„Schreiben ist ein Versuch, die Wirklichkeit zu ordnen“ Lukas Maisel, Schriftsteller _ Bachmannpreisteilnehmer 2021_ Wien 14.6.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Lukas Maisel_ Schriftsteller_Bachmannpreisteilnehmer 2021

Lukas Maisel, Schriftsteller

Ich lebe in Zürich, bin aber derzeit in Österreich, Krems/Niederösterreich, habe ein Projektstipendium im Literaturhaus Krems. Mein Schreibatelier hier in Krems liegt zwischen der Donau und dem Gefängnis. Mein Blick ist zum Glück zur Donau.

Ich höre aber auch die Helikopter über dem Gefängnis kreisen. Manchmal mache ich mir auch Gedanken wie das Leben nebenan ist, dieses tägliche Vor-Sich-Hin-Leben im Gefängnis. Ende Juni geht es nach Berlin zu einem Schreibaufenthalt im LCB.

Städte haben eine ganz eigene Stimmung. Das fließt in das Schreiben ein. Diese Stimmung beeinflusst mich. Wenn ich einen Text schreibe, spielt er meist in Zürich, einfach weil ich diese Stadt am Besten kenne.

In Wien ist so viel Geschichte und Architektur zu spüren. Da relativiert sich Zeit, es könnte auch vor hundert Jahren sein. Berlin hat viele offene Wunden, es hat etwas Kaputteres. In Zürich bleiben Menschen stark bei sich. Es ist sehr angespannt. Auch das distanziert Höfliche ist ausgeprägt. Vielleicht ist dies das Zwinglianische. In Wien und Berlin gibt es mehr Austausch.

Ich habe eine Routine beim Schreiben. Das ist immer morgens. Etwas essen, Tee manchmal, das kann wechseln. Bestimmte fixe Rituale gibt es nicht.

Es sind bestimmte Arbeitsmethoden, die ich anwende. Im Moment schreibe ich an einem Roman. Als ich bei ungefähr 120 Seiten war, verlor ich etwas die Übersicht. Da druckte ich die Seiten aus und schreibe diese jetzt ab. Das hilft mir sehr weiter. Eine andere Arbeitsmethode ist etwa, immer wieder den Text laut vorzulesen, das hilft mir auch. Es gibt viele kleine Werkzeuge, die mir das Schreiben ermöglichen und die ich mir angeeignet habe.

Den Text für den Bachmannpreis jetzt schrieb ich in Englisch und rückübersetzte dann. Auf Deutsch hast Du so viele Möglichkeiten, das schränkt oft ein. In einer Fremdsprache ist ein einfacheres Schreiben, da gibt es kein Verstecken. Es geht mehr um Handlungen und Figuren, die Flucht in die Virtuosität der Sprache wie der eigenen Person ist da nicht möglich. Das ist ja eine Versuchung im Schreiben. In einer anderen Sprache bist du zurückgeworfen auf die Handlungen, die Figuren. Man sieht dann besser was man streichen kann, was nicht dazugehört. Man kann der Sprache ja auf den Leim gehen. Das etwas gut klingt aber nicht zur Geschichte gehört.

Beim Bachmannpreistext probierte ich diese Schreibform in einer fremden Sprache erstmals und merkte, dass es eine gute Idee ist. Wenn man statt 10 000 Wörtern nur 2000 hat, ist das hilfreich. Englisch bot sich an, weil ich es am Besten verstehe. Die Übersetzung an sich ist dabei nicht wichtig sondern der Prozess der Reduktion. Es geht ja um eine Geschichte nicht um Klang.

Sprache sollte präzise sein. Ich misstraue einer Sprache, die zu sehr ausgeschmückt, dekorativ ist. Ich schätze den Stil Flauberts, das Wissenschaftliche darin, oder auch jenen Kafkas. Bei zu vielen Metaphern werde ich misstrauisch. Ich bediene mich Metaphern sehr selten.

Es gibt ja Wortlieblinge, etwa Adjektiva. Im Schreiben in einer anderen Sprache steht das Adjektiv der Figur dann mehr im Vordergrund.

Widersprüche interessieren mich im Schreiben. Der psychologische Prozess von Figuren ist wichtig. Mich interessieren auch psychologische Experimente an sich. Wie Menschen handeln und wie etwa ein Selbstbild aufrechterhalten wird und um welchen Preis. In der Psychoanalyse interessiert mich etwa die Sublimierung.

Wenn heute das Milgram-Experiment (1961, USA, zu Autorität und Gewalt, Anm.) wiederholt werden würde, wäre das Ergebnis vermutlich dasselbe. Der Mensch versucht aus der Geschichte zu lernen aber es gelingt nicht, weil es nicht 1:1 wiederkehrt. Daher wiederholt es sich, ich bin da etwas pessimistisch.

Es ist heute leicht sich intelligent zu fühlen. Aber es ist meist ein angehäuftes Halbwissen aus dem Internet, das hat mit Moral nicht viel zu tun. Das ist das Verhängnis. Die Trennung von Moral und Intelligenz.

Literatur belehrt nicht. Da ist sie nicht gut darin. Literatur zeigt auf, deckt etwa verborgene Strukturen auf.

Thematisch finde ich mehrere Richtungen spannend. Den Einbruch des Unbekannten ins Normale etwa. Der Begriff des Anthropozän interessiert mich auch sehr. Ebenso die digitale Revolution der letzten 15 Jahre. Kommunikationsapps etwa verändern unsere Beziehungen. Da passiert wenig in Echtzeit. Die jüngere Generation telefoniert etwa nicht mehr so gerne, weil da nicht jeder Satz auf seine Wirkung überprüft werden kann. Es wird mehr geschrieben als gesprochen mit seinen Freunden.

Wenn man schreibt, ist man sich immer nahe. Ob man über die Kindheit schreibt oder über eine Figur, die etwas tut was noch nie getan wurde.

Wenn man sich zu sehr durschaut, ist es nicht gut für eine Geschichte. Wenn alle inneren Konflikte aufgelöst sind, gibt es keine Bedürfnisse mehr dies in Geschichte zu verwandeln. Wenn Kafka eine Psychoanalyse gemacht hätte, hätte sich vermutlich nie eine Erzählfigur in einen Käfer verwandelt.

Ich habe eine Ausbildung als Drucktechnologe gemacht, bis 2010 habe ich in diesem Beruf auch gearbeitet. Dann studierte ich am Literaturinstitut in Biel. Dann hatte ich einen Nebenjob im Warenlager und schrieb. Dann fand ich einen Verlag.

Schreiben ist ein Versuch die Wirklichkeit, die Welt zu ordnen, damit umzugehen.

Beim Schreiben ist jede Form, Art der Erfahrung wertvoll. Egal ob eine gute oder schlechte Erfahrung. Schreiben hilft beim Umgang mit Erfahrungen. Es ermöglicht auch Verwandlung.

Die Freiheit im Schreiben entspricht auch meinem Wesen.

Beim Schreiben ist das Innere wie das Umfeld einer Figur wichtig, dass warum sie so handelt. In Figuren kann dann viel ausprobiert werden,

Reisen hilft beim Schreiben. Es bricht Routinen auf. Etwas aber nicht zu sehr. Es ist eine Form der Verfremdung, öffnet neue Sichtweisen auf den Text.

Auch das Erschöpft-Sein auf einer Reise hilft beim Schreiben. Etwa ist man nach langen Busfahrt in Indien so fertig, dass man plötzlich sieht was wichtig ist, dass man vorher nicht sah. Man ist nicht mehr so verwöhnt. Da ist auch eine Verstellung nicht mehr so leicht möglich. Ich gehe etwa gerne nach Nepal wandern, das verändert, es wird alles fundamental.

Ich versuche mich gegen das Scheitern beim Bachmannpreis zu wappnen. Mit Anerkennung umzugehen, ist ja kein Problem. Ich bereite mich also vor allem auf das Scheitern vor, um es wegstecken zu können. Das klingt jetzt pessimistischer als es ist (lacht).

Lukas Maisel, Schriftsteller

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Lukas, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Bachmannpreis 2021_ teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Lukas Maisel_ Schriftsteller_Zürich

Lukas Maisel | Autor

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

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