„Lasst uns Ideen entwerfen! Pflegt Kontakte, träumt und plant!“ Mark Klenk, Schriftsteller _ Wien 23.11.2020

Lieber Mark, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wärme und Kälte. Meditation und Sport. Lesen und Schreiben. Flow-Erlebnisse und Ruhe.

Mein Tagesablauf als Schriftsteller besteht darin, die alltägliche Arbeit zu erledigen (davon bleibt niemand verschont) und gleichzeitig meine Umgebung TROTZ des Alltags durchgehend wahrzunehmen. Das Schöne und das Oh-Gott-das-kann-nicht-so-sein-Unschöne im Leben MUSS ich verstehen, herausfordern und zum Ausdruck bringen. MUSS, weil diese Leidenschaft in mir brennt. Das ist mein Alltag. Brennen und Abkühlen. Das Gewöhnliche, das Alltägliche aus anderen Perspektiven sehen und meine Mitmenschen, meine Leser und Leserinnen, damit herausfordern, das Gleiche zu tun.

Kaffee und Wasser. Sehr wichtig!

Mark Klenk, Schriftsteller, Lyriker, Projektkoordinator

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns Kreative ist es besonders wichtig während dieses Lockdowns (und leider Gottes auch bei den voraussichtlich noch kommenden Lockdowns), Kooperationen zu suchen und uns nichts gefallen zu lassen. Wir Künstler wollen alles allein machen, aber wir Künstler und Künstlerinnen ergänzen einander! Schriftsteller sollen mit Musikerinnen zusammen etwas tun. Fotografinnen mit Lyrikern. Filmmacher mit Gärtnerinnen. Das ist auch die Chance in dieser immer wieder akut werdenden Krise.

Wo sind unsere Grenzen? Auch während der Pandemie gibt es keine! Ich höre täglich wie frustriert die Kunstszene ist. Ja, es ist mühsam, weil wir nicht auftreten können. Nichts ist wie gewohnt. Nützen wir diese Zeit trotzdem! Lasst uns üben und Ideen entwerfen! Pflegt Kontakte, träumt und plant! Es gibt keine Grenzen, nur die in unseren Köpfen.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Schreiben ist ein Werkzeug. Die Literatur soll aufbauen, zerstören, formen, sägen, hämmern und Aufmerksamkeit erregen. Ich stimme für Werkzeuge, die viel Krach machen und nachhaltige, lebensverändernde Werke bauen! Reißen wir mit unseren Werken vermorschte Bauten nieder und bauen wir etwas Stabiles und etwas Stärkeres auf. Ich glaube, dies ist lebenswichtig, nicht nur in der Politik oder mit aktuellen Themen, sondern weil die Menschen uns brauchen! Egal ob Buch, Film, Musik, Theater, Tanz…. Wenn der Mensch nicht mit einem Aha-Erlebnis weggeht, machen wir etwas falsch. Bringt die Menschen zum Denken. Das bringt Veränderung und Lebensfreude – mit oder ohne Pandemie.

Was liest Du derzeit?

Ich habe einen Berg von Büchern und e-Büchern, die auf mich warten, aber momentan springe ich nach Lust und Laune zwischen drei Büchern hin und her:

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Das Buch der Lebenskunst – Anselm Grün

Heiligenblut (Schock-Lyrik Anthologie mit Till Lindemann) – Hrg. Jörg Martin Munsonius

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ora et labora et lege! (Grundsatz der Benediktiner)

Sinn der Sache ist die Sache des Sinnes. Finde deine Mitte, finde das, was dich im Leben wahrlich glücklich macht. Das Leben ist schön! Gewinne diese Erkenntnisse für dich, damit du sie auch weitergeben kannst, um deine Freude zu vervielfachen. (Mark Klenk)

Mark Klenk, Schriftsteller, Lyriker, Projektkoordinator

Vielen Dank für das Interview lieber Mark, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mark Klenk_Schriftsteller, Lyriker, Projektkoordinator

https://www.markklenk.com/

Fotos_1_privat 2,3,4 _Roxana Pircher

19.11..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich bin müde. Müde von der Arbeit, müde von den Diskussionen, müde von diesem Jahr“ Peter Bevc, Regisseur_Wien 23.11.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin ja kein selbstständiger Künstler im beruflichen Sinne, sondern arbeite für meinen Lebensunterhalt in einem Fotogeschäft. Das ist dieses Jahr etwas anstrengender als normalerweise. Es ist mühsam wenn man ständig Menschen auf die Maskenpflicht aufmerksam machen muss, besonders wenn diese Kunden Passbilder benötigen, wo sie die Masken wieder runternehmen können. Man kommt sich dabei oft sehr blöd vor, und die Kunden, die dann mit einem zum Diskutieren anfangen als wäre ich Sebastian Kurz persönlich, nun, ich habe nicht einmal vernünftige Gegenargumente.

Mit dem Soft Lockdown war plötzlich noch mehr los als zuvor. Man merkt wie konsuminfiziert unsere Gesellschaft inzwischen geworden ist. Gibt’s keine Gastro und keine Kultur dann ist den Menschen fad, dann gehen sie halt shoppen. Am Besten noch in großen Gruppen und ohne Maske ins Geschäft, dann großartig mit mir streiten wegen Bill Gates und was weiß ich. Ich befolge ja selber nur blind was mir gesagt wird. Das kommt mir alles noch irgendwie vernünftig vor bis zu dem Zeitpunkt als das Leben plötzlich daraus besteht ,dass man tagsüber hakelt wie ein Depperter und wenn man heimkommt hat man dann Ausgangsbeschränkung. Ich bin ja nicht konkret dagegen, aber hätte mich vor zwei Jahren noch jemand mit dem Begriff „Ausgangsbeschränkung“ konfrontiert, hätte ich mich ziemlich kräftig darüber aufgeregt. Ich weiß ja sowieso nicht mehr mit wem ich mich identifizieren soll. Verstehen tu ich derzeit so ziemlich alle Seiten. Ich verstehe die Alten, die sich aufregen, wenn die Teenager in den Parks große Partys schmeißen, doch verstehe ich die Teenager, die gerade hormongepumpt sind, nur an erste Erfahrungen mit Alkohol und dem anderen Geschlecht denken, und dann sind sie offiziell dazu verdammt daheim zu sitzen und zu masturbieren. Wäre das meine Jugend, ich würde mich doch auch aus dem Haus schleichen. Es gibt Momente da verstehe ich sogar die Coronaleugner, oder verstehe ich zumindest das Bedürfnis einen Sündenbock, einen Schuldigen zu besitzen. Ist das Gleiche jeden einzigen Schritt der Regierung heftig zu kritisieren. Ich bin auch kein Fan von der Regierung, doch habe ich in meinem Geschäft beobachtet, dass nicht die Regierung allein daran Schuld besitzt, dass die Maßnahmen nicht so funktionieren wie geplant. Aber ich verstehe das Bedürfnis sie zu kritisieren, ich habe es auch!

Dann plötzlich wieder Komplett Lockdown. Na gut. Den ersten Lockdown habe ich noch ausgiebig genutzt um zu schreiben, Musik zu machen, Bücher zu lesen, etc. Doch diesmal bin ich müde. Müde von der Arbeit, müde von den Diskussionen, müde von diesem Jahr. Ich schlafe den Großteil des Tages und bin froh wenn ich einmal pro Tag eine ordentliche Mahlzeit zu mir nehme. Ich will die Zeit nicht mehr nutzen um mich zu verwirklichen, um zu arbeiten, um was weiterzubringen. Der neoliberale Kapitalismus und egoistische Leistungsdruck reitet uns doch eh schon alle ins Grab. Mein Winterschlaf nun liegt also keiner Depression zu Grunde, sondern es ist ein effektives Weigern gegenüber der Gesellschaft so weiterzumachen. Immer nur sich selber zu optimieren und weiterzuarbeiten. Ich will jetzt einfach nur schlafen. Und derweil ich diesen Text schreibe erhellen Blaulichter meine Straße, und ein maskierter Feuerwehrmann klopft an meiner Tür. Es gibt keinen Grund zur Panik, aber in einer Wohnung im Gebäude brennt es. Und das ist mein Alltag im Jahr 2020.

Peter Bevc, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich rede mit vielen Freunden von mir in Telefongesprächen darüber. dass jede Krise auch die Chance auf enorme Veränderungen in sich trägt. Ich wünsche mir ein großes Aufwachen in der Gesellschaft, einen Umschwung, eine Revolution. Ich denke jetzt ist der Zeitpunkt wo wir alle einmal wirklich kräftig darüber nachdenken sollten auf was für einen Weg wir uns alle gemeinsam befinden. Der Coronavirus ist nicht die letzte Herausforderung die der Menschheit gegenübersteht, besonders nicht in Zeiten des Klimawandels, der Umweltverschmutzung, der Flüchtlingsbewegungen, etc. Und keine dieser Probleme wird einfacher zu bewältigen sein in einer Gesellschaft die darauf getrimmt wird nur auf ihre eigenen Bedürfnisse zu schauen, mit dem Ellbogen im Gesicht des Anderen.

Wir müssen umdenken was unsere Konsumverhalten, unsere Selbstoptimierung und unsere Einstellung gegenüber unseren Mitmenschen angeht. Und wir dürfen in dieser Zeit nicht verlernen einander nahe zu sein. Ich will nicht auf eine Welt zusteuern in der man einander nur mehr vorsichtig umarmt. Mein schönster Tag meines erwachsenen Lebens war das Oh Sees Konzert in der Arena Wien am 29.09.2019. Menschen sind von der Bühne ins Publikum gehüpft und sind crowdgesurft, Jugendliche haben gemosht wie Irre und wildfremde Menschen haben ihre T-Shirts weggeschmissen und sich umarmt. In der jetzigen Situation unvorstellbar, doch ich bin optimistisch solche Abende in Zukunft wieder erleben zu dürfen. Doch hoffe ich, dass so eine Offenheit und Freundschaft gegenüber fremden Menschen nicht nur mehr in Rock Konzerten zu finden sein wird, sondern überall. Ich denke es ist jetzt gerade am Wichtigsten im Kollektiv umzudenken, da bleibe ich stur naiv und optimistisch in meinem Hippie Denken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Film, der Kunst an sich zu?

Ich glaube Kunst ist ein ganz wichtiges Werkzeug für viele Menschen für die psychische Heilung. Viele Kunstenthusiasten werden wissen was damit gemeint ist. Ein gutes Buch, ein tiefer Film, eine emotionale Musikkomposition, ein starkes Bild, all das kann einem Menschen viel schenken was man im Alltag vielleicht versäumt wird. Doch auch im Konsum von Kunst wünsche ich mir ein Umdenken der Menschen. Weg von Trillionen Dollar Disney Produktionen, die alle nur Werbung für den nächsten Film sind und verwerfliche amerikanische Werte propagieren, Kinder sollten keine Superhelden zum Vorbild haben, die nur dadurch stark sind, dass sie stinkreich sind und in ein gesellschaftliches Schönheitsideal passen. Menschen sollten sich von Konzernen wie Netflix und Spotify abwenden, die einem die Illusion einer großen Auswahl vermitteln, doch einem eigentlich nur einschränken und per Fließband mit Mittelmaß füttern wie ein medialer McDonalds. Kunst ist wichtig um sich als Mensch weiterzuentwickeln, um Empathie gegenüber Anderen zu lernen, um spirituelle Erkenntnisse zu erlangen, und noch für so viel mehr. Doch sollte man wieder aktiv nach solchen Erfahrungen suchen, anstatt sich von der Konsumballerei der modernen Gesellschaft so ermüden zu lassen, dass man am Abend nur mehr die Energie hat irgendeine hirntote Serie zu schauen und SAGT ER IHR JETZT ENDLICH DASS ER SIE LIEBT ODER NICHT ?!

Was liest Du derzeit?

Habe gerade Antkind vom genialen Filmregisseur und Autor Charlie Kaufman gelesen. Ein sehr monumentales, schwieriges Werk, welches eher umständlich zu Lesen war aber aus kreativer Sicht auch massiv befriedigend. Definitiv kein Einstiegswerk für Menschen, die seine Kunst nicht kennen, doch wer Ihn kennt weiß eh schon ungefähr auf was er sich einlässt. Zwei Bücher die ich seit Längerem nebenbei lese sind „Das Buch der Fünf Ringe“ von Myamoto Musashi und „Die dämonische Leinwand“ von Lotte H. Eisner. Beide Bücher lese ich in der Absicht dadurch ein besserer Regisseur zu werden. „Die dämonische Leinwand“ ist das ultimative Lehrbuch zum deutschen Expressionismus der Stummfilmära, „Das Buch der Fünf Ringe“ ist eine Anleitung dazu ein perfekter Samurai zu werden. Ich habe dieses Jahr beim Dreh meines Kurzfilms „Lichten“ das Gefühl bekommen dass Regisseur sein und Samurai sein vielleicht nicht so weit auseinander liegen. Nur hat man eine Kamera und kein Schwert. Man muss dieses Werkzeug aber sehr präzise und überlegt einsetzen und dabei viel Selbstdisziplin beweisen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„It’s time for a revolution“

-Frank Zappa

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Bevc_Regisseur

Foto_privat.

18.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mit Kleindenken, Egoismus und Gartenzäunen kommen wir nicht mehr weiter“ Devi Saha, Bühnen-, Kostümbildnerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Devi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Anfang November dieses Jahres war ich wieder in vollem Tages-, Arbeitslauf: Früh aufstehen, meine Tochter in die Schule bringen, in´s Atelier eilen, arbeiten, soviel gemeinsame Zeit mit meiner Tochter und meinem Liebsten verbringen, wie wir brauchen. Deadlines einhalten, Anproben, Überweisungen, … Eine Form von Alltag, die sich beinahe anfühlte wie AC (Ante Corona). Beinahe. Und noch. Jetzt der nächste Lockdown und ich kann, wie die meisten Österreicher nur ahnen, wie er sich auf unser Leben und meine Arbeit auswirken wird.

Devi Saha, Bühnen-, Kostümbildnerin _ Foto_Walter Mussil

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für jedes Individuum ist etwas Anderes wichtig.

Allen hilft wahrscheinlich: selbständig und selbstverantwortlich denken und handeln, das Herz aufmachen.

„This is what happened in the telephone booth“, ein Tanztheaterstück des „bernhard ensemble“. Regie: Ernst Kurt Weigel, Choreographie: Leonie Wahl, Komposition: ASFAST _2019_ Bühnenbild_Devi Saha_Foto_Walter Mussil

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Die bildenden und darstellenden Künstler tun kontinuierlich, was sie am besten können: historische und politische Zusammenhänge herstellen, zum Nachdenken bringen, ärgern, das Herz öffnen, ängstigen, ernst sein, einfach nur mal stellvertretend blöd sein, tief erschüttern, das Leben der Rezipienten verändern, … wir werden damit niemals aufhören, auch, wenn die Rituale sich verändern müssen.

Ebendiese Veränderung müssen wir nun wohl alle in unsere Leben integrieren. Wer jetzt so weitermachen will wie immer, hat schon verloren. Den Werbeslogan „schau auf dich, schau auf mich“ können wir auf die Menschengemeinschaft auf der ganzen Welt anwenden. Mit Kleindenken, Egoismus und Gartenzäunen kommen wir nicht mehr weiter.

„Der Wind in den Weiden“, ein Kindertheaterstück für das Burgtheater im Kasino/Schwarzenbergplatz 2018, Regie: Alexander Wiegold, Bühne: Vanessa Eder-Messutat, Kostümbild und Anfertigung der großen Menschenköpfe_Devi Saha _ Szenenfoto_Reinhard Werner

Was liest Du derzeit?

„Omama“ von Lisa Eckhart

„GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg

den „Falter“

„die Zeit“

ganz selten Facebook-Postings und -Kommentare

Taschenkollektion, Ausstellung_Galerie V&V und Tiberius Wien_2000 Devi Saha_Foto_Ditz Fejer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Christof Schlingensief antwortete Benjamin von Stuckrad-Barre 1998 in einem Interview auf die Frage, ob er mal ´ein Musical machen wolle, da könne man die Menschen noch erreichen:

„Man erreicht die Leute da auch nicht. Du erreichst sie nur, wenn du im Flugzeug eine Lautsprecherdurchsage machst: ´die Triebwerke sind ausgefallen, das war´s.´“

aus dem „Falter“ Nr.43/20

„Wild*Things“, ein Kindertanztheaterstück von Tanz*Hotel, 2015, Dschungel Wien nach dem schönen Buch „Where the wild things are“ von Maurice Sendak_Kostümbild_Devi Saha : Foto_Walter Mussil

Vielen Dank für das Interview liebe Devi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Devi Saha und Vanessa Eder-Messutat _ Foto_Carolina Frank

5 Fragen an KünstlerInnen:

Devi Saha, Bühnen- und Kostümbildnerin

https://www.devisaha.com/

Foto_credits _Text.

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine sehr große Freundschaft“ Klaus Demus zum 100.Geburtag von Paul Celan_Wien 22.11.2020

Ich lernte Paul Celan (Dichter, 1920*Czernowitz 1970+Paris) erst gegen Ende seines Aufenthaltes in Wien kennen (Anm.1947/48). Ingeborg Bachmann vermittelte dies. Meine Frau Nanni (Anna Demus, geb.Maier, Millstatt, Kärnten) war mit Ingeborg Bachmann befreundet. Sie gingen gemeinsam ins Gymnasium in Klagenfurt. Wir trafen uns mit Paul Celan im Cafe Landtmann. Das Interesse für Literatur und Kunst verband uns.

Klaus Demus, Kunsthistoriker; Dichter _ Wien

Er schrieb mir dann aus Paris eine Korrespondenzarte und daraus entstand ein Briefwechsel. Ich hatte daraufhin als Kunsthistoriker ein Stipendium (Schwerpunkt: Moderne Kunst) in Paris und war ein Jahr dort. Celan vermittelte mir ein Hotel. Da begann unsere Freundschaft. Eine sehr große Freundschaft. Die dann auch seine Frau Gisèle Lestrange (1927 -1991), Malerin/Grafikerin, und meine Frau Nanni, Pädagogin, einschloss. Es gab einen regelmäßigen brieflichen Austausch und Besuche.

Wir verbrachten in Paris viel Zeit miteinander. Trafen uns meist täglich. Das Leben war für ihn sehr schwierig als Dichter. Er lebte von Nachhilfestunden, jeder Tag war eine Herausforderung an Perspektive und Bewältigung.

Wir alle rangen mit Zeit und Kunst. Aber wir hatten uns. Ein Band. Es war viel.

Er hat nie über den Tod seiner Eltern während des Zweiten Weltkrieges gesprochen. Seine Mutter wurde ermordet, sein Vater starb an Krankheit im Arbeitslager.

Er selbst war jahrelang als Zwangsarbeiter interniert. Es gab dann eine Selektion mit Namensaufruf. Celan wusste, diese Selektion würde auch ihn treffen. Er erinnerte sich an die jüdische Mystik und murmelte einen Vers daraus, der Unsichtbarkeit verhieße. Er „schwindelte“ sich, im Vers vertiefend, auf die rettende Seite. Da stimmte dann allerdings die Selektionszahl nicht. Alle mussten wieder zurück. Doch es klappte für Celan noch einmal. Er überlebte diese Selektion. Das war das Einzige, das er persönlich über die Zeit der Shoa erzählte.

Verse, die Unsichtbarkeit verheißen (sollen) – das war wohl auch seine Dichtung.

Gisèle gab mir Nachricht aus Paris vom Tod Ihres Mannes. Daraufhin fuhr ich nach Paris. Es hatte länger gedauert die Identität der Leiche festzustellen. Ich war mit Gisèle beim Begräbnis. Wir waren die Einzigen dort. Nur seine Frau und Ich. Keine Geistlichen. Es war ein kleiner Friedhof etwas abseits von Paris. Ich blieb dann noch zwei Tage in Paris und musste dann zurück nach Wien zu meiner Arbeitsstelle als Kunsthistoriker.

Seine Gedichte kamen einfach aus ihm heraus. Ein Strom und ein Schmerz.

Klaus Demus, Kunsthistoriker, Dichter

Klaus Demus, Kunsthistoriker, Dichter_Wien.

Interview_Klaus Demus_Wien 9_2020

Alle Fotos_Video_Walter Pobaschnig

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„Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.“ Julia D.Krammer, Schriftstellerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe Ende 2018 begonnen, als freiberufliche Künstlerin zu arbeiten, mein Unternehmen wort.klang (www.wortklang.at) jedoch offiziell erst Anfang 2020 gegründet. Der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für eine Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin, möchte man meinen. Doch ich hatte Glück. Tatsächlich habe ich etliche Wege gefunden, weiterzumachen und viel Unterstützung dabei erlebt – von treuen Kund*innen, Fördergeber*innen, der Familie, Freund*innen.

Julia D.Krammer, Schriftstellerin

Manches hat sich verändert, vieles ist gleich geblieben. Verändert hat sich, dass ich bisher live performte Tätigkeiten in den Online-Bereich verlagern musste. Das hat auch viel Positives für mich bewirkt – ich habe an der Schnittstelle Kunstfilm/Literatur experimentiert und meine Leidenschaft für dieses Medium entdeckt (mein aktuellstes Filmprojekt: https://www.youtube.com/watch?v=e0FaXp8SjGw).

Während des ersten Lockdowns kam es außerdem zu viel Aktionismus in meiner Künstler*innen-Community und zwei großartigen Projekten, die wir über Crowdfunding realisiert haben. Die Solidarität unter den Künstler*innen und der Arbeitswille unter verheerenden Bedingungen haben mich nachhaltig berührt, beeindruckt und geprägt.

Ich habe gelernt: trotz widriger Umstände ist man nicht allein. Es findet sich immer ein Weg.

So entstand „Arbeit statt Almosen“, von Marlen Schachinger initiiert. Das Thema: Frauen in der Literatur. Wir wollten keine Almosen, wir wollten arbeiten (dürfen). Der Output des Projektes hat uns alle überwältigt – es entstanden eine Anthologie (Fragmente – Die Zeit danach, erschienen im Promedia Verlag, Oktober 2020), ein Hörbuch, eine Kinodokumentation. Es folgten Radio-, TV- und Medienpräsenz.

Außerdem war ich Teil des Corpo Colectivo-Teams in der Umsetzung eines Projektes, das sexuelle Selbstbestimmung junger Mädchen und Frauen durch interdisziplinäre Künste förderte (Literatur, Tanz, Theater, Film). „My body (my) Rules!“ ist ein Tanz-Theaterprojekt, das seine Uraufführung – hoffentlich – im Dezember haben wird. Meine Rolle war neben der grafischen Gestaltung der Drucksorten, des Logos und der Give-Aways die literarisch/dramaturgische und stimmtechnische Arbeit mit den Teilnehmer*innen zu den Themen Sexuelle Selbstbestimmung Ausgrenzung, Alltagssexismus.

Da die Theater völlig zugedreht wurden, hat sich in diesem Bereich bei mir das meiste (zum Negativen) verändert.

Auch meine Engagements als Werbesprecherin gingen während des ersten Lockdowns etwas zurück, dafür wurde ich für einige Hörbücher und Voice-Overs gebucht. Glücklicherweise ist mittlerweile auch bei Werbejobs wieder ein Aufschwung spürbar.

Was hingegen gleich geblieben ist:

Ich befinde mich noch immer in der finalen Überarbeitung meines Romanmanuskriptes („Den Körper schreiben die Gedichte“).

Literarische Arbeit ist in meinem Fall immer fragil, sie ist abhängig von günstiger Stimmung, einem bestimmten Lichteinfall, sie ist störungsanfällig, braucht Stille im Kopf und Stille im Außen.

Da sie aber auch einer gewissen Kontinuität bedarf, um sich weiterzubringen, habe ich mir dafür die Morgenstunden und den Vormittag reserviert. Täglich. Unabhängig von meiner Stimmung, unabhängig von meinem Lustempfinden, vom Lichteinfall. Die Kontinuität trickst die Fragilität ein wenig aus – ich arbeite täglich literarisch, doch ich arbeite nur, so lange ich gut vorankomme. Es gibt Tage, an denen nichts funktioniert. Es gibt Tage, an denen ich die Zeit vergesse und wirklich durchgehend schreibe, redigiere, überarbeite, konzeptioniere.

In den Pausen zieht es an die frische Luft – ich gehe spazieren, schwimme, fahre Rad, versuche, das All anzuzapfen auf meinem Balkon mit einer Tasse Kaffee in der Hand (um mir diese Redewendung von meiner Lektorin auszuleihen). Ich habe den Eindruck, dass man aufs Jahr gerechnet eine relativ gleichbleibende Produktivität erreichen kann, wenn man sich nur täglich bemüht.

Sobald die Konzentration nachlässt, wende ich mich organisatorischen Dingen und Nebenprojekten zu; außerdem schreibe ich zahllose Listen (Listen als Lösungsansatz für alle Probleme der Welt);

Ich habe erkannt, dass ich für größere literarische Projekte ungebrochene Zeiträume benötige, in denen kaum Zwischenrufe durch Mails und sonstige Pflichten ertönen, um gut arbeiten zu können. Keine Termine, keine Aufgaben. Kein Prokrastinieren durch Koch-Orgien oder Putzen. Nur der Laptop und ich, ausreichend Kaffee, eine Kanne Tee, meine beiden Kater zur Seite (weil mir Katzen durch ihr permanentes Faulsein immer das Gefühl geben, LEISTUNGSTRÄGERIN zu sein 😊).

Sofern ich Kurse vorzubereiten habe (ich gebe Schreib- und Stimm-/Rhetorik-Workshops), Förderungsanträge zu schreiben, um Stipendien ansuchen muss, die Kuration für Famulus Kaffeehauslesungen oder Sonstiges zu erledigen habe, blocke ich mir daher komplette Zeiträume, in denen ich mich vorwiegend darauf konzentriere. Ich schreibe kurz morgens, der Kontinuität willen, doch nicht zielgerichtet. Um anschließend wieder ungestörte, lange Schreibphasen zu haben.

Wenn sich ein Filmprojekt auf einer meiner Listen befindet, sind Drehen und Schneiden übrigens die einzigen Tätigkeiten, die bei mir so große Sogwirkung und einen ganz natürlichen Flow erzeugen, dass sie nach dem Schreiben funktionieren. Cutting und Schreiben sind Blutsschwestern. Beim Schneiden kennt mein Körper keine Uhrzeit, keinen Hunger, keine Müdigkeit. Schneiden kann ich immer.

Die Wochenenden sind oft meinem Herzensprojekt gewidmet. Patrick Hasler und ich schreiben und illustrieren so genannter Krimidinner-Spiele für Zuhause. Wir haben Ende 2018 „Leichenschmaus“ gegründet (www.leichen-schmaus.at), weil wir selbst nicht genug von diesen kulinarischen Spieleabenden bekommen konnten – seither verbringen wir unsere Freizeit damit, perfekte Morde zu konstruieren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich erlebe diese Krise als unerbittlichen Seismographen für das Richtige und das Falsche. Das ist nicht immer schlecht. Es ist nur manchmal schwer zu ertragen.

Ich spreche übrigens nicht vom moralisch Richtigen, ich spreche von einem Alltags-Check. Ich spreche von der Stabilität der Beziehungen, in denen man sich bewegt. Ich spreche davon, welche beruflichen Standbeine in Krisen das Überleben sichern können. Von Sicherheit. Ich spreche vom individuell wichtig Gewordenen, wenn plötzlich vieles weg ist. Von dem seltsamen Stillstand, der in so vielen Lebensbereichen plötzlich eingetreten ist, mit dem man nie zuvor umgehen musste, weil alles ein sich drehendes Hamsterrad war. Ich spreche von den ersten drei Personen, die man anruft, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, wenn ein Attentäter willkürlich auf Menschen schießt.

Das alles erfordert Innenschau und Resilienz, noch nie musste ich mir so direkt ins Gesicht sehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele von uns ihre Sprache, ihre Verständlichkeit, das Gemeinsame verloren haben, wenn sie von ihren Sorgen berichten. Die Kommunikationsfähigkeit hat gelitten.

Wir erleben die Krise völlig individuell – manche langweilen sich, manche fürchten sich, halten die Familie nicht aus, die sie in die Welt gesetzt haben. Andere gehen unter in Arbeit oder erleben völlige Isoliertheit, sind einsam bis zum Zerbrechen. Manche haben Todesangst, manche sind stoisch, manche unterdrücken. Oft kann man sich nur schwer begreiflich machen, weil das Gegenüber in seiner eigenen Wahrheit so verhaftet ist, dass aufrichtiges Zuhören nicht möglich ist. Man muss sich langsam wieder zusammensetzen.

Ich selbst habe gerade in Bezug auf meine Beziehungen die größten Überraschungen (und Enttäuschungen) erlebt.

Freundschaften, die man zuvor als stabil eingestuft hätte, erweisen sich als nicht krisenresistent, andere dafür als umso tragender. Gerade, wenn sich eine Beziehung als völlig kräftezehrend herausstellt, sind Freundeskreis, ein erfüllender Beruf und Familie die Säulen, die das Durchkommen sichern können. Neben Gesundheit (sofern vorhanden).

Wenn mehrere Säulen gleichzeitig wegbrechen – zB. finanzielle Sicherheit/Beruf UND zu Bruch gegangene Ehen oder Liebesbeziehungen, man dann vielleicht auch noch erkrankt und völlig allein ist, ist es wirklich schwierig, sich wieder zusammenzusetzen.

Wenn du mich also fragst, was für uns alle wichtig ist: Lebensfreude suchen, Lebensfreude erhalten. Jeden Tag etwas Schönes tun. Stabile Beziehungen pflegen. Instabile Beziehungen ziehen lassen. Denn niemand weiß, wie lange wir uns noch in dieser Situation befinden werden. Alles, was Kraft gibt, sollte man deshalb kultivieren und hegen.

Was ich grundsätzlich im Umgang miteinander in dieser Situation wichtiger denn je einstufen würde: Einander zuzuhören. Empathie. Respekt. Ein gutes soziales Netz. Solidarität unter Kolleg*innen. Zusammengefasst: Menschlichkeit.

Ohne Menschlichkeit sind wir verloren, ohne Menschlichkeit bleibt kein Grund, zu hoffen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist seit jeher Stimme und Abbild der Gesellschaft gewesen, als solche wird sie weiter ihre Aufgabe erledigen. Sie wird sich durchsetzen und nicht untergehen, denn wir Künstler*innen können ohne sie nicht existieren. Wir werden bis zum Letzten kämpfen.

Kunst ist für mich nie Selbstzweck, Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.

Ich denke, wir werden ganz allgemein jedoch nicht um eine gewisse Flexibilität herumkommen. Starres Festhalten am Davor, furchtsame Blicke in die Zukunft, Angst – das waren schon immer schlechte Ratgeberinnen, die den Menschenverstand völlig aushebeln. Ich glaube außerdem, dass es wichtiger den je ist, kritisch zu bleiben. Sich auf eigene Werte zu besinnen und diesen treu zu bleiben. Wir werden neugierig sein müssen, werden scheitern, werden uns aufrappeln, werden wieder von vorne beginnen. Werden Lösungen finden. Wir sind anpassungsfähige Wesen, so wir werden auch diese Phase überstehen. Natürlich wird es jene geben, welchen die Anpassung unmöglich ist – ich hoffe inständig auf ein gesellschaftliches Hin zu mehr Solidarität. Ohne wird es nicht gehen.

Was liest Du derzeit?

Ach. Das ist eine erbauliche Frage! Auf meinem Tisch liegen immer fünf bis sieben Bücher; derzeit gibt es drei, denen ich mich regelmäßig zuwende – „Miroloi“ von Karen Köhler. „Die Bienen und das Unsichtbare“ von Clemens J. Setz. „Lavendellied“ von Elke Laznia.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil es so passend ist in diesen Zeiten:

„Das Innere ist aufgewühlt. Als hätte sich eine Hand in mich gegraben und meinen Blick verschoben. Ich stehe still, und es fühlt sich verlernt an, nach all den Jahren.“

Helene Bukowski, Milchzähne

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen, vielfältigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia D.Krammer, Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin

http://www.wortklang.at/?fbclid=IwAR3YvgDUzjA0bVBaeeBUX46p_i8ohVpqqGlHAGIeGt18aQQpuxSabtUkCV8

Foto_privat.

5.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist jetzt als Künstlerin noch härter zu überleben und seinen Weg zu gehen“ Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Lisa-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Schauspielerin ist man ja meistens abends tätig – egal ob bei Proben oder Vorstellungen. Ich bin also keine Frühaufsteherin, ich bin eine Vormittagsaufsteherin. Die Tage sehen dann ganz unterschiedlich aus bei mir. Als freie Schauspielerin muss ich – besonders auch in der jetzigen Situation – sehen, dass ich selbstständig immer dranbleibe und auch an mir arbeite, wenn ich gerade nicht engagiert bin. Daneben gehe ich in den Zeiten, in denen ich nicht als Schauspielerin tätig bin, auch anderen Jobs nach.

Da ich selbst vom Land komme, verbringe ich meine Freizeit sehr gerne draußen in der Natur.  Wenn ich dann so im Grünen sitze, küsst mich auch manchmal die Muse und Kreativität und ich fange zu schreiben an – Gedichte, Kurzgeschichten, was mir gerade in den Sinn kommt. Manchmal baue ich auch meine nächtlichen Träume in meine Geschichten ein. Diese Texte veröffentliche ich aber meist nicht.

Draußen im Park oder im Wald kann ich mir auch meist sicher sein, dass ich meine Ruhe und meinen Platz habe. Was ich an der Corona Krise positiv finde, ist, dass die Menschen auf Grund des empfohlenen Mindestabstandes wieder ein Gefühl dafür bekommen was „mein Bereich“ und welcher „dein Bereich“ ist. Es ist wirklich schön beim Anstellen an der Kassa beim Supermarkt nicht mehr den heißen Atem des anderen in meinem Nacken zu spüren.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es ist wichtig, sich nicht von der momentan oft vorherrschenden Panik mitreißen zu lassen, die meiner Meinung nach auf beiden Seiten vorhanden ist. Damit meine ich sowohl die, die vor dem Coronavirus aus Angst erstarren, als auch diejenigen, die alles leugnen und Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Es ist wichtig, die Fakten zu kennen und sich der Realität zu stellen – und dabei nicht den Kopf zu verlieren.

Nur, weil gerade alles stillsteht, muss man selbst nicht stillstehen. Genau jetzt ist die Zeit, wo man bemerkt, wie wichtig es ist, wenn man sich mit sich selbst beschäftigen kann.

Es ist herausfordernd und schwierig, dass sich das Leben, wie wir es bis jetzt gekannt haben, gerade verändert oder stillsteht. Sich mit sich selbst zu beschäftigen, ist da oft gar nicht so leicht – da geht es mir auch nicht anders. Vor allem weil sich in dieser Ruhe oft Zukunftsängste in einem breit machen. Beruflich und privat. Aber ich denke, wir können diese Situation als Gelegenheit nutzen und Dinge, die man vorher in seinem Alltag als selbstverständlich gesehen hat, Wert zu schätzen.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater und die Kunst beschäftigen sich ja mit der Gesellschaft – meist in einem kritischen Kontext. Ich denke, das Theater hat jetzt die Möglichkeit zu zeigen, dass Veränderung nicht nur negativ sein muss und dass diese ganze Situation auch als Chance gesehen werden kann.

Wir haben es ja jetzt beim Shutdown gesehen: Natürlich war das für viele sehr schlimm, vor allem wirtschaftlich. Das will ich in keiner Weise leugnen oder zur Seite schieben. Aber es hat auch eine Chance geboten – plötzlich war es möglich, alles ruhiger anzugehen. Auf einmal war es ganz einfach möglich, diesen Dauerstress, dem wir ständig ausgesetzt sind, zu stoppen, durchzuatmen und Dinge zu tun, die wir schon lange tun wollten. Oder die Meldungen, dass die Meerestiere plötzlich wieder zurückkehren und sich die Natur erholt. Es war doch wirklich schön und verblüffend wie schnell und in relativ kurzer Zeit, sich die Umwelt schon erholt hat!

Ich würde mir wünschen, dass wir diesen Weg nicht verlassen und uns besinnen, dass es noch andere Dinge im Leben gibt, als ständig von Termin zu Termin zu hetzen und den größten wirtschaftlichen Profit herauszuholen (eben oft auf Kosten der Umwelt).

Ich denke, das Theater kann hier eine richtungsweisende Funktion einnehmen. Kunst verbindet und bringt die Menschen zusammen. Ich habe in meinem Umfeld – auch bei Nicht-SchauspielerInnen – bemerkt, wie groß die Sehnsucht nach Kunst ist und wie sehr diese plötzlich wertgeschätzt wird. Da sieht man, dass die Kunst doch einen großen Stellenwert in unserem Leben einnimmt.

Zurzeit ist unter anderem die Kunstbranche leider einer dieser Bereiche, die  am meisten unter dieser Situation leidet. Es war schon vor der Corona Krise nicht einfach als Künstler zu überleben und seinen Weg zu gehen und jetzt ist es natürlich noch härter. Diese Tatsache verursacht bei mir oft schlaflose Nächte und ich wünsche mir, dass wir alle einen Weg aus dieser Situation finden und sich die Lage bald wieder bessert.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade wieder „Magazin des Glücks“ von Dea Loher. Das ist eines meiner Lieblingsbücher.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich würde gerne einen Ausschnitt aus ebendiesem Buch von Dea Loher mitgeben –  aus der Erzählung „Schere“:

Das Kind glaubt, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, dass seine Person eine eigene, von allen anderen vollkommen abgeschlossene Person ist, dass auch der Mann und die Frau in sich abgeschlossene und von anderen getrennte Personeneinheiten sind, das Kind ist froh, dass es Sprechen gelernt hat, um eindeutig mitteilen zu können, wenn es Hunger hat, eine Unterschrift braucht oder zum Einkaufen geht. Darüber hinaus hat das Kind oft und vergeblich versucht herauszufinden, wie es in einer anderen als der eigenen Personeneinheit aussieht. Das Kind hat die Versuche eingestellt und weiß jetzt, dass es kein Verständnis gibt.

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

Fotos_Walter Pobaschnig _ Station bei Bachmann_Wien 10_2020

20.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie sich gegenüber einer Ideologie der Alternativlosigkeit ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte“ Viola Nordsieck, Autorin_ Berlin 21.11.2020

Liebe Viola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um halb sieben auf, mache Kaffee und dann Frühstück für meine Kinder. Wenn die zur Schule gegangen sind, mache ich mehr Kaffee, erledige gefühlt tausend Dinge und fange, wenn ich Glück habe, irgendwann an zu schreiben. Generell trinke ich zu viel Kaffee und tue zu wenige Dinge, die nichts mit Schreiben oder Arbeit zu tun haben. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, haben wir meist Pläne und / oder spielen, kaufen ein, kochen und putzen die Wohnung.

Viola Nordsieck

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was immer für uns alle wichtig wäre: ein Gefühl des Aufgefangen-Werdens, der Sicherheit, wenn etwas oder alles schiefgeht. Das gibt es in unserer Gesellschaft nur für manche. Was für mich persönlich wichtig wäre: das Gefühl, unser direktes Umfeld mehr mitgestalten zu können, auch politisch. Meine Kieznachbar*innen reichen gerade eine Petition für bezahlbaren Wohnraum ein, die ich natürlich unterzeichnet habe, doch glaube ich nicht mehr daran, dass das wirklich eine funktionale Form politischer Teilhabe ist (Berlin hätte in Sachen sozialer Wohnungsbau von Wien lernen sollen, am Rande bemerkt).

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Erst einmal hat Kunst den Job, einfach Kunst zu sein und sich selbst genug. Ich denke nicht, dass Kunst jemals einen Auftrag haben oder erfüllen sollte: sie macht ihre eigenen Maßstäbe. Es gibt aber natürlich dennoch gewisse Auswirkungen von Kunst und Literatur auf die Gesellschaft. Wenn es gesellschaftlich möglich sein soll, neu zu beginnen, das heißt also umzudenken, wie mit der Welt besser, anders umzugehen wäre, dann würde der Freiraum für diese Vorstellungskraft in kulturellen Formen vorbereitet, zum Beispiel in Kunst und Literatur. Das heißt nicht platt, dass etwa Romane vom Klimawandel handeln müssten. Es heißt, dass Weisen zu fühlen und zu denken durch literarische Formen ausprobiert werden können, so dass beispielsweise erfahrbar wird, wie eine Ideologie der Alternativlosigkeit funktioniert und wie sich dem gegenüber ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte.

 

 

Was liest Du derzeit?

In verschiedenen Lese-Stadien habe ich am Start: Zora Neale Hurston, „Their Eyes were watching God“, Ursula LeGuin, „The Dispossessed“, und Emine Sevgi Özdamar, „Seltsame Sterne starren zur Erde“. Alle drei sind wunderbar, auf sehr unterschiedliche Weisen.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

„Unmöglich, an dieser Stelle aufzuhören. Das kann ich erst, wenn ich einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit erreicht habe, der momentan in der Zukunft meiner Erzählung liegt.“

Annie Ernaux, Erinnerung eines Mädchens

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Viola, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunst- und Kulturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Viola Nordsieck_Autorin und Philosophin

Viola Nordsieck

Foto_privat

 

25.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Petitionen unterschreiben. Machen. Kultur darf nicht still werden“ Zuzana Cuker, Schauspielerin_Wien 21.11.2020

Liebe Zuzana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich nehme mir zurzeit viel Zeit für mich. Einen wirklichen Ablauf hab ich nicht, ich versuche zurzeit viel zu lesen, mich selbst zu finden, neue Sachen zu lernen, Sport zu machen, zu meditieren. Einfach jeden Tag aufzustehen, da zu sein und mich selbst mehr zu spüren.

Jedoch nehme ich mir jeden Tag eine kleine Sache vor, die ich erledige.

Im Gegensatz zum Sommer, in dem ich so eingedeckt mit einer Produktion war, nehme ich mir jetzt auch heraus ein bisschen Urlaub mit mir selbst zu machen und eigene Projekte, die mir am Herzen liegen, anzugehen. Ganz ohne Druck.

Zuzana Cuker, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht aufzugeben. Es war vorher schon schwer, als freischaffende Künstlerin.

Durch die aktuelle Situation ist es derzeit noch um einiges schwieriger. Gerade wenn man nicht an einem der staatlichen Theater arbeitet. Es ist besonders schwierig, weil Off-Produktionen und kleine Theater einfach nicht das notwendige Budget haben, um solch eine Krise zu überstehen. Mir wurden viele Jobs abgesagt. Ich glaube zurzeit geht es allen so. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und Solidarität zeigen. Petitionen unterschreiben. Machen. Kultur darf nicht still werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was mich besonders ärgert, und schon immer geärgert hat, ist, das der Bereich Bühne oft als Hobby abgestempelt wird, und auch wurde. Ich finde Theater hat einen Bildungsauftrag. Ich bin mit Theater aufgewachsen, und es hat stark mein kritisches Denken und meine emotionale Intelligenz geprägt. Den Umgang mit Situationen, meine Wahrnehmung. Sich in die Welt einer anderen Figur zu versetzen, prägt die Empathie. Ich glaube wir stehen vor einer sehr schwierigen Zeit in der der Kapitalismus die Kunst niederschmettert. Mich persönlich beschäftigt das sehr.

In meiner Sommerproduktion spielten wir immersives, interaktives Theater mit MNS . Im Jahr 1914. Anfangs dachte ich das wäre ein schlechter Scherz. Aber ich fand das war eine Interessante Herausforderung und hat dann irgendwo auch total gepasst.

Wir hatten einen Corona- Beauftragten Arzt,  ein ausgearbeitetes Hygienekonzept, und es hat funktioniert.

Was liest Du derzeit?

Stefanie Sargnagels Buch „Dicht“ .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das war eben, aber das hier ist jetzt, und dann ist dieses Jetzt vorbei, und es ist ein neues Jetzt.“

(Siri Hustvedt, „Was ich liebte“)

Vielen Dank für das Interview liebe Zuzana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zuzana Cuker, Schauspielerin

Foto_Raoul Bruck

21.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen einen neuen Natur- und Gesellschaftsvertrag“ Philipp Weiss, Schriftsteller_Wien 21.11.2020

Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wollte das ganze Jahr über reisen, um für mein neues Buch zu recherchieren. Meinen letzten Roman Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen sollte ich 2020 auf Lesungen in China und Japan präsentieren. Stattdessen sitze ich in meinem neuen Schreibatelier in Wien wie in einer Raumkapsel. Ich arbeite, esse und schlafe hier. Ich lese und schließe mich ans Netz an, sauge auf, was in der Welt passiert, spinne es fort. Kant hat sein gesamtes Werk in Königsberg geschrieben, Karl May seine orientalischen Reiseberichte irgendwo bei Zwickau, und ich glaube, Jules Verne ist zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde und um die Welt gereist, ohne Frankreich zu verlassen. Ich lasse mich davon inspirieren und versuche meinen Weltroman in meiner Wiener Raumkapsel zu schreiben und mich dabei schwerelos zu fühlen. Borges nennt es ein „Aleph“ – ein Ort, der alle Orte enthält. Dabei empfinde ich es als großes Privileg, in dieser Zeit mit solchem Komfort und solcher Sicherheit die Welt beobachten zu dürfen.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Als Kollektiv. Wir sollten uns fragen, ob wir diesem Pfad ökologischer, ökonomischer und sozialer Eskalation weiter folgen wollen. Oder ob wir doch zu einer Verwandlung bereit sind. Covid-19 reiht sich ein in den Kreis der globalen Krisen. Es haben schon viele Stimmen darauf hingewiesen, dass das Auftreten einer Pandemie, wie wir sie heute erleben, keineswegs ein unvermeidliches Naturereignis ist, sondern vielmehr in direktem Zusammenhang steht mit unserem invasiven Naturverhältnis, nämlich mit der systematischen Zerstörung von Ökosystemen und folglich der Freisetzung in diesen gebundener Infektionskrankheiten. Im Fall von Covid-19 spielte etwa der grausame weltweite Handel mit Pangolinen eine entscheidende Rolle. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft weitere Pandemien folgen. Das Virus und noch mehr die Klimakrise sind nicht mehr kontrollierbare Rückkoppelungseffekte einer umfassenden Verfügbarmachung der Welt. Wir haben uns, ohne es zu merken, einem Todeskult überantwortet. Endlose Akkumulation, Wachstum, Beschleunigung und Steigerung führen in die Selbstzerstörung. Die Welt, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, ist uns zu einem Aggressionspunkt geworden. Alles, was erscheint, muss beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden. Nicht nur die Außenwelt, auch das eigene Selbst, der eigene Körper und unsere Beziehungen. Wir werden einander zu Aggressionspunkten: zu Konkurrenten oder zu imaginierten Gefahren. Der andere, dem wir heute auf der Straße begegnen, wird in unserer Wahrnehmung zur potentiellen Infektionsquelle oder zum potentiellen Terroristen. Wir machen einander Angst. Wir sind erschöpft. So wie die Ökosysteme erschöpft sind. Ein Impfstoff wird nur vordergründig Probleme lösen. Wenn wir weiter in einer so glücklichen Welt leben wollen, in der Literatur und  Kunst einen Platz haben, brauchen wir einen viel tiefgreifenderen Wandel, einen neuen Natur- und  Gesellschaftsvertrag, ein neues Verständnis von Relationen und Zusammenhängen und von unserem Platz im lebendigen Geflecht des Planeten. Es beginnt mit einer Transformation des Vorstellbaren. Können wir etwas anderes herbeisehnen als den alten zerstörerischen Normalzustand? Eine besonders schmerzliche Folge der Pandemie ist, dass die junge Klimabewegung und andere Widerstandsbewegungen rund um den Planeten abrupt unterbrochen wurden. Gerade jetzt bräuchte es Menschen auf den Straßen, Körper, die Reibung und Druck erzeugen. Eine neue Generation hat bereits begonnen, eine andere Welt zu entwerfen. Vielleicht könnten wir alle wieder zu Kindern werden, das Leben neu lernen. Wir müssten lernen, anders zu denken, anders zu bauen, anders anzubauen, anders zu wohnen, anders zu reisen, anders zu essen, anders herzustellen, das Bestehende anders zu verteilen, und anders Sorge zu tragen. Wenn wir dazu bereit wären, könnten wir sogar die uns zerfressende Angst wieder verlieren. Wir könnten Hoffnung fühlen. Und Spaß haben. Und die enormen Depots an Kreativität freisetzen, die in uns brachliegen. Menschen sind, wenn sie kooperieren und imaginieren, ungemein lösungsbegabte Wesen.     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur ist eine Schule der Empathie und eine Schule des Hinschauens, ein Möglichkeitsraum, um Verwandlungen zu erproben, ein Zukunfts- und Gemeinschaftslabor, eine Konfrontation und eine Schocktherapie, auch ein Fluchtraum und unerschöpflicher Trost und jedenfalls eine Netflix-Alternative, die uns nicht betäubt, sondern aktiviert und dabei hilft, der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Der Philosoph Günther Anders meinte schon Mitte des letzten Jahrhunderts, ein Grundproblem moderner Gesellschaften sei, dass diese mehr herstellen könnten als sie vorstellen könnten. Die Literatur kann da Abhilfe schaffen. Sie kann Imaginationsräume öffnen. Sie kann zuvor Undenkbares denkbar machen. Das ist politisch wichtig. Denn nur was wir erzählen können, können wir auch verändern. 

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein erratischer Leser und lese nie einzelne Bücher, sondern Buchcluster. Einerseits zu bestimmten Themen, mit denen ich mich gerade befasse, andererseits zur Sprach- und Formsuche. Hier also die zufällige Liste der Bücher, die gerade vor mir oder neben mir stehen: Samanta Schweblin „Hundert Augen“, Leonora Carrington „Das Haus der Angst“, Clarice Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Jane Bennett „Lebhafte Materie“,  Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“, Peter Frankopan „Licht aus dem Osten“, Armin Nassehi „Muster“, Jim al-Khalili „Im Haus der Weisheit“, Jorge Luis Borges „Spiegel und Maske“, David Quammen „Spillover“, Jaron Lanier „Anbruch einer neuen Zeit“, Alexander Kluge „Russland-Kontainer“, Byung-Chul Han „Kapitalismus und Todestrieb“, George Dyson „Analogia“.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Wer Möglichkeitssinn besitzt, sagt nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.«

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Philipp Weiss_Schriftsteller

http://www.philippweiss.at/aktuell.html

Foto_privat

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Berufssparten, nicht nur der Kunst. Letztendlich hängen wir alle voneinander ab“ Eduard Lesjak, Künstler _ Wien 20.11.2020

Lieber Eduard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich in meinem Atelier in Wien meistens alleine lebe (meine Freundin lebt in Salzburg), bin ich Frühaufsteher. Ein Kaffee muss sein, dann geht’s schon ab ins Atelier. Meistens beginnt mein Alltag mit dem Checken meiner Kontakte zur sogenannten Außenwelt.

Nachdem ich viel mit Modellen arbeite, sind  ab der Zeit des Lockdowns bei mir eine Anzahl von Objekten entstanden, die direkt mit dem Erlebten und Erfahrenen dieser Zeit im Zusammenhang stehen.

Erst wenn sich ein Hungergefühl einstellt, gehe ich in die Küche …

Spätnachmittags mach  ich meistens eine Ehrenrunde durchs Viertel (Mariahilfmir – über die Grenze Richtung MQ)

Auch spätabends hänge ich noch immer an der Nadel.

IMGP50 _Margit Praschberger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist ziemlich komplex und sehr schwierig zu beantworten.

Spontan fällt mir dazu wie folgt ein: Achtsamkeit – Empathie – demokratisches Handeln und miteinander umgehen – sich nicht von Medien oder der Politik komplett verunsichern zu lassen.

IMGP4933

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Wichtig ist für mich, dass meine künstlerischen Prozesse nach wie vor nicht von wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben abhängig sein sollen.

Dazu gehört auch die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Berufssparten, nicht nur der Kunst. Letztendlich hängen wir alle voneinander ab.

IMGP5868

 

 

Was liest Du derzeit?

Robert Seethaler „ Die weiteren Aussichten“

Mario Vargas Llosa „Das Paradies ist anderswo“

Carlos Ruisz Zafon „ Der Schatten des Windes“

IMGP4654

 

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Von Nirgendwo nach Irgendwo …“

 frei nach dem Motto „alles okay – keiner weiß Bescheid“ (passend zu 2020)

 

„Was habe ich denn gesagt?“

Da küsste ich sie, ohne nachzudenken, leicht auf die Lippen.

 Aus :“Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon

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Vielen Dank für das Interview lieber Eduard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eduard Lesjak, Bildender Künstler

https://www.lesjakeduard.com/dcvcv

https://www.lesjakeduard.com/neue-seitedfdfddddddddddddddddddddd?fbclid=IwAR2zmCzkwCy-089AwrK-p3F7cuLbO8fDxdxykCSHIK9DZLJ1JFnC0naGsuY

Fotos: Margit Praschberger und Eduard Lesjak.

29.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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