„Literatur muss den unter den Teppich gekehrten Schrecken aufdecken“ Gunther Neumann, Schriftsteller _ Wien 14.11.2020

Lieber Gunther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment recht Kinder-fokussiert: Nachmittage, Abende, Wochenenden mit den Jungs, und nun, mit einem Covid-geschlossenen Kindergarten, täglich 24/7. Daneben – abgesehen von beruflichen Projekten für internationale Organisationen – schreiben, wann immer es geht: Gefühle wahrnehmen, Gedanken sammeln. Das ist nicht immer einfach – Kinder spüren jedes Abdriften sofort.

Gunter Neumann_Lesung AK Wien 22.10.2020 _ Foto_Walter Pobaschnig.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kurz gefasst sind es Schlagworte: Rücksicht auf andere; Zusammenarbeit, bei uns, in Europa und darüber hinaus; Mut. Und uns bewusst zu sein für das, was wir haben: Im Vergleich zum Elend in vielen Teilen der Welt noch immer große Sicherheit und Gesundheit. Wir jammern auf hohem Niveau, und haben Verantwortung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Gespräch zu bleiben, über unsere Blase hinaus, mit Menschen und ihren Hoffnungen und Ängsten. Ohne Besserwisserei, ohne Belehrung. Menschen zu erreichen, wahrzunehmen, und gemeinsam dafür zu arbeiten, was uns langfristig wichtig ist.

Literatur, Kunst dienen nicht nur dem Wohlfühlen, sie müssen unter die Haut & in die Tiefe gehen, den unter den Teppich gekehrten Schrecken aufdecken, Träume verfolgen, Verdrängtem nachspüren. Kunst muss pointiert sein, akzentuiert, kontrovers, manchmal exzentrisch. Im Leben aber sind Kooperation und Kompromisse nötig. Literatur, Kunst können uns helfen, über die täglichen Herausforderungen hinaus neue Räume zu öffnen. Sie können inspirieren, auch mutig zu sein, und nicht einer dystopischen Lust am Weltuntergang zu frönen.

Was liest Du derzeit?

Leider komme ich derzeit viel zu wenig zum Lesen. Wolfgang Paternos heuer erschienenes „So ich noch lebe“, über den Justizmord an seinem Großvater: eine berührende wie beklemmende Geschichte von Denunziation, Niedertracht und ein wenig, zu wenig Mut. Zuvor Nora Bossongs „Schutzzone“: ausgezeichnet im UNO-Milieu recherchiert, einer Sphäre, die mir beruflich vertraut ist.  In traumwandlerischer Hellsichtigkeit, Sensibilität und poetischer Sprache zieht uns Bossong in das mäandernde Leben der Protagonistin & in internationale Konflikte. Beide Bücher: empfehlenswert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Carpe diem“. Alt, aber immer gültig: „Nutze den Tag“. Wofür? Das ist in der Verantwortung jedes und jeder Einzelnen von uns. Ohne Belehrung – Seismograph für Epochenumbrüche zu sein maße ich mir nicht an.

Vielen Dank für das Interview lieber Gunther, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gunther Neumann, Schriftsteller

http://www.gunther-neumann.com/

Foto_Walter Pobaschnig

29.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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