„Kunst sollte gesellschaftliche Themen aufgreifen und rütteln“ Susan Madsen, Bildende Künstlerin_Berlin 21.7.2021

Liebe Susan , wie sieht dein Tagesablauf aus?

Daran hat sich nicht viel verändert. Aufstehen, Kaffee trinken, Rauchen, Internet, photographieren.

Ich lebe in einem Wagendorf im Tiny House mit meinen 4 Söhnen. Da gibt es viel zu organisieren. Möglichst auch delegieren. Ich bin erkrankt seit Februar an einer Herzmuskel Entzündung. Das schränkt mein Radius stark ein, auch photographisch. Ich sehe es als eine Chance mich mehr zu beschäftigen mit dem Unmittelbaren in meiner Nähe, wo ich in der Vergangenheit nicht so genau hingesehen hatte.

Susan Madsen, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das was schon immer wichtig gewesen wäre: menschlicher Nähe und Zusammenhalt. Aufmerksamkeit und Besinnung darauf was wir haben und nicht darauf was wir gerne hätte oder verloren haben. Sensibilität und Solidarität für und mit für die wirklichen Verlierer unserer Gesellschaft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Kunst an sich zu?

Ich tue mich schwer mit dieser Frage. Aufbruch und Neubeginn gehört zum Leben. Nicht nur eine Pandemie lädt dazu ein, sondern viele andere Ereignisse in unserem Leben. Für mich ist es etwas Normales, mein Leben zu überdenken und mich neu zu erfinden.

Meine Hoffnung wäre, dass diese „Pause“ die Menschheit zur Besinnung bringen würde.

Mehr Sensibilität für die Umwelt, mehr Verzicht auf angeblich notwendige Dinge, eine gewisse „Langsamkeit“ im Tun und Lassen. Ich denke auch eine Diskussion über was der Begriff „Freiheit „ und „Meinungsfreiheit“ wirklich zu bedeuten hat, wäre gesund? Ich bin geschockt über diese Herden Mentalität in der Corona Diskussion. So schnell geht es also, dass eine andere Meinung nicht toleriert wird?

Generell tue ich mich schwer damit den Kunstbegriff zu definieren – ganz allgemein und für mich selbst. Ich habe das unglaubliche Privileg an der Kunsthochschule Weissensee Bildhauerei mit 56 Jahren studieren zu dürfen und betrachte mich auch als Studentin ohne ausgereiftes Kunstverständnis (bekommt man das überhaupt irgendwann?)

Ein gleichaltriger Dozent sagte mir mal „Ich stehe am Ende und du am Anfang“ und das stimmt tatsächlich. Oft weiß ich nicht was ich tue und warum? Das ist unheimlich befreiend, da ich feststellen muss mit zunehmenden Alter, dass es eigentlich genauso war in meinen anderen Leben. Nur dachte ich damals ich hätte einen Plan. Ich weigere mich wo es geht, Artist Statements abzugeben und das liegt nicht nur an meinem schlechte Deutsch und Englisch Kenntnissen.

Für mich ist zumindest das was ich mache etwas was für sich stehen sollte. Ohne eine lange intellektuelles Gedöns dazu. Mir gehen generell Menschen, die sich als Welt Verbesserer und Prediger empfinden auf die Nerven. Ich „erzähle gerne in Bildern und es begeistert mich, wenn der Betrachter zu meinen Photos ganz andere Geschichten erzählen kann als ich. Es regt also die Phantasie an! Im wesentlichen sind mir Humor, Leichtigkeit auch bei schwierigen Themen, Selbstironie, Spielen mit Vorurteilen, Freiheit, Courage, Moral und Ethik wichtig.

Ich denke Kunst hat die Rolle, die Kunst schon immer hatte? Kunst sollte gesellschaftliche Themen aufgreifen und rütteln, Emotionen auslösen, erlösen und bewegen und es darf gelacht werden dabei!

Was liest du derzeit?

Arztberichte

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gibt mehr Probleme, als Lösungen“ Pelle Gerdes mein jüngster Sohn, 2019, damals 12 Jahre alt.

Vielen Dank für das Interview liebe Susan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Susan Madsen, Bildende Künstlerin

Susan Madsen | Home

Foto_Susan Madson

18.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die passende Struktur für den neuen Alltag finden“ Linda Woess, Schriftstellerin_ Wien 20.7.2021

Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vormittags schreiben, mittags TV-Nachrichten verfolgen, nachmittags etwas Sport (kleine Wanderung mit Freunden oder neuerdings zweimal die Woche auch wieder Fitness-Studio), abends hauptsächlich lesen oder Dokus im TV ansehen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Lehren aus der Krise zu ziehen und die passende Struktur für den neuen Alltag finden

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Den Neubeginn langsam und mit Bedacht angehen – gute Literatur und Kunst helfen, die Perspektive zu ändern,  zu entschleunigen und sich zu besinnen.

Was lest Du derzeit?

„Der Liebhaber des Vulkans“ von Susan Sontag –

Ein Buch, das ich nach rund 25 Jahren wieder lese und das mich jetzt noch mehr begeistert als seinerzeit.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

Das Glück ist nur ein paar Seiten entfernt – in einem Buch.

Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Linda Woess, Schriftstellerin

Foto_Linda Woess

25.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist mein Platz in dieser Welt, so fühlt es sich an“ Peta Klotzberg, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 20.7.2021

Ich bin in eine Welt hineingeboren, die aufbauen, verbessern wollte. In den 1980er Jahren gab es den Mauerfall, Utopien von Frieden, der Wert des Menschen und seines Lebensraumes wurden thematisiert. Ich trage das in mir. Der Roman Malina sieht das ja dunkler, diesen immerwährenden Krieg der Welt.

Peta Klotzberg_Schauspielerin, Regisseurin, Künstlerin

Mein Weg zur Kunst begann sehr früh. Das Interesse war immer da und vielseitig – Tanz, Zirkus, Theater, Musik, eine einzige Suche. Mit vierzehn Jahren stellte sich dann die Frage der weiteren Ausbildung. Ich habe dann die „Graphische“ Lehranstalt in Wien, Schwerpunkt Fotografie, besucht, war dabei auch ein Jahr an einer amerikanischen High School, in Quincy Kalifornien, das liegt zwischen San Diego und den Rocky Mountains, zwischen sehr spannenden beeindruckenden Naturkontrasten, auch die Wüste ist sehr nah.

Ich habe nach der Schule in Wien dann als Fotografin gearbeitet, im Portraitbereich, auch kurz in den USA, und zB. in der Werbung für Palmers. Parallel dazu begann ich das Studium der Theaterwissenschaften wie eine Schauspielausbildung. Studieren wurde es nicht, die Praxis rief. Es ergab sich dann eine Theaterrolle mit dem ensemble adhoc  im „Theater Spielraum“. Ich hatte da eine Rolle eines Kindes ala „Adams Family“ in den „Vollmondnächten“, und bekam gute Kritiken. Hermes Phettberg war auch dabei.

Dann war ich in der Produktionsassistenz, Fotografie, Redakteurin, Texterin beim Spielfilm und in der Werbung tätig. Ich war auch Moderatorin von Finanznachrichten. Da waren dann immer auch schon eigene Projekte parallel dabei.

Kunst ist für alle da. Es ist besser Leute machen Kunst, sei sie gut oder eher sehr laienhaft, als sie werden Waffenschieber oder sonst was.

Es geht in der Kunst nicht um welchen Level, welche Ausbildung, welches Können, sondern darum, dass man es macht, dass man sich ausdrücken will.

Kunst ist immer bestinvestierte Zeit. Das geht nicht besser.

„It´s your voice!“ sagte mein großartiger Schauspiellehrer David Maayan an der Schule des Theaters. Das möchte ich jedem ans Herz legen. Den Weg gehen, Prozesse erleben, den eigenen Ausdruck finden.

Kunst bereichert mein Leben. Es ist mein Lebensweg.

Ich fühle mich in der freien Theater-, Kunstszene sehr wohl. Ich muss nicht die fünfte Leiche im Tatort spielen. 😉

Vor Jahren hatte ich das Kunstformat „Zeitlos im Bild“, da gab es vorrangig positive Nachrichten. Ich finde, das Gefüge der Welt kann sich ändern, wenn wir daran mitwirken, mittels Bewusstseinsarbeit, gerade auch in den Medien. Es wäre möglich, etwa 80% positive Nachrichten und 20% negative Nachrichten zu bringen. Das würde viel bewirken.

Klang ist derzeit ein Schwerpunkt bei mir mit einem Kollektiv namens „LIQUIDinfinity“. Es geht da um sozialkritische Texte in Verbindung mit Alltagsgeräuschen und Sounds aller Art, des Lebens. Das Theremin, ein Synthesizer, ist dabei auch als Klangerzeuger wesentlich. Diese Kombination ist sehr spannend. Inhalt und Musik zu verbinden fasziniert mich. Wir nennen es „musikalische Kommentare“. Ich nehme meine Gesangsstimme da bewusst zurück, denn toll singen machen schon so viele begabte Kolleg_innen  vielleicht besser (lacht). Das Thema ist Fülle und Reduktion.

Kunstorte, an denen Publikum und Darsteller*innen interagieren, schätze ich sehr. Ich nenne meine Performancearbeit gern „site-spezific“, immersiv, körperbetont. Viele Worte für „ein Erlebnis, einen Prozess für Darsteller, Crew und Zuseher_innen kreiieren wollen“. Es ist spannend, diese Trennung von Aktivität und Passivität im Theater aufzuheben bzw. damit zu spielen.

Bewegung und Körperarbeit lassen Erfahrungen entstehen. Das ist etwas was mir auch im Theater wichtig ist.

Erfahrungsräume und Orientierung im Raum als Theaterkonzept, ich mag das. Ich bin ein großer Freund von Raumarbeit.

Ich schätze die Psychologen unter den Schriftstellern wie Dostojewski, Tschechow, Strindberg. Ich selbst arbeite intuitiv.

Mit dem Roman Malina verbinde ich zunächst das Bild der schreibenden Frau. Das ist ein wichtiges Thema. Schreibende Frauen sind sehr wichtig. Ich denke da jetzt etwa an Sophie Reyer und Julya Rabinowich. Ich schreibe selbst auch.

Die Aufarbeitung von Vergangenheit ist auch ein wichtiges Thema des Romans. Ich komme aus einer Generation, in der das Kapitel Nationalsozialismus, II.Weltkrieg, Shoa, im Geschichtsunterricht überschlagen wurde. Das war möglich. Für mich war und ist es ein sehr wichtiges Thema. Ich sehe den Rechtsextremismus natürlich als immerwährend lauernde gesellschaftliche Gefahr mit höheren und niedrigeren Wellen. Die Tendenzen sind wieder stärker da, die Mechanismen dieselben.

Die Dichtheit des Romans, die Treffsicherheit der Themen, das ist außergewöhnlich bei Ingeborg Bachmann.

Dieses Verschmelzen von Malina und der Ich-Erzählerin, diese Symbiose, das ist sehr besonders. Für mich gibt es da weibliche und männliche Persönlichkeitsanteile, aber ich sehe es entgegengesetzt. Wie es der Roman darstellt, ist es faszinierend.

Es gibt in der Kunst Männer, die dich bremsen und Männer, die dich supporten wollen, beides ist mir unangenehm (lacht). Weil es ein Gefälle ist. Es geht um Miteinander, Augenhöhe und Solidarität, in Kunst und Gesellschaft.

Die Kämpfe, den Krieg, von dem Bachmann in Beziehungen spricht, da geht es um unerfüllte Sehnsüchte.

Dieser private, gesellschaftliche Krieg Bachmanns ist wohl in vielem geschluckt worden, er ist unter der glitzernden Oberfläche, in den Hinterhöfen.

Persönlich kenne ich es nicht so sehr, dass man sich in Beziehungen zerfleischt.

Ich erwarte mir wenig von Menschen. Die Erwartungen gehen an mich selbst.

Begehren, Sehnsucht, das sind wunderschöne Dinge. Eine Affäre ist auch heute ein Beziehungsmodell. Es ist nicht meines. Ich bin da old school.

Beziehungen scheitern oft an Erwartungshaltungen. Der/Die Andere soll mir etwas geben, das mir fehlt. Ein anderer Mensch kann aber nie etwas für dich selbst erfüllen.

„Das ist doch eine arme Künstlerin, das ist ja super, die ist abhängig“, auch das gibt es aus der männlichen Partnerschaftsperspektive.

Ich erlebe meine Welt, meine Kunstwelt als sehr wertschätzend. Ich darf da sehr dankbar sein über die viele investierte Zeit und das Talent, die mir so viele Kolleg_Innen aller Sparten zur Verfügung stellen, damit ich meine bzw. wir unsere gemeinsamen Träume verwirklichen kann. Ich bin gerne die Reiseleitung, gebe aber genauso gerne das Ruder auch wieder ab, wenn ich wo mitarbeite.

Ich selbst erlebe von Männern viel Wertschätzung. Es gibt aber auch viele rohe, brutale Männer. Ich hatte da eine sehr schmerzvolle und bedrohliche Erfahrung.

Es gibt verschiedene Filter, mit denen Menschen einander sehen. Das ist auch ein wesentliches Thema des Romans. Und die Frage daraus: wer bin ich wirklich? Was bedeutet das, „Wirklichkeit“?

Diese Filter gilt es zu durchschauen. Aber sie verletzen auch. Davon erzählt ja auch der Roman.

Unsere Welt, unsere Wirklichkeit, unsere Gesellschaft, das sind Vereinbarungen.

Im Moment geht es mir in meinen Projekten darum Hoffnung, Mut, Miteinander, flache Hierarchien zu stärken. Das ist meine Vision im Moment, in dieser Corona Zeit. Davor war Bewusstseinsarbeit und Provokation mehr im Fokus.

Ergebnisse in Kunstprojekten und Unterstützung, sehen wie etwas wächst, das gibt Mut. Das wünsche ich allen Menschen.

Es ist bei allen Projekten der freien Kunstszene beeindruckend wie viel Zeit, knowhow da investiert wird. Viele wissen nicht wie sie die Miete zahlen sollen, aber sie machen Kunst.

In der freien Szene war es immer prekär und wackelig, jetzt mit Corona ist es völlig unplanbar, existenzbedrohend. Niemand kann sagen wie es nächstes Jahr aussehen wird.

Ich habe letztes Jahr im Frühjahr zu Beginn der Pandemie die Burgtheaterdirektion und das Kunsthistorische Museum angeschrieben, um eine Zusammenarbeit anzuregen – „Ihr seid die Hochkultur, wir die freie Szene, lasst uns gemeinsam ein Zeichen setzen, jetzt“. Es ist nicht passiert.

Dieses Jahr reichte ich vier Projekte beim Kultursommer Wien ein. Es hat nicht funktioniert, das ist schon sehr traurig. Es gab keine Rückmeldung. Da war eine Lesung, Theater, Musik und ein innovatives experimentelles Projekt dabei. Diese Projekte haben eine monatelange Vorbereitung. Es wäre schon gut, wenn es mehr gesehen, mehr unterstützt würde.

Ich lebe jetzt prekär und werde es wohl auch bis ins Alter. Es ist nichts Neues für mich als Künstlerin. Und ich würde es nicht anders wollen. Denn es bedeutet auch Adrenalin, Unabhängigkeit, Freiheit meiner Gedanken und Ideen ohne Kontrollmechanismen, die Kunst in monetären Werten messen. Es ist mein Platz in dieser Welt, so fühlt es sich an.

Peta Klotzberg_Schauspielerin, Regisseurin, Künstlerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Peta Klotzberg_Schauspielerin, Regisseurin, Künstlerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Aktuell: https://fraujedermann.at/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz_Malina_Wien_6_2020.

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„art is not content“ Derrick Ryan Claude Mitchell, artist_ Wien 19.7.2021

Dear Derrick, what’s your routine at the moment?

While this question is first on your list I have saved it until last to answer. I am quite a private person, often secretive when it comes to both personal desire and habits, and there is something in this question that feels quite personal despite (or perhaps because of) its innocent nature.

Derrick Ryan Claude Mitchell, artist

If I am being honest I will have to admit that I am too lazy to form any routines…or at least any personal routines outside of either a project I am making or a job that I have. The more “immersive” the project or job is, the easier it is for me to settle into the routine that will ensure its success even at the expense of my own personal happiness or comfort. Some good examples of this are the most recent Laboratory I created at  dieAngewadnte “Brick Bohemians”, the daily structures I facilitated for Saint Genet company members at The Watermill Center or working on the commercial fishing vessel F/V Jackal both of which are highly structured and intensive labor practices which I am invested in for extensive period of time and create pattern, ritual, and even routine.

Derrick Ryan Claude Mitchell “Brick Bohemians”

However, when these things are finished or paused..as has been the case, I am somewhat of an empty husk. I think exercise is important, but I hate exercise.  I know I should eat food, but I don’t care when I eat it, or what it is…., my daily life exists more as a constant battle with procrastination surrounding doing things I know are important but hate (exercise, eating, doing laundry, responding to text messages, cleaning the house, grocery shopping, having in person conversations etc.) and waves of intense depression of which I am unable and unwilling to communicate about with the people I love most. Often, I can justify some of my more troubling patterns as “self-care” (a term that is meaningless and honestly offensive when bandied about as a way to conquer aspects of mental and emotional illness),  but I think that the reality is that outside of doing things for other people I don’t have a very strong foundation for knowing what might make me happy or at least less upset all the time.

Derrick Ryan Claude Mitchell “Brick Bohemians”

I guess one positive part of being too lazy to be committed to any personal routines is that you don’t feel upset when things have to change, it’s much easier to let go of something that doesn’t exist. It also preemptively avoids conflict with people who are very set in their personal routines which, while meaningless to me, seem to give them some semblance of happiness, however fleeting, and really causes me no pain and usually minimal effort to accommodate.   

Derrick Ryan Claude Mitchell “Brick Bohemians”

If I had my druthers I would  have a drip coffee and chocolate chip cookie each day,but sadly, Viennese cafes serve neither and I honestly don’t care enough to make it for myself.  

What’s particularly important for us all in these days?

I’m not sure that I can totally answer this question. Or at least, I think it would be a bit too much hubris (even for me) to try and communicate what would be important for “all of us” in this critical moment in time. The phrasing of the question has made me think of this passage in Mariame Kaba’s book “We Do This Until We Free Us” which I think communicates my own thoughts about what might be particularly important better than I would be able to through this platform.

Cedar Island Lighthouse (film) 2-Pano-Edit

“I don’t believe in the self in the way that people determine it here in this capitalist society that we live in. I don’t believe in self-care, I believe in collective care, collectivizing our care, and thinking more about how we can help each other. How can we collectivize the care of children so that more people can feel like they can actually have their kids but also live in the world and contribute and participate in various different kinds of ways? How do we do that? How do we collectivize care so that when we’re sick and we’re not feeling ourselves, we’ve got a crew of people that are not just our prayer warriors, but our action warriors who are thinking through with us? ….I think capitalism is actually continuously alienating us from each other, but also even from ourselves and I just don’t subscribe. And for me, it’s too much with, “Yeah I’m going to go do yoga and then, I’m going to go and do some sit-ups and maybe I’ll like, you know, go to…” You don’t have to go anywhere to care for yourself. You can just care for yourself and your community in tandem and that can actually be much more healthy for you, by the way. Because all this internalized, internal reflection is not good for people. You have to be able to have… Yes, think about yourself, reflect on your practice, okay, but then you need to test it in the world, you’ve got to be with people. So, that’s important. And I hate people! So, I say that as somebody who actually is really anti-social… I don’t want to socialize in that kind of way but I do want to be social with other folks as it relates to collectivizing care.”

Forgiveness 1

New start, new beginning. What will be essential and which roles will art play?

I don’t know that I can totally agree with the premise, that this is a new start or a new beginning, because, truly, what has changed? We now face restrictions being lifted on the richest countries in the world while the reality of vaccine apartide and viciousness disaster capitalism prepares to go into overdrive and profit off of the misery, idolation, and death which we are all too eager to put behind us. This makes me think that we are still mired somewhere in the middle, unable to spit, unable to swallow while the world is turning to ashes in our mouth.

Forgiveness 2

Herbert Blau said in an interview with Bonnie Marranca: “Art is what happens when I think better of myself. To a degree that there is purity in that, it accounts for the discrepancy between what I am and what I’d like to be. I can at some level, even when I fail at art, respect myself there more than I can in reality. Which is to say, I’m known to myself more accurately in art than I am known to myself outside of it. This is not all egocentric. Art for me has always been the means by which I become more available to myself and thus more responsible.”

Forgiveness 3

What we have seen over the past 40 years of neo-liberal brainwashing and something that has exploded in the last year of pandemic lockdowns is to worship at the altar of superficial spectacle and the Cult of the Individual, in the face of  sacrifice and solidarity, service to others, and substantive transformation. We see that there is an ocean of “content creators” that have flooded our systems and dulled our senses, and yet this content while using the language “dialogue, compassion, and self-love” has only served to deepen the chasm between people and magnify individual feelings of alienation, otherness, division, and “being-in-it-for-oneself”. These bad actors are the enemies of Art and in being the enemy of Art they in turn are the enemies of Society.

Forgiveness 4

It is then the role of Art and the artist to reject any notion of “content creation” or of entrepreneurship. The disgusting term “entrepreneurial artist” has for the last decade of funding strangled those who may have committed themselves to creating art work while elevating the most vapid elements of art commodity.   Art is not content.  Samuel Beckett once said, “I’m writing into the void. There’s nobody there. So they always ask: “Why do you do it?…“Why does one write for the void…because the void is there.”

Forgiveness 5

What essential role will art play? The impossible and most important role of of art and the artists is to save the world. “The world, of course, doesn’t always want to be saved”

What are you reading?

We Do This ‚Til We Free Us

Abolitionist Organizing and Transforming Justice–Mariame Kaba

Cawdor and Medea–Robinson Jeffers

The Idiot–Fyodor Dostoevsky

And at night: Mercie–Anne Sexton

Perhaps somewhat embarrassingly as I have been battling waves of depression I received the “I-Ching” as a birthday gift, and while John Cage’s “Music of Changes” and really beautiful ideas of “chance operations” have been a major influence on my life, for some reason I have only installed it as an alter in my home and have not yet had the ability to open it. Perhaps, I am not yet ready to absorb what is inside.

Promised Ends 1

Which quote, input or text will you propose:

Since I have referenced so many other (much smarter and more articulate) artists words and ideas in these questions I will propose this “collective agreement” that I wrote for the artists of Saint Genet before we began a very long 3 year journey of making what would become a “Vienna Series” a trilogy of works that began in an abandoned factory in Traiskirchen and ended at Wiener Festwochen and Holland Festival. A series that may well be viewed by history as a failure.

Promised Ends 2

One throughline of those pieces was what happened to the “pioneers” (settler-colonialist’s) known as the Donner Party, and what decisions are made when you find yourself in the most vulnerable and desperate situation imaginable.  There is a lot to unpack historically, sociologically, and culturally, especially considering the current situation, however, I think the poetic conceit is still both meaningful and beautiful and much like Blau’s description of “Art” mentioned earlier this is something I come back to quite often…if only to remind myself that once upon a time very special things were able to be made by people that believed in something greater than themselves.

It has been agreed:

Above the gods stands Destiny.

And so we say:

That problems of destiny are still more entrancing than problems of chance because within the compass of destiny one requires perspective on the return of the will. Here we find our Party (ourselves), facing the desert where property and past have been abandoned, and the social contract, nothing but wheel tracks disappearing, the ghost of a dance, and cannibalism about to start.

Frail Affinatie

That problems of destiny are still more entrancing than problems of chance because within the compass of destiny one requires perspective on the return of the will. Here we find our Party (ourselves), facing the desert where property and past have been abandoned, and the social contract, nothing but wheel tracks disappearing, the ghost of a dance, and cannibalism about to start.

Frail Affinities 2

That this place, where the gods are most likely to fail us; where the doing as it’s done, doing it over and over, with no promise that anything will add up, knowing we do not know, we can not know, knowing only: what we do is about who does it.

And so we discover:

That the same soul can not serve two masters.

And we have determined:

That what we have to seek for, we seek relentlessly; all of the time. Insisting on images that become obsessions, on fate shrouded in silence.

Watermill_Tintype 2

It has been said:

That every gift involves a gmasacrifice.

And so we say:

That ours will be an exemplary case of love without respite opening a psychic space in the very center of indifference. Where our every action has been dreamt into being keeping, if not death, at least the deadening outside of this circle of existence inside our fantasy of longevity through which we all expire. This can never happen but always is. There is madness here. Extraordinary things happen rarely anymore.

We bring bodies back into souls.

Thank you very much for the Interview, dear Derrick, joy and success for your great artprojects und personal all the best in these days!

Five questions on artists:

Derrick Ryan Claude Mitchell_artist_performer

D. Ryan C. Mitchell (dieangewandte.at)

Alle Fotos_ Derrick Ryan Claude Mitchell

30.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Strudlhofstiege ist eine Institution“ Lola Lindenbaum, Künstlerin_Romanjubiläum „Strudlhofstiege“_Wien 19.7.2021

Mein Zugang zum 1951 veröffentlichten Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ führt für mich zunächst über den Autor Heimito von Doderer (1896 – 1966) selbst. Er ist ein ambivalenter Charakter, der viele Paradoxien in sich trägt und auch ausdrückt. Doderer trachtete nicht danach ausgeglichener zu wirken. Da war viel Provokation, etwa im Bild mit der Gerte.

Lola Lindenbaum_Künstlerin

Eva Menasse schrieb über den Autor der Strudlhofstiege, dass er wie „ein Großstadtindianer“ wirke, einfach etwas aus dem herkömmlichen Setting herausgerissen.

Doderer führte auch privat ein Paralleleben. Da war seine Frau Maria „Mitzi“ Emma Thoma, die in Bayern lebte und in Wien hatte er seine Geliebte, die Schriftstellerin Dorothea Zeemann. Der Schriftsteller suchte wohl in „Mitzi“  das verlorene, ersehnte Mütterliche, das von der Dominanz des Vaters verdrängt wurde, welcher er entkommen wollte.

Lola Lindenbaum_Künstlerin_Strudlhofstiege_Wien

Persönlich gibt es für mich auch eine topographische Nähe zu den Wohnsitzen wie auch dem titelgebenden Romanschauplatz.

Der Roman selbst arbeitet literarisch mit viel Synchronizität. Dies betrifft Charaktere, Ereignisse und Erinnerungen. Da kann ich Parallelen zu meinen Collagen entdecken. Etwa auch die Sequenzen aus Zitaten. Der Roman bietet viele Zu-, und Eingänge, bleibt aber grundsätzlich schwer zugänglich.

Doderers Ruhm kam mit dem Roman in späten Jahren. Es waren Stufe, Wege, Stationen eines Schriftsteller-, Künstlerlebens. Vielleicht mit der Strudlhofstiege hier vergleichbar, Windungen. Es gibt aber auch eine Fülle von interessanten Kurzgeschichten des Autors.

Das Thema Wut ist in seinem Merowinger Roman präsent. Es war wohl auch eine wesentliche Triebfeder für sein Schreiben. Kunst kann ja sehr befreiend für Wut sein, dieses Hinklatschen von Wort und Farbe, ich kann das künstlerisch nachvollziehen. Es gibt natürlich auch das Gegenteil. Die Schriftstellerin Susan Sontag schrieb etwa, dass sie nicht wütend sein konnte.

Wut ist gut analysierbar, weil verortbar. Es ist persönlich gut, wenn man wütend sein kann. Es ist ein Ventil der Seele. Gut, dass Doderer geschrieben hat (lacht). In der Kunst erfolgt eine Transformation.

Doderer kannte keine Kompromisse.

Die Fotografien des Schriftstellers mit Pfeil und Bogen sind ein starkes Symbol für seine Persönlichkeit. Da ist das Spannen wie Überspannen in der Amplitude des Lebens. Ebenso die vielen Unvereinbarkeiten, die doch lebbar sind. Das Spannen des Bogens braucht es und der Pfeil ist eine Form der Würze wie auch des Loslassens.

Fülle ist auch ein Kennzeichen des Romans und diese ist immer Lebenshunger. Da ist keine Entscheidung, keine Auswahl zu treffen – sondern es gilt – alles auf einmal. Die Antithese zur Fülle ist die Ruhe, das Wortlose, Askese. Es braucht auch die Antithese. Das kann ich mir bei Doderer gut vorstellen. Schreiben als Energieschub.

Eva Menasse bezeichnete „Wut und Idylle“ als Grundingredienzien von Doderers Werk. Wut und Idylle passt zu Doderer.

Lola Lindenbaum _ Acryl_
Doderers Schreibtisch hatte am Rieglhof Blick einen Ausblick auf die Rax

In meinen Bildern gibt es um das Momentum des Betrachtens. Die Kunst dirigiert da. Das Irritierende macht Spaß.

the lack of domesticity as liberation
2018&2021
80×100
Acryl, Öl, Asche, Collagenelmente a.Leinwand
HALTUNG
 
DIE STARKE
MOTIVATION
BLUTIGROTE PUNKTE
AUSSPUCKEN
DAS RÜCKGRAT TRÄGT
DAS FREIHEITSLIEBENDE GESCHÖPF
IN DIE FERNE
AN EINEN ORT
NAMENS
HALT.
@lola_lindenbaum
Öl, Acryl, Spray ,Collagenelemente auf textilisiertem Holzrahmen, 80×120, 2021

Das Bild Haltung passt zu Doderer, ich denke an die Fotos, auf denen er Bogen schießt und an das „Gewurrel“ der Charaktere in dem MEROWINGER Roman.

Ich habe den 9.Bezirk Wiens, in dem die Strudlhofstiege zu finden ist, sehr gern. Der Bezirk ist sehr vielseitig, sehr viel Historisches, man kann sich frei bewegen ohne Hektik.

Die Strudlhofstiege, das ist eine Institution. Ich schaue sie auch gerne bei Nacht an. Sie ist wunderschön im Licht. Auch im Winter, der beleuchtete Schnee, ein märchenhaftes Bild.

Das Gehen in einer Stadt ist ein Seelebaumeln-Lassen. Ich liebe es.

Ich will richtig Stadt oder richtig Land. Nichts Hybrides.

Schwammerl von gestern,
Acryl, Collage a.Leinwand, 50×60
2018

Ich bin ein Amplitudenmensch. Wechselnde Settings. Spannung, Ambivalenz. Keine Monotonie. Das Wechseln von einem Leben in das andere. Das ist keine Zerrissenheit sondern eine Ergänzung. Eine Vervollständigung.

Menschen sagen, dass Fülle anstrengend sein kann, für mich ist es entspannend, entschleunigend. Die Fülle – sich nicht entspannen zu müssen.

Künstlerisch bin ich mehr im Land tätig. Das Futter hole ich mir in der Stadt.

„ich bin so brav, dass es weh tut“,
Öl, COLLAGE a.textil.Keilrahmen, 80x 125
2 Fotoelemente vom Shooting „Doderer“ wurden im Bild verwendet

Mit zwanzig Jahren begann ich die Strudlhofstiege zu lesen. Ich bin ja nie richtig reingekippt. Es gab Autor*innen, die mich mehr gefesselt haben. Aber Doderer als Person ist faszinierend, er kommt mir immer wieder unter. Man muss das Werk eines Künstlers nicht zu 100 Prozent verstehen.

Ich kann mich in den Ambivalenzen des Autors wiedererkennen.

more than a hunded years…Acryl, Collage a.LW 60×90

Das Paradoxon Doderer ist beeindruckend. Er stand selbstbewusst in seiner Zeit. Er war unabhängig. Hat sich nicht angebiedert. Das ist bewundernswert.

DIESES BILD NENNT SICH „Allein war er nie“,
120×80, Öl, Acryl, Spray a.textilisiertem Keileahmen.
Die Handbewegung der am Schreibtisch sitzenden Figur erinnert an Doderers Handbewegung auf einem Foto

Wenn ich male, habe ich nur Pinsel, Farbe in der Hand. Rundherum ist mir alles ziemlich egal. Ich habe die Gewissheit eines fügt sich ins andere. Ich mache es aus dem Bauch, aus der Intuition heraus. Da denke ich nicht viel nach. Ich muss mich nicht anstrengen, keine Konzentration. Ich habe da ein Vertrauen. Es stellt sich nicht die Frage nach Muse. Es sind Phasen. Stoff und Material gibt es immer en masse.

ein klassischer Fall: die Bleistifttäterin
120×160 Öl, Acryl, Wandfarbe a.Leinwand, 2021

Wenn ich zu malen beginne, muss es im Moment sein. Da bleibt keine Zeit zum Umziehen. Die Finger sind dreckig, es wird begonnen und ich bin im Prozess, oft stundenlang, es ist keine Zeit eine Umgebung zu schaffen. Meine Umwelt nimmt das wahr. Da bedarf es keiner Worte.

Petrified

at some point

the rock

whistled gently

expirienced

in trustvoll night

tough

is not enough

fulfilling.

wild hat, wild cat
80×240
Öl, Acryl, Spray a.LW, 2021

Es gibt ja so viele Beschreibungen von „Grüntönen“ in den Büchern Doderers.

Ich probiere gerne Neues. Ein Kooperationsprojekt mit einer Harfenistin, sie schrieb ein Stück und ich malte dazu, war ein spannendes Einlassen auf Klang und die Vielfalt wie Schönheit von Tönen.

Ein Eichkätzen! (Während des Gespräches im Gebüsch neben der Stiege vorbeigehuscht)

Ich habe immer ein Notizbuch in meiner Handtasche. Ich schreibe meine Gedanken auf. Schöne Worte oder Skurrilitäten. Worte, die ich schon lange nicht gehört habe, dies kommt dann in meinen Werken wieder.

Mundartausdrücke sind sehr präzise. Man freut sich auch Worte wiederzuhören.

Der Blick ist immer offen. Besonders wird aufgeschrieben. Aufschreiben und fotografieren.

Corona hat letztes Jahr eine Ausstellung verschoben. Ich arbeite weiter wie eh und jeh, kann gar nicht anders.

Der Style und die Requisite für dieses literaturoutdoors Projekt zu Werk und Person Doderers ist für mich kein Aufwand. Die Ästhetik ist eine Facette der Schönheit des Lebens.

Rot das Ländliche, die Handschuhe als Antithese heben das Biedere auf. Das schwarze Tuch, das witwenanmutige, dunkle. Die Ohrringe als Ausdruck spielerischer Ambivalenz.

Das Irritierende macht Spaß.

Lola Lindenbaum_Künstlerin

70 Jahre _1951-1921 _ „Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ _ Roman _ Heimito von Doderer _ im Gespräch und Fotoporträt:

Lola Lindenbaum_Künstlerin_Wien 

Lola Lindenbaum

literaturoutdoors_Station bei Heimito von Doderer

Alle Bilder/Fotos_Lola Lindenbaum

Interview und alle Fotos_Porträt_Walter Pobaschnig _

Strudlhofstiege_Wien 1090_6_2020.

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„Vieles kommt zu kurz, aber alles geht sich aus. Irgendwie.“ Jessica Lind, Schriftstellerin_Wien 18.7.2021

Liebe Jessica, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich rechne in halben Tagen. Mein Partner und ich teilen uns die Tage auf. 4 Stunden Arbeitszeit, 4 Stunden Kinderbetreuung. Dann abends oft Liegengebliebenes aufarbeiten. Manchmal auch einfach liegenbleiben. Vieles kommt zu kurz, aber alles geht sich aus. Irgendwie.

Jessica Lind_Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Dramaturgin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist schwierig, das pauschal zu beantworten. Unterschiedlichen Fragestellungen begegne ich mit unterschiedlichem Temperament. Was ich im Privaten gerade lerne, ist, nicht so streng mit mir zu sein. Auch mit anderen nicht so streng zu sein. Aber gerade gestern hatte ich einen Moment, wo alles auf mich eingebrochen ist und ich geglaubt habe, an  einem Tag alles, was mich stört, ändern zu müssen. Das ist unmöglich und macht niemanden glücklich. In diesem Bereich wünsche ich mir mehr Gelassenheit.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Dieser Aufbruch überfordert mich persönlich, weil ich dazu tendiere, mich vor Veränderung zu fürchten. Ich hoffe aber schon, dass daraus auch Chancen entstehen. Da ist zuallererst die Politik gefragt. Was Kunst und gerade die Popkultur kann, ist ein Gesellschaftsbild prägen. Da sehe ich eine große Chance durch das Erzählen Denkmuster, Rollenbilder und Klischees in unseren Köpfen aufzubrechen.

Was liest Du derzeit?

„Notes to Self“ von Emilie Pine (Hörbuch), „Herzklappen von Johnson & Johnson“ von Valerie Fritsch und „Fliegenpilze aus Kork“ von Marie-Luise Lehner

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

‚„Famously the trick to good writing is bleeding onto the page“ – clearly it was a male writer who coined this phrase, sitting at his typewriter, a blank sheet before him. What kind of blood dit he imagine? Blood from a vein in his arm or a leg, perhaps a head wound. Presumably it was not blood from a cervix. (…) And all along I was wrong, I should have been sitting down on my desk and spilling it (the periode blood) across the page, a shocking red to fill the white.’

aus „Notes to Self“ von Emilie Pine

Vielen Dank für das Interview liebe Jessica, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Filmprojekte – besonders für Deinen Debütroman „Mama“ Verlag Kremayr & Scheriauund persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jessica Lind_Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Dramaturgin

Mama – Kremayr & Scheriau (kremayr-scheriau.at)

Foto_Mercan Sümbültepe

8.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vor allem Kunst, die Mut macht und die Stellung bezieht“ Marina Maggio, Schriftstellerin_Würzburg 17.7.2021

Liebe Marina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinen Tagesablauf hat sich so einiges geändert. Mein Hauptberuf ist Altenpflegerin. Seit der Pandemie muss ich während meiner Schichten immer eine Maske tragen. Ich muss, bevor ich die Einrichtung betrete, meine Temperatur messen, Laufzettel ausfüllen uvm. Auch den Bewohnern müssen mehrmals am Tag die Temperaturen gemessen werden. Die Hygienestandards wurden angehoben und die Dokumentation raubt einen viel mehr Zeit als vorher.  Wenn ich nach Hause komme, sitze ich noch zehn Minuten im Auto und überlege, wie ich in den 3 Stock komme. So erschöpft bin. Vor der Pandemie war ich regelmäßig im Botanischen Garten, habe dort viele meiner Gedichte geschrieben und fotografiert. Ich konnte Kraft tanken.  Während der Pandemie war der Botanische Garten geschlossen. Leider. Ich bin Mitglied im Würzburger

Autorenkreis. Seit der Pandemie finden keine Lesungen mehr statt und auch keine Treffen, außer Virtuelle. So langsam lockert sich das.

Marina Maggio,Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenzuhalten, aufeinander achtgeben und wenn möglich sich gegenseitig unterstützen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Moment stehe ich auch vor einen beruflichen Neubeginn. Ich habe gemerkt und gespürt, dass der Beruf den ich ausübe, nicht mehr der Beruf ist, den ich bis zur Rente machen möchte. Die Kunst, ob es das Schreiben oder Fotografieren ist, nimmt immer größeren Raum ein in meinem Herz und verdrängt die gegenwärtige Arbeit. Die Freude ist mir abhandengekommen. In der Pflege arbeite ich gegen Windmühlen. Ich möchte für meine Gedichte beklatscht werden und nicht für eine Arbeit bei der ich auf dem Zahnfleisch nach Hause robbe.

Ich denke, dass das Verarbeiten der Pandemie eine wesentliche Rolle spielen wird , auch in der Kunst und der Literatur. Wir brauchen wieder „geistige Nahrung“.

Vor allem Kunst, die Mut macht und die Stellung bezieht. Eine Kunst, die das Erlebte zulassen darf, auch wenn es nicht immer schmeichelt. Wie wir ja gesehen haben, wurde die Kunst und Kultur eher als ein Tier behandelt, das man irgendwo aussetzt und zu dem man sagt: „Schau wie du selber zurechtkommst. Auf dich kann man verzichten!“ Das darf trotz einer Pandemie nicht wieder passieren.

Was liest Du derzeit?

Da ich gerade eine Weiterbildung zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft mache, lese ich viel Literatur über psychische Störungen und Schmerzmanagement bei Demenz(  „Der vergessene Schmerz“). Dann lese ich zurzeit die Bücher „Achtsam morden“ von Karsten Dusse und „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“  (Gedichte) von Dincer Gücyeter.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Wer schon auf dem Meeresgrund war, fürchtet sich nicht mehr vor Pfützen“.

(Arthur Lassen)

Vielen Dank für das Interview liebe Marina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Marina Maggio, Schriftstellerin

Foto_privat.

18.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sie schreibt das aus was in ihr ist“ Huei Chiang, Geigerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 17.6.2021

Ich bin in Taiwan aufgewachsen. Musik war für mich und meine Schwester ein Fixpunkt der familiären Früherziehung. Ich wollte aber selbst auch immer Musik hören, etwa beim Einschlafen oder beim Einsteigen ins Auto (lacht). Ich forderte stets laut: „Bitte, spiel` Musik!“. Es war dann für mich und meine Schwester vorgezeichnet, dass wir auch Musik beruflich machen wollen. Meine Schwester ist Pianistin.

Huei Chiang _ Geigerin

Mit drei Jahren spielte ich Zuhause etwas am Pianino. Meine Mutter leitete mich dann an. Dann kam ich an die Yamaha Musikschule. Dort gibt es gemeinsames Spielen der Kinder. Die Form und der Klang der Geige haben mich da sehr früh schon fasziniert. Und ich habe gesagt, „ich will Geigerin werden.“

Mit fünf Jahren entschied ich Geige zu spielen. Meine Eltern freuten sich auch darüber, da ja meine Schwester eine Klavierausbildung machte. Im Musikschulsystem von Taiwan ist es jedoch vorgegeben zwei Musikinstrumente zu lernen.

Mit sechzehn Jahren kam ich nach Salzburg ans Mozarteum und studierte Violine. Mit neunzehn Jahren ging ich nach Spanien und war zehn Jahre lang erste Geigerin in einem Kammerorchester. 2012 kam ich zurück nach Österreich, zuerst nach Salzburg und dann nach Innsbruck. Jetzt in der Corona Zeit bin ich nach Wien gezogen.

Wien ist für mich die schönste Stadt, in der ich bisher gelebt habe. Als Musikerin denke ich daran, dass hier Musiker wie Mozart, Schubert oder Beethoven gelebt haben. Es ist ein besonders Gefühl in jener Stadt zu leben, in der die Musik, die ich spiele, herkommt. Das finde ich sehr berührend. Es ist magisch und ich bin sehr dankbar hier zu leben.

Ich lese gerne – Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten. Noch mehr las ich in meiner Jugend.

Der Roman Malina erzählt so ehrlich über das Leben, die Liebe einer Frau und ihre Beziehungen. Ich denke da steckt auch viel von Ingeborg Bachmann selbst drinnen. Ich schreibe auch, bin jedoch keine Schriftstellerin, und dann schreibe ich über das was ich gut kenne, weiß.

Ingeborg Bachmann war sehr mutig, die Außen- und Innenwelt einer Frau zu beschreiben. Das war ja vor 50 Jahren nicht selbstverständlich.

Heutzutage ist es eine offene Welt, in der man über alles sprechen kann. Die Beziehungsrealitäten sind ja sehr vielfältig. Frau und Mann sind freier geworden.

Emotionen verarbeite ich in der Musik und im Schreiben. Ich denke Musik und Worte helfen einander. Wenn das Wort an Grenzen kommt, kann Musik diese Stimmung aufnehmen.

Wenn ich emotional sehr gedrückt bin, dann hilft mir ein Mittel: Tanzen! (lacht).

Bewegung ist ein Gefühl von Freiheit.

Liebe beschreiben? Oh, mein Gott (lacht). Ich denke, Liebe ist am Schwierigsten zu beschreiben. Es ist etwas so Großes, es gibt so viele Formen, Richtungen.

Liebe, das ist das Gefühl eines inneren Friedens mit sich und der Welt. Es ist ein Spüren, ein „Wow“ und ein Gefühl von Dankbarkeit.

Ich war lange Zeit verheiratet. Meine Geige ist aber die längste Beziehung, die ich hatte (lacht). In einer Beziehung gibt es immer verschiedene Phasen von Nähe und Distanz. Auch in der Musik gibt es das. Aber ich komme dann immer wieder zurück zur Musik, weil es das ist, was ich am Besten kann. In einer Beziehung kann es auch so sein. Man ist nicht immer 100 % verliebt. Nicht in einen Menschen, nicht in eine Geige. Liebe, Beziehung, Musik, da gibt es viele Ähnlichkeiten.

Musik gibt und braucht viel Energie. Etwa die Vorbereitung eines Konzertes. Es ist so viel Schönheit in der Musik, die erfüllt, manchmal spiele ich aber auch nur für mich. Als persönliche Freude.

Es ist für die Frau in der Gesellschaft schon vieles besser geworden. Aber nicht in allen Ländern. In Asien entscheiden Frauen viel Zuhause und die Männer haben auch Respekt.

Malina ist sehr poetisch geschrieben. Ich habe es in der englischen Fassung gelesen.

Ingeborg Bachmann hat eine eigene Sprache, um ihre Geschichte zu erzählen. Das ist sehr spannend. Ich sollte mehr deutschschreibende Autor*innen lesen (lacht).

Wenn ich verliebt bin, ist die Beziehung im Mittelpunkt.

Eine Beziehung kann ein Zirkus von Nähe und Distanz sein. Wie ist man in der Liebe glücklich? Ich habe darauf keine Antwort. Wichtig ist in jedem Fall sich selbst zu kennen.

Freunde von mir leben seit vielen Jahren in einer polyamorösen Beziehung. Sie sagen dies habe auch viele Herausforderungen.

Liebe, das ist auch wesentlich das Gefühl zu geben und dafür braucht es Richtung und Weg.

Liebe auf den ersten Blick habe ich persönlich erlebt. Es war dann allerdings ein langes Warten, zwei Jahre, auf diese Liebe. Ob es Liebe auf den ersten Blick auch in späteren Jahren gibt? Da ist in jedem Fall mehr Vorsicht dabei.

Ich schaue im Verliebtsein zunächst darauf, welcher Mensch er ist. Auch in der Beziehung, Liebe zu sich selbst. In jungen Jahren ist man verliebt mit der Idee verliebt zu sein.

Die Frau in Malina ist sehr sensibel. Sie spricht nicht viel mit Ivan. Sie schreibt das aus was in ihr ist.

Ivan? Er sollte mehr kommunizieren.

Malina? Dasselbe wie bei Ivan (lacht). Mehr auszudrücken was sie denken.

Es wäre zur Frau im Roman nicht korrekt zu sagen, das ist gut oder schlecht. Sie versucht ja rauszukommen aus den Zweifeln, der Unzufriedenheit. Aber irgendwie ist es auch ok. Es ist ihr Weg, vielleicht ihr ganz persönlicher Prozess des Lernens.

Der Roman ist eine Inspiration herauszufinden wie man liebt. Was passt zu meinem Leben? Das ist mein erster Eindruck beim Lesen.

Huei Chiang _ Geigerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Huei Chiang_Geigerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Huei Chiang – Geigerin – Huei Chiang

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_6_2021.

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„Wesentlich wird sein, dass wir bewusster leben“ Roswitha Gassmann, Schriftstellerin_ Maur/Schweiz 16.7.2021

Liebe Roswitha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schäme mich ein bisschen, aber ich schlafe zuerst einmal sehr lange. Ich frühstücke nicht, trinke aber einen Liter Tee, den ich mit intensiven indischen Gewürzen anreichere. Meine Morgengymnastik dauert 45 Minuten, danach (und manchmal dazwischen!) lese und beantworte ich E-Mails oder lese Zeitungsartikel. Mittags esse ich einen Salat oder – sehr schweizerisch – ein Birchermüesli. Normalerweise gehe ich vier bis fünf Mal pro Woche ins Hallenbad, wo ich einen Kilometer schwimme, Wenn «mein» Hallenbad geschlossen ist, ersetze ich das Schwimmen bei gutem Wetter mit einem Spaziergang im Wald hinter dem Haus. Ansonsten lese ich sehr viel. Ich habe das «Eingeschlossen sein» in diesem Winter dazu benützt, das Manuskript meines im September erscheinenden Buches «Wie ich alle Grenzen überschritt» zu überarbeiten. Heute Nachmittag will ich mich an die voraussichtlich letzte Geschichte machen. Es handelt sich bei meinen Texten um Erinnerungen an außergewöhnliche Ereignisse aus meinem ehemaligen Berufsleben als Reiseleiterin. Abends koche ich regelmäßig, im Schnitt einmal pro Woche gebe ich eine Einladung. Während der Pandemie durften wir nur zu viert sein, mittlerweile sind wir wieder zahlreicher. Oft schaue ich mir abends einen Livestream an – eine Oper, ein Konzert, auch schon eine Stadtführung in Hamburg oder öfters mal Literaturstreams.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir die Erkenntnisse, die wahrscheinlich die meisten von uns hatten während der Pandemie, ins neue Leben mitnehmen und etwas daraus machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Immer wieder unkten Pessimisten, dass die Kunst, die Kultur, irreparablen Schaden nehmen werde aufgrund der massiven Einschränkungen während der Pandemie. Als Optimistin denke ich, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Waren wir nicht alle glücklich, als die Museen ihre Tore vorsichtig wieder öffneten, die Theater, Opernhäuser, Konzerthallen wieder zum Spiel, zum Gesang, zur Musik luden. Viele von uns haben sich selbst erfunden während dieser außergewöhnlichen Zeit. Wesentlich wird sein, dass wir bewusster leben. Wir haben erkannt, dass auch heute noch Geschehnisse unser aller Leben einschränken können, dass wir nicht alles im Griff haben. Dass eine höhere Macht unser Leben bestimmt. Die Rolle der Kunst? Pablo Picasso hat gesagt: « Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen.» Genau das erwarten wir von der Kunst.

Was liest Du derzeit?

Vorgestern bis am Morgen um 05.00 Uhr (zum zweiten Mal): «Das Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells (Diogenes)

Gestern bis um 01.30 Uhr «Brief einer Unbekannten» von Stefan Zweig, Fischer-Verlag

Heute: «Vereinigungen» von Robert Musil, Telegramme-Verlag

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Man lebt nicht,

wenn man nicht für etwas lebt.

Robert Walser (1878-1956) Schweizer Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview liebe Roswitha, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Roswitha Gassmann, Schriftstellerin

Roswitha Gassmanns Erinnerungen an 20 Jahre Reiseleitungen werden im September im Telegrammer-Verlag unter dem Titel «Wie ich alle Grenzen überschritt» erscheinen.

Foto_privat

29.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn ich mit Frauen arbeite, wissen wir, dies ist außergewöhnlich“ Ethel Merhaut, Sängerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 15.7.2021

Jedes Leben hat süße und bittere Zeiten. Dies betrifft das persönliche ebenso wie das kulturelle, gesellschaftliche Leben. Es trifft die Gegenwart auf den Punkt.

Ethel Merhaut_Sängerin

Gesellschaftlich gesehen ist heute das Süße die Fülle an Möglichkeiten, Zugängen, auch der Komfort des Lebens, bitter sind die Erfahrungen von Kontrollverlust. Bitter ist besonders die bedenkliche Situation von Antisemitismus und Rassismus.

Für uns Menschen ist der Kontakt zu uns selbst ganz wesentlich, um nicht die Empathie für scheinbar „kleine Dinge“ zu verlieren, für Menschen und Situationen und eine Gleichgültigkeit um sich greifen zu lassen.

Künstler*innen müssen zu jeder Zeit starke Persönlichkeiten sein, um sich gegen innere und äußere Zweifel behaupten zu können. Das war bei Ingeborg Bachmann so und ist heute so.

Künstler*in bedeutet selbstbewusst zu sein. Zuallererst kritisch gegen sich selbst zu sein aber zu wissen was man kann. 

Meine Zugänge zur Musik, zur Auswahl meiner Lieder, ist zunächst der Text und dann kommt der Rhythmus, der Schwung dazu. Es hängt natürlich auch davon ab ob ich das Programm mit einem Orchester oder einer Band plane.

Ich selbst komponiere und texte nicht, es wird für mich gemacht (lacht). Mein Pianist, Belush Kerany, hat etwa ein Lied aktuell auf „süß und bitter“ geschrieben. Dabei geht es um weibliche Selbstbestimmtheit und Lust. Wir sind dabei auch an weiteren eigen Liedern zu arbeiten. Wir experimentieren da mit Moderne and Tradition.

In den 1960/70er Jahren zur Zeit der Romanentstehung gab es starre weibliche Rollenbilder. Da hat sich viel bewegt. Meine Generation sucht sich Beruf wie privates Leben doch freier aus. Wir studieren, heiraten oder heiraten nicht. Aber unsere Gesellschaft an sich ist nach wie vor sehr patriarchal. Männer sind die Chefs, sind in Führungspositionen.

Wenn ich mit Frauen arbeite, sind wir uns sofort bewusst, dass dies außergewöhnlich ist.

Wie das Leben einer Frau aussehen soll, ist noch sehr geprägt von alten, verstaubten Bildern. Da muss man sich nichts vormachen.

Die Künstler*innen, Schauspieler*innen, Sänger*innen der 1920/30er Jahre waren für Frauen Vorbilder hinsichtlich Selbstbewusstsein und Freiheit, auch wenn diese Künstler*innen natürlich im gesellschaftlichen Kontext, der männerdominiert war, auch in der Kunst, lebten, leben mussten.

Die Künstlerinnen der 1920/30er Jahre sind etwas in Vergessenheit geraten und damit auch diese starke künstlerische, weibliche Stimme der Zeit. Wer kann etwa Künstlerinnen dieser Zeit aufzählen? Meine Musik sucht dies aufzunehmen, diese große Kunst, das Gedächtnis und diese große weibliche Kraft.

Jeder Mensch hat Abgründe. Die Kunst geht diesen nach. Wie weit – ist eine persönliche Entscheidung. Ich bin keine Grenzgängerin.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Ich ist in der Kunst unumgänglich. Ich habe aber keinen freudianischen Zugang zu meiner Kunst.

Pure, innere Lust existiert in unserer Gesellschaft nicht. Es gibt die „Lust an“, nicht die Lust an sich – diese läuft nur im Untergrund, in gesellschaftlichen Nischen.

Lust wird von unserer Gesellschaft ignoriert.

Wir leben in Beziehungen. Da gibt es einen Austausch, Energien – im positiven Sinn.

Ich schätze Traditionen – auf entspannte Weise.

Ingeborg Bachmann lernte ich in der Schule kennen. Aktuell lese ich gerne junge russische Autorinnen.

Ethel Merhaut, Sängerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Ethel Merhaut_Sängerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Ethel Merhaut

Das Album “Süß&Bitter” von Ethel Merhaut erschien im Mai 2021

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_5_2021.

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