„Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.“ Julia D.Krammer, Schriftstellerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe Ende 2018 begonnen, als freiberufliche Künstlerin zu arbeiten, mein Unternehmen wort.klang (www.wortklang.at) jedoch offiziell erst Anfang 2020 gegründet. Der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für eine Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin, möchte man meinen. Doch ich hatte Glück. Tatsächlich habe ich etliche Wege gefunden, weiterzumachen und viel Unterstützung dabei erlebt – von treuen Kund*innen, Fördergeber*innen, der Familie, Freund*innen.

Julia D.Krammer, Schriftstellerin

Manches hat sich verändert, vieles ist gleich geblieben. Verändert hat sich, dass ich bisher live performte Tätigkeiten in den Online-Bereich verlagern musste. Das hat auch viel Positives für mich bewirkt – ich habe an der Schnittstelle Kunstfilm/Literatur experimentiert und meine Leidenschaft für dieses Medium entdeckt (mein aktuellstes Filmprojekt: https://www.youtube.com/watch?v=e0FaXp8SjGw).

Während des ersten Lockdowns kam es außerdem zu viel Aktionismus in meiner Künstler*innen-Community und zwei großartigen Projekten, die wir über Crowdfunding realisiert haben. Die Solidarität unter den Künstler*innen und der Arbeitswille unter verheerenden Bedingungen haben mich nachhaltig berührt, beeindruckt und geprägt.

Ich habe gelernt: trotz widriger Umstände ist man nicht allein. Es findet sich immer ein Weg.

So entstand „Arbeit statt Almosen“, von Marlen Schachinger initiiert. Das Thema: Frauen in der Literatur. Wir wollten keine Almosen, wir wollten arbeiten (dürfen). Der Output des Projektes hat uns alle überwältigt – es entstanden eine Anthologie (Fragmente – Die Zeit danach, erschienen im Promedia Verlag, Oktober 2020), ein Hörbuch, eine Kinodokumentation. Es folgten Radio-, TV- und Medienpräsenz.

Außerdem war ich Teil des Corpo Colectivo-Teams in der Umsetzung eines Projektes, das sexuelle Selbstbestimmung junger Mädchen und Frauen durch interdisziplinäre Künste förderte (Literatur, Tanz, Theater, Film). „My body (my) Rules!“ ist ein Tanz-Theaterprojekt, das seine Uraufführung – hoffentlich – im Dezember haben wird. Meine Rolle war neben der grafischen Gestaltung der Drucksorten, des Logos und der Give-Aways die literarisch/dramaturgische und stimmtechnische Arbeit mit den Teilnehmer*innen zu den Themen Sexuelle Selbstbestimmung Ausgrenzung, Alltagssexismus.

Da die Theater völlig zugedreht wurden, hat sich in diesem Bereich bei mir das meiste (zum Negativen) verändert.

Auch meine Engagements als Werbesprecherin gingen während des ersten Lockdowns etwas zurück, dafür wurde ich für einige Hörbücher und Voice-Overs gebucht. Glücklicherweise ist mittlerweile auch bei Werbejobs wieder ein Aufschwung spürbar.

Was hingegen gleich geblieben ist:

Ich befinde mich noch immer in der finalen Überarbeitung meines Romanmanuskriptes („Den Körper schreiben die Gedichte“).

Literarische Arbeit ist in meinem Fall immer fragil, sie ist abhängig von günstiger Stimmung, einem bestimmten Lichteinfall, sie ist störungsanfällig, braucht Stille im Kopf und Stille im Außen.

Da sie aber auch einer gewissen Kontinuität bedarf, um sich weiterzubringen, habe ich mir dafür die Morgenstunden und den Vormittag reserviert. Täglich. Unabhängig von meiner Stimmung, unabhängig von meinem Lustempfinden, vom Lichteinfall. Die Kontinuität trickst die Fragilität ein wenig aus – ich arbeite täglich literarisch, doch ich arbeite nur, so lange ich gut vorankomme. Es gibt Tage, an denen nichts funktioniert. Es gibt Tage, an denen ich die Zeit vergesse und wirklich durchgehend schreibe, redigiere, überarbeite, konzeptioniere.

In den Pausen zieht es an die frische Luft – ich gehe spazieren, schwimme, fahre Rad, versuche, das All anzuzapfen auf meinem Balkon mit einer Tasse Kaffee in der Hand (um mir diese Redewendung von meiner Lektorin auszuleihen). Ich habe den Eindruck, dass man aufs Jahr gerechnet eine relativ gleichbleibende Produktivität erreichen kann, wenn man sich nur täglich bemüht.

Sobald die Konzentration nachlässt, wende ich mich organisatorischen Dingen und Nebenprojekten zu; außerdem schreibe ich zahllose Listen (Listen als Lösungsansatz für alle Probleme der Welt);

Ich habe erkannt, dass ich für größere literarische Projekte ungebrochene Zeiträume benötige, in denen kaum Zwischenrufe durch Mails und sonstige Pflichten ertönen, um gut arbeiten zu können. Keine Termine, keine Aufgaben. Kein Prokrastinieren durch Koch-Orgien oder Putzen. Nur der Laptop und ich, ausreichend Kaffee, eine Kanne Tee, meine beiden Kater zur Seite (weil mir Katzen durch ihr permanentes Faulsein immer das Gefühl geben, LEISTUNGSTRÄGERIN zu sein 😊).

Sofern ich Kurse vorzubereiten habe (ich gebe Schreib- und Stimm-/Rhetorik-Workshops), Förderungsanträge zu schreiben, um Stipendien ansuchen muss, die Kuration für Famulus Kaffeehauslesungen oder Sonstiges zu erledigen habe, blocke ich mir daher komplette Zeiträume, in denen ich mich vorwiegend darauf konzentriere. Ich schreibe kurz morgens, der Kontinuität willen, doch nicht zielgerichtet. Um anschließend wieder ungestörte, lange Schreibphasen zu haben.

Wenn sich ein Filmprojekt auf einer meiner Listen befindet, sind Drehen und Schneiden übrigens die einzigen Tätigkeiten, die bei mir so große Sogwirkung und einen ganz natürlichen Flow erzeugen, dass sie nach dem Schreiben funktionieren. Cutting und Schreiben sind Blutsschwestern. Beim Schneiden kennt mein Körper keine Uhrzeit, keinen Hunger, keine Müdigkeit. Schneiden kann ich immer.

Die Wochenenden sind oft meinem Herzensprojekt gewidmet. Patrick Hasler und ich schreiben und illustrieren so genannter Krimidinner-Spiele für Zuhause. Wir haben Ende 2018 „Leichenschmaus“ gegründet (www.leichen-schmaus.at), weil wir selbst nicht genug von diesen kulinarischen Spieleabenden bekommen konnten – seither verbringen wir unsere Freizeit damit, perfekte Morde zu konstruieren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich erlebe diese Krise als unerbittlichen Seismographen für das Richtige und das Falsche. Das ist nicht immer schlecht. Es ist nur manchmal schwer zu ertragen.

Ich spreche übrigens nicht vom moralisch Richtigen, ich spreche von einem Alltags-Check. Ich spreche von der Stabilität der Beziehungen, in denen man sich bewegt. Ich spreche davon, welche beruflichen Standbeine in Krisen das Überleben sichern können. Von Sicherheit. Ich spreche vom individuell wichtig Gewordenen, wenn plötzlich vieles weg ist. Von dem seltsamen Stillstand, der in so vielen Lebensbereichen plötzlich eingetreten ist, mit dem man nie zuvor umgehen musste, weil alles ein sich drehendes Hamsterrad war. Ich spreche von den ersten drei Personen, die man anruft, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, wenn ein Attentäter willkürlich auf Menschen schießt.

Das alles erfordert Innenschau und Resilienz, noch nie musste ich mir so direkt ins Gesicht sehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele von uns ihre Sprache, ihre Verständlichkeit, das Gemeinsame verloren haben, wenn sie von ihren Sorgen berichten. Die Kommunikationsfähigkeit hat gelitten.

Wir erleben die Krise völlig individuell – manche langweilen sich, manche fürchten sich, halten die Familie nicht aus, die sie in die Welt gesetzt haben. Andere gehen unter in Arbeit oder erleben völlige Isoliertheit, sind einsam bis zum Zerbrechen. Manche haben Todesangst, manche sind stoisch, manche unterdrücken. Oft kann man sich nur schwer begreiflich machen, weil das Gegenüber in seiner eigenen Wahrheit so verhaftet ist, dass aufrichtiges Zuhören nicht möglich ist. Man muss sich langsam wieder zusammensetzen.

Ich selbst habe gerade in Bezug auf meine Beziehungen die größten Überraschungen (und Enttäuschungen) erlebt.

Freundschaften, die man zuvor als stabil eingestuft hätte, erweisen sich als nicht krisenresistent, andere dafür als umso tragender. Gerade, wenn sich eine Beziehung als völlig kräftezehrend herausstellt, sind Freundeskreis, ein erfüllender Beruf und Familie die Säulen, die das Durchkommen sichern können. Neben Gesundheit (sofern vorhanden).

Wenn mehrere Säulen gleichzeitig wegbrechen – zB. finanzielle Sicherheit/Beruf UND zu Bruch gegangene Ehen oder Liebesbeziehungen, man dann vielleicht auch noch erkrankt und völlig allein ist, ist es wirklich schwierig, sich wieder zusammenzusetzen.

Wenn du mich also fragst, was für uns alle wichtig ist: Lebensfreude suchen, Lebensfreude erhalten. Jeden Tag etwas Schönes tun. Stabile Beziehungen pflegen. Instabile Beziehungen ziehen lassen. Denn niemand weiß, wie lange wir uns noch in dieser Situation befinden werden. Alles, was Kraft gibt, sollte man deshalb kultivieren und hegen.

Was ich grundsätzlich im Umgang miteinander in dieser Situation wichtiger denn je einstufen würde: Einander zuzuhören. Empathie. Respekt. Ein gutes soziales Netz. Solidarität unter Kolleg*innen. Zusammengefasst: Menschlichkeit.

Ohne Menschlichkeit sind wir verloren, ohne Menschlichkeit bleibt kein Grund, zu hoffen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist seit jeher Stimme und Abbild der Gesellschaft gewesen, als solche wird sie weiter ihre Aufgabe erledigen. Sie wird sich durchsetzen und nicht untergehen, denn wir Künstler*innen können ohne sie nicht existieren. Wir werden bis zum Letzten kämpfen.

Kunst ist für mich nie Selbstzweck, Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.

Ich denke, wir werden ganz allgemein jedoch nicht um eine gewisse Flexibilität herumkommen. Starres Festhalten am Davor, furchtsame Blicke in die Zukunft, Angst – das waren schon immer schlechte Ratgeberinnen, die den Menschenverstand völlig aushebeln. Ich glaube außerdem, dass es wichtiger den je ist, kritisch zu bleiben. Sich auf eigene Werte zu besinnen und diesen treu zu bleiben. Wir werden neugierig sein müssen, werden scheitern, werden uns aufrappeln, werden wieder von vorne beginnen. Werden Lösungen finden. Wir sind anpassungsfähige Wesen, so wir werden auch diese Phase überstehen. Natürlich wird es jene geben, welchen die Anpassung unmöglich ist – ich hoffe inständig auf ein gesellschaftliches Hin zu mehr Solidarität. Ohne wird es nicht gehen.

Was liest Du derzeit?

Ach. Das ist eine erbauliche Frage! Auf meinem Tisch liegen immer fünf bis sieben Bücher; derzeit gibt es drei, denen ich mich regelmäßig zuwende – „Miroloi“ von Karen Köhler. „Die Bienen und das Unsichtbare“ von Clemens J. Setz. „Lavendellied“ von Elke Laznia.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil es so passend ist in diesen Zeiten:

„Das Innere ist aufgewühlt. Als hätte sich eine Hand in mich gegraben und meinen Blick verschoben. Ich stehe still, und es fühlt sich verlernt an, nach all den Jahren.“

Helene Bukowski, Milchzähne

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen, vielfältigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia D.Krammer, Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin

http://www.wortklang.at/?fbclid=IwAR3YvgDUzjA0bVBaeeBUX46p_i8ohVpqqGlHAGIeGt18aQQpuxSabtUkCV8

Foto_privat.

5.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.“ Julia D.Krammer, Schriftstellerin _ Wien 22.11.2020

  1. Großartig liebe Julia, Mut, Vertrauen in die eigenen Fähigkeite, ein starkes soziales Netz, Bereitschaft zum Risiko, voller Einsatz, ein Quäntchen Glück … dein Erfolg ist sichtbar
    Alles Liebe

    Gefällt 1 Person

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