„Wir brauchen visionäre Kraft“ Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin_Wienerwald 12.6.2021

Liebe Iris, sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Mir bleibt mehr Zeit für meine Arbeit, da sich der Weg ins Atelier im letzten Jahr auf ein paar Schritte durch den Garten beschränkt hat. Als wir Anfang des ersten Lockdowns alle vier zu Hause waren, fehlte uns der Platz, um ungestört arbeiten zu können. Daher haben wir ein kleines Steinhäuschen zu Home-office und Home-Atelier ausgebaut.

Ich beginne meinen Tag mit Qigong, einer spirituellen Praxis oder einem Waldspaziergang, der auf mich wie Meditation wirkt. Mir ist es wichtig, klar zu sein bei dem was ich tue, und diese Werkzeuge helfen mir dabei. Ob ich auf Leinwand arbeite, detailverliebt auf Papier zeichne, konzeptionell an einer Idee oder Vision arbeite und Informationen sammle, entscheide ich im Zug meiner morgendlichen Routine. Finde ich nicht in einen schöpferischen Flow nutze ich den Tag für organisatorische Arbeiten.

Den späten Nachmittag und Abend verbringen ich dann mit meiner Familie. Wir leben seit bald vier Jahren mitten im Wienerwald, sehr abgeschieden und eingebettet in die Natur. Wir streifen gerne durch die wunderschönen Buchenwälder, die fliesend an unser Grundstück angrenzen. Jetzt im Frühling sammeln wir die ersten Kräuter, legen Dämme in den kleinen Bächen, bauen an Baumhäusern und Waldlagerplätzen, machen Lagerfeuer. Ich habe eine sehr kindliche Art die Natur und die Welt um mich herum zu entdecken. Mit meinen Kindern kann ich das auf radikale Weise tun. Wir freuen uns über die alltäglichen Wunder und über die Schönheit, die in den kleinen und einfachen Dingen verborgen liegt.

Uns fällt auf, dass seit dem ersten Lockdown mehr Menschen den Weg in die Natur finden als zuvor. Früher sind wir manchmal tagelang niemandem begegnet – jetzt treffen wir öfters auf Menschen, die Wandern gehen, Langlaufen, Reiten, Rad fahren oder mit ihren Kindern spielen.

Aber ich liebe auch die Stadt, besonders natürlich Wien. Als Gegengewicht zur Abgeschiedenheit, entsteht zeitgleich ein Experimentierlabor mitten in Wien, im geschäftigen Werkstättenhof. Gemeinsam mit Ulla Schneeweis und Fabian Wittmann lassen wir einen Raum entstehen, der dem künstlerischen und handwerklichen Experimentieren, Ausloten, Inspirieren und Vernetzen gewidmet sein wird.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Natürlich kann ich nicht für uns alle sprechen. Wir ticken ja alle anders – ich gehe davon aus, dass für jeden einzelnen gerade ganz unterschiedliche Dinge wichtig sind.

Als Gesellschaft finde ich besonders wichtig, den jungen Menschen, den Jugendlichen ihre Freiheit zurückgeben. Ihnen endlich wieder ermöglichen rauszugehen und die Welt zu erfahren.

Und ich finde es, wichtig Vertrauen zu haben, dass auch wieder alles gut wird. Ich will für mich und meine Umgebung das Gefühl von Sicherheit stärken. Je nach Informationsquelle, ist man umgeben von Zahlen und katastrophalen Schlagzeilen. Dem steht man im Grunde ohnmächtig gegenüber und das stärkt nicht unbedingt das Vertrauen ins Leben.

Für mich ist es auch wichtig immer wieder zurückzuschalten – Medienfasten. Kein Verschließen vor der Realität, aber ein gesundes Maß an Abstand. Das tut hin und wieder gut.

Aus der Angst heraus kann man keine rationalen, intelligenten Entscheidungen treffen. Deshalb finde ich es wichtig, immer wieder Vertrauen aufzubauen, sich rauszunehmen aus der allgemeinen Verunsicherung. Es beeinflusst uns ja alle, man kann sich dem schwer entziehen. Aber man kann bewusst damit umgehen.

Ebenso wesentlich finde ich es, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst sind. Wir tragen Verantwortung für unser Leben, aber auch für das unsere Mitmenschen.

Welche Stimmung verbreite ich, nähre ich meine Mitmenschen mit Wertvollem oder verbreite ich Angst oder sogar Hass? Das sind grundlegende Dinge, für die jeder Verantwortung trägt und das Miteinander gestaltet.

Vor dem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Gesellschaftlich finde ich es wichtig ganzheitlich zu denken. Wir müssen neue Konzepte entwickeln, in denen die Natur, das Klima, die Tiere, genauso eine Rolle spielen, wie unsere Wirtschaft, wohlhabende Länder und sogenannte Entwicklungsländer, Arm und Reich.

Es ist unumgänglich unser Herz in die Überlegungen einzubeziehen.

Für mich ist die Rolle des Künstler, die eines Übersetzers einer universellen Sprache, die in Bildern, Musik, Worten oder Bewegungen ihre Form findet.

Die Kunst kann Impulse, Ideen und Anregungen bieten, sich gedanklich, emotional, psychisch wie physisch in innovative Bereiche zu begeben, die zu neuen Ansätzen und Lösungen führen. Kunst hat eine visionäre Kraft.

Und visionäre Kraft brauchen wir, um neue Konzepte für unser Zusammenleben zu entwickeln, einen anderen Umgang mit unserer Umwelt, den Tieren und Ressourcen auf dieser Erde zu pflegen.

Was liest du derzeit?

Vieles. Unser Schlafzimmer ist voll mit aktiv gelesenen Büchern. Wir haben ein langes Sideboard, da stapeln sich Bücher über Architektur, Zusammenleben, Städteentwicklung und Zukunftsforschung, die aus dem Arbeitsbereich meines Mannes kommen und meine Bücher über Mystik in den verschiedensten Kulturen, naturphilosophische Werke, ein wunderschönes Sufibuch, …

Meist schnappe ich mir, worauf ich gerade Lust habe.

Aktuell lese ich besonders gerne in einem Buch über Weisheitsreligionen. Ein dicker Band gespickt mit Zitaten von Forschern der unterschiedlichsten Weisheitslehren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Über Pythagoras zu lesen, hat mich besonders fasziniert.

Ein Zitat von Pythagoras, griech. Philosoph u. Mathematiker:

„Horcht in euch hinein und betrachtet die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit.“

Und noch zwei Zitat von R. Buckminster Fuller, Architekt, Visionär, Designer, Philosoph und Schriftsteller:

„Wir sollten die Architekten unserer Zukunft sein, nicht ihre Opfer“

„Integrity is the essence of everything successful“

Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Iris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Iris Kohlweiss, Bildende Künstlerin

IRIS KOHLWEISS

Alle Fotos_Ihno Hackl-Kohlweiss

17.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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