„Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten aufbrechen oder neu hinzugefügt werden“ Simone Dueller, Künstlerin_Villach _ 17.11.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe eine Morgenroutine, die versuche ich, weiterhin einzuhalten.
Aufwachen, im Bett Kaffeetrinken, langsam in den Tag starten mit Achtsamkeit- oder Meditationsübungen, danach Nachrichten lesen, Körperpflege usw. Wenn
alle Kinder zuhause sind, funktioniert das natürlich mal mehr und mal weniger.
Aufgrund meiner jahrzehntelangen Depressionen hab ich mir aber angewöhnt,
ein paar Rituale immer beizubehalten, eine gewisse Routine zu verteidigen. Das
ist etwas, das nun für viele, die zum ersten Mal in so einer Ausnahmesituation
sind, etwas neu und ungewohnt.

Simone Dueller, Künstlerin

Vormittags versuche ich, zu arbeiten – das reicht, je nach aktuellem Projekt, von
organisatorischer Computerarbeit bis hin zur Ausarbeitung von Workshops,
Telefonaten oder künstlerischem Arbeiten. Die Zeitfenster dafür sind immer
klein, da die Kinder auch sonst zu Mittag nach Hause kommen und im Lockdown
sind dann auch diese Arbeitsfenster natürlich unterbrochen durch Fragen,
Elternpflichten, etc.


Zu Mittag wird gekocht und gemeinsam gegessen. Wenn viel zu erledigen ist,
dann muss ich das anders lösen – die Großen kochen dann oder die Oma.


Am Nachmittag hole ich auf, was am Vormittag arbeitsmäßig nicht erledigt werden konnte. Da kommt aber meistens noch spielen mit der Kleinen, Lernunterstützung bei den Großen und unvorhergesehene Zusatzaufgaben dazu. Und was dann noch irgendwie eingebaut werden sollte: Rausgehen an die Luft, Reparaturarbeiten, mindestens eine Stunde Zeichnen oder Schreiben oder eine andere künstlerische Arbeit.

Abends dann wieder ein gemeinsames Abendessen und Abendprogramm: spielen, gemeinsam was lesen oder anschaun, die Kleinste ins Bett bringen. Wenn diese dann irgendwann zwischen 20:00 und 21:30 schläft, würde eigentlich mein freier Abend beginnen.
Realistischerweise kommen dann aber die größeren Kinder mit Fragen und dann
finde ich mich erst nach 22:00 oder oder 23:00 alleine im Wohnzimmer wieder.
Was dann meistens noch unerledigt ist: Arbeits-To-Dos vom Vormittag, Zeit ganz
für mich, Zeit zum Lesen oder Nachrichtenschaun. Und: in der ganzen
Aufzählung war der Haushalt noch nicht mal dabei. Das ist auch der Grund,
weshalb das tägliche Wäsche- und Geschirrwaschen mein Mann macht. Ich
mache dann einmal die Woche ein paar Stunden, wo ich alles Liegengebliebene
im Haushalt aufarbeite.

Das ist die Beschreibung eines routinierten Tages. Und weil wir aber nur
Menschen sind, bewegen wir uns meistens irgendwo um diesen Plan herum, mit
größeren und kleineren Abweichungen. Also mit verspätetem Essen, Chaos
überall, verschobenen Deadlines, erschöpften Stunden auf der Couch. Und um
uns gegenseitig nicht aufzufressen oder wahnsinnig zu werden, bin ich sehr
nachsichtig mit uns und mir selbst. Nur bei meinen Prioritäten bin ich streng:
Familie, Kunst, gesellschaftliches Engagement und ein notwendiges Maß an
Selbsfürsorge (Meditatonspraxis, gut auf den Körper schauen usw) stehen an
erster Stelle. Alles andere muss leider chaotisch in der Ecke liegen bleiben, bis
ich tatsächlich die Zeit und den Kopf dafür habe.
Dieses Interview zB habe ich ausgefüllt, während neben mir zwei Kinder laut
musizierten und ein drittes Kind Hilfe beim Kochen brauchte. Ich entschuldige
mich also für eventuelle seltsame Fehler oder flapsige Formulierungen. Ich kann
mich grad selbst nicht denken hören, so laut ist es. 😉


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht untergehen in dem ganzen Strudel an Ängsten, Negativität und Unsicherheit. Bei sich bleiben – eventuell auch mal einfach schaun, was die eigenen Prioritäten wirklich sind. Nachsichtig mit sich selbst sein, wenn man das Gefühl hat, von alledem überfordert zu sein. Nicht bitter werden. Sich der eigenen Privilegien bewusst werden und sie positiv für jene nutzen, die diese nicht haben.

Dankbar sein. Wütend sein. Und dann immer wieder mal raustreten aus der eigenen Sicht und einen Blick aufs große Ganze werfen. Interessiert bleiben an der Welt, den Zusammenhängen und den Vorgängen, doch sich nicht darin verlieren, dann lieber kurz Nachrichten- &Informationspause machen.

Ich selbst finde den Gedanken von RADICAL SOFTNESS voll schön. Also: sanft
bleiben, in der Liebe bleiben – dem ganzen Schmarren zum Trotz. Dann bleibt die
Kraft über, für sich selbst und sein Umfeld gut zu sorgen. Und mit Umfeld meine
ich auch: die Welt.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an zu?

Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten
aufbrechen oder neu hinzugefügt werden. Sie kann Gefühle in Bildern, Liedern,
Worten ausdrücken, die wir selbst nicht beschreiben können und das wiederum
hilft, damit umgehen zu lernen.

Kunst zeigt neue Perspektiven und Lösungen auf, die wir uns oft gar nicht trauen, anzudenken.

Kunst tröstet. Und auch dieser Aspekt ist ungemein wichtig und wird zu Unrecht oft belächelt: Kunst kann und darf auch manchmal einfach eine wunderbare und heilsame Ablenkung sein.


Was liest Du derzeit?

„Die schmutzige Frau“ von Luisa Francia

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn du nicht mehr weiter weißt, was du tun sollst: tue was Gutes.

Simone Dueller, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Dueller_Künstlerin

http://www.dueller.at/simone/about/

Alle Fotos_Pamela Russmann. Die Fotos entstanden im Rahmen eines Fotoprojekts während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020.

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten aufbrechen oder neu hinzugefügt werden“ Simone Dueller, Künstlerin_Villach _ 17.11.2020

  1. Lieb Frau Dueller,
    mich spricht Ihr Text an. Danke für Ihre Offenherzigkeit wie Sie Ihren Tagesablauf als Künstlerin und Familienmensch darzustellen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Roland Hartmann

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    • Lieber Herr Hartmann, danke vielmals für Ihre lieben Worte. Offenherzigkeit ist ja auch eine Art von Sich-verletzbar-zeigen und so schöne Rückmeldungen bestärken mich (und alle, die mitlesen), dass wir uns das ruhig viel öfters trauen dürfen. Alles Liebe, Simone

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