„Schreiben ist ein Versuch, die Wirklichkeit zu ordnen“ Lukas Maisel, Schriftsteller _ Bachmannpreisteilnehmer 2021_ Wien 14.6.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Lukas Maisel_ Schriftsteller_Bachmannpreisteilnehmer 2021

Lukas Maisel, Schriftsteller

Ich lebe in Zürich, bin aber derzeit in Österreich, Krems/Niederösterreich, habe ein Projektstipendium im Literaturhaus Krems. Mein Schreibatelier hier in Krems liegt zwischen der Donau und dem Gefängnis. Mein Blick ist zum Glück zur Donau.

Ich höre aber auch die Helikopter über dem Gefängnis kreisen. Manchmal mache ich mir auch Gedanken wie das Leben nebenan ist, dieses tägliche Vor-Sich-Hin-Leben im Gefängnis. Ende Juni geht es nach Berlin zu einem Schreibaufenthalt im LCB.

Städte haben eine ganz eigene Stimmung. Das fließt in das Schreiben ein. Diese Stimmung beeinflusst mich. Wenn ich einen Text schreibe, spielt er meist in Zürich, einfach weil ich diese Stadt am Besten kenne.

In Wien ist so viel Geschichte und Architektur zu spüren. Da relativiert sich Zeit, es könnte auch vor hundert Jahren sein. Berlin hat viele offene Wunden, es hat etwas Kaputteres. In Zürich bleiben Menschen stark bei sich. Es ist sehr angespannt. Auch das distanziert Höfliche ist ausgeprägt. Vielleicht ist dies das Zwinglianische. In Wien und Berlin gibt es mehr Austausch.

Ich habe eine Routine beim Schreiben. Das ist immer morgens. Etwas essen, Tee manchmal, das kann wechseln. Bestimmte fixe Rituale gibt es nicht.

Es sind bestimmte Arbeitsmethoden, die ich anwende. Im Moment schreibe ich an einem Roman. Als ich bei ungefähr 120 Seiten war, verlor ich etwas die Übersicht. Da druckte ich die Seiten aus und schreibe diese jetzt ab. Das hilft mir sehr weiter. Eine andere Arbeitsmethode ist etwa, immer wieder den Text laut vorzulesen, das hilft mir auch. Es gibt viele kleine Werkzeuge, die mir das Schreiben ermöglichen und die ich mir angeeignet habe.

Den Text für den Bachmannpreis jetzt schrieb ich in Englisch und rückübersetzte dann. Auf Deutsch hast Du so viele Möglichkeiten, das schränkt oft ein. In einer Fremdsprache ist ein einfacheres Schreiben, da gibt es kein Verstecken. Es geht mehr um Handlungen und Figuren, die Flucht in die Virtuosität der Sprache wie der eigenen Person ist da nicht möglich. Das ist ja eine Versuchung im Schreiben. In einer anderen Sprache bist du zurückgeworfen auf die Handlungen, die Figuren. Man sieht dann besser was man streichen kann, was nicht dazugehört. Man kann der Sprache ja auf den Leim gehen. Das etwas gut klingt aber nicht zur Geschichte gehört.

Beim Bachmannpreistext probierte ich diese Schreibform in einer fremden Sprache erstmals und merkte, dass es eine gute Idee ist. Wenn man statt 10 000 Wörtern nur 2000 hat, ist das hilfreich. Englisch bot sich an, weil ich es am Besten verstehe. Die Übersetzung an sich ist dabei nicht wichtig sondern der Prozess der Reduktion. Es geht ja um eine Geschichte nicht um Klang.

Sprache sollte präzise sein. Ich misstraue einer Sprache, die zu sehr ausgeschmückt, dekorativ ist. Ich schätze den Stil Flauberts, das Wissenschaftliche darin, oder auch jenen Kafkas. Bei zu vielen Metaphern werde ich misstrauisch. Ich bediene mich Metaphern sehr selten.

Es gibt ja Wortlieblinge, etwa Adjektiva. Im Schreiben in einer anderen Sprache steht das Adjektiv der Figur dann mehr im Vordergrund.

Widersprüche interessieren mich im Schreiben. Der psychologische Prozess von Figuren ist wichtig. Mich interessieren auch psychologische Experimente an sich. Wie Menschen handeln und wie etwa ein Selbstbild aufrechterhalten wird und um welchen Preis. In der Psychoanalyse interessiert mich etwa die Sublimierung.

Wenn heute das Milgram-Experiment (1961, USA, zu Autorität und Gewalt, Anm.) wiederholt werden würde, wäre das Ergebnis vermutlich dasselbe. Der Mensch versucht aus der Geschichte zu lernen aber es gelingt nicht, weil es nicht 1:1 wiederkehrt. Daher wiederholt es sich, ich bin da etwas pessimistisch.

Es ist heute leicht sich intelligent zu fühlen. Aber es ist meist ein angehäuftes Halbwissen aus dem Internet, das hat mit Moral nicht viel zu tun. Das ist das Verhängnis. Die Trennung von Moral und Intelligenz.

Literatur belehrt nicht. Da ist sie nicht gut darin. Literatur zeigt auf, deckt etwa verborgene Strukturen auf.

Thematisch finde ich mehrere Richtungen spannend. Den Einbruch des Unbekannten ins Normale etwa. Der Begriff des Anthropozän interessiert mich auch sehr. Ebenso die digitale Revolution der letzten 15 Jahre. Kommunikationsapps etwa verändern unsere Beziehungen. Da passiert wenig in Echtzeit. Die jüngere Generation telefoniert etwa nicht mehr so gerne, weil da nicht jeder Satz auf seine Wirkung überprüft werden kann. Es wird mehr geschrieben als gesprochen mit seinen Freunden.

Wenn man schreibt, ist man sich immer nahe. Ob man über die Kindheit schreibt oder über eine Figur, die etwas tut was noch nie getan wurde.

Wenn man sich zu sehr durschaut, ist es nicht gut für eine Geschichte. Wenn alle inneren Konflikte aufgelöst sind, gibt es keine Bedürfnisse mehr dies in Geschichte zu verwandeln. Wenn Kafka eine Psychoanalyse gemacht hätte, hätte sich vermutlich nie eine Erzählfigur in einen Käfer verwandelt.

Ich habe eine Ausbildung als Drucktechnologe gemacht, bis 2010 habe ich in diesem Beruf auch gearbeitet. Dann studierte ich am Literaturinstitut in Biel. Dann hatte ich einen Nebenjob im Warenlager und schrieb. Dann fand ich einen Verlag.

Schreiben ist ein Versuch die Wirklichkeit, die Welt zu ordnen, damit umzugehen.

Beim Schreiben ist jede Form, Art der Erfahrung wertvoll. Egal ob eine gute oder schlechte Erfahrung. Schreiben hilft beim Umgang mit Erfahrungen. Es ermöglicht auch Verwandlung.

Die Freiheit im Schreiben entspricht auch meinem Wesen.

Beim Schreiben ist das Innere wie das Umfeld einer Figur wichtig, dass warum sie so handelt. In Figuren kann dann viel ausprobiert werden,

Reisen hilft beim Schreiben. Es bricht Routinen auf. Etwas aber nicht zu sehr. Es ist eine Form der Verfremdung, öffnet neue Sichtweisen auf den Text.

Auch das Erschöpft-Sein auf einer Reise hilft beim Schreiben. Etwa ist man nach langen Busfahrt in Indien so fertig, dass man plötzlich sieht was wichtig ist, dass man vorher nicht sah. Man ist nicht mehr so verwöhnt. Da ist auch eine Verstellung nicht mehr so leicht möglich. Ich gehe etwa gerne nach Nepal wandern, das verändert, es wird alles fundamental.

Ich versuche mich gegen das Scheitern beim Bachmannpreis zu wappnen. Mit Anerkennung umzugehen, ist ja kein Problem. Ich bereite mich also vor allem auf das Scheitern vor, um es wegstecken zu können. Das klingt jetzt pessimistischer als es ist (lacht).

Lukas Maisel, Schriftsteller

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Lukas, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_ teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Lukas Maisel_ Schriftsteller_Zürich

Lukas Maisel | Autor

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Die Kunst kann nur für die Kunst“ Armin Steigenberger, Schriftsteller_München 14.6.2021

Lieber Armin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich relativ simpel. Es hat sich da so eine Struktur ergeben, wo ich meistens bis
weit in die Nacht hinein an verschiedenen Sachen arbeite, und wenn ich nicht gestört
werde, geht da wirklich was; der Kanal ist offen, die Nacht liegt mir zu Füßen. Ich
mache vieles parallel, arbeite dabei fast immer an Texten (immer an mehreren
gleichzeitig und nie linear), zwischendurch schaue ich mir aber dann auch gerne mal
einen Spielfilm an oder eine Doku … in diesem Rhythmus bin ich am Produktivsten,
es kommt viel dabei heraus; ich habe fast schon wieder ein Lyrikmanuskript fertig.


Kürzlich habe ich meinen ersten Coronatest gemacht (PoC), da ich nach einer Fahrt
im überfüllten Bus vor einigen Tagen etwas Angst hatte; aber das Ergebnis war
negativ. Uff! Ansonsten habe ich ja (bis auf Joggen, Spazierengehen und kurze
Besorgungsgänge) 24/7 Quarantäne. In Kürze werde ich zum ersten Mal geimpft.
Im Grunde geht es immer drum, mich durch allerlei bewährte Aktionen so zu
motivieren und dadurch eine fast meditative Atmosphäre zu schaffen, wo ich in eine
hohe Konzentration incl. einer großen Lust, kreativ zu sein, hinbekomme. Das geht
fast nur abends oder nachts, denn tagsüber lenkt mich alles Mögliche ab: Da wird
das so genannte Alltägliche erledigt, der Haushalt, der praktische Kram, da werden
Mails geschrieben usw. Tagsüber fauchen die Laubbläser ums Haus, orgelt das
Telefon, wummert der Rasenmäher eines Nachbarn über die Wiese, klingelt der
Paketbote – in dieser Unruhe kann ich alles, aber nicht Literatur machen …

Abends koche ich etwas und nach ein, zwei Stunden Nachrichtenschauen geht die
Party in meinem Kopf los. Da entsteht dann oft eine ganze Latte Text. Der Witz ist,
dass ich am nächsten Tag oft nicht mehr weiß, was ich geschrieben habe und erst
recht nicht, wo es herkam. Manche Texte landen buchstäblich auf meinem
Schreibtisch, sind plötzlich da. Aus welcher glitzernden Himmelsfalte das auch
gefallen sein mag.

Die beste Droge ist der kreative Kopf: Je rauschhafter der Zustand
ist, umso leichter schreiben sich die Texte; im Idealfall sogar federleicht.
Doch Corona hat mich lethargisch gemacht; ich bekomme – und das klingt
vermutlich für andere verrückt – tagelang nichts anderes geregelt als an meinen
Texten zu arbeiten. Das ist doch top, werden viele denken, – aber wenn alles andere liegen bleibt?

Für Essays, Rezensionen, Kolumnen usw. oder kleine Aufgaben, die ich
zugesagt habe, muss ich mich manchmal ziemlich lange anstacheln – ich nehme das
Verfassen von literarischen (also belletristischen) Texten nicht als Arbeit wahr –
brauche dafür alles andere als eine nüchterne Arbeitsatmosphäre, eher so etwas wie
hochkonzentrierten Partymodus (auch wenn das widersprüchlich klingt) und leider
kann ich seit Monaten oft gar nichts mehr anderes machen als Texte schreiben. Der
Rest an Tätigkeit besteht darin, dass ich mich mit lauter Sachen beschäftige, die
äußerlich betrachtet keinerlei Bezug zu meinem Schreiben haben.


Zunächst will ich alles mitbekommen, was politisch los ist. Ansonsten – ich habe
längst aufgegeben zu verstehen, warum ich mich plötzlich wie verrückt für das Spiel
Go interessiere und welche Taktiken es da gibt, zeitweise an nichts mehr anderes
denken kann – oder ich schau mir Mathevideos an über die Visualisierung des
imaginären Anteils einer komplexen Zahl … Da gehen für mich ganz neue Türen auf,
irr bis waghalsig, und ich will dann z. B. wissen, wie nichtkommutative Geometrie
mit der Zahlentheorie zusammenhängt, oder wie sich Primzahlen durch Gaußsche
Zahlen darstellen lassen. Solche Sachen halten mich tagelang in Bann. Wenn es mich
nicht mehr fesselt, kommt wieder etwas ganz anderes daher, das VoynichManuskript und seine mysteriösen Zeichen. Ich interessiere mich für Schwarztees,
koche neue Gerichte und kann daraus gut Inspiration ziehen. All das findet Eingang
in meine Texte. Ich könnte mich, glaube ich, nicht ausschließlich mit Literatur
befassen. Genauso aber (auch das klingt widersprüchlich) kann ich mich tage- und
wochenlang komplett in Petrarca, Sibylla Schwarz, Walt Whitman, Lalon oder die
Apokalypse vergraben.


Und ich bin ein großer Musikfan. Aktives Hören: Alles von (Avantgarde-) Jazz bis
hin zu Schubertliedern, politischem Hiphop und dem, was Singer und Songwriter
abliefern, aber da muss ich richtig zuhören. Ansonsten dudelt fast immer was im
Hintergrund, da hatte ich zuletzt ein paar gute Internetradios entdeckt, und alles was
sich im Hintergrund gut konsumieren lässt und nicht stresst, ist da gut geeignet, alles
zwischen Classic Rock, Hard Rock, (Post)Punk – was mich beim Zuhören beflügelt.
Muzak! Ich habe auch zum Schreibakt manchmal mehrere Medien gleichzeitig
eingeschaltet, weil mir dadurch von mehreren Seiten verrückte Worte zufliegen.
Ansonsten: Meine Frau Christel und ich sind ausgiebige Spaziergänger geworden,
d.h. wir haben da so mehrere Runden – wir wohnen ziemlich am Stadtrand und sind sehr schnell in der “Prärie”, wo wir je uns nach Wetter bewegen können. Wir haben da meistens unser gemeinsames Textbuch dabei, wo wir unter dem Label 2fell seit inzwischen 22 Jahren zusammen Texte schreiben. Es gibt (½ Laufstunde entfernt) an einem Autobahnrasthof eine rote Metallsitzgruppe “mit Trucker-WC-Anschluss“. Es wäre sogar ein Café dabei, das aber seit Monaten geschlossen hat. Das klingt jetzt völlig unromantisch, aber diese Bank steht immer wunderbar in der Sonne und wir können uns gegenübersitzen, haben einen Tisch, können schreiben. Da sind letzten
Sommer einige schöne Texte entstanden. Ich habe das Joggen angefangen und bin in
einem Jahr nun exakt 98 Runden gelaufen (zwischen 40 und 60 Minuten).
Als ‘das mit Corona’ angefangen hat, dachte ich, jetzt komme ich endlich mal zu
einigen Dingen, die ich sonst nie machen könnte. Das war anfangs auch so, dann
aber hat es sich verändert. Je weniger zuversichtlich ich war, desto schwieriger fiel
mir alles. Wenn ich plötzlich aus dem Haus musste, wurde das ein Riesenact. Und so
gibt es jetzt diesen anderen Effekt, wo es mir dann alles auf einmal so schwierig
erscheint, weil alles nur noch mit Einschränkungen möglich ist und wo ich kein Licht
mehr am Ende des Tunnels sehen kann. Auf diese Art, also durch meine
‚Prokrastination wider Willen‘, habe ich einiges an Terminen und auch Deadlines
für Wettbewerbe verbummelt. Müsste ich ein Motto erfinden für die letzte Zeit, wäre
das: Mein Jahr in der Jogginghose. Es ging bei mir teils gar nichts mehr voran und
die Lethargie wurde immer größer, selbst E-Mails zu beantworten fiel mir
phasenweise richtig schwer, das ist so ein Symptom der Pandemie … das neue,
schicke Wort dafür ist Languishing. Das ist auch der Grund dafür, warum ich seit
Januar mit dem Interview nicht fertig wurde …

Wie alle muss ich mit dem eingeschränkten Aktionsradius zurechtkommen. Das hat ganz klar negative Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit, dabei habe ich es noch gut erwischt, da ich im Grunde alles zuhause erledigen kann. Für meine Frau und
mich war Reisen immer besonders wichtig, denn nur vor Ort kann ich eine andere
Kultur wirklich begreifen. Für sie war vieles davon jobbedingt, für mich Neugierde.
Das fehlt uns sehr.


Mein Fokus hat sich verändert. Es hat sich ganz vieles verändert. Ich bin kritischer
geworden. Ich achte auf ganz andere Dinge.


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit, Besonnenheit, Besonnenheit. Über den Tellerrand schauen und
andere Länder nicht vergessen. Indien ist schlimmer dran als wir, viele andere so
genannte Entwicklungsländer auch. Nicht auf den eigenen Bauchnabel starren bitte.
Prinzipiell fände ich immer noch Zero Covid als Strategie sinnvoll, zumindest könnte
damit Europa aus der Krise kommen. Die Sache ist noch nicht vorbei. In Tests
vertraue ich weniger (außer PCR), weil sie zu ungenau sind, die Fehlerquote ist zu
hoch. Die meisten Maßnahmen begrüße ich, obwohl es mich ärgert, dass die
Impfungen so schleppend vorangehen und man seit einem Jahr nicht imstande ist,
die Situation ÖPNV und Büros zu regulieren …

Was für uns besonders wichtig ist: Global zu denken und zu erkennen, dass wir trotz
aller Einschränkungen, die uns belasten, sehr privilegiert sind.
Wobei ich nicht sage, dass mir die endlosen Lockdowns und Beschränkungen nicht
inzwischen komplett zum Hals heraushängen. Ich hatte erst wieder eine Absage für
eine Lesung Anfang Mai, wieder eine Gelegenheit, die ausfallen muss. Ich hatte mit
meinem neuen Buch nur eine einzige reale Livelesung im Sommer 2020 vor 4
Leuten. Ich kann das mit Fassung tragen.
Wichtig finde ich vor allem, dass die Menschen so freundlich, so cool, so besonnen
wie möglich bleiben und an ihre Verantwortung denken, die eine große ist. Schauen,
was man selber dazu beitragen kann, dass die Pandemie nicht immer größer wird.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle
gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein
und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Tja, die Kraft der Kunst. Die gibt es natürlich schon und es ist gut, dass es sie gibt.
Sie wird natürlich von jeher auch ein bisschen überschätzt, ohne dass ich mich selber
jetzt kleinlaut reden will. Die Kunst darf sich vor allem nicht instrumentalisieren
lassen. Was jetzt auch schon wieder passiert, dass die Politiker, die sich
aufgeschlossen und fortschrittlich geben möchten, die Kunst hochhalten, wie sie kurz
vorher sie die “systemrelevanten Berufe” hochgehalten haben – und das alles so
hässlich, wenn es obendrein so durchschaubar ist. Die Kunst kann nur für die Kunst bestehen. Alles andere ist Augenwischerei. Da macht man sich was vor. Die Kunst darf ich nicht zur Galionsfigur werden oder sich vor irgendwelche Politikerkarren spannen lassen. Oder dass Kunstwerke von der falschen Stelle Applaus erhalten.

Was liest Du derzeit?

Im Grunde lese ich immer schon alle möglichen Sachen gleichzeitig und nicht nur in
Buchform. Im Laufe des letzten Jahres bekam ich einen ganzen Schwung
Gedichtbände, da war und bin ich gut beschäftigt.
Ich habe auch im Internet einige gute Seiten entdeckt, habe mich letztes Jahr viel mit
dem Sonett beschäftigt, mit Petrarca. Und zuletzt mit den Gedichten von Walt
Whitman. Den Anstoß gab eigentlich Jürgen Brôcan, der auch mein letztes Buch
verlegt hat und der diesen Dichter komplett übersetzt hat. Nicht nur Captain my
Captain, auch viele andere Gedichte aus den Leaves of Grass sind sehr
beeindruckend. Gestern bekam ich Pega Munds reste von landschaft – es ist ihr
Debüt! – in das ich schon sehr interessiert hineingeblättert habe.
Dazu muss ich noch sagen, dass ich in den Phasen, wo ich viel Text produziere und
einen hohen Output habe, weder lesen noch rezensieren kann; da ist Lesen sogar
eher kontraproduktiv, weil ich beim intensiven Vertiefen nicht bei mir bleiben kann.
Vermutlich fokussiere ich mich deshalb auf “fachfremde” Sachen, die mich anregen,
um den Kopf aufzumachen für meine eigene Weltinterpretation.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Am liebsten würde ich gleich ganz viele Zitate heraussuchen … Ich habe in der letzten
Zeit sehr viele Bücher bekommen, von Kolleg:innen und Freund:innen, die ich
getauscht oder mir bestellt habe. Und eigentlich habe ich immer gedacht, dass aus
der Überfülle zu schöpfen leichter ist … Da war so viel Input die letzte Zeit, dass ich
mir wirklich schwertue, daraus etwas Markantes hervorzuheben. Ein paar Bücher
möchte ich gerne nennen, weil sie mir noch stark im Gedächtnis sind. Hartwig
Mauritz hat einen Gedichtband herausgebracht, schwarze landschaft aus dem
brillenetui nachts, in dem ältere Texte neu verlegt wurden. Das Buch ist klasse,
sozusagen ein “best of”. Dann ist da Yevgeniy Breyger mit seiner Gestohlenen Luft: vielgestaltig, wuchtig, ideenreich. Ein sehr gelungener Band! Da sind schon absolut irre Texte drin, über die ich tagelang nachgedacht habe. Und auch Yu-Sheng Tsou, die sich vereinende deckung: Seine Gedichte haben einen einzigartigen Sinn für die Verknüpfung von Philosophie und Dichtung und entwickeln darin völlig unerwartete, überraschende Bilder; auch das ist großartig. Der Debütband von Lea
Schlenker, Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten, mit den so leichten und doch so
schweren Gedichten, die vieles bewegen und anregen … Andreas Hutts Schritt auf
Schritt mit seinen intensiven Landschaften (eigentlich Lebensraumbeschreibungen!), in denen es um weit mehr geht als um Landschaften, und Siegfried Völlgers Pilzfreund Bielers Posaune mit so humorvollen wie hintergründigen Texten, die einen doch auch aufgrund ihrer kühnen Bildwelten nachhaltig beschäftigen.

Und auch Augusta Laar – ihren Band Avec Beat habe ich kürzlich im Signaturen-Magazin rezensiert – die musikaffinen Gedichte haben in ihrer Lakonie und ihrer positiven Utopie einiges bewegt. Jürgen Flenkers Band dies sture beharren auf anwesenheit: Ein ganz eigener Sound, der Gegenstände auf den Punkt bringt, die man so nicht auf dem Zettel hat. Die werden aus der Sprache regelrecht herausgemeißelt. Nicht zu vergessen Axel Görlachs Band weil es keinen grund gibt für grund: Ein grandioses Konzeptalbum mit Texten, die unter die Haut gehen, weil er dahin schaut, wo andere nicht hinschauen, auch auf die tabuisierte deutsch-tschechische Geschichte. Er ist zudem ein toller Fotograf, seine Fotos
bringen nochmal eine Zusatzebene. Erec Schumachers Chapbooks, von denen ich
zwei gelesen habe, bringen nochmal eine ganz neue Idee von ”Buch”, und diese
schmalen Bände können einiges, vor allem schnell reagieren; sie haben ihre eigene
Textur und bringen topaktuellen Text, Textcollage und Collage ins Bild. Last but not
least Jürgen Brôcans Ritzelwellen — ein vielschichtiges Buch, das ganz viele Themen
umspannt und zusammenbringt, es ist u.a. ein Gespräch mit anderen Dichter:innen,
wo nicht zuletzt Kindheit und Tod verbindende Themen sind.

Zitieren möchte ich aus Julia Wörles Roman Die kleinen Manöver, ein paar Zitate
daraus. Ein Buch, das sich unverstellt vielen heiklen Themen widmet, das sich sehr
offen mit fragiler Weiblichkeit auseinandersetzt. Dabei ist es nirgends
Betroffenheitsprosa, sondern das ist sehr präzise beobachtet. Deswegen habe ich mir
ein Buch speziell hergenommen, weil mich das ziemlich umgehauen hat, und
gleichzeitig ist es ein Episodenroman Also das sind sehr virtuos verwobene
Geschichten und es sind clusterartige Soziogramme in der Art von Mindmaps dabei.
Wenn du verschüttete Milch bist, Lucy, dann bin ich verschüttete Dunkelheit,
schwer und zähflüssig. Etwas, vor dem ich selbst Angst habe. Erinnerst du dich an
die Fliegenbänder, die Mama manchmal im Sommer in der Küche aufhängte? Die
Fliegen blieben dort kleben. So ist es mit meiner dunklen Flüssigkeit, an der die
Toten hängen bleiben. Ich spüre, wie sie zappeln, weiterwollen, es ihnen aber erst
nach vielen Versuchen gelingt, sich zu befreien. Und an mir dann die Abdrücke
ihrer Anstrengung hinterlassen, freizukommen, weit weg zu sein.
*
Viele der Männer, in die ich mich verliebte, wollte nicht mit mir schlafen. “Zu
zerbrechlich”, sagten einige. “Ich brauche Schlampen mit Herz”, sagten andere,
“kein Feenwesen, das sich verwirrt an den Rändern des Lebens rumdrückt.”
*
Hanna spürt es deutlich, die Hose kneift, die schlecht gekauten Essensmassen
randalieren in ihrem überlasteten Verdauungstrakt, alles Blut, alle Energie wird
aus ihrem übrigen Körper abgezogen.
*
“Arne und ich”, sagt Caro und schluchzt, ein kleines Rinnsal Rotz rinnt ihr aus der
Nase, “ich weiß manchmal nicht mehr, wie ich mit ihm weiterleben soll.” So
verweint sieht sie plötzlich viel schöner aus als sonst, auch wenn sich die
verschmierte Wimperntusche unter ihren Augen sammelt. So nah, so preisgegeben
und verletzlich. Die metallischen Schichten sind abgefallen, und da ist ein
schimmernder, weicher Kern, der sonst nur schwer zu erahnen war.
*
New York ist eine Jungfrau mit drei eisernen Unterhemden.
*
Das Hotel ist ein alternder Rockstar, unter dem Samt drücken sich die Knochen
durch, Farbe blättert ab, im sanitären Gedärm rumpeln und schwappen
Erinnerungen. Manchmal röhrt es in der Kehle des Hotels — da ist wieder ein
Schimmer der eigentlichen Kraft, und es kann sein, dass das Hotel für die Dauer
einer Strophe durchhält. Hotelrock, gepaart mit dem Klappen der Türen, dem
Rauschen der Toilettenspülungen, dem Kommen und Gehen der Leute, die mit dem
Maul der gläsernen Drehtür nach drinnen und draußen geschaufelt werden.
*
Und auf die jetzige Situation bezogen:
Sie ist geborgen in einem toten Winkel. Niemand wird sie hier vermuten, sie kann
untertauchen, um in aller Ruhe wieder zu Atem zu kommen

Armin Steigenberger, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Armin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Armin Steigenberger, Schriftsteller

Armin Steigenberger – Wikipedia

Fotos_1 Ulrich Schäfer-Newiger; 2,3 Christel Steigenberger.; 4 Armin Steigenberger.

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst ist für mich das Angebot mehr als man selbst zu sein“ Malte Abraham, Schriftsteller_ Berlin 13.6.2021

Lieber Malte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich schlafe mehr, aber schlechter. ich arbeite länger, aber schaffe weniger. ich sehe die immer selben menschen, aber die desto öfter. wir reden viel über immer weniger themen. es geht sehr schnell sehr tief und und sehr selten mal in die breite. der fun ist weg und leichtigkeit ist etwas, dass sich nur noch unter größtem aufwand herstellen lässt.

Malte Abraham, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

scheint mir gerade alles wichtig. jeder schritt fühlt sich bedeutsam an aus dieser selbsthistorisierenden perspektive. ich werde diesdas getan haben. ich werde in der pandemie in einer schlange bei der post gestanden haben. ich werde alleine silvester gefeiert haben. ich werde mich um eine impfung bemüht haben und eine impfung bekommen haben und werde zwei tage auf dem sofa gedöst haben. vielleicht fühlen wir uns auf dem sofa und insgesamt von der welt gerade sehr abgeschnitten, aber dieser gefühl teilen wir mit der ganzen welt. und das fühlen wir auch. diese verbundenheit. und die bedeutsamkeit unserer handlungen. ob wir zuhause bleiben oder uns auf einen rave schleichen. auch wenn es sich manchmal anders anfühl, wir haben den alltag abgeschafft. alles ist wichtig, weil wir uns als wichtig erleben. was ja genau genommen auch quatsch ist.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?


meine größte sorge ist, wie wir mit dem bedeutungsverlust umgehen, wenn der alltag irgendwann mit aller wucht zurückkommt. denn diese narzisstische kränkung lässt sich auch politisch nutzen. es muss ja nicht immer ein verlorener weltkrieg sein. es reicht schon wenn wir in den sogenannten normalzustand zurückfinden, mit dem sich ja völlig zurecht viele nicht mehr abspeisen lassen. dieses alltägliche gefühl irgendwo in der schlange zu stehen und nicht mehr zu wissen warum. die wut, dass nicht mal das spotlight der pandemie auf job, wohnen, klasse, klima usw. etwas geändert hat an den verhältnissen. das wird poltisch abgegrast. und ich fürchte, dass der laden nicht von links aufgeräumt wird. desto wichtiger position zu beziehen. etwas, das ich mir genau nicht von literatur erwarte. keine positionenpapiere oder handlungsanweisungen. bitte keine ausrufezeichen mehr! die müssen wir uns für twitter aufheben, für demoplakate und leitartikel. wo wir aus gesicherten positionen forderungen formulieren. kunst ist für mich aber ein anderer ort. ein ort der selbstverunsicherung. die anerkennung von ambivalenzen. etwas, das aus nuancen besteht. das angebot jemand anderes zu sein und mehr als man selbst. die überwindung von alltag. ein bedeutungsangebot. etwas, aus dem sich keine politsche agenda ableiten lässt.

Was liest Du derzeit?

otessa moshfegh – mein jahr der ruhe und entspannung
ben lerner – the topeka school
hartmut rosa – unverfügbarkeit

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„die politiker schlafen auf dem bauch und da schlafe ich auch“ wolfram lotz

Vielen Dank für das Interview lieber Malte, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Malte Abraham, Schriftsteller

http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis.eu/de/literaturkurs/stipendiaten/4669/

Foto_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Nicht aufgeben! Unser Beruf ist eine Berufung“ René Rumpold, Schauspieler_Wien 13.6.2021

Lieber René, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So wie früher! Planen, in die Tat umsetzen und positiv denken!

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht aufgeben! Unser Beruf ist eine Berufung, auch wenn manche „Personen“ anderer Meinung sind.

René Rumpold und Johannes Terne in „Ein Käfig voller Narren“

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Es gibt kein Leben ohne Kunst, deshalb… weitermachen und nicht verzweifeln.

René Rumpold :Jaromir von Greifenstein _ „Die goldene Meisterin“

Was liest Du derzeit?

Biografien großer Persönlichkeiten, um vielleicht wieder ein Theaterstück darüber zu schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Angst schwächt das Immunsystem!

Vielen Dank für das Interview lieber René, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

René Rumpold, Schauspieler, Sänger, Autor

Rene Rumpold – Ein Leben fuer das Theater (rene-rumpold.at)

Fotos_Renè Rumpold

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir brauchen visionäre Kraft“ Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin_Wienerwald 12.6.2021

Liebe Iris, sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Mir bleibt mehr Zeit für meine Arbeit, da sich der Weg ins Atelier im letzten Jahr auf ein paar Schritte durch den Garten beschränkt hat. Als wir Anfang des ersten Lockdowns alle vier zu Hause waren, fehlte uns der Platz, um ungestört arbeiten zu können. Daher haben wir ein kleines Steinhäuschen zu Home-office und Home-Atelier ausgebaut.

Ich beginne meinen Tag mit Qigong, einer spirituellen Praxis oder einem Waldspaziergang, der auf mich wie Meditation wirkt. Mir ist es wichtig, klar zu sein bei dem was ich tue, und diese Werkzeuge helfen mir dabei. Ob ich auf Leinwand arbeite, detailverliebt auf Papier zeichne, konzeptionell an einer Idee oder Vision arbeite und Informationen sammle, entscheide ich im Zug meiner morgendlichen Routine. Finde ich nicht in einen schöpferischen Flow nutze ich den Tag für organisatorische Arbeiten.

Den späten Nachmittag und Abend verbringen ich dann mit meiner Familie. Wir leben seit bald vier Jahren mitten im Wienerwald, sehr abgeschieden und eingebettet in die Natur. Wir streifen gerne durch die wunderschönen Buchenwälder, die fliesend an unser Grundstück angrenzen. Jetzt im Frühling sammeln wir die ersten Kräuter, legen Dämme in den kleinen Bächen, bauen an Baumhäusern und Waldlagerplätzen, machen Lagerfeuer. Ich habe eine sehr kindliche Art die Natur und die Welt um mich herum zu entdecken. Mit meinen Kindern kann ich das auf radikale Weise tun. Wir freuen uns über die alltäglichen Wunder und über die Schönheit, die in den kleinen und einfachen Dingen verborgen liegt.

Uns fällt auf, dass seit dem ersten Lockdown mehr Menschen den Weg in die Natur finden als zuvor. Früher sind wir manchmal tagelang niemandem begegnet – jetzt treffen wir öfters auf Menschen, die Wandern gehen, Langlaufen, Reiten, Rad fahren oder mit ihren Kindern spielen.

Aber ich liebe auch die Stadt, besonders natürlich Wien. Als Gegengewicht zur Abgeschiedenheit, entsteht zeitgleich ein Experimentierlabor mitten in Wien, im geschäftigen Werkstättenhof. Gemeinsam mit Ulla Schneeweis und Fabian Wittmann lassen wir einen Raum entstehen, der dem künstlerischen und handwerklichen Experimentieren, Ausloten, Inspirieren und Vernetzen gewidmet sein wird.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Natürlich kann ich nicht für uns alle sprechen. Wir ticken ja alle anders – ich gehe davon aus, dass für jeden einzelnen gerade ganz unterschiedliche Dinge wichtig sind.

Als Gesellschaft finde ich besonders wichtig, den jungen Menschen, den Jugendlichen ihre Freiheit zurückgeben. Ihnen endlich wieder ermöglichen rauszugehen und die Welt zu erfahren.

Und ich finde es, wichtig Vertrauen zu haben, dass auch wieder alles gut wird. Ich will für mich und meine Umgebung das Gefühl von Sicherheit stärken. Je nach Informationsquelle, ist man umgeben von Zahlen und katastrophalen Schlagzeilen. Dem steht man im Grunde ohnmächtig gegenüber und das stärkt nicht unbedingt das Vertrauen ins Leben.

Für mich ist es auch wichtig immer wieder zurückzuschalten – Medienfasten. Kein Verschließen vor der Realität, aber ein gesundes Maß an Abstand. Das tut hin und wieder gut.

Aus der Angst heraus kann man keine rationalen, intelligenten Entscheidungen treffen. Deshalb finde ich es wichtig, immer wieder Vertrauen aufzubauen, sich rauszunehmen aus der allgemeinen Verunsicherung. Es beeinflusst uns ja alle, man kann sich dem schwer entziehen. Aber man kann bewusst damit umgehen.

Ebenso wesentlich finde ich es, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind. Wir tragen Verantwortung für unser Leben, aber auch für das unsere Mitmenschen.

Welche Stimmung verbreite ich, nähre ich meine Mitmenschen mit Wertvollem oder verbreite ich Angst oder sogar Hass? Das sind grundlegende Dinge, für die jeder Verantwortung trägt und das Miteinander gestaltet.

Vor dem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Gesellschaftlich finde ich es wichtig ganzheitlich zu denken. Wir müssen neue Konzepte entwickeln, in denen die Natur, das Klima, die Tiere, genauso eine Rolle spielen, wie unsere Wirtschaft, wohlhabende Länder und sogenannte Entwicklungsländer, Arm und Reich.

Es ist unumgänglich unser Herz in die Überlegungen einzubeziehen.

Für mich ist die Rolle des Künstler, die eines Übersetzers einer universellen Sprache, die in Bildern, Musik, Worten oder Bewegungen ihre Form findet.

Die Kunst kann Impulse, Ideen und Anregungen bieten, sich gedanklich, emotional, psychisch wie physisch in innovative Bereiche zu begeben, die zu neuen Ansätzen und Lösungen führen. Kunst hat eine visionäre Kraft.

Und visionäre Kraft brauchen wir, um neue Konzepte für unser Zusammenleben zu entwickeln, einen anderen Umgang mit unserer Umwelt, den Tieren und Ressourcen auf dieser Erde zu pflegen.

Was liest du derzeit?

Vieles. Unser Schlafzimmer ist voll mit aktiv gelesenen Büchern. Wir haben ein langes Sideboard, da stapeln sich Bücher über Architektur, Zusammenleben, Städteentwicklung und Zukunftsforschung, die aus dem Arbeitsbereich meines Mannes kommen und meine Bücher über Mystik in den verschiedensten Kulturen, naturphilosophische Werke, ein wunderschönes Sufibuch, …

Meist schnappe ich mir, worauf ich gerade Lust habe.

Aktuell lese ich besonders gerne in einem Buch über Weisheitsreligionen. Ein dicker Band gespickt mit Zitaten von Forschern der unterschiedlichsten Weisheitslehren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Über Pythagoras zu lesen, hat mich besonders fasziniert.

Ein Zitat von Pythagoras, griech. Philosoph u. Mathematiker:

„Horcht in euch hinein und betrachtet die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit.“

Und noch zwei Zitat von R. Buckminster Fuller, Architekt, Visionär, Designer, Philosoph und Schriftsteller:

„Wir sollten die Architekten unserer Zukunft sein, nicht ihre Opfer“

„Integrity is the essence of everything successful“

Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Iris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin

IRIS KOHLWEISS

Alle Fotos_Ihno Hackl-Kohlweiss

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Liebe ist ein Geschenk, kein Sterben“ Michaela Khom, Sängerin_Romanjubiläum Malina_Wien 12.6.2021

Mein Weg zur Kunst war unumgänglich. Mein Zugang zum Leben war immer kreativ. Ich bin mit vier Geschwistern aufgewachsen. Wir hatten keinen Fernseher und mussten uns immer etwas ausdenken.

Michaela Khom_Sängerin, Schauspielerin

Mein ältester Bruder spielte Szenen mit Playmobil Figuren. Wir machten auch Guckkastenbühnen, Hörspiele, auch hatten wir eine Geschwisterband, da war ich am Schlagzeug. Wir wurden immer zur Musik ermutigt. Spielen alle ein Instrument oder mehrere.

Ich weiß nicht wie man anders leben kann als sich immer wieder ein Bild von der Welt zu machen, daran zu spielen, arbeiten, etwas zu schaffen.

Die Entscheidung für die Musik war nach der Matura. Musik und Kunst fließt bei mir ineinander. Klänge und Farben.

Ich bin für die Ausbildung als Sängerin nach Wien gekommen und fand schnell eine Gemeinschaft. Wien, das sind meine Freunde und die künstlerischen Möglichkeiten. Ich spaziere gern durch die Innenstadt und mag auch das Grün um die Stadt, etwa den Lainzer Tiergarten.

Ich liebe es neue Wege zu entdecken. Etwa am Heimweg.

Ich habe eine Band „Die Duetten“, da ist der Schwerpunkt Wiener Lieder, komödiantische Lieder. Als Sängerin bin ich aber in verschiedenen Stilen unterwegs von Pop über Theater, Musical, Klassik. Theater- und Musicalproduktionen sind ein laufender Schwerpunkt. Aktuell im Theater Arche Wien_“Wie ist es möglich, da zu sein?“ Ich plane jetzt auch ein eigenes Stück.

Inspiration sind für mich Alltagssituationen. Schönes, Ungewöhnliches. Ich mache dann am Weg oder zuhause Sprachnotizen. Es ist eine Form von Alltagspoesie.

Ich habe Malina gelesen. Mich hat es aufgeregt, dass sich die Frau im Roman so abhängig macht. Man kann sich nicht ganz durchs Lebens schaukeln lassen. Ich dachte da gleich so geht das nicht (lacht). Wie eine Ware und dann das ständige Warten auf den Mann.

Ich sehe die Frau im Roman als nicht lebensfähig. Sie ist ein Künstler*in Klischee. Abhängig von Liebesbeziehungen und getrieben von Emotionen. Als Künstler*in weiß man, dass es nicht so ist (lacht).

Der Protagonist Malina ist so ein Mann-Klischee im Roman – „Ich weiß was für Dich gut ist“. Ivan ist als Mann nicht greifbar, nicht erreichbar.

Der moderne Mann ist auch arm, er muss so viele an ihn gestellten Ansprüche in einer Beziehung erfüllen. Der verständnisvolle, geschniegelte, starke Mann in der Partnerschaft soll er sein. Und dazu kommen die eigenen Bedürfnisse (lacht).

Wenn ich sage, das muss der Mann erfüllen. Da liege ich schon falsch, denn dann kann er kann keine eigenständige Person mehr sein. Dann muss er alles erfüllen. Die Frage ist, was kann ich in einer Partnerschaft erfüllen.

Der Mann muss eine eigenständige Person sein sonst ist er nicht interessant. Ein Schoßhündchen.

Wir sollten als Frau und Mann vor offenen Rollenbildern stehen und selbstbewusst, frei darauf zugehen, allein oder gemeinsam.

Das Beziehungsmodell der Affäre im Roman ist auch heute noch gängig. Es gibt aber vielfältigere offenere Beziehungsrealitäten heute.

Das Wichtigste in einer Beziehung ist das gegenseitige Unterstützen und Auffangen. Es sind zwei Persönlichkeiten mit Zielen und Vorstellungen aber mit dem Wissen, da ist jemand da neben und mit Dir. Ein Ankerplatz.

Wenn die Eigenständigkeit der Persönlichkeit verlorengeht, dann ist die Zeit gekommen in der Beziehung zu gehen.

Es gibt Verliebtheit auf den ersten Blick. Liebe ist ein tägliches Entdecken, eine Bewegung und ein Wachsen.

Kommunikation in der Beziehung ist für mich wesentlich Humor. Ich spreche nicht viel, höre auch nicht so gut zu (lacht). Beim Informationsaustausch bin ich am Lernen (lacht).

In meiner Partnerschaft treffen wir uns über Humor, die Interessen sind unterschiedlich.

Partnerschaft ist für mich kein Kräftemessen sondern ein Zuhausesein, gerade wenn man über Grenzen in der Kunst geht.

Eigene Familie, Kinder und Musik, künstlerischer Beruf, da begleitet mich etwas die Angst.

Der Blick in den Spiegel, in die eigene Persönlichkeit ist immer da. Dieser ist unumgänglich. Aber da ist auch Vorsicht wichtig, um nicht zu sehr zu kreisen.

Ich träume viel. Da kann ich manchmal schwer loslassen. Das Beiseiteschieben ist oft eine Aufgabe, um sich von der Stimmung zu lösen.

Offene Partnerschaft, offene Sexualität. Alles ist erlaubt. Die Frage ist was macht es mit mir? Ohne persönliche Grenzen geht es nicht. Freiheit kann auch Verzicht heißen.

Das liebevolle Miteinander in der Partnerschaft wird heute – fünfzig Jahre nach Malina – stärker gelebt.

Verliebtsein, Verlieren in einer Person ist kein Dauerzustand. Liebe ist ein sich Aufgeben für mehr. Ein Geschenk, kein Sterben. Es müssen aber beide so denken. Wenn beide sich füreinander aufgeben, ist für beide gesorgt. Dann ist es unter einem Hut (lacht).

Der Roman sagt zu einer Frau „Stopp!“ – Man muss sich nicht immer wie eine hilflose Dame aufführen – selbst die Ärmel hochkrempeln, aufstehen!

Ich schreibe keine Briefe aber sehr viele SMS. Schriftlicher Raum ist ein großer Wortspielraum. Das ist im Gespräch oft nicht so greifbar.

Alles was wir erleben, lesen, bezieht sich auf unsere eigene Geschichte. Alles ist ein Spiegel, Filter.

An Kunst denke ich den ganzen Tag. Ich erlaube mir das jetzt und darf es auch genießen. Das ist wie in der Liebe. Beides hat mit einfach „zu sein dürfen“ zu tun und Dinge auch so zu lassen wie sie sind.

Michaela Khom_Sängerin, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Michaela Khom _ Sängerin, Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann _Hotel Regina_Wien_5_2021

Michaela Khom (michaela-khom.at)

Die Duetten Dialekt-Chanson

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

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„Das Möglichkeitsspektrum innerhalb einer Zündholzschachtel bestmöglich auszuschöpfen“ Patrizia Ruthensteiner, Costume | Composition | Experimental_Wien 12.6.2021

Liebe Patrizia, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Meine Tage gestalten sich sehr unterschiedlich. Meistens wache ich in meiner Wohnung auf, in welcher sich auch mein Atelier befindet. Ich mache Kaffee, oft greife ich gleich auf, woran ich am Abend zuvor gewerkt habe, beantworte Emails oder versuche festzustellen, ob meine Pflanzen über Nacht neue Blätter entfaltet haben. Ich arbeite zumeist an mehreren Dingen parallel, Abschlüsse und Anfänge finden versetzt statt, wodurch es selten zur Stagnation kommt. Jedenfalls ist gewiss, dass ich laufen, schwimmen oder wandern gehe, sobald die Kaffeetasse leer ist – das ist wie ein Reset meines Systems auf den Werkzustand. Danach formt sich der Tag stets wie von selbst. Hier in meinem Atelier arbeite ich meistens alleine. Oftmals kommen befreundete KünstlerInnen vorbei, manchmal verbringe ich den Tag im Proberaum oder im Studio von Freunden um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Über fortlaufende kollaborative Projekte schätze ich mich besonders glücklich, durch den Austausch entsteht die Vielfalt in meiner künstlerischen Praxis.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Möglichkeitsspektrum innerhalb einer Zündholzschachtel bestmöglich auszuschöpfen. Neue Pfade in einem bislang unbekannten Feld auszutreten, das ist die große Herausforderung zur individuellen und kollektiven Kreativität. In diesem Rahmen und unter diesen Vorzeichen neue Formen zu finden, für sich selbst, im Bündnis mit Anderen. Im Kontrast zum prä-pandemischen Überfluss führt die Reduktion der Optionen im besten Fall dazu, dass wir uns mit wenigen Dingen tiefgehender beschäftigen. Essenziell ist der achtsame Umgang mit unseren Ressourcen. Keine Lichter brennen zu lassen in Räumen, in denen wir uns nicht aufhalten. Modifikationen unserer Alltagshandlungen vorzunehmen. Die eigene Intuition zu schärfen und Dinge zu hinterfragen, die sich uns auf bestimmte Art und Weise darstellen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Modekunst, der Kunst an sich zu?

Vielleicht beginnt die Transformation bei den Kunstschaffenden selbst, dabei, den Blick von außen nach innen zu wenden und zu erkennen, wo die eigenen Dringlichkeiten jetzt liegen. Darin liegt ja auch oft die Kraft, die dann als konzentrierter Impuls wieder nach Außen weitergegeben wird. Selbst wenn man sehr stark mit existenziellen Fragestellungen der Selbsterhaltung konfrontiert ist, die unheimlich laut werden können, ist da auch eine Leerstelle, ein Moment der sich zur Reflexion anbietet. Ein Problem mit der fatal hohen Geschwindigkeit gibt es in nahezu allen Lebensbereichen, so auch in der Kulturindustrie. Beim schnellen Vorbeihasten verschwimmt das Bild und man erkennt nicht mehr, worum es einem eigentlich geht. Überproduktion, ungleichmäßige Verlagerung, Wünsche werden erzeugt, die niemand hatte, produziert wird für eine Nachfrage, die es nie gegeben hat, während anderswo Lücken entstehen. Die eigenen Grenzen werden in der Hast mitunter massiv übertreten, um mit dem hohen Tempo mitzuhalten und ich glaube durch diese Interruption können wir uns wieder etwas dafür sensibilisieren. Das transformative Potenzial der Kunst durch die Kunst liegt schon im Strukturellen, dem Schaffensprozess an sich.

Was liest Du derzeit?

‚Globalisation and Its Discontents‘ von Joseph E. Stigliz

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Nature, who has played so many queer tricks upon us, making us so unequally of clay and diamonds, of rainbow and granite, and stuffed them into a case, often of the most icongruous, for the poet has a butcher’s face and the butcher a poet’s; nature, who delights in muddle and mystery, so that even now (the first of November 1927) we know not why we go upstairs, or why we come down again, our most daily movements are like the passage of a ship on an unknown sea, and the sailors at the masthead ask, pointing their glasses to the horizon, is there land or is there none? to which, if we are prophets, we make answer „Yes“; if we are truthful we say „No“; nature, who has so much to answer for besides the perhaps unwieldy length of this sentence, has further complicated her task and added our confusion by providing not only a perfect rag-bag of odds and ends within us – a piece of a policeman’s trousers lying jeek by jowl with queen Alexandra’s wedding veil – but has contrived that the whole assortment shall be lightly stitched together by a single thread. Memory is the seamstress, and a capricious one at that. Memory runs her needle in and out, up and down, hither and thither. We know not what comes next, or what follows after.“

‚Orlando‘, Virginia Woolf

Vielen Dank für das Interview liebe Patrizia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Patrizia Ruthensteiner_Kostümbildnerin, Performerin, Soundkünstlerin

Patrizia Ruthensteiner – Costume | Composition | Experimental Fashion & Sonic Art

Patrizia Ruthensteiner (@patrizia_ruthensteiner) • Instagram-Fotos und -Videos

Alle Fotos_Patrizia Ruthensteiner

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Alle werden die Schnauze richtig voll haben von dem Thema“ Olivia Kuderewski, Schriftstellerin_Berlin 11.6.2021

Liebe Olivia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Kaffee trinken, Arbeiten, Essen, Spaß haben, Schlafen gehen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Impfen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Weiß nicht genau, aber es wird sèeeeeeeeeeeehr viele Corona-Romane geben und das nervt mich jetzt schon. Alle werden die Schnauze richtig voll haben von dem Thema.

Was liest Du derzeit?

Erica Jong – Parachutes & Kisses

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ja, das ist toll.“ Ich drehte mich auf meinem Stuhl herum und sah ein bisschen in die Tiefe des Raums.

Sven Regener – Magical Mystery

Vielen Dank für das Interview liebe Olivia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Olivia Kuderewski, Schriftstellerin

Lux | Voland & Quist (voland-quist.de)

Foto_Alain Barbero

22.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Kunst nicht nur dazu da ist, um Touristen anzuziehen“ Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler_Wien 11.6.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als vor der Pandemie. Mein Tagesablauf ist vom Konflikt meiner viel zu vielen Leidenschaften geprägt. Sie streiten sich darum ganz oben auf die Agenda zu gelangen. Welche Interessen es schaffen und wann und wie lange sie meine Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen, entscheide ich recht spontan. Lust und Laune haben dabei ein gewichtiges Wort mitzureden, damit es aber nicht zu chaotisch wird versuche ich mich doch an ein paar Regeln und an eine gewisse Grundstruktur zu halten. Eine Regel ist, dass Interessen, die meinen Beruf betreffen vorrangig behandelt werden. Praktischerweise haben die meisten ohnehin etwas mit Kunst zu tun. Ich lese viel, schaue Dokus und besuche Museen und Ausstellungen.

Die wichtigste Regel ist aber, dass das Zeichnen oberste Priorität hat. Im Idealfall zeichne ich bis kurz nach Mittag. Danach habe ich den Kopf frei für all die anderen Sachen und Interessen, aber auch für berufliche und private Verpflichtungen, sowie Sport und Bewegung.  Am späten Nachmittag und gegen Abend bekomme ich oft wieder Lust zu zeichnen.

Dass es bis Ende Mai des Jahres abends keine Termine und Verpflichtungen gab, störte und belastete mich persönlich nicht. Im Gegenteil.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und sich nicht von der allgemeinen Aufgeregtheit – die vor allem in den Sozialen Netzen ausufert  – anstecken lassen. Ich habe den Eindruck, dass alle zu allem eine Meinung haben, ja haben müssen und diese auch lautstark und vehement verteidigen.  Aufgeregt, gar zornig, wird die eigene Auffassung überhöht und andere Meinungen mit leidenschaftlicher und nachdrücklicher Boshaftigkeit und Arroganz verächtlich gemacht. Ob die Ansichten auf richtigem Wissen beruhen spielt dabei selten eine Rolle. Ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung trifft es leider erschreckend oft.

„Es wird ja noch gesagt werden dürfen“, heißt es häufig. Ja, es darf, aber muss es auch immer?

Stefan Kahlhammer_

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass es auch wirklich ein Aufbruch und Neubeginn sein wird. Ich befürchte, dass auch versucht wird wieder so schnell wie möglich zum alten Status quo, wie er vor der Pandemie herrschte, zurückzukehren. Wir haben eine Zwangsruhe verordnet bekommen, viele Menschen sind aber innerlich nicht zur Ruhe gekommen. Sie sind aufgewühlt und unruhig, weil sie glauben sie hätten Wichtiges versäumt und glauben das Entgangene so schnell wie möglich wieder aufholen zu müssen.

Ich würde mir wünschen, dass diese aufgezwungene Pause nicht als Verlust, sondern als Chance begriffen wird. Damit es zu einem richtigen Neubeginn kommen kann, obliegt es jeder und jedem Einzelnen nachzudenken welche Veränderungen notwendig sind. Es erfordert Mut alles Bestehende zu hinterfragen, eingefahrene Wege, Denkweisen und Gewohnheiten zu durchleuchten und bei Bedarf zu ändern. Zum Nachdenken und zum Reflektieren bedarf es aber viel Kreativität. Um auf neue Ideen zu kommen braucht es die Bereitschaft sich von Musen inspirieren zu lassen. Und da kommt die Kunst ins Spiel.

Die Kunst kann den Part der Muse übernehmen. Der Kunst kann vor allem die Rolle von Ideenbringern zukommen. KünstlerInnen sind es von jeher gewohnt  Ideen zu entwickeln und sich kreative Wege zu überlegen, um diese umzusetzen. Sie sind feinfühlig und haben sensible Sensoren, um zu erkennen wo es falsch läuft. Sie können sich ernsthaft und tiefgründig mit einer Sache beschäftigen und daraus entstehen oftmals großartige neue Denkweisen und Ansätze. Genau das ist die Stärke der Kunst. Sie kann der Gesellschaft neue Ideen, Visionen und Utopien bringen und mögliche neue Wege aufzeigen.

Die Menschen müssen den KünstlerInnen aber auch zuhören und sich inspirieren und anspornen lassen. Dann werden sie erkennen, dass die Kunst nicht nur dazu da ist um Touristen anzuziehen, für Spaß und Ablenkung zu sorgen oder Räume zu verschönern, sondern ein wichtiger Teil ist, um eine Gesellschaft positiv zu verändern und weiterzubringen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe begonnen alte Kinderbücher wieder zu lesen bzw. neu zu entdecken.  Zum Beispiel die Bücher von Erich Kästner oder Roald Dahl. Aktuell lese ich „The Wind in the Willows“ von Kenneth Grahame.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir suchen die Wahrheit, finden wollen wir sie aber nur dort, wo es uns beliebt.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler

The Stefan Kahlhammer Official Website Home Page

Alle Fotos_Stefan Kahlhammer

12.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich erschreibe mir eine Welt“ Magda Woitzuck, Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021 _Niederösterreich 11.6.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Magda Woitzuck Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Ich lebe in Niederösterreich auf einem mittlerweile stillgelegten Bauernhof, ich bin da auch aufgewachsen. Ich habe jetzt eine Wohnung im ehemaligen Stall, wo ich auch arbeite. Der Weg zurück war auch mein Weg zu einer künstlerischen Existenz, die Möglichkeit dazu.

Als Schriftstellerin arbeite ich grundsätzlich wie andere Menschen von Montag bis Freitag. Früh aufstehen und dann zum Schreibtisch. Bei Projektarbeiten ist es manchmal sehr dicht und zeitintensiv, dann geht es auch in den Abend und das Wochenende. Es gibt aber dann auch wieder eine Freiheit der Zeiteinteilung.

Unser Bauernhof war eine biologische Landwirtschaft. Meine Eltern haben vieles selbst produziert, Brot, Würste, Marmelade und so weiter. Meine Mutter fuhr mit den Produkten auch auf den Markt. Wir hatten alles außer Kühe. Früher gab es noch mehrere Milchbauern in unserer Gegend und ich fuhr mit dem Radl und der Milchkanne, so eine klassische Emaille-Kanne, zur Nachbarin. Im Umkreis des Dorfes gibt es lokale Lebensmittelproduzenten. Lebensmittel direkt vom Bauern zu besorgen ist eine Organisationsfrage. Manchmal bekommt man auch Wild vom Jäger.

Die ländliche Verortung spielt in meinem Schreiben sicherlich eine Rolle. Es ist für mich jetzt schwer zu beurteilen ob das auch eine Seelenarbeit, Auf- oder Abarbeitung von Erlebtem ist. Grundsätzlich ist es eher die Topographie, die wichtig ist. Man schreibt über das was man kennt. Was einem vertraut ist. Das landet nie eins zu eins in einem Text, aber es fließt sicherlich einiges mit ein.

In den letzten Jahren schrieb ich viele Hörspiele. Im Hörspiel „Vom Fehlen des Meeres auf dem Lande“ (ORF 2013) spielt das Landleben eine große Rolle. Die Hauptfigur pendelt zwischen ihrem Zuhause auf dem Land und der weiten Welt hin und her. Im Dorfwirtshaus tauscht sie bei der Wirtin Muscheln und Schnecken gegen Schnitzel und Zigaretten, bis die Sehnsucht der Wirtin nach dem Meer zu groß wird und die ganze Sache eskaliert. Außer dem Wirtshaus und der Wirtin kommt auch der Wald vor, und ein Jäger. Aber eben auch das Meer.

In der Natur, im Umgang mit Tieren kann man die menschlichen Grenzen spüren. Da liegt ja auch eine gewisse Komik drin: der Mensch rauft mit der Natur herum, mäht den Rasen, jätet Unkraut, kämpft gegen Nacktschnecken, bestellt seine Felder, versucht, der Brombeerhecken Herr zu werden – und das Raufen hört nicht auf. Die Natur macht, was sie will und kann. Diese Unerschütterlichkeit, dieses einfach-vor-sich-hinwachsen, das finde ich sehr tröstlich. Da wird alle moderne Machbarkeit und die eigene Existenz relativiert. Man kann sich auch gut in der Natur verstecken. Und es lässt sich dort sehr viel entdecken. Das Verborgene um uns und das Verborgene in uns liegen ja oft sehr nahe beieinander.

Ich lebte in Wien und war und bin nach wie vor viel unterwegs. Zurück auf das Land zu ziehen war ein bewusster Schritt aus dem Urbanen. Die Ruhe war da ausschlaggebend, der Raum. Und der Horizont. Dass das Auge zum Horizont gehen kann. Die Farbe Grün hat da auch einen sehr großen Effekt. Es kann aber auch am Land sehr laut sein, das glaubt man ja nicht, Traktoren, Vögel, Hufgeklapper, brüllende Stiere, Wind (lacht), aber das ist natürlich anders als der Verkehrslärm in der Stadt.

In meiner Jugend war immer viel Arbeit am Bauernhof. Die Studienzeit in Wien war dann auch eine Zeit des Schreibens, der Zeit dafür.

Ich bin gerne umgeben von Tieren. Habe jetzt einen Hund und zwei Schildkröten, eine Katze. Und ich reite gerne am Hof meiner Freundin.

In der Schule hat mich eine Lehrerin im Schreiben sehr unterstützt. Da war ich zwölf. Diese Förderung in der Schule setzte sich dann fort. Es kam dann schon zu Textveröffentlichungen und Lesungen. „Fleischbeschau“ war eine meiner ersten Kurzgeschichten.

Es ging da um das Kommen des Tierarztes nach der Schlachtung. Wir hatten Schweine, die auch am Hof geschlachtet wurden. Nach dem Schlachten wurde das Fleisch von einem Tierarzt kontrolliert. Wenn alles  passte, bekam die Schweinehälfte einen Stempel und das Fleisch konnte weiter verkauft oder verarbeitet werden.

Meine Mutter stammt aus Polen, studierte in Wien Dolmetsch, mein Vater ist Österreicher und fuhr vorher zur See. Gemeinsam wagten sie den Weg eines Biobauernhofes. Es gab aber immer auch einen großen Freundeskreis von Künstler*innen. Das Landleben war so immer auch in Kontakt/Austausch mit dem Künstler*innenleben. Meine Eltern waren meinem Schreiben gegenüber sehr wohlwollend. Sie freuten sich. Meine Mutter unterstützte mich sehr. „Macht etwas, mit dem ihr glücklich seid“ sagte meine Mutter immer zu uns drei Geschwistern. Ich bin die älteste, habe einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester.

Ich war sehr vorsichtig beim beruflichen Schritt zur Selbständigkeit als Schriftstellerin. Da war so viel Freude am Schreiben und dann die Angst durch diesen Schritt etwas zu zerstören. Es kam dann zufällig nach dem Studium. Als ich von einer Reise zurückkam, war da schon der nächste Auftrag. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Im letzten Jahr habe ich an einem 13-teiligen Feature-Podcast für SWR2 gearbeitet, an einer Dokumentation. Das war eine ziemliche Herausforderung. Das journalistische Arbeiten, die Regie, die Tontechnik, das war alles Neuland für mich. Es geht um eine Frau, die im Jahr 2000 in Wien für den Handel mit Haschisch verhaftet wurde. Ich bin gespannt wie die Veröffentlichung ankommt. Das wird unmittelbar nach dem Bachmannpreis sein. Dann schrieb ich ein Hörspiel und den Bachmannpreistext. Ich habe auch an einer Stückentwicklung für eine Performance mitgearbeitet.

Die Schriftstellerin und Bachmannpreisjurorin Vea Kaiser rief mich im Jänner des Jahres an und fragte mich ob ich einen Text zum Bachmannpreis hätte. „Nein“, sagte ich und überlegte was ich schreiben könnte. Ich griff dann eine Textidee auf und sandte den ausgearbeiteten Text an Vea. Im März bekam ich dann von ihr die Einladung. Ich war ziemlich überrascht, freute mich aber sehr. Das ist schließlich eine große Auszeichnung.

Es gab dann die Aufnahme für die Lesung vom ORF. Jetzt habe ich ein Technik-Paket des ORF mit einem Stativ und tablet zuhause, dazu eine präzise Anleitung für den Aufbau an den Tagen der Live-Übertragungen. Es gibt auch einen genauen Zeitplan zur online Anwesenheit. Am Dienstag vor der Eröffnung gibt es einen Testlauf. Ich hoffe, dass das Internet hält (lacht), auch hier am Land.

Der Bachmannpreis ist ein wesentlicher Teil des literarischen Jahres. Es ist etwas sehr Großes. Daher ist es jetzt sehr besonders für mich selbst dabei sein zu dürfen.

Das Live-Lesen ist natürlich eine Anspannung, da bin ich froh, dass ich nicht ins Studio muss (lacht). Aber Klagenfurt als so vielstimmiger Begegnungsort und Treffpunkt von Kultur und Literatur, Kolleg*innen und Interessierten, das ist sehr schade, dass dies heuer aufgrund der Umstände nicht möglich ist.

Unter uns Teilnehmer*innen gibt es jetzt im Vorfeld kein (online) Treffen oder einen weitgehenderen Austausch. Persönlich habe ich jetzt mit meiner Kollegin, Teilnehmerin Katharina Ferner Kontakt.

Ingeborg Bachmann, das ist oberstes Bücherregal.

Die Kindheit — da sind ganz viele erste Male, wo wir mit der Welt in Berührung kommen. Die ersten Male werden dann immer weniger. Und damit festigt sich unser Bild von der Welt, wir entdecken immer weniger Neues in ihr, verlieren da auch ein bisschen von unserer kindlichen Freude am Entdecken, von unserer Neugier. Schreiben ist ein Versuch, diese Freude und Neugier zu erhalten, oder sie vielleicht wiederzufinden.

Ich erschreibe mir eine Welt.

Worte, das sind Bausteine, aus denen sich eine Welt zusammensetzen lässt. Es ist ein bisschen wie Lego.

Im Hörspiel hast Du auch im Kopf, dass es speziell dialogisch, akustisch ist. Die Geschichte muss übers Hören verstanden werden, die Bildebene fehlt, aber im Gegensatz zu einem Buch kann man nicht zurückblättern. Und dann kommt noch dazu, dass zwischen mir und den HörerInnen mehrere Instanzen sind, die das Stück nochmal verändern: die Regie, die SchauspielerInnen, der Schnitt. Jede involvierte Person bringt noch einmal was eigenes mit, das am Ende in das Stück einfließt.

Im Prosaschreiben bin ich alleinverantwortlich. Ich schreibe den Text und der Leser liest ihn, da gibt es keine Instanzen dazwischen. Wie der Leser den Text liest, bleibt ihm überlassen, er wird nicht durch eine Stimme geführt, durch Musik oder Regie.

Ich würde mir wünschen, dass in der Literatur, Kunst nicht nur auf die ganz „Großen“ gesetzt wird, sondern Diversität erhalten und gefördert wird. Dass man sich was traut, nicht immer Angst hat, dass Publikum könnte etwas nicht mögen. Mehr Mut. Einfach mehr Mut (lacht).

Ich habe eine große Leidenschaft und Liebe für das Schreiben und freue mich sehr, dass ich das teilen darf. Ich hoffe, ich kann das noch lange machen.

Liebe Magda, ich darf Dich zum Abschluss des Interviews zu einem Bachmannpreis-Akrostichon, einer Buchstaben Assoziation in Wort oder Satz bitten:

Achrostikon _ Bachmannpreis

Breit

Aufregend

Chaos (inneres)

Heiß

Meer

Abenteuer

Nervös

Nahegehend

Prestige

Ritt über den Wörthersee

Exklusiv

Interessante Erfahrung

Souveränität

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Magda, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Magda Woitzuck_ Schriftstellerin_Niederösterreich.

aktuelles und lesetermine – magdawoitzucks Webseite!

Fotos_Landschaft_Magda Woitzuck.

Interview und alle Fotos Portrait_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_6_2021.

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Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)