„Man schreibt jetzt so, als wären die Worte auch die Dinge“ Alexander Rudolfi, Schriftsteller_Hannover 8.5.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ideal, würde ich sagen. Ich wache um Punkt halb acht Uhr auf, zehn Minuten bevor der Wecker klingelt und schaue durch das Dachfenster über mir in den Himmel.

Dann stehe ich auf, mache den immergleichen Kaffee und das immergleiche Yoga. Ich lese und schreibe eine Stunde und fahre mit dem Dachfenster in Gedanken zur Arbeit oder gehe die immergleiche Runde spazieren, bevor ich mit dem Homeoffice beginne.

Nachdem ich das erledigt habe bzw. wieder zu Hause bin, esse ich, schlafe über einem Buch ein, für genau eine Stunde, lese nach dem Aufwachen noch ein wenig und lese oder schreibe bis zum Abendessen. Später schaue ich einen Film und trinke ein Glas Bier oder Wein und schreibe bis ein Uhr. Dann gehe ich schlafen.

Um Punkt halb acht Uhr wache ich auf und denke, während ich durch das Dachfenster schaue, darüber nach, was alles passiert ist, das in meinen idealen Tagesablauf nicht gepasst hat, worauf ich aber nicht verzichten kann oder will: Telefonate mit Freunden und Kollegen, Kochabende, das schmutzige Geschirr, ein zweiter Film und die schmutzige Wäsche, das zweite, das dritte Glas Bier oder Wein, die Zebras im Zoo und mein Zeigefinger auf Instagram, etc.

Alexander Rudolfi, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube wir haben den Zirkus schon für so selbstverständlich genommen. Irgendwo auf dem Weg zwischen meinem Zuhause und meiner Arbeit. Er liegt jetzt aber wie hingefallen da, neben der Straße. Das Zelt aus Plastik steht fixiert vor einer grünen Fassade, gestreift in Gelb und in Rot, und davor kauern die grauen Gehege der Tiere. Im Vorbeifahren habe ich nicht begriffen, wozu das Zelt aufgestellt worden war. Aber später schien es mir logisch, ganz logisch.
Ein Schild stand an der Einfahrt zum Zirkus, das aussah wie eine Reklame. Darauf trauerte ein Clown hinter den Passanten her: Zirkus in Not, Bitte um Spende.
Ich bog auf den Kiesgrund des Parkplatzes. Ich stieg aus und ging durch die großen Abstände zwischen den vereinzelt stehenden Wagen in Richtung des Zirkus’. Ein Drehkreuz ansagte vor dem lichtlosen Eingang seine Schließung und eine Gruppe Kinder ging, hinter zwei Erwachsene geschart, vorüber. So war es jetzt immer, dachte ich, aber man konnte die Tiergehege besuchen. Dort standen wieder Erwachsene und Kinder, parallel in einer Reihe gegen die Zäune gelehnt, ihre Blicke durch die Umzäunung gerichtet und die Hände ausgestreckt, nach den Mäulern alter Tiere.

Hinter und zwischen den Gehegen gingen die Schausteller träge von einem Wohnwagen zum nächsten, und die Kamele drängten sich um das Futter. Ich fragte mich noch, woher das Geschrei und Geblöke und die wütenden Gesten kamen, unter den leuchtenden Farben des Zeltes, die immer die gleichen waren und im Affekt unsere Aufmerksamkeit fingen, bis ich die gestreiften Pferde entdeckte.
Die gestreifte Pferde befanden sich im abgelegensten Gehege, wo sie aufgingen und ab-, aufgingen und ab.  Und ich stellte mich an das Gitter und mein Blick ging durch die Stäbe. Weiß auf Schwarz, Schwarz auf Weiß und ihre violetten, fast schwarzen Augen. Und das Zelt war darin meine Neigung, mich nur dafür zu interessieren, was ich schon kenne und schon bin, das Immergleiche, das keine zehn Minuten zulässt, nur den Tagesablauf und das Ideal. Vielleicht, dachte ich, haben sie deswegen das Zelt aufgestellt. Aber dahinter gab es noch etwas anderes. Ich wollte das gestreifte Pferd zu mir locken und streckte die Hand durch das Gitter. Und während es näher kam, war mit einem Blinzeln das Zelt aus seinen Augen verschwunden und etwas neues tauchte auf.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu? 

Man schreibt jetzt so, als wären die Worte auch die Dinge: das Dachfenster und die zehn Minuten darunter und die Augen der Zebras, die violett waren, fast schwarz. Aber ich gehe über den Zirkus, und denke, wie Proust, dass alle guten Bücher in einer Art Fremdsprache geschrieben sind. Diese Fremdsprache wird immer nur eine tief persönliche sein. Und Kunst die Antwort einer vereinzelten Lebensrealität auf Fragen, die man ohne sie nicht beantworten kann. Mit allen dachfensterartigen Wunschvorstellungen und Widersprüchen, die sich dann in die zehn Minuten bis zum Weckerklingeln hineinschreiben. Das ist für eine Politik, die ideale oder utopische Verhältnisse schaffen möchte, natürlich eine Herausforderung, weil sie diese Erfahrungen nicht haben will oder haben kann. Die Kunst musste aus Platons idealem Staat verschwinden, weil er ein grundsätzlich totalitärer war: logisch, glückverheißend, unbewegt und eindeutig. Und seitdem ist die Kunst im Rechtfertigungszwang.

Im Gegensatz zur Politik oder Wissenschaft hat Kunst aber die Freiheit keine logische Position beziehen zu müssen, nicht widerspruchsfrei oder handlungsorientiert zu sein und auch keine endgültigen Antworten parat zu haben, die das Rätsel lösen, wie man leben soll. Und ich misstraue allen, die sie doch haben. Und das macht das Dachfenster und die zehn Minuten darunter für mich so entschieden angenehm.

Was liest Du derzeit?

Das wunderbare Mr. Potter von Jamaica Kincaid und das unwahrscheinliche Endlos-Haiku von Franz Dodel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Kommunismus der Affekte bedeutet die Privatisierung des Kommunismus, und in diesem Sinne ist der Kommunismus nicht aus der Geschichte verschwunden, er wurde privatisiert und hat eine Gemeinschaft synchronisierter Emotionen erzeugt.“

– Paul Virilio in Die Verwaltung der Angst

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alexander Rudolfi, Schriftsteller

Alexander Rudolfi gewinnt Literaturpreis „Kurt 2019“ (haz.de)

Foto_privat.

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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