„Kunst ist für mich das Angebot mehr als man selbst zu sein“ Malte Abraham, Schriftsteller_ Berlin 13.6.2021

Lieber Malte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich schlafe mehr, aber schlechter. ich arbeite länger, aber schaffe weniger. ich sehe die immer selben menschen, aber die desto öfter. wir reden viel über immer weniger themen. es geht sehr schnell sehr tief und und sehr selten mal in die breite. der fun ist weg und leichtigkeit ist etwas, dass sich nur noch unter größtem aufwand herstellen lässt.

Malte Abraham, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

scheint mir gerade alles wichtig. jeder schritt fühlt sich bedeutsam an aus dieser selbsthistorisierenden perspektive. ich werde diesdas getan haben. ich werde in der pandemie in einer schlange bei der post gestanden haben. ich werde alleine silvester gefeiert haben. ich werde mich um eine impfung bemüht haben und eine impfung bekommen haben und werde zwei tage auf dem sofa gedöst haben. vielleicht fühlen wir uns auf dem sofa und insgesamt von der welt gerade sehr abgeschnitten, aber dieser gefühl teilen wir mit der ganzen welt. und das fühlen wir auch. diese verbundenheit. und die bedeutsamkeit unserer handlungen. ob wir zuhause bleiben oder uns auf einen rave schleichen. auch wenn es sich manchmal anders anfühl, wir haben den alltag abgeschafft. alles ist wichtig, weil wir uns als wichtig erleben. was ja genau genommen auch quatsch ist.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?


meine größte sorge ist, wie wir mit dem bedeutungsverlust umgehen, wenn der alltag irgendwann mit aller wucht zurückkommt. denn diese narzisstische kränkung lässt sich auch politisch nutzen. es muss ja nicht immer ein verlorener weltkrieg sein. es reicht schon wenn wir in den sogenannten normalzustand zurückfinden, mit dem sich ja völlig zurecht viele nicht mehr abspeisen lassen. dieses alltägliche gefühl irgendwo in der schlange zu stehen und nicht mehr zu wissen warum. die wut, dass nicht mal das spotlight der pandemie auf job, wohnen, klasse, klima usw. etwas geändert hat an den verhältnissen. das wird poltisch abgegrast. und ich fürchte, dass der laden nicht von links aufgeräumt wird. desto wichtiger position zu beziehen. etwas, das ich mir genau nicht von literatur erwarte. keine positionenpapiere oder handlungsanweisungen. bitte keine ausrufezeichen mehr! die müssen wir uns für twitter aufheben, für demoplakate und leitartikel. wo wir aus gesicherten positionen forderungen formulieren. kunst ist für mich aber ein anderer ort. ein ort der selbstverunsicherung. die anerkennung von ambivalenzen. etwas, das aus nuancen besteht. das angebot jemand anderes zu sein und mehr als man selbst. die überwindung von alltag. ein bedeutungsangebot. etwas, aus dem sich keine politsche agenda ableiten lässt.

Was liest Du derzeit?

otessa moshfegh – mein jahr der ruhe und entspannung
ben lerner – the topeka school
hartmut rosa – unverfügbarkeit

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„die politiker schlafen auf dem bauch und da schlafe ich auch“ wolfram lotz

Vielen Dank für das Interview lieber Malte, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Malte Abraham, Schriftsteller

http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis.eu/de/literaturkurs/stipendiaten/4669/

Foto_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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