„Die Strudlhofstiege ist eine Institution“ Lola Lindenbaum, Künstlerin_Romanjubiläum „Strudlhofstiege“_Wien 19.7.2021

Mein Zugang zum 1951 veröffentlichten Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ führt für mich zunächst über den Autor Heimito von Doderer (1896 – 1966) selbst. Er ist ein ambivalenter Charakter, der viele Paradoxien in sich trägt und auch ausdrückt. Doderer trachtete nicht danach ausgeglichener zu wirken. Da war viel Provokation, etwa im Bild mit der Gerte.

Lola Lindenbaum_Künstlerin

Eva Menasse schrieb über den Autor der Strudlhofstiege, dass er wie „ein Großstadtindianer“ wirke, einfach etwas aus dem herkömmlichen Setting herausgerissen.

Doderer führte auch privat ein Paralleleben. Da war seine Frau Maria „Mitzi“ Emma Thoma, die in Bayern lebte und in Wien hatte er seine Geliebte, die Schriftstellerin Dorothea Zeemann. Der Schriftsteller suchte wohl in „Mitzi“  das verlorene, ersehnte Mütterliche, das von der Dominanz des Vaters verdrängt wurde, welcher er entkommen wollte.

Lola Lindenbaum_Künstlerin_Strudlhofstiege_Wien

Persönlich gibt es für mich auch eine topographische Nähe zu den Wohnsitzen wie auch dem titelgebenden Romanschauplatz.

Der Roman selbst arbeitet literarisch mit viel Synchronizität. Dies betrifft Charaktere, Ereignisse und Erinnerungen. Da kann ich Parallelen zu meinen Collagen entdecken. Etwa auch die Sequenzen aus Zitaten. Der Roman bietet viele Zu-, und Eingänge, bleibt aber grundsätzlich schwer zugänglich.

Doderers Ruhm kam mit dem Roman in späten Jahren. Es waren Stufe, Wege, Stationen eines Schriftsteller-, Künstlerlebens. Vielleicht mit der Strudlhofstiege hier vergleichbar, Windungen. Es gibt aber auch eine Fülle von interessanten Kurzgeschichten des Autors.

Das Thema Wut ist in seinem Merowinger Roman präsent. Es war wohl auch eine wesentliche Triebfeder für sein Schreiben. Kunst kann ja sehr befreiend für Wut sein, dieses Hinklatschen von Wort und Farbe, ich kann das künstlerisch nachvollziehen. Es gibt natürlich auch das Gegenteil. Die Schriftstellerin Susan Sontag schrieb etwa, dass sie nicht wütend sein konnte.

Wut ist gut analysierbar, weil verortbar. Es ist persönlich gut, wenn man wütend sein kann. Es ist ein Ventil der Seele. Gut, dass Doderer geschrieben hat (lacht). In der Kunst erfolgt eine Transformation.

Doderer kannte keine Kompromisse.

Die Fotografien des Schriftstellers mit Pfeil und Bogen sind ein starkes Symbol für seine Persönlichkeit. Da ist das Spannen wie Überspannen in der Amplitude des Lebens. Ebenso die vielen Unvereinbarkeiten, die doch lebbar sind. Das Spannen des Bogens braucht es und der Pfeil ist eine Form der Würze wie auch des Loslassens.

Fülle ist auch ein Kennzeichen des Romans und diese ist immer Lebenshunger. Da ist keine Entscheidung, keine Auswahl zu treffen – sondern es gilt – alles auf einmal. Die Antithese zur Fülle ist die Ruhe, das Wortlose, Askese. Es braucht auch die Antithese. Das kann ich mir bei Doderer gut vorstellen. Schreiben als Energieschub.

Eva Menasse bezeichnete „Wut und Idylle“ als Grundingredienzien von Doderers Werk. Wut und Idylle passt zu Doderer.

Lola Lindenbaum _ Acryl_
Doderers Schreibtisch hatte am Rieglhof Blick einen Ausblick auf die Rax

In meinen Bildern gibt es um das Momentum des Betrachtens. Die Kunst dirigiert da. Das Irritierende macht Spaß.

the lack of domesticity as liberation
2018&2021
80×100
Acryl, Öl, Asche, Collagenelmente a.Leinwand
HALTUNG
 
DIE STARKE
MOTIVATION
BLUTIGROTE PUNKTE
AUSSPUCKEN
DAS RÜCKGRAT TRÄGT
DAS FREIHEITSLIEBENDE GESCHÖPF
IN DIE FERNE
AN EINEN ORT
NAMENS
HALT.
@lola_lindenbaum
Öl, Acryl, Spray ,Collagenelemente auf textilisiertem Holzrahmen, 80×120, 2021

Das Bild Haltung passt zu Doderer, ich denke an die Fotos, auf denen er Bogen schießt und an das „Gewurrel“ der Charaktere in dem MEROWINGER Roman.

Ich habe den 9.Bezirk Wiens, in dem die Strudlhofstiege zu finden ist, sehr gern. Der Bezirk ist sehr vielseitig, sehr viel Historisches, man kann sich frei bewegen ohne Hektik.

Die Strudlhofstiege, das ist eine Institution. Ich schaue sie auch gerne bei Nacht an. Sie ist wunderschön im Licht. Auch im Winter, der beleuchtete Schnee, ein märchenhaftes Bild.

Das Gehen in einer Stadt ist ein Seelebaumeln-Lassen. Ich liebe es.

Ich will richtig Stadt oder richtig Land. Nichts Hybrides.

Schwammerl von gestern,
Acryl, Collage a.Leinwand, 50×60
2018

Ich bin ein Amplitudenmensch. Wechselnde Settings. Spannung, Ambivalenz. Keine Monotonie. Das Wechseln von einem Leben in das andere. Das ist keine Zerrissenheit sondern eine Ergänzung. Eine Vervollständigung.

Menschen sagen, dass Fülle anstrengend sein kann, für mich ist es entspannend, entschleunigend. Die Fülle – sich nicht entspannen zu müssen.

Künstlerisch bin ich mehr im Land tätig. Das Futter hole ich mir in der Stadt.

„ich bin so brav, dass es weh tut“,
Öl, COLLAGE a.textil.Keilrahmen, 80x 125
2 Fotoelemente vom Shooting „Doderer“ wurden im Bild verwendet

Mit zwanzig Jahren begann ich die Strudlhofstiege zu lesen. Ich bin ja nie richtig reingekippt. Es gab Autor*innen, die mich mehr gefesselt haben. Aber Doderer als Person ist faszinierend, er kommt mir immer wieder unter. Man muss das Werk eines Künstlers nicht zu 100 Prozent verstehen.

Ich kann mich in den Ambivalenzen des Autors wiedererkennen.

more than a hunded years…Acryl, Collage a.LW 60×90

Das Paradoxon Doderer ist beeindruckend. Er stand selbstbewusst in seiner Zeit. Er war unabhängig. Hat sich nicht angebiedert. Das ist bewundernswert.

DIESES BILD NENNT SICH „Allein war er nie“,
120×80, Öl, Acryl, Spray a.textilisiertem Keileahmen.
Die Handbewegung der am Schreibtisch sitzenden Figur erinnert an Doderers Handbewegung auf einem Foto

Wenn ich male, habe ich nur Pinsel, Farbe in der Hand. Rundherum ist mir alles ziemlich egal. Ich habe die Gewissheit eines fügt sich ins andere. Ich mache es aus dem Bauch, aus der Intuition heraus. Da denke ich nicht viel nach. Ich muss mich nicht anstrengen, keine Konzentration. Ich habe da ein Vertrauen. Es stellt sich nicht die Frage nach Muse. Es sind Phasen. Stoff und Material gibt es immer en masse.

ein klassischer Fall: die Bleistifttäterin
120×160 Öl, Acryl, Wandfarbe a.Leinwand, 2021

Wenn ich zu malen beginne, muss es im Moment sein. Da bleibt keine Zeit zum Umziehen. Die Finger sind dreckig, es wird begonnen und ich bin im Prozess, oft stundenlang, es ist keine Zeit eine Umgebung zu schaffen. Meine Umwelt nimmt das wahr. Da bedarf es keiner Worte.

Petrified

at some point

the rock

whistled gently

expirienced

in trustvoll night

tough

is not enough

fulfilling.

wild hat, wild cat
80×240
Öl, Acryl, Spray a.LW, 2021

Es gibt ja so viele Beschreibungen von „Grüntönen“ in den Büchern Doderers.

Ich probiere gerne Neues. Ein Kooperationsprojekt mit einer Harfenistin, sie schrieb ein Stück und ich malte dazu, war ein spannendes Einlassen auf Klang und die Vielfalt wie Schönheit von Tönen.

Ein Eichkätzen! (Während des Gespräches im Gebüsch neben der Stiege vorbeigehuscht)

Ich habe immer ein Notizbuch in meiner Handtasche. Ich schreibe meine Gedanken auf. Schöne Worte oder Skurrilitäten. Worte, die ich schon lange nicht gehört habe, dies kommt dann in meinen Werken wieder.

Mundartausdrücke sind sehr präzise. Man freut sich auch Worte wiederzuhören.

Der Blick ist immer offen. Besonders wird aufgeschrieben. Aufschreiben und fotografieren.

Corona hat letztes Jahr eine Ausstellung verschoben. Ich arbeite weiter wie eh und jeh, kann gar nicht anders.

Der Style und die Requisite für dieses literaturoutdoors Projekt zu Werk und Person Doderers ist für mich kein Aufwand. Die Ästhetik ist eine Facette der Schönheit des Lebens.

Rot das Ländliche, die Handschuhe als Antithese heben das Biedere auf. Das schwarze Tuch, das witwenanmutige, dunkle. Die Ohrringe als Ausdruck spielerischer Ambivalenz.

Das Irritierende macht Spaß.

Lola Lindenbaum_Künstlerin

70 Jahre _1951-1921 _ „Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ _ Roman _ Heimito von Doderer _ im Gespräch und Fotoporträt:

Lola Lindenbaum_Künstlerin_Wien 

Lola Lindenbaum

literaturoutdoors_Station bei Heimito von Doderer

Alle Bilder/Fotos_Lola Lindenbaum

Interview und alle Fotos_Porträt_Walter Pobaschnig _

Strudlhofstiege_Wien 1090_6_2020.

https://literaturoutdoors.com

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