„Das Möglichkeitsspektrum innerhalb einer Zündholzschachtel bestmöglich auszuschöpfen“ Patrizia Ruthensteiner, Costume | Composition | Experimental_Wien 12.6.2021

Liebe Patrizia, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Meine Tage gestalten sich sehr unterschiedlich. Meistens wache ich in meiner Wohnung auf, in welcher sich auch mein Atelier befindet. Ich mache Kaffee, oft greife ich gleich auf, woran ich am Abend zuvor gewerkt habe, beantworte Emails oder versuche festzustellen, ob meine Pflanzen über Nacht neue Blätter entfaltet haben. Ich arbeite zumeist an mehreren Dingen parallel, Abschlüsse und Anfänge finden versetzt statt, wodurch es selten zur Stagnation kommt. Jedenfalls ist gewiss, dass ich laufen, schwimmen oder wandern gehe, sobald die Kaffeetasse leer ist – das ist wie ein Reset meines Systems auf den Werkzustand. Danach formt sich der Tag stets wie von selbst. Hier in meinem Atelier arbeite ich meistens alleine. Oftmals kommen befreundete KünstlerInnen vorbei, manchmal verbringe ich den Tag im Proberaum oder im Studio von Freunden um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Über fortlaufende kollaborative Projekte schätze ich mich besonders glücklich, durch den Austausch entsteht die Vielfalt in meiner künstlerischen Praxis.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Möglichkeitsspektrum innerhalb einer Zündholzschachtel bestmöglich auszuschöpfen. Neue Pfade in einem bislang unbekannten Feld auszutreten, das ist die große Herausforderung zur individuellen und kollektiven Kreativität. In diesem Rahmen und unter diesen Vorzeichen neue Formen zu finden, für sich selbst, im Bündnis mit Anderen. Im Kontrast zum prä-pandemischen Überfluss führt die Reduktion der Optionen im besten Fall dazu, dass wir uns mit wenigen Dingen tiefgehender beschäftigen. Essenziell ist der achtsame Umgang mit unseren Ressourcen. Keine Lichter brennen zu lassen in Räumen, in denen wir uns nicht aufhalten. Modifikationen unserer Alltagshandlungen vorzunehmen. Die eigene Intuition zu schärfen und Dinge zu hinterfragen, die sich uns auf bestimmte Art und Weise darstellen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Modekunst, der Kunst an sich zu?

Vielleicht beginnt die Transformation bei den Kunstschaffenden selbst, dabei, den Blick von außen nach innen zu wenden und zu erkennen, wo die eigenen Dringlichkeiten jetzt liegen. Darin liegt ja auch oft die Kraft, die dann als konzentrierter Impuls wieder nach Außen weitergegeben wird. Selbst wenn man sehr stark mit existenziellen Fragestellungen der Selbsterhaltung konfrontiert ist, die unheimlich laut werden können, ist da auch eine Leerstelle, ein Moment der sich zur Reflexion anbietet. Ein Problem mit der fatal hohen Geschwindigkeit gibt es in nahezu allen Lebensbereichen, so auch in der Kulturindustrie. Beim schnellen Vorbeihasten verschwimmt das Bild und man erkennt nicht mehr, worum es einem eigentlich geht. Überproduktion, ungleichmäßige Verlagerung, Wünsche werden erzeugt, die niemand hatte, produziert wird für eine Nachfrage, die es nie gegeben hat, während anderswo Lücken entstehen. Die eigenen Grenzen werden in der Hast mitunter massiv übertreten, um mit dem hohen Tempo mitzuhalten und ich glaube durch diese Interruption können wir uns wieder etwas dafür sensibilisieren. Das transformative Potenzial der Kunst durch die Kunst liegt schon im Strukturellen, dem Schaffensprozess an sich.

Was liest Du derzeit?

‚Globalisation and Its Discontents‘ von Joseph E. Stigliz

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Nature, who has played so many queer tricks upon us, making us so unequally of clay and diamonds, of rainbow and granite, and stuffed them into a case, often of the most icongruous, for the poet has a butcher’s face and the butcher a poet’s; nature, who delights in muddle and mystery, so that even now (the first of November 1927) we know not why we go upstairs, or why we come down again, our most daily movements are like the passage of a ship on an unknown sea, and the sailors at the masthead ask, pointing their glasses to the horizon, is there land or is there none? to which, if we are prophets, we make answer „Yes“; if we are truthful we say „No“; nature, who has so much to answer for besides the perhaps unwieldy length of this sentence, has further complicated her task and added our confusion by providing not only a perfect rag-bag of odds and ends within us – a piece of a policeman’s trousers lying jeek by jowl with queen Alexandra’s wedding veil – but has contrived that the whole assortment shall be lightly stitched together by a single thread. Memory is the seamstress, and a capricious one at that. Memory runs her needle in and out, up and down, hither and thither. We know not what comes next, or what follows after.“

‚Orlando‘, Virginia Woolf

Vielen Dank für das Interview liebe Patrizia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Patrizia Ruthensteiner_Kostümbildnerin, Performerin, Soundkünstlerin

Patrizia Ruthensteiner – Costume | Composition | Experimental Fashion & Sonic Art

Patrizia Ruthensteiner (@patrizia_ruthensteiner) • Instagram-Fotos und -Videos

Alle Fotos_Patrizia Ruthensteiner

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s