„Es ist jetzt als Künstlerin noch härter zu überleben und seinen Weg zu gehen“ Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Lisa-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Schauspielerin ist man ja meistens abends tätig – egal ob bei Proben oder Vorstellungen. Ich bin also keine Frühaufsteherin, ich bin eine Vormittagsaufsteherin. Die Tage sehen dann ganz unterschiedlich aus bei mir. Als freie Schauspielerin muss ich – besonders auch in der jetzigen Situation – sehen, dass ich selbstständig immer dranbleibe und auch an mir arbeite, wenn ich gerade nicht engagiert bin. Daneben gehe ich in den Zeiten, in denen ich nicht als Schauspielerin tätig bin, auch anderen Jobs nach.

Da ich selbst vom Land komme, verbringe ich meine Freizeit sehr gerne draußen in der Natur.  Wenn ich dann so im Grünen sitze, küsst mich auch manchmal die Muse und Kreativität und ich fange zu schreiben an – Gedichte, Kurzgeschichten, was mir gerade in den Sinn kommt. Manchmal baue ich auch meine nächtlichen Träume in meine Geschichten ein. Diese Texte veröffentliche ich aber meist nicht.

Draußen im Park oder im Wald kann ich mir auch meist sicher sein, dass ich meine Ruhe und meinen Platz habe. Was ich an der Corona Krise positiv finde, ist, dass die Menschen auf Grund des empfohlenen Mindestabstandes wieder ein Gefühl dafür bekommen was „mein Bereich“ und welcher „dein Bereich“ ist. Es ist wirklich schön beim Anstellen an der Kassa beim Supermarkt nicht mehr den heißen Atem des anderen in meinem Nacken zu spüren.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es ist wichtig, sich nicht von der momentan oft vorherrschenden Panik mitreißen zu lassen, die meiner Meinung nach auf beiden Seiten vorhanden ist. Damit meine ich sowohl die, die vor dem Coronavirus aus Angst erstarren, als auch diejenigen, die alles leugnen und Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Es ist wichtig, die Fakten zu kennen und sich der Realität zu stellen – und dabei nicht den Kopf zu verlieren.

Nur, weil gerade alles stillsteht, muss man selbst nicht stillstehen. Genau jetzt ist die Zeit, wo man bemerkt, wie wichtig es ist, wenn man sich mit sich selbst beschäftigen kann.

Es ist herausfordernd und schwierig, dass sich das Leben, wie wir es bis jetzt gekannt haben, gerade verändert oder stillsteht. Sich mit sich selbst zu beschäftigen, ist da oft gar nicht so leicht – da geht es mir auch nicht anders. Vor allem weil sich in dieser Ruhe oft Zukunftsängste in einem breit machen. Beruflich und privat. Aber ich denke, wir können diese Situation als Gelegenheit nutzen und Dinge, die man vorher in seinem Alltag als selbstverständlich gesehen hat, Wert zu schätzen.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater und die Kunst beschäftigen sich ja mit der Gesellschaft – meist in einem kritischen Kontext. Ich denke, das Theater hat jetzt die Möglichkeit zu zeigen, dass Veränderung nicht nur negativ sein muss und dass diese ganze Situation auch als Chance gesehen werden kann.

Wir haben es ja jetzt beim Shutdown gesehen: Natürlich war das für viele sehr schlimm, vor allem wirtschaftlich. Das will ich in keiner Weise leugnen oder zur Seite schieben. Aber es hat auch eine Chance geboten – plötzlich war es möglich, alles ruhiger anzugehen. Auf einmal war es ganz einfach möglich, diesen Dauerstress, dem wir ständig ausgesetzt sind, zu stoppen, durchzuatmen und Dinge zu tun, die wir schon lange tun wollten. Oder die Meldungen, dass die Meerestiere plötzlich wieder zurückkehren und sich die Natur erholt. Es war doch wirklich schön und verblüffend wie schnell und in relativ kurzer Zeit, sich die Umwelt schon erholt hat!

Ich würde mir wünschen, dass wir diesen Weg nicht verlassen und uns besinnen, dass es noch andere Dinge im Leben gibt, als ständig von Termin zu Termin zu hetzen und den größten wirtschaftlichen Profit herauszuholen (eben oft auf Kosten der Umwelt).

Ich denke, das Theater kann hier eine richtungsweisende Funktion einnehmen. Kunst verbindet und bringt die Menschen zusammen. Ich habe in meinem Umfeld – auch bei Nicht-SchauspielerInnen – bemerkt, wie groß die Sehnsucht nach Kunst ist und wie sehr diese plötzlich wertgeschätzt wird. Da sieht man, dass die Kunst doch einen großen Stellenwert in unserem Leben einnimmt.

Zurzeit ist unter anderem die Kunstbranche leider einer dieser Bereiche, die  am meisten unter dieser Situation leidet. Es war schon vor der Corona Krise nicht einfach als Künstler zu überleben und seinen Weg zu gehen und jetzt ist es natürlich noch härter. Diese Tatsache verursacht bei mir oft schlaflose Nächte und ich wünsche mir, dass wir alle einen Weg aus dieser Situation finden und sich die Lage bald wieder bessert.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade wieder „Magazin des Glücks“ von Dea Loher. Das ist eines meiner Lieblingsbücher.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich würde gerne einen Ausschnitt aus ebendiesem Buch von Dea Loher mitgeben –  aus der Erzählung „Schere“:

Das Kind glaubt, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, dass seine Person eine eigene, von allen anderen vollkommen abgeschlossene Person ist, dass auch der Mann und die Frau in sich abgeschlossene und von anderen getrennte Personeneinheiten sind, das Kind ist froh, dass es Sprechen gelernt hat, um eindeutig mitteilen zu können, wenn es Hunger hat, eine Unterschrift braucht oder zum Einkaufen geht. Darüber hinaus hat das Kind oft und vergeblich versucht herauszufinden, wie es in einer anderen als der eigenen Personeneinheit aussieht. Das Kind hat die Versuche eingestellt und weiß jetzt, dass es kein Verständnis gibt.

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

Fotos_Walter Pobaschnig _ Station bei Bachmann_Wien 10_2020

20.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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