Das Jahrhundertwerk „Der Herr der Ringe“ von J.R.R.Tolkien (1892 – 1973) begeistert mittlerweile schon Generationen von Leserinnen und Lesern und inspiriert Künstlerinnen und Künstler in ihrem Schaffensprozess. So erging es auch dem britischen Künstler und Illustrator Alan Lee (*1947), der mit siebzehn Jahren in der Kunstschule mit dem Werk Tolkiens in Berührung kam und seitdem einen gemeinsamen künstlerischen Weg bis zur Gegenwart geht.
Lee begann schon in den 1970er mit Motivdarstellungen und weitete diese Illustrationen aus, die ihrem Höhepunkt in der Sonderausgabe von „Der Herr der Ringe“ zum 100.Geburtstag Tolkiens fanden. Ebenso war die Zusammenarbeit mit dem Filmregisseur Peter Jackson, der sich an die Verfilmung dieses Jahrhundertwerkes Tolkiens wagte („Der Herr der Ringe“ wie „Der Hobbit“ zu Beginn dieses Jahrtausends), eine wesentliche künstlerische Station und Auseinandersetzung für Lee, welcher auch Kostüm und Design der Verfilmungen inspirierte und mitgestaltete.
Ein künstlerischer Prozess hat immer einen weiten Vorlauf der Annäherung in Inspiration und Umsetzung. So ist es auch im Werk Lees, welcher umfassende Vorarbeiten beinhaltet.
Alan Lee öffnet nun mit der vorliegenden bibliophilen Ausgabe den wunderbaren Schatz von Skizzen, Entwürfen in vielen Varianten der textlichen Inspiration. Begleitend sind die Darstellungen mit persönlichen Bezügen des Künstlers zu Tolkien und seinem Werk wie auch zu Peter Jackson und dessen filmischer Konzeption und Zusammenarbeit. So entsteht ein sehr ausdrucksstarker wie persönlicher Einblick in Form und Weg eines künstlerischen Prozesses.
„Alan Lee ist wohl einer der Zauberer aus dem Werk Tolkiens. Sein Bleistift und sein Pinsel sind faszinierende Zauberstäbe.“
Lieber Friedrich, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vermisse meinen Deutschunterricht für Ausländer, all die Kontakte. Keine Lesungen. Die Einweihung des Rabenstuhls der Poesie, der mir am Rhein gewidmet, leider verschoben. Ärgere mich, wenn der Hermes Paketbote ohne Maske mit mir spricht. Achte zu wenig auf meine gefährdete Gesundheit. Gehe zu wenig an die frische Luft. Keine Zeit. Viel zu lesen, zu sichten, zu schreiben. Der Tag geht zu schnell vorbei. Keinerlei Langeweile. Verdränge leider was zu erledigen wäre angesichts auch finanzieller Sorgen. Ziehe mich eher zurück als nach außen mich zu wenden.
Friedrich G.Paff, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten. Auf normale Zeiten warten. Achtgeben. Gesundheit geht vor. Spazieren gehen. Verschwörungsdiskussionen auf später vertagen. Ängste bezwingen. Sich notfalls gut ablenken. In sich gehen. Schätzen, was an Gutem man erlebt. Über Intrigen lachen. Die Zeit der Bedrohung nutzen, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Merken, wie viel Ärger und Zeit man vergeudet hat mit dem was sich nur aufbläht und eitel nur ist. Kultur, die nichts zu sagen hat, nur prustet und spauzt, wie arm ist sie. Welches Wunder ist Geburt. Gott danken, wenn man Kinder hat.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Überlebt zu haben. Vor Augen die, denen es schlecht erging. Keinerlei Erwartungen an den Literaturbetrieb. Auch wenn nach Corona die Masken fallen, bleiben andere Masken bestehen. Unabhängig authentisch zu bleiben wird dasselbe Wagnis bleiben wie vor Corona. Nicht Strampeln und sich Verrenken, endlich, endlich wieder schwimmen zu können. Die Nähe wieder schätzen zu lernen im Gespräch ohne Angst vor Viren und Ansteckung.
Was liest Du derzeit?
Was auf facebook angeregt wird zum Beispiel von Catalina Franco , Gedichte in anderen Sprachen. Zum Beispiel Oscar de Milosz, Pavese, Lorca. Lese kaum heutige Lyrik, entdecke Texte die mich ansprechen bei älteren bekannten und auch bei vergessenen Dichtern. Iwan Goll, Baudelaire, Alfons Paquet gestern gelesen. Immer wieder Hölderlin, Heine, Nelly Sachs, Celan, Bobrowski, Nerval, Huchel, George. Romane kaum. Abhandlungen ja. Rheinisches. Kunstgeschichte. Auf Arte – TV Folgen über das Urchristentum. Abends im Fernsehen Krimis.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
wußtest du
was das Geheimnis
allen Dialoges ist :
die Ferne des Paradieses
ist die Nähe
Vielen Dank für das Interview lieber Friedrich, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Kersten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vor der Pandemie habe ich zu ca. 60% von Lesungen und andere Auftritten gelebt. Da die Abendarbeit nun komplett wegfällt, arbeite ich tagsüber. Und entsprechend gesunken ist der Anteil intrinsischer Arbeit, ich muss nun mehr Auftragstexte in verschiedenen Bereichen schreiben. Meine Frau freut sich allerdings über den geänderten Tagesablauf.
Kersten Flenter, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht den Verstand zu verlieren – Gefahren bewusst einzuschätzen, Informationen mehr denn je zu filtern und zu hinterfragen. Soziale Medien meiden. An die frische Luft gehen. Und vor allem den Humor nicht verlieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?
Für mich ist ganz wesentlich, dass Kunst, gerade Literatur und Musik, Begegnungen schaffen, Kommunikation, verzauberte Augenblicke. Die Aufgabe von Kunst wird mehr denn je sein, Menschen einander nahe zu bringen – Worte und Musik sind dafür essenziell. Wir dürfen die nun durch Pandemie und politische Maßnahmen geschaffenen Distanzverhältnisse nicht dauerhaft sich in unsere Seelen einnisten lassen.
Was liest Du derzeit?
Abel Paz‘ eindrucksvolle Biographie über den legendären spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti. Und nach und nach alles Verfügbare von Robinson Jeffers.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Du kannst einen Augenblick nicht reparieren.
Vielen Dank für das Interview lieber Kersten, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Mario, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Bin mit April in Kurzarbeit. Bis Ende März habe ich geprobt. Im Mai sind die Wr. Festwochen bei uns im Theater (Anm. Volkstheater Wien).
Mario Schober, Inspizient
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Impfen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Gute Frage. – Hm, wie sehr hat Streaming, Netflix etc. die Gewohnheiten unserer Kunden (Besucher, Zuschauer) beeinflusst? Wieviel Geld werden die Leute für Kultur übrighaben?
Was liest Du derzeit?
Charles Bukowski, Thomas Bernhard
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Den Göttern kommt das große Kotzen
Vielen Dank für das Interview lieber Mario, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Mario Schober, Inspizient_Volkstheater Wien
Foto_privat.
11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Zeynep, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Dank unserer 6jährigen Tochter gibt es trotz des unbeständigen Zustands sehr viele Konstanten im Alltag. Es gibt einen wunderbaren Grund, um jeden Tag in der Früh aufzustehen, weiter zu machen. Homeschooling ist mir zum Glück erspart geblieben- nicht, weil ich mich ungern der Herausforderung gestellt hätte, sondern weil meine Tochter sich zum Glück generell keine 5 Minuten von mir was erklären lässt, ohne zu hinterfragen und widersprechen. Wir wären also mit dem Lernstoff nicht sehr weit gekommen.. Zwischen Hände waschen, testen gehen und Desinfektionsflaschen auffüllen, war/ist über große Strecken Proben und Dreharbeiten möglich gewesen, wofür ich sehr dankbar bin. Die Abende sind ruhiger geworden. Dafür haben sich die Kochkünste zum Positiven entwickelt.
Zeynep Buyraz, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität und sozialer Ausgleich. Es war erstaunlich zu beobachten, wie schnell die finanziellen und sozialgesellschaftlichen Privilegien hinsichtlich dieser Pandemie jegliche Bedeutung verlieren konnten. Denn bekannterweise existieren für das Virus keine Ländergrenzen, Gehaltchecks, Titeln oder Karrieren. Es unterscheidet nicht zwischen Pässen. Und keiner von uns wird es alleine loswerden können. Wir sind aufeinander angewiesen, voneinander abhängig und gemeinsam stark. Immer schon. Ob es unseren Egos oder politischen Ideologien passt, oder nicht. Schade, dass dies alles erst durch eine Pandemie so sichtbar geworden ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wir werden die Prioritäten unseres gewohnten westlichen Lebensstils in Frage stellen und neu definieren müssen. Aus dem Traum erwachen, der uns vortäuscht, dass unsere geschützte Insel der Seligen namens Europa unantastbar ist. Lernen, dankbar zu sein. Andererseits wäre es für uns alle Kulturschaffenden, die – bis auf die ganz Wenigen unter uns – es immer schon gewohnt waren, mit Minimum das Maximum erreichen zu wollen, vehement an der Zeit, sich von der romantischen Illusion zu verabschieden, dass Österreich eine Kunst und Kultur Nation wäre. Das ist nicht der Fall. Wir leben in einem neoliberalen Land. Um so wichtiger daher unsere Aufgabe, sichtbar zu werden. Sichtbar werden lassen. Laut sein… Ungemütlicher. Und ja, auch wütender. Denn es ist unerträglich zu erleben, wie die Last einer ganzen Pandemie auf Schultern der sozial Schwachen getragen wird, die zwar systemrelevant aber unterbezahlt sind, während die eigentlichen Verantwortungsträger mehr oder weniger mit Pressekonferenzen ihren Lohn verdienen. Unerträglich zu sehen, dass hier geborene Kinder mitten in der Nacht abgeschoben werden können, während im gleichen Atemzug uns erzählt wird, dass die Einreise ins Nachbarland hochriskant ist. Dass eine Regierung mehr Geld in Eigenwerbung investiert als in Impfstoffe. Die Rolle der Kunst und Kultur wird daher auch jetzt die gleiche bleiben: Nicht vergessen, nicht vergessen lassen. Den Finger in die Wunde legen. Ich persönlich freue mich auf den Austausch mit Publikum, auf den Ort des Zusammentreffens, des gemeinsamen Hinterfragens mehr denn je!
Was liest Du derzeit?
Den wunderbaren Roman „Buluşma“ von Mansur Ayik, den es momentan nur auf türkisch gibt. Ich durfte ihn persönlich vom Autor erhalten. Es ist die Auseinandersetzung mit den immer noch nicht aufgearbeiteten Folgen des 12. September Regimes in der Türkei… Es tut sehr gut, wieder mal in der Muttersprache zu lesen und zu fühlen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.“ Johanna Dohnal
Vielen Dank für das Interview liebe Zeynep, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich würde sagen, die einzige Konstante in meinem Tagesablauf ist der Kaffee nach dem Aufstehen. Die Tagesplanung danach variiert extrem.
Florian Lang_Bildender Künstler
Im ersten Lockdown habe ich mich durch Arbeiten im Atelier von der Isolation abgelenkt. Anfang Jänner 2021 habe ich dann begonnen mein künstlerisches Arbeitspensum stark zurück zu drehen. Seit dem nutze ich diese Lockdownphase als Chance für ein körperliches und geistiges Komplettservice.
Mein Leben verlangte nach einer Entschleunigung, die ich mir erstmalig erlaube. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir vor Corona schon lange einen Stoppknopf gewünscht. Sicher konnte man sich auch schon vor der Pandemie zum Reparieren zurückziehen. Aber die Welt da draußen drehte sich weiter und es blieb immer dieses schlechte Gewissen etwas zu versäumen und doch etwas machen zu müssen. Dann kam Covid 19 und die Welt stand still.
First we had an apple now we eat the snake _ Florian Lang
Mein künstlerischer Output beschränkt sich im Moment fast ausschließlich auf die Aufarbeitung von all dem, was in den letzten Jahren in irgendwelchen Schubladen liegen geblieben ist und ich konnte schon den einen oder anderen Schatz bergen. Gleichzeitig nehme ich mir gerade viel Zeit, darüber nachzudenken, wohin damit.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß wirklich nicht was für uns alle wichtig ist. Ich bin total zufrieden wenn ich das für mich selber weiß. Aber wenn ich mich so umsehe, habe ich das Gefühl, dass nach über einem Jahr Covid und Co der Frühling und der Wahnsinn gleichzeitig in den Startlöchern stehen und ich bin total gespannt wer zuerst los starten wird.
Altar boys n girls _ Florian Lang
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Live Ereignisse jeglicher Art werden sich massiv verändern. Welche Rolle dabei die Kunst spielt, wird sich noch weisen. Betroffen ist sie auf jeden Fall. Als bildender Künstler kann ich in erster Linie nur für mein Umfeld sprechen. Viele bestehende Strukturen in der Präsentation so wie auch in der Vermarktung werden verschwinden oder besser gesagt abgelöst. Neues wächst sofort nach. Oder es war schon da und wird jetzt erst richtig sichtbar. Für mich persönlich bedeutet der kulturelle Stillstand keine Katastrophe. Im Gegenteil, es ist total spannend in dieser starren und doch so bewegten Zeit dabei zu sein und es als Spielplatz für Neues wahr zu nehmen. Anstatt für Vergangenes weinend Kerzen anzuzünden, feiere ich lieber das, was nachwächst.
Was liest Du derzeit?
Im Moment lediglich die Untertitel auf Netflix.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Bei meiner Leseliste sollte ich im Moment besser nichts zitieren. Sonst kommen Sätze wie:
„Nur Super gibt es nur an der Tankstelle.“
Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ideal, würde ich sagen. Ich wache um Punkt halb acht Uhr auf, zehn Minuten bevor der Wecker klingelt und schaue durch das Dachfenster über mir in den Himmel.
Dann stehe ich auf, mache den immergleichen Kaffee und das immergleiche Yoga. Ich lese und schreibe eine Stunde und fahre mit dem Dachfenster in Gedanken zur Arbeit oder gehe die immergleiche Runde spazieren, bevor ich mit dem Homeoffice beginne.
Nachdem ich das erledigt habe bzw. wieder zu Hause bin, esse ich, schlafe über einem Buch ein, für genau eine Stunde, lese nach dem Aufwachen noch ein wenig und lese oder schreibe bis zum Abendessen. Später schaue ich einen Film und trinke ein Glas Bier oder Wein und schreibe bis ein Uhr. Dann gehe ich schlafen.
Um Punkt halb acht Uhr wache ich auf und denke, während ich durch das Dachfenster schaue, darüber nach, was alles passiert ist, das in meinen idealen Tagesablauf nicht gepasst hat, worauf ich aber nicht verzichten kann oder will: Telefonate mit Freunden und Kollegen, Kochabende, das schmutzige Geschirr, ein zweiter Film und die schmutzige Wäsche, das zweite, das dritte Glas Bier oder Wein, die Zebras im Zoo und mein Zeigefinger auf Instagram, etc.
Alexander Rudolfi, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube wir haben den Zirkus schon für so selbstverständlich genommen. Irgendwo auf dem Weg zwischen meinem Zuhause und meiner Arbeit. Er liegt jetzt aber wie hingefallen da, neben der Straße. Das Zelt aus Plastik steht fixiert vor einer grünen Fassade, gestreift in Gelb und in Rot, und davor kauern die grauen Gehege der Tiere. Im Vorbeifahren habe ich nicht begriffen, wozu das Zelt aufgestellt worden war. Aber später schien es mir logisch, ganz logisch. Ein Schild stand an der Einfahrt zum Zirkus, das aussah wie eine Reklame. Darauf trauerte ein Clown hinter den Passanten her: Zirkus in Not, Bitte um Spende. Ich bog auf den Kiesgrund des Parkplatzes. Ich stieg aus und ging durch die großen Abstände zwischen den vereinzelt stehenden Wagen in Richtung des Zirkus’. Ein Drehkreuz ansagte vor dem lichtlosen Eingang seine Schließung und eine Gruppe Kinder ging, hinter zwei Erwachsene geschart, vorüber. So war es jetzt immer, dachte ich, aber man konnte die Tiergehege besuchen. Dort standen wieder Erwachsene und Kinder, parallel in einer Reihe gegen die Zäune gelehnt, ihre Blicke durch die Umzäunung gerichtet und die Hände ausgestreckt, nach den Mäulern alter Tiere.
Hinter und zwischen den Gehegen gingen die Schausteller träge von einem Wohnwagen zum nächsten, und die Kamele drängten sich um das Futter. Ich fragte mich noch, woher das Geschrei und Geblöke und die wütenden Gesten kamen, unter den leuchtenden Farben des Zeltes, die immer die gleichen waren und im Affekt unsere Aufmerksamkeit fingen, bis ich die gestreiften Pferde entdeckte. Die gestreifte Pferde befanden sich im abgelegensten Gehege, wo sie aufgingen und ab-, aufgingen und ab. Und ich stellte mich an das Gitter und mein Blick ging durch die Stäbe. Weiß auf Schwarz, Schwarz auf Weiß und ihre violetten, fast schwarzen Augen. Und das Zelt war darin meine Neigung, mich nur dafür zu interessieren, was ich schon kenne und schon bin, das Immergleiche, das keine zehn Minuten zulässt, nur den Tagesablauf und das Ideal. Vielleicht, dachte ich, haben sie deswegen das Zelt aufgestellt. Aber dahinter gab es noch etwas anderes. Ich wollte das gestreifte Pferd zu mir locken und streckte die Hand durch das Gitter. Und während es näher kam, war mit einem Blinzeln das Zelt aus seinen Augen verschwunden und etwas neues tauchte auf.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Man schreibt jetzt so, als wären die Worte auch die Dinge: das Dachfenster und die zehn Minuten darunter und die Augen der Zebras, die violett waren, fast schwarz. Aber ich gehe über den Zirkus, und denke, wie Proust, dass alle guten Bücher in einer Art Fremdsprache geschrieben sind. Diese Fremdsprache wird immer nur eine tief persönliche sein. Und Kunst die Antwort einer vereinzelten Lebensrealität auf Fragen, die man ohne sie nicht beantworten kann. Mit allen dachfensterartigen Wunschvorstellungen und Widersprüchen, die sich dann in die zehn Minuten bis zum Weckerklingeln hineinschreiben. Das ist für eine Politik, die ideale oder utopische Verhältnisse schaffen möchte, natürlich eine Herausforderung, weil sie diese Erfahrungen nicht haben will oder haben kann. Die Kunst musste aus Platons idealem Staat verschwinden, weil er ein grundsätzlich totalitärer war: logisch, glückverheißend, unbewegt und eindeutig. Und seitdem ist die Kunst im Rechtfertigungszwang.
Im Gegensatz zur Politik oder Wissenschaft hat Kunst aber die Freiheit keine logische Position beziehen zu müssen, nicht widerspruchsfrei oder handlungsorientiert zu sein und auch keine endgültigen Antworten parat zu haben, die das Rätsel lösen, wie man leben soll. Und ich misstraue allen, die sie doch haben. Und das macht das Dachfenster und die zehn Minuten darunter für mich so entschieden angenehm.
Was liest Du derzeit?
Das wunderbare Mr. Potter von Jamaica Kincaid und das unwahrscheinliche Endlos-Haiku von Franz Dodel.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Kommunismus der Affekte bedeutet die Privatisierung des Kommunismus, und in diesem Sinne ist der Kommunismus nicht aus der Geschichte verschwunden, er wurde privatisiert und hat eine Gemeinschaft synchronisierter Emotionen erzeugt.“
– Paul Virilio in Die Verwaltung der Angst
Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin es gewohnt, von frühster Jugend an, meine Freizeit selbst zu gestalten. Da ich mit sechs Jahren angefangen habe Violine zu spielen und anderes mehr, ist mir das tägliche Üben in den eigenen vier Wänden nie fremd gewesen. Während meiner Schauspielausbildung durfte ich verschieden Techniken und Methoden kennenlernen, um meinen Körper und meine Seele immer fit zu halten. Jetzt bin ich schon im letzten Drittel meines Lebens angelangt und immer noch absolviere ich mein tägliches Training für Stimme und Körper, unabhängig davon, ob ich bald einen Auftritt habe oder nicht.
Da ich mich in den letzten Jahren auch als Autorin versucht habe, dieser Beruf hat ja bekanntlich viel mit Sitzen zu tun, ist es für mich wichtiger, den je einen Ausgleich von Sitzen und Gehen, von Drinnen und Draußen zu schaffen. Jetzt, wo alle Theater geschlossen sind und ich erst wieder Ende Mai meinen ersten Auftritt haben werde, sind natürlich die Ziele außer Haus beschränkt. Und jetzt kommt mein geliebtes Fahrrad ins Spiel. Schon vor der Corona Krise habe ich meine Jahreskarte bei den Wiener Linien gekündigt. Dank der vielen Fahrradwege bin ich ein Fahrradfan geworden. Früher wäre das nur schwer möglich gewesen, da es mir zu gefährlich erschien.
Ich wohne im 6. Bezirk. Ich liebe es die Mariahilferstraße hinunterzufahren, durch den ersten Bezirk zu streifen und dann entlang dem Donaukanal zu radeln, am liebsten Richtung Nussdorf zum Kuchelauer Hafen. Dort kann ich meine geliebten Boote bewundern. Ich segele für mein Leben gern und suche, wo immer ich bin, die Nähe des Wassers. Sobald es etwas wärmer wird, in meinem Fall schon von April bis November, schwimme ich, wann immer ich kann, in der Donau. Beim Fahrradfahren mache ich Sprech- und Gesangsübungen, lerne eine neue Sprache (im Moment Maltesisch), weil ich oft in Gozo/Malta bin.
Es klingt vielleicht komisch für den Leser, aber Corona hat, außer der finanziellen Situation, nicht wirklich was in meinem Leben verändert. Ich fahre nicht U-Bahn, ich gehe überhaupt nicht gerne Einkaufen, außer ich brauche wirklich dringend etwas. Für mich hat Einkaufen nichts mit Freiheit zu tun, im Gegenteil. Da ich lange Haare habe, muss ich auch nicht zum Friseur. Ich nehme Henna braun um meine Haare nicht weiß werden zu lassen.
Ich habe in den letzten Monaten viel und gut und gerne gekocht. Ich liebe es auch, ins Restaurant zu gehen, aber es ist auch wunderschön anderen Menschen mit einer Essenseinladung zu Hause eine Freude zu machen. Viele gute Gespräche sind dabei entstanden und auch ich wurde als Dankeschön eingeladen. Vielleicht noch zum Abschluss möchte ich ein neues Gefühl beschreiben, dass ich in Wien, während der Corona-Krise erleben durfte: die Straßen und Plätze sind plötzlich ein verlängerter Arm meines Wohnzimmers geworden. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass die Stadt auch mir gehört. Ich nehme mir einen Kaffee in der Thermosflasche mit und setze mich in den Loquaipark oder auf die Bank vor dem Stephansdom und trinke, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil ich nicht konsumiere bzw. in ein Gasthaus gehe, meinen selbst mitgebrachten Kaffee. Eine neue Freihet?
Nicht in Angst erstarren, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass alles so schnell wie möglich wieder so sein soll, wie es war. So schlimm diese Pandemie für uns alle ist, ist sie doch auch eine Chance alles neu zu überdenken, gewohntes zu überprüfen und in Frage zu stellen, denn ich befürchte, dass dies nicht das letzte Virus ist, das uns besucht und dass uns bestimmt noch viele herausfordernde Momente bevorstehen. Durch das Erwärmen der Weltmeere gerät unser Klima immer mehr in Schieflage, ein großes Artensterben ist im Gange. Unser Ökosystem verliert sein Gleichgewicht und wir unseres mit ihr. Wäre es nicht endlich an der Zeit zu handeln? Nicht nur im Aufrüsten von neuen Impfstoffen, sondern im Visualisieren von neuen Lebensinhalten. Was ist wichtig in unserem Leben? Wir sollten anfangen uns jeden Tag gegenseitig viele Fragen zu stellen und nicht einfach blind weiter machen wie bisher.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Es wäre schön, wenn wir wirklich vor einem Neubeginn stehen könnten. Alles neu zu denken, zu fühlen, zu handeln, uns zu begegnen, zu Performern…. Leider hat uns die Wirtschaft fest in ihren Klauen. Wirklich frei davon zu sein, bedeutet verzichten zu wollen…….Was haben wir unserer Natur zugemutet, wie haben wir unserer Tiere versklavt und vergewaltigt…. Die Aufgabe der Kunst war es schon immer, der Gesellschaft einen Spiegel vor zu halten, in dem sie sich erkennt und dadurch handlungsfähig werden kann. Wir dürfen uns nie in unserer Meinungsfreiheit einschränken lassen. Wir müssen für die Freiheit der Kunst kämpfen und ohne zu beschönigen, der Wahrheit auf der Spur bleiben.
Was liest Du derzeit?
Der Schwarm von Frank Schätzing
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Live is a pain – au chocolat
Vielen Dank für das Interview liebe Judith viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Wenzel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit meinem Single-Release „Ohne Angst“ Anfang März, habe ich vormittags fast jeden Tag Interviews und Pressearbeit. Dann beginnen meistens die Studio-Sessions, oft bis spät abends. Wenn noch bisschen Energie übrig ist, lese ich gerne noch ein bisschen und dann ins Bett.
Wenzel Beck_Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Derzeit entfernen wir Menschen uns immer mehr voneinander. Nicht nur im „Social Distancing“, sondern auch in allen anderen Fragen. Ich glaube, es ist enorm wichtig, dass sich diese Bewegung in die andere Richtung umdreht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich bin ein großer Fan von Musik. Als Kunstform, Ausdrucksmittel und vor allem als universelle Art der Kommunikation. Das verbindende, übermenschliche Element von Musik ist immer wichtig, und noch entscheidender in Situationen in denen alle zusammenhalten müssen.
Was liest Du derzeit?
Demian von Hesse.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
For here Am I sitting in a tin can Far above the world Planet Earth is blue And there’s nothing I can do
Though I’m past one hundred thousand miles I’m feeling very still And I think my spaceship knows which way to go Tell my wife I love her very much she knows
David Bowie – Space Oddity
Vielen Dank für das Interview lieber Wenzel, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Im Atelier ankommen und aufatmen hier ist die Welt eine andere. Der restliche Tag ist eine Mischform aus malen, schauen, lesen, teetrinken, Pinsel reinigen, vielleicht etwas essen, malen, denken, manchmal wollen die Bilder etwas, manchmal will ich etwas, dann der ewige Versuch die Farbe von den Fingernägel herunter zu kratzen, die Farbe aus den Haaren zu entfernen, komme wie immer auf das gleiche Ergebnis, ist eh egal und fahre mit der U6 heim.
An anderen Tagen, versuche ich zwei pubertierende Jugendliche zu motivieren ein Schulsystem zu absolvieren, welches sie zutiefst in Frage stellen, sie zu motivieren Dinge zu lernen, welche sie niemals brauchen werden. Gleichzeitig gebe ich ihnen das Gefühl, dass sie eine wunderbare Zukunft vor sich haben, obwohl ihre Jugend unter den Corona Maßnahmen sehr leidet.
Adisa Czeczelich, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Trotz allen Einschränkungen handlungsfähig und autonom zu bleiben.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich sehe die Kunst als Vermittlerin zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Mit der Kunst gelingt es die Gegenwart zu verarbeiten, sichtbar zu machen, auch kritisch und frei zu hinterfragen und in die Zukunft zu tragen, natürlich immer in der besten Absicht, also in der Hoffnung auf eine weiterentwickelte Version von uns, gesellschaftlich wie auch persönlich.
Was lesen Sie derzeit?
„Die Würde ist antastbar“ vom Ferdinand von Schirach
in unserem Grundgesetzt steht, „die Würde des Menschen ist unantastbar“ und trotzdem wird unsere Würde jeden Tag angetastet. Gerade jetzt in der Zeit der Pandemie erleben wir dies tagtäglich.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchten Sie uns mitgeben?
Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.
Friedrich Nietzsche
Vielen Dank für das Interview liebe Adisa, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!