„Unsere Hauptaufgabe wird sein, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu verlieren“ Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ Wien 20.11.2020

Liebe Kirstin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für Autorinnen, die wie ich in ihren Nebenberufen nicht fest angestellt sind, läuft der Tag in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen gar nicht so anders ab als sonst. Ich bin jeden Tag froh, wenn ich schreiben kann. Und ich bin derzeit jeden Tag froh, dass mein Talent nicht in darstellenden Künsten liegt. Beim Schreiben ist man notwendigerweise alleine und kann niemanden anstecken – außer mit Worten, Bildern und Geschichten, Gedanken und Ideen. Auch meinen körperlichen Ausgleich zur Schreibtischtäterei, Yoga, kann ich zu Hause problemlos ausüben. Aber ich leide darunter, Yoga zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht unterrichten zu dürfen – oder nur online. Dieser direkte Austausch mit Menschen gehört für mich zum seelischen Gleichgewicht, denn beim Schreiben, sei das jetzt literarisch oder journalistisch, hat man oft das Gefühl, in eine Black Box zu rufen. Es kommt kein Feedback zurück. Das ist beim Yogaunterrichten anders.

Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für Menschen, die wie ich in freien Zeiten aufgewachsen sind, ist es schwer, von außen reglementiert zu werden. Die Parole unserer Kindheit lautete: Sei du selbst! Dass man unabhängig von den anderen ist – im positiven wie im negativen Sinn –, war aber schon immer eine Illusion. Es kann hilfreich sein, einzusehen, dass der Einzelne relativ machtlos ist. Und nicht gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber es ist genauso wichtig, wachsam zu bleiben und nicht alles hinzunehmen, was man für ungerecht, kontraproduktiv oder schlicht gefährlich hält. Gefährlich wird es für mich, wenn man keine Argumente mehr austauschen kann, wenn das Gespräch schon am Beginn durch gegenseitige Verurteilungen und Argumente „ad hominem“ abgewürgt wird. Wenn es nur noch darum geht, wer Recht hat und der bessere Mensch ist. Das ist derzeit allzu oft der Fall.

Da ich über Opfer gearbeitet habe („Wie können wir über Opfer reden?“, Passagen 2018), bin ich besonders sensibilisiert für Sündenbockprozesse. Wenn man plötzlich meint, dass Jugendliche, die feiern, die Hauptschuldigen am Anstieg der Infektionen sind, der schon seit Monaten für den Beginn der kalten Jahreszeit prognostiziert wurde. Oder Menschen, die ihre Maske nicht tragen. Wenn man meint, dass man ohne das Fehlverhalten dieser „Schuldigen“ alles im Griff gehabt hätte.

Wir haben uns eine unmögliche Aufgabe gestellt: Ein Virus zu kontrollieren. Den Tod zu kontrollieren. Das Leben zu kontrollieren. Wenn Gesellschaften etwas zu sehr kontrollieren wollen, was man nicht kontrollieren kann, artet es am Schluss unweigerlich in Sündenbockprozesse aus. Denn irgendjemand muss ja schuld daran gewesen sein, dass es nicht geklappt hat … Damit will ich nichts gegen konkrete Maßnahmen sagen. Auch ich trage meine Maske, halte Abstand und verstoße nicht gegen die sich immer schneller ändernden Bestimmungen.

Es geht darum, darauf zu achten, durch Maßnahmen nicht mehr Schaden anzurichten als zu verhindern, darauf zu achten, dass niemand stellvertretend geopfert wird, und anzuerkennen, dass es möglich ist, sich geirrt zu haben – denn auch Kollektive können irren, wie die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts eindrücklich vor Augen geführt haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass wir vor einem Aufbruch stehen, denn der Mensch hat sich durch wie auch immer geartet Krisen noch nie geändert, geschweige denn „gebessert“. Das Management der Pandemie produziert Gewinner und Verlierer, das öffnet für die Zukunft Neid und Missgunst Tür und Tor. Manche Branchen stehen vor dem Ruin, wie die Gastwirte, Fitness- und Yogastudios etc., während andere keinen Solidarbeitrag zahlen, wie Beamte oder jene, von Mieten leben. Welche Parteien werden die tatsächlichen oder gefühlten Verlierer wählen? Das macht mir Sorgen. Ich denke aber auch an die Jugend, die Schülerinnen und Schüler, die derzeit keine Unterstützung von zu Hause haben, sowie diejenigen, die gerade mit der Schule fertig sind und im Regen stehen gelassen werden von der Gesellschaft, aber in Zukunft unsere Schulden abbezahlen sollen. Auch sie gehören zu den Verlierern der Krise …

Unsere Hauptaufgabe wird sein, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu verlieren. Eine Diskussionskultur zurückzugewinnen, in der jeder die Argumente des anderen anhört und man dann versucht, das Überzeugendere zu tun bzw. einen Kompromiss zu finden.

Kunst und Literatur kann solche Missstände und Aufgaben nur aufzeigen, lösen müssen sie alle gemeinsam.

Was liest Du derzeit?

Ich habe sehr spät die Erzählungen und Gedichte von Christine Lavant entdeckt, in denen eine eigentümliche Kraft und Unerschrockenheit zu spüren ist, die überrascht und beeindruckt, vor allem, wenn man weiß, dass Lavant von Krankheit geschlagen war, und Fotos von ihr kennt: In dieser zarten, asketisch wirkenden Frau mit den traurigen Augen wohnte ein großer, unabhängiger, ja rebellischer Geist.

Außerdem lese ich im Zuge einer Romanrecherche Biografien von und über Frauen in den 1950er und 1960er Jahren in Wien: Maria Lassnig, Ingrid Wiener, Rosemarie Philomena Sebek u.A. Diese Frauen hatten mit noch viel mehr Gegenwind seitens einer sie abwertenden und ausschließenden Männergesellschaft zu kämpfen als wir heutigen Frauen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Literatur beschäftigt sich mit den großen Menschheitsfragen, auch wenn das anhand von konkreten Geschichten passiert. Ich denke derzeit viel über Angst nach, zu der der renommierte Neurophysiologe Gerald Hüther soeben ein Büchlein vorgelegt hat, das auch über die Coronakrise hinaus relevant bleiben wird. Denn er hat dabei die weise Entscheidung getroffen, die derzeitige Krise zu beschreiben, ohne konkrete Personen und Entscheidungen zu kritisieren oder Ereignisse zu rekapitulieren („Wege aus der Angst. Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen“, V&R 2020). Es geht ausschließlich darum, zu verstehen, was Angst mit dem Einzelnen und mit Gesellschaften macht.

„Alle Vorstellungen, die wir Menschen herausbilden, um unser Leben zu bewältigen, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als Vorstellungen davon, wie es uns gelingen kann, die Angst zu besiegen. Und wir haben allergrößte Angst davor, dass diese einmal gefundenen, Halt bietenden Überzeugungen ins Wanken geraten.

Am weitesten verbreitet ist die Vorstellung, wir könnten alles, was uns bedroht, durch geeignete Maßnahmen unter Kontrolle bringen. Deshalb betreiben wir Wissenschaft, suchen Rat bei Experten und versuchen uns so viele Fähigkeiten wie möglich anzueignen. Getragen wird dieses Bemühen von der Überzeugung, wir könnten irgendwann einmal alles kontrollieren, was uns bedroht. Alles, was darauf hindeutet, dass diese verständliche Vorstellung unzutreffend sein könnte, macht uns Angst.

Ebenfalls verbreitet ist die Vorstellung, es gäbe besonders kluge, umsichtige und kompetente Personen, die besser als wir wissen, was in schwierigen Situationen zu tun ist, die uns Halt und Sicherheit bieten und uns aus der Gefahr herausführen. Auch diese Vorstellung erweist sich allzu oft als unzutreffend. Und wenn wir feststellen, dass solche Anführer die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten, bekommen wir Angst.

Sicher gibt es noch mehr solcher Vorstellungen, die uns helfen, unsere Ängste zu beschwichtigen – bis sie sich als ungeeignet erweisen. Dann befällt uns eine noch größere Angst. Deshalb geht es in diesem Buch nicht um das Besiegen von Angst. Was ich hier gemeinsam mit Ihnen herausfinden möchte, sind mögliche Wege, die uns herausführen aus der Gefangenschaft unserer eigenen Vorstellungen und Überzeugungen davon, wie sich die Angst besiegen lässt.“ (S. 10f.)

Eine lohnende Lektüre!

Vielen Dank für das Interview liebe Kirstin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte – Deinen neuen Gedichtband „Gemütsstörungen“ (lieferbar ab Montag 23.11.2020)

https://www.limbusverlag.at/index.php/gemuetsstoerungen?fbclid=IwAR3tahzrq7DnVCAdM7WOfJm1xisPF1COh5u-TT9OiRDB7HnWNpyLpAADlaQ

und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto_Mats Bergen.

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich sorge dafür, dass die Kinder gut essen, etwas lernen, an die frische Luft kommen, anschließend wiederhole ich das alles mit meinen Buchprojekten“ Philip Krömer, Schriftsteller _ Erlangen 19.11.2020

Lieber Philip, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sorge dafür, dass die Kinder gut essen, etwas lernen, an die frische Luft kommen, anschließend wiederhole ich das alles mit meinen Buchprojekten. Beides bedarf einer großen Menge Geduld und Liebe.

philip-krc3b6mer-autorenfoto-2 _ privat

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die anderen. Und überbordende Geschichten gegen geistige und emotionale Verkümmerung. Das sowieso und immer.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mit dem Lockdown hat unsere Regierung bewiesen, dass sie zum Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger flott und effektiv heftige Einschnitte vornehmen kann. Aber warum dann Klimakrise, Unsicherheit und Prekariat bei sozialer und kultureller Arbeit, das Ganze Tohuwabohu im nationalen und internationalen Miteinander? Geht da nicht auch was, genauso flott und effektiv? Und warum eigentlich dieser ungesunde Drang bisher, diese Geschwindigkeit, wenn man doch eben erlebte, dass man auch ohne gut funktioniert? Dieses Bewusstsein müssen wir uns erhalten. Lesen hilft dabei. Jedes Buch, jede Geschichte macht eine Welt an Möglichkeiten auf. Z.B. Science-Fiction, die uns nicht nur zeigt und in die Zukunft verlängert, was heute schiefläuft, sondern auch, was wir noch dagegen tun können. Unser utopisches Potential ist beinahe unbegrenzt, wir finden nur zu oft Ausreden, um es nicht nutzen zu müssen.

 

Was liest Du derzeit?

Den Hackerroman „Kryptozän“ von Pola Oloixarac zum Aufwachen und „Narrenleben“ von Schädlich, um am Ende des Tages runterzukommen – all die Namen und Jahreszahlen, enorm meditativ.

 

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Siehe meine Antwort oben: Science-Fiction! Ich schlage vor: Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany oder unseren hiesigen Dietmar Dath.

Vielen Dank für das Interview lieber Philip, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Philip Krömer, Schriftsteller

https://philipkroemer.wordpress.com/

Foto_privat

30.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„100xÖsterreich – Judentum“ Danielle Spera. Amalthea Verlag.

„100xÖsterreich – Judentum“ Danielle Spera. Amalthea Verlag.

Es ist eine Zeit der Unsicherheiten und Ungewissheiten was die Zukunft betrifft. Umso mehr tut es gut auf das zu sehen, was war, ist und was unser Leben in Geschichte und Gegenwart trägt und prägt. Die sehr bemerkenswerte Reihe „100xÖsterreich“ des Amalthea Signum Verlages setzt in sehr anschaulicher wie spannender Weise gesellschaftliches Werden und Sein eines Landes ins Bild und Wort und lässt staunend zurück und nach vorne blicken.

Im neu erschienen Band „100xÖsterreich – Judentum“ lässt die studierte Politikwissenschaftlerin, Journalistin und nunmehrige Direktorin des Jüdischen Museum Wien, Dr.Danielle Spera, das jüdische Leben Österreichs in bunter Vielfalt begeisternd anschaulich werden.

Es ist die pointierte informative Darstellung in Wort und Bild, die neugierig blättern und vertiefend verweilen lässt. Persönlichkeiten, Orte, Ereignisse in Stadt und Land kommen in das Blickfeld und lassen diese ganz neu (wieder)entdecken.

Sehr rare Fotografien, etwa des türkisch-israelitischen Tempels in der Zirkusgasse (1920) oder des Rothschild Spitals am Währinger Gürtel wie das Kaufhaus Gerngross (um 1920) in Wien oder die Synagoge in Lackenbach/Burgenland (um 1920) sind Kostbarkeiten einer reichen Stadt- und Landesgeschichte, die nun kompakt vorgestellt werden.

Der Autorin gelingt mit diesem Buch ein beeindruckender gesellschaftlicher Lebens- und Kulturbogen von Gestaltung und Impuls jüdischer Identität in Österreich. Eine Zeitreise wie ein Ausblick, die in dieser Zeit ganz besondere Bedeutung haben.

„Ein sensationeller Überblick über die jüdische Geschichte und das jüdische Lebens Österreich in spannenden, informativen Mosaiksteinen“

Walter Pobaschnig, Wien 11_2020

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„Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen der Kunst zu finden“ Brigitta Höpler, Schriftstellerin _Wien 19.11.2020

Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gar nicht so anders als sonst auch. Im Frühling allerdings, als alle Cafés und Bibliotheken geschlossen waren, habe ich meine „nomadischen Arbeitsplätze“ vorübergehend verloren. Dafür habe ich die Stadt und den öffentlichen Raum auf eine ganze neue Art und Weise bewohnt, habe Zwischenräume und „Leos“ gefunden.

Mein Rhythmus war mehr von mir selbst und weniger vom Außen bestimmt, was meiner Arbeit sehr gut getan hat. Ich bin draufgekommen, dass ich weit mehr Rückzug brauche als ich dachte oder mir zugestanden habe. In den letzten Monaten habe ich so viel geschrieben und visuell-poetisch gearbeitet wie nie zuvor.

Ich telefoniere, skype und zoome nicht gerne, hatte aber schreibend intensiven Gedankenaustausch mit anderen Künstlerinnen und Freundinnen.

Brigitts Höpler _ Frühling 20 _ unter dem Kastanienbaum (1)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube für jeden, für jede ist etwas anderes wichtig. Mir ist wichtig, mich nicht verwirren zu lassen, von den vielen herumschwirrenden Meinungen und Emotionen, sondern selbst zu denken und möglichst klar zu bleiben. Auch in der Sprache genau zu sein.

Der Begriff „Augenblicksglück“ aus einem Gedicht von Rose Ausländer hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Ich bin dankbar für das Ende meiner Illusionen, alles planen, machen und kontrollieren zu können.

Wichtig finde ich auch, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, – zugunsten von Gehenden, Flanierenden, Verweilenden und Radfahrenden.

Interessant finde ich, dass das Virus offenlegt, wie verbunden wir alle miteinander sind. Jeder, jede ist Teil des Problems, und Teil der Lösung. Ich mag den alten Begriff „Wohlwollen“. In einer freundlichen Gesinnung einander Gutes wollen, um die Verbundenheit wissen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Schon immer fand ich Kunst, Poesie, Literatur im Stadtraum, in der Landschaft interessanter und konzentrierter als in „klassischen“ Ausstellungs- und Veranstaltungsorten. Literatur, die das Blatt verlässt, Malerei die Leinwand, Skulpturen, Installationen und Performances, die sich im Raum ausdehnen. Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen zu finden.

Wir könnten den Begriff „kuratieren“ neu leben, „sich kümmern, Sorge tragen.“ Uns liebevoll um Texte, Kunstwerke, Künstler, Künstlerinnen, Orte, Räume kümmern.

Kunst und Literatur trösten, erfreuen, erhellen, erschüttern, weiten, verwurzeln, klären, deuten, entzünden, stärken – sind einfach notwendige Lebensmittel, im Sinne von Not wendend.

 

Was liest Du derzeit?

Roter Affe, Kaśka Bryla 
Beskiden-Chronik, Andrzej Stasiuk
Laute Paare, Margret Kreidl

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Schritt nach dem anderen
egal wie groß oder wie klein
ein Schritt nach dem anderen
und es muss immer nur
der nächste sein.

Aus dem Album „Alles bleibt“ von Violetta Parisini

Brigitta Höpler _ Literatursalon 1

 

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für die Einladung und die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitta Höpler, Autorin, Kunsthistorikerin, Schreibpädagogin

www.brigittahoepler.at

Fotos:

1_ Brigitta Höpler_Moderation Literatursalon 1_

2_Brigitta Höpler_Unter dem Kastanienbaum_Frühling 2020.

Fotos_privat.

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„Weil es die Fantasie ist, die uns über die schlimmsten Zeiten retten kann“ Alexander Jagsch, Schauspieler _Wien 18.11.2020

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freischaffender Schauspieler und Regisseur ist man es eigentlich gewöhnt, seine Tagesstruktur immer wieder selber planen zu müssen.

Daher wird man gerade jetzt wieder sehr daran erinnert, dass wir Menschen sowas wie regelmäßige Abläufe brauchen und wir sie auch selbstständig erarbeiten können.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir zusammenhalten und Gott behüte nicht beginnen uns gegeneinander auszuspielen. (Herr Schröder???) Kunst und Kultur sind ohnehin und völlig zu Unrecht Waisenkinder in unserem System, wir sollten sie pflegen und immer wieder zum Blühen bringen, weil die Fantasie es ist, die uns über die schlimmsten Zeiten retten kann.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Frage habe ich, glaub ich, schon vorher beantwortet.

Lasst uns einfach nicht aufhören zu spielen, zu lachen und das Herz sprechen zu lassen.

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Was liest Du derzeit?

Der Schauspieler und das Ziel von Declan Donnellan  und Erde von Wolf Wondratschek

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Macht brauchst du nur, wenn du Böses vorhast!

Um alles andere zu tun reicht Liebe“

(Charlie Chaplin)

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Jagsch, Schauspieler, Regisseur

http://alexanderjagsch.com/

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24.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist eine Resignation, die jetzt in dieser Situation als Schauspielerin stattfindet“ Ines Schiller_ Schauspielerin_ Palais Auersperg _Wien 17.11.2020

Es ist eine Resignation, die jetzt in dieser Situation als Schauspielerin stattfindet. Eine Resignation, dass nichts mehr möglich ist. Das ist eigentlich das Letzte, das man haben sollte.

Ines Schiller, Schauspielerin_Palais Auersperg _ Wien

Aus dieser Resignation geht dann aber eine unglaubliche Kraft hervor, weil es kein konkretes Ziel mehr gibt.

In diesem unkonkreten wabernden Zustand kommen wir gleichsam wieder an „Grunddinge“ unseres Wesens – dass wir wieder dem Leben vertrauen.

Im Vertrauen auf dieses „nackte“ Leben kommt es zu einem Weg, der  unabhängiger ist von den Umständen.

Bei mir hat sich jetzt Resignation in Ruhe umgewandelt.

Diese Zeit, das Leben jetzt ist vielleicht mit dem Fasten vergleichbar. Du isst regelmäßig Fette, Öle, Salze und irgendwelche Zusatzstoffe. Und wenn Du dann beginnst nur noch Reis und Kartoffeln zu essen, also puristisch, dann führt dies auch zu elementaren Grundprozessen des Körpers und Grunddingen des Geistes zurück. Da ist Liebe dabei. Aber auch Angst und Schmerz. Diese sind alle teil unseres Wesens als Mensch

Wenn wir Angst, Liebe, Schmerz empfinden können, dann ist immer etwas da vom Leben!

Wir müssen wissen, dass immer etwas da ist vom Wesen des Lebens. Und dass es in Bewegung ist. Das nichts statisch bleibt sondern sich verändert.

Und die Liebe – wenn man die zulassen kann, dann hat man zumindest die Sicherheit, dass man lieben kann. Und mehr geht eh nicht.

Ohne Liebe können wir nicht leben.  Jedes Lebewesen, Mensch oder Tier, empfindet immer Liebe.

Ein Ort inspiriert einfach. Es passiert. Das Denken verändert sich.

Der Mensch verhält sich immer zum Raum.

Je klarer die Räume sind, je fantastischer, je geschichtlicher, desto mehr verhält sich der Mensch zum Raum. Auch wenn er es nicht will.

Das Palais Auersperg ist wie ein geheimer Garten in Wien. Ein „secret garden“ in Raum und Licht. Es ist wunderbar!

Ich bin mit Schauspiel, Theater, Kabarett aufgewachsen. Meine Tante Ingrid Schiller ist Schauspielerin. Ich lernte schon Texte mit sieben Jahren.

Ich war in Mexico und mir ging das Geld aus. Ich machte Pantomime auf der Straße für die Touristen. Als ich zurückkam, wusste ich, ich will Schauspielerin werden.

Dann machte ich die Aufnahmsprüfung am Konservatorium und ich wurde genommen. Ich konnte es gar nicht glauben als mein Name da genannt wurde. Wir standen in einer Reihe, fünfundzwanzig, und dann wurde mein Name aufgerufen und ich habe nach rechts und links geschaut. Ich habe meinen eigenen Namen nicht mehr verstanden, so sehr habe ich mich gefreut (lacht).

Dann war ich im dritten Jahr nach dem Studium schon am Volkstheater München engagiert, dann machte ich „Feuchtgebiete“. Es gab immer viele Engagements. Ich konnte mich da manchmal auch nicht schützen als es zu viel wurde.

Außerhalb von dem was wir sehen, findet sehr viel statt – wenn wir hinschauen. In Mensch. Ort. Welt.

Der Mensch kann sich nicht für jemanden opfern. Das ist masochistisch. Es gibt Hingabe, Liebe – aber dazu muss es Reserven geben. Es braucht Kompetenz und Kraft. Dann ist es sinnvoll. Wenn ich etwas nicht mehr kann, dann gehe ich. Sonst geht es nur um etwas Perfides.

Wien, das sind meine Freunde. Mein Freund, der für die Liebe aus Paris hierherzog. Und dann Quarantäne (Im März, Anm.), bumm. Dieser enge Raum und es beginnen auch Streitereien, Kleibürgerkriege. Ist dumm, aber passiert.

Ich bin im Liebesstreit die Amazone. Da muss man in Deckung geben. Ich habe auch Pfeil und Bogen zuhause (lacht).

Ausdiskutieren geht nicht in einer Streitsituation. Da ist es ja ein Mittendrin. Da wird es nur schlimmer. Kurz weggehen und dann ist es wieder gut.

Ich war jetzt drei Jahre am Landestheater in Linz. Ich entdecke Wien gerade erst. Es ist schwierig jetzt unter den Umständen.

Ich kenne Wien eigentlich noch gar nicht. Ich bin neugierig.

Ines Schiller, Schauspielerin_Palais Auersperg _ Wien.

Vielen Dank für das Interview liebe Ines! Alles Gute und weiterhin viel Freude und Erfolg!

Ines Schiller, Schauspielerin

„Ich denke, dass das Theater eine gesellschaftliche Verpflichtung hat“ Ines Schiller, Schauspielerin_Linz 24.7.2020

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Palais Auersperg_Wien 6.11.2020

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„Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten aufbrechen oder neu hinzugefügt werden“ Simone Dueller, Künstlerin_Villach _ 17.11.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe eine Morgenroutine, die versuche ich, weiterhin einzuhalten.
Aufwachen, im Bett Kaffeetrinken, langsam in den Tag starten mit Achtsamkeit- oder Meditationsübungen, danach Nachrichten lesen, Körperpflege usw. Wenn
alle Kinder zuhause sind, funktioniert das natürlich mal mehr und mal weniger.
Aufgrund meiner jahrzehntelangen Depressionen hab ich mir aber angewöhnt,
ein paar Rituale immer beizubehalten, eine gewisse Routine zu verteidigen. Das
ist etwas, das nun für viele, die zum ersten Mal in so einer Ausnahmesituation
sind, etwas neu und ungewohnt.

Simone Dueller, Künstlerin

Vormittags versuche ich, zu arbeiten – das reicht, je nach aktuellem Projekt, von
organisatorischer Computerarbeit bis hin zur Ausarbeitung von Workshops,
Telefonaten oder künstlerischem Arbeiten. Die Zeitfenster dafür sind immer
klein, da die Kinder auch sonst zu Mittag nach Hause kommen und im Lockdown
sind dann auch diese Arbeitsfenster natürlich unterbrochen durch Fragen,
Elternpflichten, etc.


Zu Mittag wird gekocht und gemeinsam gegessen. Wenn viel zu erledigen ist,
dann muss ich das anders lösen – die Großen kochen dann oder die Oma.


Am Nachmittag hole ich auf, was am Vormittag arbeitsmäßig nicht erledigt werden konnte. Da kommt aber meistens noch spielen mit der Kleinen, Lernunterstützung bei den Großen und unvorhergesehene Zusatzaufgaben dazu. Und was dann noch irgendwie eingebaut werden sollte: Rausgehen an die Luft, Reparaturarbeiten, mindestens eine Stunde Zeichnen oder Schreiben oder eine andere künstlerische Arbeit.

Abends dann wieder ein gemeinsames Abendessen und Abendprogramm: spielen, gemeinsam was lesen oder anschaun, die Kleinste ins Bett bringen. Wenn diese dann irgendwann zwischen 20:00 und 21:30 schläft, würde eigentlich mein freier Abend beginnen.
Realistischerweise kommen dann aber die größeren Kinder mit Fragen und dann
finde ich mich erst nach 22:00 oder oder 23:00 alleine im Wohnzimmer wieder.
Was dann meistens noch unerledigt ist: Arbeits-To-Dos vom Vormittag, Zeit ganz
für mich, Zeit zum Lesen oder Nachrichtenschaun. Und: in der ganzen
Aufzählung war der Haushalt noch nicht mal dabei. Das ist auch der Grund,
weshalb das tägliche Wäsche- und Geschirrwaschen mein Mann macht. Ich
mache dann einmal die Woche ein paar Stunden, wo ich alles Liegengebliebene
im Haushalt aufarbeite.

Das ist die Beschreibung eines routinierten Tages. Und weil wir aber nur
Menschen sind, bewegen wir uns meistens irgendwo um diesen Plan herum, mit
größeren und kleineren Abweichungen. Also mit verspätetem Essen, Chaos
überall, verschobenen Deadlines, erschöpften Stunden auf der Couch. Und um
uns gegenseitig nicht aufzufressen oder wahnsinnig zu werden, bin ich sehr
nachsichtig mit uns und mir selbst. Nur bei meinen Prioritäten bin ich streng:
Familie, Kunst, gesellschaftliches Engagement und ein notwendiges Maß an
Selbsfürsorge (Meditatonspraxis, gut auf den Körper schauen usw) stehen an
erster Stelle. Alles andere muss leider chaotisch in der Ecke liegen bleiben, bis
ich tatsächlich die Zeit und den Kopf dafür habe.
Dieses Interview zB habe ich ausgefüllt, während neben mir zwei Kinder laut
musizierten und ein drittes Kind Hilfe beim Kochen brauchte. Ich entschuldige
mich also für eventuelle seltsame Fehler oder flapsige Formulierungen. Ich kann
mich grad selbst nicht denken hören, so laut ist es. 😉


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht untergehen in dem ganzen Strudel an Ängsten, Negativität und Unsicherheit. Bei sich bleiben – eventuell auch mal einfach schaun, was die eigenen Prioritäten wirklich sind. Nachsichtig mit sich selbst sein, wenn man das Gefühl hat, von alledem überfordert zu sein. Nicht bitter werden. Sich der eigenen Privilegien bewusst werden und sie positiv für jene nutzen, die diese nicht haben.

Dankbar sein. Wütend sein. Und dann immer wieder mal raustreten aus der eigenen Sicht und einen Blick aufs große Ganze werfen. Interessiert bleiben an der Welt, den Zusammenhängen und den Vorgängen, doch sich nicht darin verlieren, dann lieber kurz Nachrichten- &Informationspause machen.

Ich selbst finde den Gedanken von RADICAL SOFTNESS voll schön. Also: sanft
bleiben, in der Liebe bleiben – dem ganzen Schmarren zum Trotz. Dann bleibt die
Kraft über, für sich selbst und sein Umfeld gut zu sorgen. Und mit Umfeld meine
ich auch: die Welt.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an zu?

Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten
aufbrechen oder neu hinzugefügt werden. Sie kann Gefühle in Bildern, Liedern,
Worten ausdrücken, die wir selbst nicht beschreiben können und das wiederum
hilft, damit umgehen zu lernen.

Kunst zeigt neue Perspektiven und Lösungen auf, die wir uns oft gar nicht trauen, anzudenken.

Kunst tröstet. Und auch dieser Aspekt ist ungemein wichtig und wird zu Unrecht oft belächelt: Kunst kann und darf auch manchmal einfach eine wunderbare und heilsame Ablenkung sein.


Was liest Du derzeit?

„Die schmutzige Frau“ von Luisa Francia

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn du nicht mehr weiter weißt, was du tun sollst: tue was Gutes.

Simone Dueller, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Dueller_Künstlerin

http://www.dueller.at/simone/about/

Alle Fotos_Pamela Russmann. Die Fotos entstanden im Rahmen eines Fotoprojekts während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020.

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist wichtig, dass die Künstler*innen jetzt laut bleiben“ Marianne Jungmaier, Schriftstellerin_Linz 16.11.2020

Liebe Marianne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin mehr zuhause, und habe mehr Zeit zum Schreiben.

Marianne Jungmaier, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für andere Menschen wichtig ist, kann ich nicht sagen. Aber für mich ist es wichtig, meinen inneren Frieden zu bewahren. Das erreiche ich, indem ich meditiere, meinen Körper gesund erhalte, auf meine Gedanken achte.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich sehe es eher als Umbruch, als Veränderung. Ich übe mich in Anpassungsfähigkeit. Übe, jeden Tag zu nehmen, wie er kommt. Das gilt auch für meine literarischen Projekte, die sich verändern müssen, weil ich nicht reisen kann. (Außer im Kopf.) Literatur, und auch Kunst keeps me sane. Und ich denke, es ist auch wichtig, dass die Künstler*innen jetzt laut bleiben, der Politik auf die Finger schauen, unbequem sind. Stichwort: Absagen im Kulturbereich.

Was liest Du derzeit?

Die Autobiographie von Helmut Lethen, In den kommenden Nächten von Irmgard Fuchs, Tales of Earth Sea von Ursula K. LeGuin, Die helle Kammer von Roland Barthes und Tonglen von Pema Chödrön.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht eher ein Schreibhinweis, der mir selber nützt. „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“ (Celan)

Vielen Dank für das Interview liebe Marianne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marianne Jungmaier, Schriftstellerin

http://www.mariannejungmaier.at/

Foto_Alain Barbero

13.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich frage mich, wie viele sich schon an den Kunstverzicht gewöhnt haben“ Serge Falck, Schauspieler _ Wien 15.11.2020

Lieber Serge, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist sehr unterschiedlich. Manchmal habe ich Gott sei Dank Arbeit. Hin und wieder gab und gibt es für mich Dreharbeiten. Dafür bin ich sehr(!) dankbar.

Ansonsten: Ich bin bloß mehr zuhause als früher und habe damit kein Problem. Es entspannt mich, wenn ich zuhause herumtrödeln kann. Ich komme auch viel mehr in den Lesemodus zurück. Man wird nicht mehr so oft abgelenkt. Grundsätzlich komme ich mit der Verlangsamung sehr gut zurecht. Und hin und wieder werkeln meine Lebensgefährtin und ich auch in unserem kleinen Garten. Zusammen zu puzzeln, das war im Frühjahr. Eines haben wir noch offen. Schauen wir mal. 😉

Serge Falck, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was wichtig ist? Nicht die Nerven zu verlieren. Das Leben an sich ist anfällig für Veränderungen, das weiß man doch. Es ist erschreckend, wie einige aus unserem Bekanntenkreis, die damit nicht klarkommen, irgendwelchen „Theorien und Erklärungen“ anheim fallen. Sie suchen sich ihre Wahrheiten im Internet und bei einem bestimmten Sender.

Für uns ist es überhaupt kein Problem, MNS-Masken zu tragen und die sozialen Kontakte auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Ich denke oft daran, dass meine Großmutter zwei Weltkriege überlebt hat und wir regen uns auf, dass wir etwas Freiheit aufgeben müssen? Wenn ich meine Freiheit einschränke, um damit anderen zu helfen, dann ist das doch voll ok. Immanuel Kant hat das doch so treffend gesagt: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Film, Theater, der Kunst an sich zu?

Die Kunst sollte unsere Zeit immer kritisch begleiten. Das ist ihre Aufgabe und zugleich ihr Motor. Es wird aber auch eine große Aufgabe darin liegen, die Leute wieder zum Kunstgenuss zu verführen. Ich frage mich, wie viele sich schon an den Kunstverzicht gewöhnt haben könnten. Das wäre schlimm. Kunst und Kultur sind wesentlich für unsere seelische Gesundheit.

Was liest Du derzeit?

Ich habe in letzter Zeit viel Bücher über Trump gelesen, weil ich es nicht verstehen kann, dass dieser Mann immer noch so viele Wähler hinter sich scharen kann.

a) „A very stable Genius“ von Philip Rucker und Carol Leoning

b)  „Zu viel und nie genug“ von seiner Nichte Mary L.Trump

b) „Autokratie überwinden“ von Masha Gessen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt so viele wichtige Zitate aus den Büchern. Ich habe mich jetzt mal für zwei hier aus dem Buch „Autokratie überwinden“ entschieden:

* Journalismus ist für die Demokratie unverzichtbar, weil er innerhalb einer Stadt, eines Staates, einer Nation das Bewusstsein einer gemeinsamen Realität schafft. Ohne diese gemeinsame Realität kann es keinen“öffentlichen Raum“ geben – den der Philosoph Jürgen Habermas als Ort beschrieb, wo sich öffentliche Meinung bildet.

* Die „Freiheit, miteinander zu sprechen“ setzt eine gemeinsame Sprache voraus. Trump Angriff auf die Sprache ist somit ein Angriff auf die Freiheit selbst. In seiner „Berichtigung der Namen“ warnte Konfuzius: Wenn die Sprache nicht korrekt ist, dann verfallen die Moral und die Künste; wenn das Recht abhandenkommt, stürzt es die Menschen in hilflose Verwirrung. Deshalb darf es beim Gesagten keine Beliebigkeit geben. Trumps Lügen und Worthülsen sind Musterbeispiele für Beliebigkeit und fortlaufende Bekräftigungen der Macht.

mit lieben Grüßen, Serge

Vielen Dank für das Interview lieber Serge, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Serge Falck_Schauspieler

https://www.falck.at/

Foto_Ingo Petramer

12.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Literatur muss den unter den Teppich gekehrten Schrecken aufdecken“ Gunther Neumann, Schriftsteller _ Wien 14.11.2020

Lieber Gunther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment recht Kinder-fokussiert: Nachmittage, Abende, Wochenenden mit den Jungs, und nun, mit einem Covid-geschlossenen Kindergarten, täglich 24/7. Daneben – abgesehen von beruflichen Projekten für internationale Organisationen – schreiben, wann immer es geht: Gefühle wahrnehmen, Gedanken sammeln. Das ist nicht immer einfach – Kinder spüren jedes Abdriften sofort.

Gunter Neumann_Lesung AK Wien 22.10.2020 _ Foto_Walter Pobaschnig.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kurz gefasst sind es Schlagworte: Rücksicht auf andere; Zusammenarbeit, bei uns, in Europa und darüber hinaus; Mut. Und uns bewusst zu sein für das, was wir haben: Im Vergleich zum Elend in vielen Teilen der Welt noch immer große Sicherheit und Gesundheit. Wir jammern auf hohem Niveau, und haben Verantwortung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Gespräch zu bleiben, über unsere Blase hinaus, mit Menschen und ihren Hoffnungen und Ängsten. Ohne Besserwisserei, ohne Belehrung. Menschen zu erreichen, wahrzunehmen, und gemeinsam dafür zu arbeiten, was uns langfristig wichtig ist.

Literatur, Kunst dienen nicht nur dem Wohlfühlen, sie müssen unter die Haut & in die Tiefe gehen, den unter den Teppich gekehrten Schrecken aufdecken, Träume verfolgen, Verdrängtem nachspüren. Kunst muss pointiert sein, akzentuiert, kontrovers, manchmal exzentrisch. Im Leben aber sind Kooperation und Kompromisse nötig. Literatur, Kunst können uns helfen, über die täglichen Herausforderungen hinaus neue Räume zu öffnen. Sie können inspirieren, auch mutig zu sein, und nicht einer dystopischen Lust am Weltuntergang zu frönen.

Was liest Du derzeit?

Leider komme ich derzeit viel zu wenig zum Lesen. Wolfgang Paternos heuer erschienenes „So ich noch lebe“, über den Justizmord an seinem Großvater: eine berührende wie beklemmende Geschichte von Denunziation, Niedertracht und ein wenig, zu wenig Mut. Zuvor Nora Bossongs „Schutzzone“: ausgezeichnet im UNO-Milieu recherchiert, einer Sphäre, die mir beruflich vertraut ist.  In traumwandlerischer Hellsichtigkeit, Sensibilität und poetischer Sprache zieht uns Bossong in das mäandernde Leben der Protagonistin & in internationale Konflikte. Beide Bücher: empfehlenswert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Carpe diem“. Alt, aber immer gültig: „Nutze den Tag“. Wofür? Das ist in der Verantwortung jedes und jeder Einzelnen von uns. Ohne Belehrung – Seismograph für Epochenumbrüche zu sein maße ich mir nicht an.

Vielen Dank für das Interview lieber Gunther, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gunther Neumann, Schriftsteller

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29.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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