Dann tut jeder alles für den anderen.“ Das ist ein schönes Sinnbild dafür, was Demokratie außerhalb des rein politischen Kontexts auch bedeuten kann. Was sie eigentlich sagen will: Seid nett zueinander!
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Andreas Frank, Schriftsteller
Foto_privat.
8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Gion Mathias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Tage und Abläufe sind verschwunden; es ist herrlich!
Gion Mathias Cavelty, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Kein jetzt zu kennen; es nie gekannt zu haben; es nie kennen zu werden/zu wollen/nichtzuwollen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Beginnen wir weniger, immer weniger; beginnen wir nichts mehr! Ich habe es im meinem Buch «Endlich Nichtleser – die beste Methode, mit dem Lesen für immer aufzuhören» (erschienen anno 2000) dargestellt. Das nichtgelesene Buch ist das beste; noch besser ist das nichtgeschriebene Buch. Das nichtgesehene Stück ist wunderbar; noch wunderbarer ist das gar nie aufgeführte Stück. Eine Ausnahme mache ich bei der Bündner Nusstorte. Davon kann ich nicht genug kriegen. Ich könnte eine nach der anderen verputzen. Es müsst die unendliche Bündner Nusstorte geben!
Was liest Du derzeit?
Ich lese nichts, ich lasse mich auch nicht einmal mehr lesen. Ich lese auch nicht, was ich schreibe; ich schreibe auch nichts; weiss nicht, wann ich zum letzten Mal einen Buchstaben gesehen habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
«Jedem Aufhör’n wohnt ein Zauber inne» (Nomen Nescio)
Vielen Dank für das Interview lieber Gion Mathias, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Michal, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache früh auf um noch bisschen Zeit zum Lesen oder Schreiben zu haben, bevor auch die Familie wach wird. Dann geht´s richtig los. Das Dauerchaos beginnt. Ich arbeite in der einzigen deutschsprachigen Bibliothek in Bratislava. Da bin ich meistens um 8:30 Uhr. Ich lebe umgeben von Büchern und Geschichten. Schöner geht´s nicht. Am frühen Abend lese ich dann den Kindern vor, wir sind auch fast jeden Tag draußen an der frischen Luft. Wenn Nachwuchs dann im Bett liegt, so um 20:30, lese oder schreibe ich noch kurz.
Michal Hvorecky, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Anstand bewahren. Ich befürchte eine Rückkehr des Zeitalters der Irrationalität. Weil die Unwahrheit ihre zersetzende Wirkung heute immer stärker entfaltet.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ohne Kultur war es über ein Jahr sehr still. Doch in der slowakischen Politik gibt es kaum Bewusstsein für die schwierige Situation der Kunst- und Kulturszene. Die Kultur wurde auch nicht Teil unseres Zukunftsplans für den Corona-Wiederaufbau. Die Kultur oder die Wissenschaft gehören nicht zu den langfristigen Zielen der umstrittenen Viererkoalition. Diese Gleichgültigkeit und kulturelle Arroganz sollen sie sich lieber sparen.
Was liest Du derzeit?
Olga Tokarzcuk: Taghaus, Nachthaus. Ein großartiges Buch aus der Mitte Europas.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ideologie diente ihrer Natur nach immer dazu, Verbrechen ein übermenschliches Antlitz zu verleihen, sodass diese Verbrechen den Eindruck erwecken, dass sie nicht von Menschen verursacht wurden, sondern von einer unbegreiflichen, mächtigen Hand der Geschichte.“ Milan Šimečka, Tschechoslowakischer Autor und Dissident.
Michal Hvorecky, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Michal, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ich habe viel von der Welt gesehen, aber Wien ist mein Heimathafen geworden. Diese Stadt hat einen speziellen Zauber, der einem immer wieder zurückkehren lässt. Das ist wahnsinnig schön.
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin
Wien hat ein spezielles Lebensgefühl. Da ist Lebendigkeit und Gemütlichkeit. Ich schätze das sehr.
Ich bin definitiv ein Stadtkind, bin in der Stadt aufgewachsen. In Wien schätze ich auch die Natur, das Grün, das Wasser. Gestern etwa war ich am Kahlenberg wandern. Diese Verbindung von Stadt und Natur ist einzigartig.
Ich habe Malina vor Jahren auf Empfehlung gelesen. Malina ist kein Buch, das man in einem Stück verschlingt, es braucht Pausen dazwischen. Es ist kein Roman, aus dem man unmittelbar mit einem Supergefühl rausgeht. Da muss man die Gefühle erst mal sacken lassen.
Ingeborg Bachmann schafft es in ihren Leser*innen Emotionen zu wecken, in Prosa und Lyrik, das ist ganz besonders.
Malina regt an, eigenen Gefühlen, Gedanken nachzugehen. Es sind alles Situationen, die man ja selbst schon erlebt hat. In dieser abstrahierten, zugespitzten Form laden sie sehr direkt zum Nachdenken ein. Das ist sehr spannend und dieses intensive Erlebnis habe ich bei wenigen Büchern gehabt.
Die Ich-Erzählerin nimmt im Roman ihr Innerstes, ihre Gedanken, ihre Gefühle radikal auseinander. Sie zerreißt es fast dabei, dass sie sich so sehr mit sich beschäftigen muss.
Sie macht sich sehr abhängig von Ivan. Sie wartet ewig darauf, dass er sich vielleicht meldet. Seine Telefonnummer kreist in ihrem Kopf. Sie ergreift ja sehr selten die Initiative. Sie wartet auf Ivan, auf ein Zeichen der Zuneigung und vergeht fast dabei.
Ich denke, dass dieses Machtverhältnis in der Liebe auch heute noch oft vorkommt. Dieses Muster einer passiven Frau, die Wünsche, Vorstellungen hat aber nicht diese zu thematisieren, umzusetzen sucht. Auch wenn sich das Frauen-, Männerbild etwas gewandelt hat, ist diese Abhängigkeit teil von Beziehungsrealitäten der Gegenwart.
Zu Ivan ist die Beziehung komplett emotionsgesteuert. Malina ist der logische, rationale Part.
Es ist für die Frau im Roman ein Warten auf das „gnädige“ Zuwerfen von Krumen, Körnchen der Zuneigung seitens Ivan. Und daran zerbricht sie. Diese Beziehungskonstellation des Romans könnte auch genau heute in dieser Form stattfinden.
Wenn man selbst in dieser Situation ist und sich so verschossen hat in einen Menschen, ist es natürlich schwierig und herausfordernd zu sich selbst zu finden. Auch Zugänge von außen sind da natürlich schwierig.
Das Wichtigste ist in jedem Fall selbst die Initiative zu ergreifen. Anzurufen, Kontakt aufzunehmen, zu sprechen.
Die Frau müsste ein klares Wort sprechen – „so sind meine Erwartungen, so möchte ich es bzw. so möchte ich es nicht.“ Und dies ist zu klären und dann, wenn es nicht möglich ist, ist es zu beenden.
Sie tut aber alles, um Ivan, diese wenigen gemeinsamen Stunden, nicht zu verlieren obwohl es so eine toxische Situation ist.
Ivan ist eine Wunschvorstellung von ihr. Er wird idealisiert auch wenn er das in seinen Taten bei Gott nicht ist. Aber sie legt so viel Wert auf ihn. Ein großer Teil ihrer Energie geht dahin.
Nur mit Ivan erlebt sie aber auch glückliche Momente, das findet ja mit Malina nicht statt. Mit Ivan wirkt sie lebendig. Sie könnte es vermutlich auch woanders erleben aber sie projiziert dies vollständig auf Ivan.
Im Idealfall kann ein Mann Persönlichkeitsanteile von Ivan und Malina in einer Beziehung leben. Körper und Geist verbinden. Dies trifft auch für die Frau zu.
In der Liebe ist natürlich immer Projektion. Im Idealfall ist es natürlich nicht so viel wie im Roman (lacht).
Die Erzählfigur Malina, das ist der rationale Teil in ihrem Gehirn, der logisch und sachlich hinsieht. Grundsätzlich lässt der Roman aber offen ob Ivan und Malina reale Persönlichkeiten sind oder Aspekte ihres Selbst.
Malina blickt distanziert, rational auf die Situation, sagt „so schaut`s aus“ aber das will sie gar nicht wahrnehmen und hören.
Logik, Rationalität ist wichtig aber Emotionen müssen miteinbezogen werden. Ein Rat für Malina.
Politisch gesehen wird die Gleichstellung von Frau und Mann heutzutage vermehrt in den Blick genommen und es bewegt sich auch etwas. Faktisch gesehen, sind wir von einer Gleichstellung noch ziemlich weit entfernt.
In einer Romanszene wird das gesellschaftliche Machtverhältnis von Mann und Frau etwa beispielhaft thematisiert. Sie wird da von jemanden sofort geduzt und geht dann darauf ein und sagt, dass sie sich oft wie „ein Du“ behandelt fühlt und nicht wie „ein Sie“. Das kann ich bestätigen, dass dies als Frau öfter vorkommt. Ich weiß genau was Ingeborg Bachmann damit meint, dass man nicht auf demselben Level wie jenem des Mannes behandelt wird sondern ein „kleines“ Stück darunter. Das ist leider Gottes auch heute noch so und man muss als Frau dagegen ankämpfen, sich behaupten.
Im Roman sind auch die Gespräche mit der Lebenswelt, der sozialen Umgebung zentral. Deren Meinung ist für die Ich-Erzählerin ganz wesentlich. Das ist auch ein Druck, eine Belastung für sie. Das ist mit der heutigen social media Welt zu vergleichen. Alle posten nur glorreiche Momente, geben vor, dies und das zu sein. Das ist aber nicht die Realität des Lebens.
Dieses social media Konstrukt macht alles das präsenter was man vielleicht selbst nicht hat. Das kann dann persönlich dramatische Ausmaße annehmen.
Der zweite Romanteil mit den grausamen Albträumen vom übermächtigen Vater kann ja für das männliche Geschlecht an sich stehen. Das könnte als unbewusster Ausdruck der Rolle, des Leidens wie Sterbens der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft stehen, den „Todesarten“, von denen Bachmann spricht.
Im Unterschied zu den Träumen, die ja immer ein Horrorszenario darstellen, ist es bei Ivan eine Belohnung für das lange Warten, das Aushalten. Es ist ein Genießen. Da ist kein Zwang, keine Pflicht wie in den Albträumen. Es ist eine Freiwilligkeit und dann wieder das Warten auf diesen Moment.
Es sind Gewohnheiten, Kompromisse, die man in einer Partnerschaft auch akzeptiert. Wenn es ein noch gesundes Ausmaß ist, ist es einfach das getroffene Arrangement. Wenn es ungesund wird und gar gewalttätig, dann heißt es zu reagieren, zu agieren. Da darf man nichts idealisieren.
In langen Beziehungen läuft man oft Gefahr die ganzheitlichen Aspekte des Menschseins im „In-der-Liebe-sein“ zu verlieren. Es ist die Kunst beides zu verbinden, das Rationale, das Reden und die Körperlichkeit. Das ist herausfordernd und schwierig wie wunderschön im immer wieder entdecken, leben.
Die Beziehung zu Ivan ist ja sehr chaotisch. Die Rituale, das Schachspiel etwa, sind der Versuch eine Struktur zu schaffen, Ordnung zu geben. Und Ivan auch ein Stück weit zu binden – „wir haben eine gemeinsame Routine“.
Die Frau gibt ja im Roman ihre künstlerische Tätigkeit, das Schreiben, auf, weil alles Andere überwiegt. Das finde ich als Künstlerin selbst sehr tragisch. Es tut mir in der Seele weh, dieses Aufgeben der Freude und Leidenschaft, die sie ja in der Kunst gefunden, gelebt hat.
Der Roman führt einem in extremer Form vor Augen wie es als Mensch nicht laufen darf.
Es gab so viele Momente im Buch wo ich schlucken und das Buch weglegen musste. Man will sie da auch an der Hand nehmen und auch wachrütteln.
Der Roman macht auch auf die Gegenwart aufmerksam und das wichtige Hinsehen, Zuwenden, Mitgehen mit den Menschen um uns. Oft können einem kleine Gesten ja aus einem emotionalen Tief rausholen. Ein Schritt zum Augenöffnen und einer Perspektive.
Es gibt sehr viele Ivans da draußen, denen ich gerne mal die Meinung geigen würde (lacht) – „achte drauf, welche Auswirkungen deine Handlungen haben!“
Es gibt noch genug Individuen, die gefühlt vor 50 Jahren in ihrer Weltanschauung stehengeblieben sind.
Liebe Sandra, darf ich Dich abschließend zu einem Achrostikon, Wortassoziation, zum Romantitel bitten:
M enschlichkeit
A ufgeben
L iebe
I ntensiv
N ervosität
A nfang
Das Buch gibt viele Denkansätze. Es kann für Leserin/Leser ein Anstoß sein.
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.
Liebe Jovana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zwischen den „Konstanten“ – Arbeit, Einkäufen und üblichem Wasauchimmer – stecken die Momente des Lebenswerten: Eine ruhige Minute zum Lesen, eine Stunde zur körperlichen Übung oder Klavierspielen; der Vers, der mir endlich einfällt und ein monatelang sich quälendes Gedicht auflöst. Kleine-große Weisheiten, die mein fünfjähriger Sohn auf dem Weg zum See hervorbringt. Solche Momente versuche ich (und mich an ihnen) festzuhalten.
Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In schweren Zeiten leidet alles: Körper, Geist, Immunität; am meisten aber, die Menschlichkeit. Es klingt floskelhaft, aber wir sollten mehr als sonst füreinander da sein. Manchmal sind die gesperrten Wege eben die „richtigen“, weil wir keine Wahl haben, als umzudrehen und uns einen neuen zu suchen. Oder zu bahnen?
Ungewissheit bringt uns dazu, aus der Komfortzone hinauszutreten. Das Leben waghalsiger zu nehmen, auch etwas fatalistischer: Ja, was habe ich denn wirklich zu verlieren? Alles ist so fragil, außer der Lebenslust. Sie ist das Unkraut, das wir um jeden Preis pflegen (oder eher, sein lassen) müssen: so hartnäckig und unerziehbar, wie ein bockiges Kind. Aber es gibt dennoch nur die bedingungslose Liebe zurück.
Für mich sind Kunst, Kind und Lebenslust Synonyme. Solang man nur so viel wie eine Spur davon in sich wiederfindet, ist noch nichts verloren!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Inhalt finden in uns selbst – ist zwar keine allgemeingültige Formel, aber ein guter Anfang. In uns selbst sollten wir das „Erz“ finden, egal wie unscheinbar; es von überflüssigem Material – Ängsten, Zweifeln – möglichst befreien und aufheben. Es kann alles sein: Inspiration, Idee, Aktion. Das Wichtigste: Es muss für uns selbst eine Bedeutung haben. Das gibt dem Dasein einen inhärenten Zweck; aber nur so können wir auch für die anderen gut sein. Man braucht dafür Geduld (lasst es euch von der ungeduldigsten Person der Welt sagen!), viel Arbeit, aber auch andere Menschen.
Die Kunst könnte dabei eine große Rolle spielen, unabhängig davon, ob man sie selbst schafft oder „nur“ Rezipient ist. Kunst ist das Echte am (Da)Sein. Die Befreiung der Fantasie, die Fähigkeit, in andere Welten hineinzuspähen und darin die Antworten – oder vielleicht neue spannende Fragen – zu finden, ist der Beginn der Selbsterkenntnis. Eigene Grenzen verschieben, immer in neuen Richtungen, das ist vielleicht die Kunst des Lebens.
Was liest Du derzeit?
Sexual Personae von Camille Paglia, Simultan von Ingeborg Bachmann und Zarazna zona („Ansteckungszone“), ein Gedichtband von zwei wundervollen Künstlern aus Kroatien, Damir Radić und Andrijana Kos-Lajtman. Zwischendurch immer Gedichte, mehr Gedichte… und noch Gedichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Apropos Neubeginn, greife ich an dieser Stelle auf meine Germanistikstudium-Zeit zurück (damals meine „Neugeburt“, in einer anderen Sprache). Im Unterschied zur gesprochenen, ist die deutsche Literatursprache aber für eine Nicht-Muttersprachlerin ein dicht zugewachsener Weg. (Komfortzone, Fehlanzeige!)
Einer der ersten Autoren, die ich als Studentin im Original gelesen habe – und dessen „monumental schlichte“ Sprache für mich immer noch als Wegweiser funktioniert – weiß es: „Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag.“
—- Thomas Mann, Der Tod in Venedig
Vielen Dank für das Interview liebe Jovana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin
Alle Fotos_privat
8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Als ich in Wien ankam, bin ich zunächst in die Nähe des Ungargassenlandes, dem Romanschauplatz von „Malina“ gezogen, es ist mir also ganz gut bekannt (lacht).
Linda Pichler, Schauspielerin_Wien
Das Schauspiel war immer meine Leidenschaft. Als Kind fragte ich meine Mutter ob das „Spielen auf der Bühne“ ein Beruf sei. Meine Mutter sagte: „Nein“ (lacht). Später fragte ich meine Mutter warum sie mich da angelogen hat. Und sie sagte, sie hatte Angst vor den Kritiker*innen. Ich fand das sehr süß (lacht). Als ich mich dann für den Schauspielberuf entschied, unterstützte mich meine Familie sehr, dies ist bis heute so und ein großes Geschenk.
In meiner Jugendzeit gab es schon Bühnenerfahrungen im Landestheater Linz, auch danach. Ich war neunzehn Jahre alt als ich nach der Matura in Wien ankam. Zunächst studierte ich aber zwei Semester Politikwissenschaft in Wien. Dann hatte ich den Mut mich der Aufnahmsprüfung an der Schauspielschule zu stellen.
Die Beziehung zur Kunst war in meiner Familie immer vorhanden. Mein Vater ist Musiker. Meine Tante ist Bildende Künstlerin.
Wien ist eine sehr vielfältige Stadt. Mir war sofort klar, ich möchte in Wien bleiben. Es gibt sehr spannende Grätzl (Anm., Teile von Wohnbezirken) in Kultur und Lebensart hier. Und dieses authentische Wien funktioniert sehr gut.
Ich mag die Kontraste der Stadt, die Schönheit wie die wilderen Ecken.
Es gibt eine Herzlichkeit in dieser Stadt aber man ist halt auch gschert (lacht).
Ich finde auch das „Granteln“ sympathisch. Und ich kann ja auch zurückgrantln (lacht).
Ich bin grantiger geworden, seit ich in Wien bin (lacht).
Dieses authentische Wien begegnet einem jeden Tag. Etwa in der U-Bahn neulich als jemand noch in Zug sprang, was der Fahrer mit „Ana muas imma noch einekralln“ (Übersetzung – „Einer muss immer noch in die Lücke“). Ich finde das großartig. Ich hatte auch in meinem Wohnort Ottakring sehr schöne Begegnungen. Das von jemanden empfohlene Pfefferspray brauchte ich da nicht (lacht).
In der Schule begegnete mir Ingeborg Bachmann nicht.
Mich beeindruckt bei Ingeborg Bachmann diese Betonung von Utopie, Idealen in der Kunst. Das ist auch mir in meinem Selbstverständnis als Schauspielerin sehr wichtig.
Bachmann blickt aber auch in die sehr dunklen Täler des Menschseins. Mich interessieren auch die Abgründe in meiner Arbeit sehr.
Ich denke, es hat keinen Sinn, wenn es im Schauspiel nur um einen selbst geht.
Es geht in der Kunst immer um Erfüllung.
Theater ist dann interessant, wenn es befremdlich ist. Wenn ich mich aus Zuschauer*in auf der Bühne wiedererkenne.
Das Lesen des Romans war herausfordernd. Es gibt Textstellen, die schwer zugänglich sind und andere wiederum, die sofort ein Nachvollziehen ermöglich. Ich denke, Ingeborg Bachmann wollte dies auch so.
Der Roman hat auch sehr starke traumatische, düstere Bilder.
Bei manchen Passagen musste ich mich im Lesen damit begnügen, dass es nicht so nachvollziehbar ist. Das ist natürlich unbefriedigend als Leserin (lacht) aber teil eines spannenden literarischen Konzeptes.
Ich finde den Zugang des Romans zu Geschlecht und Identität sehr spannend. Dieser männliche Blick existiert ja, wenn man sich selbst betrachtet als Frau. Ich empfinde das so.
Die Ich-Erzählerin blickt in einer Szene in den Spiegel und bezeichnet dies als wahre Existenz. Das macht eine innere Heimatlosigkeit sichtbar, die dann im Außen, in Ivan Halt sucht. Das ist natürlich eine ungesicherte Existenz.
Diese alten Rollenvorstellungen von Frau und Mann, diese Konditionierungen, da ist vieles noch sehr präsent. Es ist dann ein Ertappen an Tradition, die sich da innerlich Platz, Raum geschaffen hat.
Auch dieses Ellenbogen-, Konkurrenzdenken ist unserer Gesellschaft vorhanden. Ich habe etwa gehört, dass einer Kollegin empfohlen wurde in einem showreel nicht mit anderen Frauen aufzutreten, denn, es könnte ja sein, dass eine andere Frau dann die Rolle bekommen könnte. Ich fand das dermaßen Sch…., ich halte mich da nicht dran. Ich werde drei tolle Frauen in meinem Showreel haben und wenn sie die Aufmerksamkeit bekommen, gönne ich das ihnen total. Dann ist die Rolle für sie und nicht für mich.
Feminismus ist Solidarität mit Frauen. Es gilt immer Türen offenzuhalten und nicht voreinander zuzuknallen. In meinem Beruf wie auch allen anderen. Ich bin mir sicher, dass war auch Ingeborg Bachmann sehr wichtig.
Ingeborg Bachmann spricht ja von dem „Kranksein der Männer“, der Verschiebung des Faschismus nach Kriegsende ins Private. Ich kann das gut nachvollziehen und meine, dass die Männer meiner Generation dahingehend jedoch gesünder sind.
Die Romanfigur Malina ist sehr enigmatisch, entzieht sich den Rastern von Zuordnungen. Das ist auch ein Teil seiner Anziehungskraft. Bei Ingeborg Bachmann selbst war es ja auch so.
Mich persönlich schrecken 0815 Männer in ihrem unreflektierten Reden über Frauen, weil sie sich und ihre Aussagen gar nicht selbst wahrnehmen.
Bei Ivan gibt es ein Arrangement in der Beziehung. Es sind Treffen und da geht es um wann/wo. Persönliches Interesse an der Partnerin gibt es nicht.
Das Unerreichbare in Ivan ist auch ein Teil seiner Anziehung.
Für Ivan gründet die Beziehung auf einer Vereinbarung gemeinsamer Zeit. Es ist da kein Verrat, kein Selbstbetrug. Das sehe ich eher in Malina. Da ist das Unglück, die Vernachlässigung, das „Nicht-Gesehen-Werden“ offenkundig.
Ich denke schon, dass man im Laufe einer Beziehung desillusioniert wird. Was gut ist und Auseinandersetzung, Beziehungsarbeit fordert.
Ich finde es spannend, wenn ich in einer Beziehung überrascht werde. Das kann auch eine Desillusionierung sein.
Begegnungen können Menschen erschüttern. Eigene Grenzen werden dann anders wahrgenommen.
Menschen suchen sich aus Gewohnheit das was sie schon kennen. Einfach weil es weniger bedrohlich ist. Das ist auch in der Liebe so.
Die Liebe beginnt mit der Geburt, den ersten Lebensjahren. Wir wiederholen diese Erfahrungen dann.
Auch das Schreckliche hat Vertrautheit und damit Wiederholung. Es fühlt sich sicherer an.
Familie kann ein Nährboden für ungesunde Beziehungen sein, wenn man nicht die Möglichkeit hat dies zu verarbeiten.
„Ich muss das und das noch tun damit ich geliebt werde“ – das ist eine Sackgasse.
Liebe auf den ersten Blick? Eine starke Anziehung und Projektion gibt es. Aber Liebe, das ist für mich ein zu schweres Wort, um es auf den ersten Blick festzumachen. Ich nehme das sehr ernst. Ich bin auch bei Freundschaften nicht anders (lacht). Es braucht Zeit, um mich emotional zu binden.
In Wien habe ich mich auf jeden Fall verliebt (lacht). Ich komme immer extrem gerne nachhause.
Wenn man verliebt ist, teilt man dies mit Stadt und Welt. Man möchte es hinausschreien (lacht).
Offenes, ehrliches Reden ist ganz wesentlich in einer Beziehung. Wie auch immer diese Beziehung aufgebaut ist.
Jeder Mensch ist abhängig von anderen Menschen. Wenn es zu groß wird, wie bei Ivan, kann es eine Todesart sein, von der Bachmann ja spricht.
Mehr zu fühlen, wer man ist, und nicht weniger, dies sollte Liebe sein.
Phantastereien sind in einer Beziehung immer da. Es ist allerdings tragisch, wenn dies zur Flucht vor der Realität wird. Wenn das wonach man sich sehnt zur Vorstellung wird, an der man sich festklammert.
Liebe ist jemand um seiner selbst willen lieben.
Liebe ist Freiheit das wahre Selbst auszuleben.
Liebe – die Komplexität, das Sein eines Menschen zu schätzen und zu ehren.
Zelebrieren kann in der Liebe etwas sehr Schönes sein.
Liebe – eine Übereinkunft das Leben gemeinsam, in allen Freiräumen, zu gestalten.
Liebe geht über das Erwartete hinaus.
Eine platonische Beziehung kann emotional intensiver sein als eine Liebesbeziehung.
Liebe kann in ganz unterschiedlichen Modellen gelebt werden.
Was ich Ingeborg Bachmann sagen würde? Ich wäre wahrscheinlich zu nervös dazu (lacht). Wahrscheinlich würde ich danke sagen.
Linda Pichler, Schauspielerin_Wien
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Linda Pichler_Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.
Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Wien_6_2021.
Liebe Corinna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgen wird um 04:00 Uhr früh mein Wecker klingeln, und ich werde mich bereit machen für meine Schicht am Flughafen, wo ich Teilzeit arbeite. Es geht gerade wieder so richtig los! Die letzten eineinhalb Jahre war ich in Kurzarbeit und sehr viel zu Hause.
Von einem Tag auf den anderen, plötzlich Stillstand. Ruhe. Durchatmen können. Begreifen, was meine “Normalität” in den letzten Jahren war. Kunstpause.
Innehalten.
Resümee ziehen.
Und ein wenig Hoffnung.
Dass es möglich ist.
Dass ALLES möglich ist.
Corinna Orbesz, Clownin
Momentan proben wir wieder mit “Die Schamlosen” (einer Produktion der Theaterarche) für einen Auftritt beim Kultursommer. Als wir uns im Jänner mit dem gesamten Ensemble auf diese Reise begaben, wussten wir nicht, ob und wann wir spielen können. Dann nach wochenlangen Proben – interne Premiere, ohne Publikum. Letztendlich – offizielle Premiere im Mai.
Die ganze Zusammenarbeit war unglaublich berührend und von einer gegenseitigen Fürsorge geprägt. Es hat uns allen gut getan – das Miteinander.
Ich habe gemerkt, WIE SEHR mir das Theater, das kreative Schaffen und arbeiten im Kollektiv gefehlt hat. Auch das wöchentliche Physical Theatre Training von ILIOS Théâtre, bei dem ich seit über vier Jahren dabei bin, hat mich sehr über diese schwierige Zeit gebracht. Wir haben Lösungen gefunden. Eine Zeit lang online trainiert, dann wieder outdoor. Kunst macht möglich. Öffnet neue Räume.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Jetzt und für alle Zeit – die Liebe. Immer schon. Die Liebe zur Welt und zu sich selbst. Denn sie war immer, ist immer und wird immer sein. Und ich denke, wenn wir uns ein für alle mal für die Liebe entscheiden, dann können wir nur gewinnen.
Wenn ich manchmal nicht mehr weiter weiß oder vor einer Entscheidung stehe, stelle ich mir immer eine dieser zwei Fragen: “Was würde die Liebe jetzt tun?” und “Ist das der Mensch, der ich sein möchte?”
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?
Die Krise hat uns unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Lange Verdrängtes wurde bewusst. Ungerechtigkeiten kamen noch mehr zum Vorschein. Es braucht Systemänderungen, gerechtere Verteilung, nachhaltigere Lebensweisen. Weg von immer mehr und billiger, hin zur Achtsamkeit. Eine Verlangsamung des Tempos. Mehr Engagement beim Klimaschutz. Solidarität.
Es braucht ein Miteinander.
Als Clownin sehe ich meine Aufgabe darin, mein Herz zu zeigen. Menschen zu berühren. Spuren zu hinterlassen. (Vielleicht kleine Clowsnasenabdrücke auf den Herzen der Menschen).
Und trotz aller Geschichten, Verletzungen und Narben, die wir alle mit uns tragen, sich immer und immer wieder aufs neue auszusetzen. Masken fallen zu lassen. Sich zeigen und echte, tiefe Begegnung zulassen. Verletzlich sein. Durchlässig. Mutig. Neugierig. DA SEIN. Und dadurch vielleicht die Herzen der Menschen zu öffnen.
Ein Clown geht immer mit der inneren Haltung “Ich lege dir mein Herz zu Füßen” auf Menschen zu. Diese Haltung möchte ich mir bewahren.
Bertolt BRECHT spricht den Zuschauer seines Stückes “Der gute Mensch von Sezuan “ direkt an und fordert ihn zur tagespolitischen Umsetzung des Gezeigten auf: „Sie selber dächten auf der Stelle nach – Auf welche Weis ́ dem guten Menschen man – Zu einem guten Ende helfen kann. – Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! – Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!“
Was liest Du derzeit?
“Die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen” von Ralf Senftleben und
“Die Chubbuck-Technik – Ein Schauspiel-Lehrbuch” von Ivana Chubbuck
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die ganze Sache ist die, daß die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht.
Leo Tolstoi
Und! 🙂
Meiner Meinung nach ist das Allerwichtigste, daß der Clown als Mensch eine reine Seele hat. Oleg Popov
Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Corinna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin
Alle Fotos_privat.
6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Zehava, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zum Glück sind alle Kurse, die ich unterrichtet habe, mit dem Ausbruch der Korona online gegangen. Meine Arbeitszeiten liegen also am späten Nachmittag oder am Abend.
Morgens, bevor die Kinder aufwachen, schaffe ich es, ein paar Seiten zu schreiben. Nimm den Traum und die Gedanken heraus. Dazu gibt es eine Tasse heißen Kaffee mit Hafermilch. Dann frühstücken wir gemeinsam, es gibt Tage, da muss meine Tochter in die Schule und es gibt Tage, da muss mein Sohn, sich schnell organisieren und rausgehen und dann mache ich schon einen langen Spaziergang durch den Park, manchmal mit meiner Tochter, manchmal alleine.
Zu Hause arbeite ich an Kapiteln, die ich kurz vor den Corona-Einschränkungen geschrieben habe, um sie zur Übersetzung zu schicken und dann das Buch – die Geschichte auf Deutsch zu veröffentlichen. Gleichzeitig bereite ich eine weitere Gedichtsammlung zur Übersetzung vor.
Mittags, wenn meine beiden Kinder zu Hause sind, spielen sie zusammen oder lesen Bücher, ihre Lieblingscomics. während ich online Hebräisch unterrichte. Nach dem Abendessen ist dies meine Zeit, um an Übersetzungen zu arbeiten, ich tue dies gerne mit dem Zwitschern der Vögel von youtube. Im Bett lese ich noch ein paar Seiten aus dem nicht enden wollenden Buch 4321 von Paul Auster.
Zehava Khalfa, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einerseits – schließlich steht jeder alleine vor seiner eigenen Realität und andererseits die Einsicht, dass wir alle gemeinsam im selben Boot sitzen. Und jeder sollte hinzukommen und sich gemeinsam um das Bewusstsein für verschiedene Themen bemühen, die mit unserer gemeinsamen Zukunft verbunden sind.
Während ich diese Dinge schreibe, spüre ich bereits einen Widerspruch in mir in Bezug auf meine Vorstellung, dass jeder mit seiner eigenen Realität allein zurechtkommt. Die Frage ist, inwieweit die individuelle Realität eines jeden wirklich durch die Aktualität von Politik und Gewalt beeinflusst wird. Inwieweit wird die Lebensqualität eines jeden Einzelnen durch den zufälligen Ort, an dem er geboren wurde, durch die zufällige Familie und durch sein zufälliges Schicksal beeinflusst. Wie sehr wir uns an Zugehörigkeit und Geschichte als formendes und verfestigendes Werkzeug festhalten. Und was, wenn wir sie für einen Moment beiseite legen, was werden wir dann herausfinden? Wenn wir unsere persönliche Karte, das Geschlecht, die nationale, religiöse Zugehörigkeit usw. abgelegt haben? Wer sind wir dann wirklich?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dies kann als ein neuer Anfang gesehen werden, in meinen Augen ist die Literatur wie jede andere Kunst, ein integraler Bestandteil der Menschheit. Sie ist die pulsierende Seele im Körper und untrennbar. In einigen der Übersetzungen, mit denen ich mich beschäftige, habe ich das Zeugnis einer Holocaust-Überlebenden übersetzt, die in einer Gruppe von Frauen war. Sie und ihre Freundinnen erfanden einen Liedtext zu einer bekannten Melodie. Einerseits war ich erstaunt, wie Frauen, die kaum etwas aßen und hauptsächlich an ihr Überleben dachten, etwas erschaffen konnten, andererseits ist Kreation ein integraler Bestandteil des Lebens. Jeder Mensch erschafft auf seine eigene Art und Weise. Meiner Meinung nach haben die Corona-Beschränkungen die Kreativität nicht verhindert, obwohl es für mich in dieser Zeit schwieriger war, zu schreiben, da ich mehr mit den Kindern beschäftigt war, ich bin eine alleinerziehende Mutter, und abends und tagsüber arbeitete. Aber ich habe so viel wie möglich geschrieben.
Was liest Du derzeit?
Ich lese das Buch „4321“ von Paul Auster. Hoffe, es zu beenden, ich bin derzeit auf Seite 450. Einerseits ist es ein interessantes Buch, andererseits würde ich mich freuen, stattdessen andere Bücher zu lesen.
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Newsletter- Zahava Khalfa
Nun ist auch diese Zeit langsam angekommen, stolpernd zwischen den Kalenderquadraten, verwandelte die Seiten in unsichtbare digitale Punkte
Jetzt ist auch das gekommen, diese Position des Sitzens, die kalte Berührung der Treppe am Hintern. Ich warte.
Du sagst nein, du bist noch nicht bereit. Die Kinder essen einen leicht trockenen Kuchen, mit kalter Milch zum Aufweichen.
Hier wirst du sehen, wie sich die Zeit in uns zu kleinen Plätzen verwandelt, auch deine Nachbarn sind laut, Kinder heulen aus allen möglichen Häusern.
Der Lärm der Autos sägt den Abend wie Scheiben. Schwarzbrot.
Vielen Dank für das Interview liebe Zehava, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich führe ein sehr diszipliniertes Leben und habe gleichzeitig viel Freiheit. Ich tue das, was ich liebe, jeden Moment und konzentriere mich darauf, in allen Bereichen meines Lebens mein Bestes zu geben.
Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin _Sofia Cruz Rocha studio, 2019. Foto: Courtesy of the artist
Ich meditiere nach dem Aufstehen, dann fahre ich mit dem Fahrrad zu meinem Studio im 1060. Die Arbeit im Studio fokussiere ich auf meine Produktion. Am Nachmittag fahre ich nach Hause, und nach einer Mahlzeit und einer Pause arbeite ich weiter und beschäftige mich mit E-Mails, Büroarbeit. Ich lese zu verschiedenen Tageszeiten, um meine Wunschthemen zu recherchieren. Manchmal besuchen Freund oder Kollegen mein Studio während der Woche.
Solo show view, The Mystery of number 3, Galeria Enrique Guerrero, Mexico City, 2019 _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende KünstlerinPhoto: courtesy of the gallery.
Samstags arbeite ich nicht und kümmere mich ausschließlich um mein Privatleben.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, es ist für uns alle wichtig, diese Zeit zu nutzen, um über unseren inneren Zustand nachzudenken, der alle Erfahrungen in jeden Bereich des Lebens beeinflusst.
Tun wir das, was wir wirklich tun wollen? Wie frei sind wir, wenn wir innerlich ständig Angst, Zweifel, Apathie oder Traurigkeit erleben? Wenn wir innerlich nicht frei sind, wie können wir dann die wahre Freiheit des Seins erreichen?
948 STAY AWAKE, 2021 Acrylic and air brush on canvas 60 x 60 cm _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
In diesem Prozess ist es wesentlich, in sich selbst zu schauen und durch diese Rückbesinnung auf sich selbst, sich mit dem ALLEN zu verbinden.
Kunst spielt eine Rolle der ästhetischen Beeinflussung, der Beeinflussung des kollektiven Unbewussten und damit der Vermittlung einer bestimmten Denkweise. Die Denkweise ist beim Autor des Werkes verankert. Die notwendigsten künstlerischen Diskurse für die Entwicklung der Menschheit in jeder Epoche stechen hervor.
Was liest Du derzeit?
Ich lese Texte der hermetischen Philosophie. Sie behandeln Autoren der Theorie und Praxis der Kabbalah, der Gnosis.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir benötigen keine Fernreise, bei der wir einen exotischen Meister in einer abgelegenen Höhle, auf einem Berggipfel, im tiefsten Dschungel oder in einem abgeschiedenen Kloster suchen. Wir sind genau jetzt dort, wo wir hingehören. Wir haben jetzt alles zur Verfügung, um den nächsten Schritt auf unserem einzigartigen Pfad zu schreiten. Der nächste Schritt kann eine Ausbildung in einer Weisheitsschule, ein Video, ein Artikel, ein Hörbuch, ein Erlebnis oder einfach ein inspirierendes Gespräch mit einem Berufskollegen sein. Erst wenn wir die erlangten Erkenntnisse im Alltag umsetzen, können wir sie verwirklichen.” Von https://t.me/HermeticWorldDE
Sky Installation, 2021 Fotos: Elena Kristofor _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sofia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!