„Ich bin müde. Müde von der Arbeit, müde von den Diskussionen, müde von diesem Jahr“ Peter Bevc, Regisseur_Wien 23.11.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin ja kein selbstständiger Künstler im beruflichen Sinne, sondern arbeite für meinen Lebensunterhalt in einem Fotogeschäft. Das ist dieses Jahr etwas anstrengender als normalerweise. Es ist mühsam wenn man ständig Menschen auf die Maskenpflicht aufmerksam machen muss, besonders wenn diese Kunden Passbilder benötigen, wo sie die Masken wieder runternehmen können. Man kommt sich dabei oft sehr blöd vor, und die Kunden, die dann mit einem zum Diskutieren anfangen als wäre ich Sebastian Kurz persönlich, nun, ich habe nicht einmal vernünftige Gegenargumente.

Mit dem Soft Lockdown war plötzlich noch mehr los als zuvor. Man merkt wie konsuminfiziert unsere Gesellschaft inzwischen geworden ist. Gibt’s keine Gastro und keine Kultur dann ist den Menschen fad, dann gehen sie halt shoppen. Am Besten noch in großen Gruppen und ohne Maske ins Geschäft, dann großartig mit mir streiten wegen Bill Gates und was weiß ich. Ich befolge ja selber nur blind was mir gesagt wird. Das kommt mir alles noch irgendwie vernünftig vor bis zu dem Zeitpunkt als das Leben plötzlich daraus besteht ,dass man tagsüber hakelt wie ein Depperter und wenn man heimkommt hat man dann Ausgangsbeschränkung. Ich bin ja nicht konkret dagegen, aber hätte mich vor zwei Jahren noch jemand mit dem Begriff „Ausgangsbeschränkung“ konfrontiert, hätte ich mich ziemlich kräftig darüber aufgeregt. Ich weiß ja sowieso nicht mehr mit wem ich mich identifizieren soll. Verstehen tu ich derzeit so ziemlich alle Seiten. Ich verstehe die Alten, die sich aufregen, wenn die Teenager in den Parks große Partys schmeißen, doch verstehe ich die Teenager, die gerade hormongepumpt sind, nur an erste Erfahrungen mit Alkohol und dem anderen Geschlecht denken, und dann sind sie offiziell dazu verdammt daheim zu sitzen und zu masturbieren. Wäre das meine Jugend, ich würde mich doch auch aus dem Haus schleichen. Es gibt Momente da verstehe ich sogar die Coronaleugner, oder verstehe ich zumindest das Bedürfnis einen Sündenbock, einen Schuldigen zu besitzen. Ist das Gleiche jeden einzigen Schritt der Regierung heftig zu kritisieren. Ich bin auch kein Fan von der Regierung, doch habe ich in meinem Geschäft beobachtet, dass nicht die Regierung allein daran Schuld besitzt, dass die Maßnahmen nicht so funktionieren wie geplant. Aber ich verstehe das Bedürfnis sie zu kritisieren, ich habe es auch!

Dann plötzlich wieder Komplett Lockdown. Na gut. Den ersten Lockdown habe ich noch ausgiebig genutzt um zu schreiben, Musik zu machen, Bücher zu lesen, etc. Doch diesmal bin ich müde. Müde von der Arbeit, müde von den Diskussionen, müde von diesem Jahr. Ich schlafe den Großteil des Tages und bin froh wenn ich einmal pro Tag eine ordentliche Mahlzeit zu mir nehme. Ich will die Zeit nicht mehr nutzen um mich zu verwirklichen, um zu arbeiten, um was weiterzubringen. Der neoliberale Kapitalismus und egoistische Leistungsdruck reitet uns doch eh schon alle ins Grab. Mein Winterschlaf nun liegt also keiner Depression zu Grunde, sondern es ist ein effektives Weigern gegenüber der Gesellschaft so weiterzumachen. Immer nur sich selber zu optimieren und weiterzuarbeiten. Ich will jetzt einfach nur schlafen. Und derweil ich diesen Text schreibe erhellen Blaulichter meine Straße, und ein maskierter Feuerwehrmann klopft an meiner Tür. Es gibt keinen Grund zur Panik, aber in einer Wohnung im Gebäude brennt es. Und das ist mein Alltag im Jahr 2020.

Peter Bevc, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich rede mit vielen Freunden von mir in Telefongesprächen darüber. dass jede Krise auch die Chance auf enorme Veränderungen in sich trägt. Ich wünsche mir ein großes Aufwachen in der Gesellschaft, einen Umschwung, eine Revolution. Ich denke jetzt ist der Zeitpunkt wo wir alle einmal wirklich kräftig darüber nachdenken sollten auf was für einen Weg wir uns alle gemeinsam befinden. Der Coronavirus ist nicht die letzte Herausforderung die der Menschheit gegenübersteht, besonders nicht in Zeiten des Klimawandels, der Umweltverschmutzung, der Flüchtlingsbewegungen, etc. Und keine dieser Probleme wird einfacher zu bewältigen sein in einer Gesellschaft die darauf getrimmt wird nur auf ihre eigenen Bedürfnisse zu schauen, mit dem Ellbogen im Gesicht des Anderen.

Wir müssen umdenken was unsere Konsumverhalten, unsere Selbstoptimierung und unsere Einstellung gegenüber unseren Mitmenschen angeht. Und wir dürfen in dieser Zeit nicht verlernen einander nahe zu sein. Ich will nicht auf eine Welt zusteuern in der man einander nur mehr vorsichtig umarmt. Mein schönster Tag meines erwachsenen Lebens war das Oh Sees Konzert in der Arena Wien am 29.09.2019. Menschen sind von der Bühne ins Publikum gehüpft und sind crowdgesurft, Jugendliche haben gemosht wie Irre und wildfremde Menschen haben ihre T-Shirts weggeschmissen und sich umarmt. In der jetzigen Situation unvorstellbar, doch ich bin optimistisch solche Abende in Zukunft wieder erleben zu dürfen. Doch hoffe ich, dass so eine Offenheit und Freundschaft gegenüber fremden Menschen nicht nur mehr in Rock Konzerten zu finden sein wird, sondern überall. Ich denke es ist jetzt gerade am Wichtigsten im Kollektiv umzudenken, da bleibe ich stur naiv und optimistisch in meinem Hippie Denken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Film, der Kunst an sich zu?

Ich glaube Kunst ist ein ganz wichtiges Werkzeug für viele Menschen für die psychische Heilung. Viele Kunstenthusiasten werden wissen was damit gemeint ist. Ein gutes Buch, ein tiefer Film, eine emotionale Musikkomposition, ein starkes Bild, all das kann einem Menschen viel schenken was man im Alltag vielleicht versäumt wird. Doch auch im Konsum von Kunst wünsche ich mir ein Umdenken der Menschen. Weg von Trillionen Dollar Disney Produktionen, die alle nur Werbung für den nächsten Film sind und verwerfliche amerikanische Werte propagieren, Kinder sollten keine Superhelden zum Vorbild haben, die nur dadurch stark sind, dass sie stinkreich sind und in ein gesellschaftliches Schönheitsideal passen. Menschen sollten sich von Konzernen wie Netflix und Spotify abwenden, die einem die Illusion einer großen Auswahl vermitteln, doch einem eigentlich nur einschränken und per Fließband mit Mittelmaß füttern wie ein medialer McDonalds. Kunst ist wichtig um sich als Mensch weiterzuentwickeln, um Empathie gegenüber Anderen zu lernen, um spirituelle Erkenntnisse zu erlangen, und noch für so viel mehr. Doch sollte man wieder aktiv nach solchen Erfahrungen suchen, anstatt sich von der Konsumballerei der modernen Gesellschaft so ermüden zu lassen, dass man am Abend nur mehr die Energie hat irgendeine hirntote Serie zu schauen und SAGT ER IHR JETZT ENDLICH DASS ER SIE LIEBT ODER NICHT ?!

Was liest Du derzeit?

Habe gerade Antkind vom genialen Filmregisseur und Autor Charlie Kaufman gelesen. Ein sehr monumentales, schwieriges Werk, welches eher umständlich zu Lesen war aber aus kreativer Sicht auch massiv befriedigend. Definitiv kein Einstiegswerk für Menschen, die seine Kunst nicht kennen, doch wer Ihn kennt weiß eh schon ungefähr auf was er sich einlässt. Zwei Bücher die ich seit Längerem nebenbei lese sind „Das Buch der Fünf Ringe“ von Myamoto Musashi und „Die dämonische Leinwand“ von Lotte H. Eisner. Beide Bücher lese ich in der Absicht dadurch ein besserer Regisseur zu werden. „Die dämonische Leinwand“ ist das ultimative Lehrbuch zum deutschen Expressionismus der Stummfilmära, „Das Buch der Fünf Ringe“ ist eine Anleitung dazu ein perfekter Samurai zu werden. Ich habe dieses Jahr beim Dreh meines Kurzfilms „Lichten“ das Gefühl bekommen dass Regisseur sein und Samurai sein vielleicht nicht so weit auseinander liegen. Nur hat man eine Kamera und kein Schwert. Man muss dieses Werkzeug aber sehr präzise und überlegt einsetzen und dabei viel Selbstdisziplin beweisen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„It’s time for a revolution“

-Frank Zappa

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Bevc_Regisseur

Foto_privat.

18.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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