„Nicht nur in Zeiten der Übersterblichkeit zielt Schreiben auf Unsterblichkeit ab“ Pino Dietiker_Schriftsteller _ Aarau_26.8.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch den Lockdown bin ich sesshaft geworden, ich haste nach dem Aufstehen nicht wie ehedem in ein Büro oder eine Bibliothek, sondern setze mich an den Schreibtisch in meiner Wohnung – und staune, wie produktiv ich bin.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kurzfristig natürlich: Hände waschen, Masken tragen, Abstand halten. Langfristig wünsche ich uns allen, besonders aber der jüngeren und jüngsten Generation eine große Aufmerksamkeit und ein gutes Gedächtnis, denn um die Erinnerungen der letzten Corona-Zeitzeugen wird man sich dereinst reißen. Ich verfolge diese denkwürdigen Zeiten mit einem historischen Interesse an der Gegenwart.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich erwarte weniger einen Neubeginn als vielmehr jenen ›Restart‹, als der die Wiederaufnahme der Fußballmeisterschaften nach der Corona-Pause bezeichnet wurde. Die Literatur wird ihre innovatorische wie ihre konservatorische Funktion behalten: Sie ist für mich Sprachforschung in dem Sinne, dass sie neue Ausdrucksweisen unter Laborbedingungen erprobt, und sie ist mehr als jede andere Kunstgattung berufen, Vergehendes festzuhalten und Vergangenes zum Leben zu erwecken. Nicht nur in Zeiten der Übersterblichkeit zielt Schreiben auf Unsterblichkeit ab.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich las kürzlich »Tage wie Hunde«, Ruth Schweikerts Buch über ihre Krebserkrankung, und vertiefte mich wieder einmal in das Werk von Hermann Burger: Sein Wortbildungsfuror zeitigte neuartige Krankheiten wie die »Unterleibsmigräne« oder den »Morbus Lexis«, auch »Leselosigkeit« genannt, und eine seiner Romanfiguren ist ein »Omnipatient«.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Ich rühre mich nicht von Rüschlikon – auch der Grippe wegen, die in Zürich noch immer haust«, schrieb Stefan Zweig im Sommer 1918 in einem Brief an seine Freundin und spätere Frau Friderike. Er hielt sich damals für längere Zeit in Rüschlikon bei Zürich auf, und als in der Stadt die Spanische Grippe grassierte, ergriff er dieselben Vorsichtsmaßnahmen, die heute gegen das Coronavirus empfohlen werden: Homeoffice und Social Distancing. Dass man von einem 1942 verstorbenen Autor lernen kann, wie man sich vor der Coronavirus-Krankheit-2019 schützt, ist für mich der ultimative Beweis für den überzeitlichen Erkenntniswert der Literatur. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind systemrelevant über den Tod hinaus.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Pino, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pino Dietiker, Schriftsteller

Foto: Roman Gaigg

 

23.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Was wären wir alle die letzten Wochen ohne gute Bücher, Filme oder Musik gewesen?“ Sophia Julia Schützinger_ Schauspielerin_München 25.8.2020

Liebe Sophia Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Definitiv strukturierter. Während einer gewöhnlichen Spielzeit habe ich im Grunde für nichts Zeit. Meine Tage und Wochen sind natürlich normalerweise von Proben, Vorstellungen, Auditions und meinem Studium bestimmt. Persönliche oder berufliche Projekte werden dabei meist auf die lange Bank geschoben, mein Leben folgt dabei keinem bestimmten persönlichen Rhythmus, freie Zeit gibt es kaum. Der Beruf steht über allem. In Zeiten wie diesen, in einer solchen Krise, hat man ja erzwungenermaßen mehr freie Zeit. Wenn ich die nicht strukturieren würde und meine Pläne und Projekte priorisieren und detailliert ausarbeiten würde, würde ich glaube ich emotional in ein Loch fallen und an meinen Träumen, sowie meiner Zukunft zweifeln. Ich brauche meine Arbeit und kann so, wenn alles wieder in seine gewohnten Bahnen zurückkehrt, endlich meine schon lang geplanten Projekte in die Tat umsetzen. Momentan stehe ich jeden Tag morgens um dieselbe Uhrzeit auf, verwirkliche für einige Stunden ein neues literarisches Projekt, nehme dann an Online-Meetings für mein Studium teil und bereite neue Texte für neue Auditions vor. Außerdem arbeite ich viel an und mit meiner Stimme, gesanglich, sowie als Sprecherin und versuche meine Leistungen zu optimieren. Familie und Freunde dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen, wenn auch meist nur auf Distanz, zum Beispiel über einen Videoanruf.

 

Sophia Julia Schützinger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In erster Linie, die Ruhe zu bewahren. Eine gewisse Vorsicht, Wachsamkeit und Rücksicht sind zweifellos von großer Bedeutung. Panik bringt uns alle aber nicht ans Ziel. Ich denke, es ist einfach wichtig, sich die aktuelle Situation bewusst zu machen und für sich selbst einen geeigneten Weg zu finden, damit umzugehen. Vielleicht hilft uns diese Entschleunigung, wieder etwas mehr zu uns selbst zu finden, zu erkennen, wer und was uns im Leben wirklich glücklich macht und wie wir unser Leben nach der Krise weiter fortsetzen wollen. Liebe und Solidarität stehen hierbei ganz oben auf der Liste.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich bin der Meinung, dass die Kunst in jeglicher Form, ganz besonders aber die Arten, die während der Corona-Krise nicht auf herkömmliche Weise ausgeübt werden konnten, für uns persönlich, aber auch für die Gesellschaft kulturell von noch größerem Wert sind. Gerade das Theater spielt für mich hierbei die Rolle einer Art Vermittlerinstanz, wenn die Kunst endlich wieder auf ihr Publikum trifft. Es hat mir persönlich so unglaublich gefehlt auf der Bühne zu stehen und mit all meinen großartigen Kollegen und Freunden in einer Produktion alles zu geben. Wesentlich sollte bei einem Neubeginn sein, dass wir alle das Leben und die Kunst wieder mehr zu schätzen wissen, denn genau so wesentlich ist die Kunst als Bestandteil unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Und das nicht nur für uns Künstler. Was wären wir alle die letzten Wochen ohne gute Bücher, Filme oder Musik gewesen? Das sollte auch bei einem Neubeginn nicht vergessen, sondern viel stärker berücksichtigt werden, als zuvor.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ein guter Freund hat mir vor kurzem das Buch „Ich war mein größter Feind“ – Die Autobiographie von Adele Neuhauser geschenkt, um mich auf meinem Weg als Schauspielerin zu unterstützen und weil ich persönlich ein unglaublicher Tatort-Fan bin und Adele Neuhauser in ihrer Ermittler-Rolle als Bibi Fellner im Wiener Tatort wahnsinnig beeindruckend finde. Dieses Buch ist sehr emotional geschrieben und fasziniert mich. Grundsätzlich interessieren mich die Geschichten hinter den Menschen und ich lasse mich davon immer gerne inspirieren.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte gerne eine Textstelle aus dem Lied „Bonnie“ meiner Lieblingsband Kollektiv22 mit Euch teilen:

„Es geht nicht weiter als zum Horizont, also muss ich meinen Horizont erweitern.“

Ich denke, dieses Zitat trifft auf uns alle zu und zeigt uns, dass wir auch in einer Krise wie dieser, nicht verzweifeln, sondern unseren Horizont einfach erweitern und bisherige individuelle Grenzen überschreiten sollten. Mir persönlich bedeutet auch die Lebensweisheit eines Freundes von mir unglaublich viel, weil ich mir diese immer wieder zu Herzen nehme, wenn es mir gerade nicht gut geht oder ich nicht weiterweiß: „Das Leben ist ein Keks.“:)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sophia Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sophia Julia Schützinger, Schauspielerin – u.a. an der Bayerischen Staatsoper München /Synchronsprecherin

https://www.sophiajuliaschuetzinger.com/biographie

Foto_Martin Erker (2019)

 

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

„Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit“ Lisai Luftvogel_ Schriftstellerin_ Ferrara_ 24.8.2020

Liebe Lisai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Lockdown war in Italien besonders hart. Bewegung war auf einmal ein wesentliches Bedürfnis geworden, das ich vorher nicht so wahrgenommen hatte. Die Straße vor der Haustür immer wieder auf und abgehen, damit das Immunsystem fit bleibt, das war von März bis Mitte Mai meine täglich wichtigste Aktivität gewesen. Schreiben und Lesen konnte ich nicht mehr, bis ich wieder aus der Stadt raus durfte.  Jetzt bewege ich mich weniger, draußen ist es heiß und ich bin faul geworden. Aber ich schreibe und lese wieder. In Italien sind wir gerade in der Sommerpause. Ich gehe kaum außerhalb essen, auf keine Konzerte oder auf Gartenfeste bei Freunden. Nachts ist es nicht so laut wie jeden Sommer, keine laute Musik, kein Gebrüll von jungen Leuten. Zweimal wöchentlich gebe ich auf Zoom einer Anfängergruppe Deutschunterricht. Tagsüber überarbeite ich meinen Roman.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kraft zu sammeln, Ruhe zu bewahren und sich genug zu bewegen.

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor dem Neubeginn müssen wir wahrscheinlich erst noch durch eine harte Krise. Die Pessimisten warten hier schon auf das Schlimmste. Ich liege irgendwo dazwischen. Kreativität ist da besonders wichtig, nicht nur für die Kunst, aber auch Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit.

 

 

Was liest Du derzeit?

„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff, „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk, „Frühlingserwachen“ von Isabelle Lehn

 

 

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. Wieder änderst du die Richtung. Und wieder schlägt der Sturm den gleichen Weg ein. Dies wiederholt sich Mal für Mal, und es ist, als tanztest du in der Dämmerung einen wilden Tanz mit dem Totengott. Dieser Sturm ist jedoch kein beziehungsloses Etwas, das irgendwoher aus der Ferne heraufzieht. Eigentlich bist der Sandsturm du selbst. Etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als dich damit abzufinden und, so gut es geht, einen Fuß vor den Anderen zu setzen, Augen und Ohren fest zu verschließen, damit kein Sand eindringt, und dich Schritt für Schritt herauszuarbeiten. Vielleicht scheint dir auf diesem Weg weder Sonne noch Mond, vielleicht existiert keine Richtung und nicht einmal die Zeit. Nur winzige, weiße Sandkörner, wie Knochenmehl, wirbeln bis hoch hinauf in den Himmel. So sieht der Sandsturm aus, den ich mir vorstelle. Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fließen, auch dein eigenes. Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit beiden Händen auffangen. Es ist dein Blut und das der Vielen. Auch wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr Derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.“

Haruki Murakami, “Kafka am Strand“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisai Luftvogel, Schriftstellerin

Lisei Luftvogel schreibt gerade an ihrem Roman „Verrückung“. Über die Suche einer Kulturwissenschaftlerin nach ihrem Revoluzzer-Vater und zu sich selbst in einer Parallelwelt, die sich immer nur stückweise enthüllt. Eine Reise von Berlin über Damaskus und Beirut vor dem arabischen Frühling.

Foto_privat.

 

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

„Zu wissen, wer ich bin, welche Bedürfnisse ich habe, welche Kompromisse ich eingehen will oder muss“ Barbara Ambrusch-Rapp, Künstlerin_ Velden/Wörthersee _ 23.8.2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diesen einen Ablauf, der auf die meisten meiner Tage zutrifft, gab es seit Jahren nicht mehr und gibt es auch derzeit nicht. Nun ja, doch, da gibt es was: Meist stehe ich früh am Morgen auf. Vor allem zu Schulzeiten, wenn meine Tochter aus dem Haus muss. Aber eigentlich fast immer, weil ich wenig Schlaf brauche und die Morgenstunden irgendwie noch frisch sind, der Tag noch so jungfräulich ist. Im Idealfall habe ich an Vormittagen Zugang zu mindestens drei Tassen Kaffee schwarz. Oft geht sich das gut aus, etwa wenn ich am PC arbeite und das tue ich oft. Da ich neben meinem freien Kunstschaffen auch als Kuratorin arbeite, Kunstprojekte und Workshops organisiere und für Kultureinrichtungen tätig bin, habe ich naturgemäß viel Schreibarbeit und Bürokram zu erledigen. Das allermeiste erfüllt mich mit Freude, Buchhaltung und dergleichen nicht so sehr. Wenn Ausstellungen oder Auftragsarbeiten anstehen, arbeite ich im Atelier, bei größeren Projekten draußen in der Garage oder im Carport. Da gibt es keine fixen Zeiten, das können manchmal acht Stunden am Stück sein oder auch immer wieder zwischendurch ein Stündchen, je nach Technik und Zeitdruck. An den Abenden bin ich immer wieder bei Vernissagen und Kulturveranstaltungen im Einsatz. Während der „Corona-Intensiv-Phase“ fiel dieser Teil meiner Arbeit und meine Workshops an Schulen komplett aus. Seit Mai geht es aber wieder los, ziemlich dicht sogar, dichter als erwartet. Zum Glück geht sich irgendwie auch Zeit für die Familie aus, im Sommer draußen auf der Terrasse mit einem Glas Wein und Sonnenuntergang oder bei gemeinsamen Aktivitäten. Das ist wichtig! Mir zumindest. Ich glaube, dass ich andernfalls mit der Zeit ganz schön schrullig werden würde…

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kann ich Prioritäten, die „für uns alle“ jetzt wichtig sind, tatsächlich allgemeingültig definieren? Oh, das ist mir ein Ding der Unmöglichkeit! Was sowieso immer wichtig ist: Ein Gespür für sich selber zu bekommen, was im stressigen Alltag oft untergeht. Zu wissen, wer ich bin, welche Bedürfnisse ich habe, welche Kompromisse ich eingehen will oder muss und wie ich mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten möchte, ist meiner Meinung nach die Basis für alles, was mein Dasein ausmacht. Und in weiterer Folge die Basis für alles, was ich in meinem nahen und weiter gefassten Umfeld bewirken kann.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich bin ja der Meinung, dass jeder Mensch zu verschiedenen Zeiten und nicht nur einmal vor einem Aufbruch und Neubeginn steht, je nach persönlicher Lebenslage. Aber gut, stimmt schon, es ist derzeit pandemiebedingt auch die kollektive Zäsur ein großes Thema. Da gibt es offenbar viele verschiedene Ansätze und Wünsche an das Danach. Schön wäre es, wenn diese Zeit des verordneten Rückzugs eine nachhaltig wirkende Besinnung auf das Wesentliche verursachen würde. Und aus dieser heraus, aus der verstärkten Wahrnehmung dessen, was das Leben wirklich ausmacht, könnte sich eine von vielen Menschen breit mitgetragene Haltung entwickeln, die sowohl für das Individuum als auch den Großteil der Gesellschaft und für unseren Planeten, auf dem wir alle leben, positive Entwicklungen ermöglicht. Ach, du meine Güte, was klingt das pathetisch (lach)!

Kunst spielt viele Rollen und völlig unterschiedlich gestrickte Mitspielende tummeln sich in diesem großen Theater, deshalb möchte ich ihr keine allgemeingültige Aufgabe zuteilen müssen. Ich kann nur für meinen Zugang sprechen und der fokussiert sich seit längerer Zeit und immer noch auf die Sichtbarmachung von Themen, die gerne weggeschoben werden, über die nicht gerne gesprochen wird, weil sie entweder viel zu weit weg von eigenen Lebensrealitäten sind oder andersherum, viel zu nahe. So nahe und womöglich unbequem, dass sie lieber ausgeblendet werden, als in ehrlicher Auseinandersetzung bearbeitet. In meiner Arbeit greife ich solche Themen auf, im Idealfall als Brücke und Einladung, wieder mal darüber zu diskutieren und sich vielleicht doch auch im ganz Privaten erneut damit zu beschäftigen.

 

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Was liest Du derzeit?

Nach dem für mich überraschenden Fallen ins Luftlose während des Lockdowns und der – großteils terminlich bedingten – enorm dichten Aufholarbeit seit den Maßnahmenlockerungen brauche ich zwischendurch grad etwas zum Herunterkommen: Einen Ratgeber zur naturnahen Gartenarbeit.
Daneben liegt, zum nochmaligen Lesen: Die Wand, Marlen Haushofer

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Ambrusch-Rapp_Künstlerin_Multimediakunst und Kulturarbeit

https://barbara-rapp.com/

 

Alle Fotos_Marcel Ambrusch

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Forelle“ Leander Fischer. Roman. Wallstein Verlag.

 

„Die Forelle“ Leander Fischer. Roman. Wallstein Verlag.

„Abends gingen wir zum Fluss. Auf einer Brücke hieß mich Ernstl zu warten. Ruhig war die Wasseroberfläche. Sie spiegelte die grünen Lindenblätter, auf denen wiederum tiefgelbe Reflexe des Sonnenuntergangs spiegelten. Es roch klar und rein. Plötzlich ein Plantschen. Das Schlagen einer Schwanzflosse…“

Es gibt hier nichts zu gewinnen. Hier am Fluss. Genau so wenig wie überall. Aber im Fluss ist Leben. Und rundherum auch. Zumindest ein wenig. Da ist der Alkohol im Gasthaus. Der Doppler. Und dort ist die Musik. Die Musik ist weiter weg vom Leben aber bezahlt Rechnungen. Mehr nicht. Die Träume werden bezahlt mit jeder Stunde in der Musikschule. Um nicht unterzugehen, braucht es etwas. Den Fluss. Und das Fischen. Eine „Gentlemenbetätigung“. Leben  – nicht sterben oder töten. Da und dort. Der Ernstl weiß das, lebt das, mit all dem Alkohol. Und der Siegi blickte lange hinüber zum Fluss. Und jetzt ist er da. Nah am Geheimnis. Nah an der Kunst des Fliegenfischens. Des tanzenden Lebens. Des Augenblicks. Des Sehens. Des Staunens. Des Nicht-Verstehens. Und vielleicht näher am Leben als er jemals war…

 

Der österreichische Schriftsteller Leander Fischer, Deutschlandfunk Preisträger 2019 in Klagenfurt, legt mit „Die Forelle“ einen Roman vor, der in Sprachkraft und Lebensaufmerksamkeit begeistert. Es ist ein einmaliger Erzählrhythmus, der in einen wunderbaren Sog der Ruhe und Spannung führt, um dann ein Sprachdynamit zu zünden, welches das Leben in aller Unergründbarkeit wie Abgründigkeit in Wortgewalt explodieren lässt. Das ist einzigartig in der modernen Literatur. Hier hat ein Autor alles in der variantenreichen Schreibfeder was Form und Inhalt eines Romans brauchen und er spielt damit gekonnt wie ein Fliegenfischer. Lässt die Worte über die Seiten tanzen und uns LeserInnen staunen.

 

„Rhythmus und Dynamit. Wenn Leander Fischer schreibt, ist das ein Sprachereignis der Sonderklasse!“

 

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„Weiterschreiben und weiter davon träumen, dass es wieder eine Zeit der Umarmungen und der vollen Kinos, Theater und Konzertsäle geben wird“ Gabriele Kögl, Schriftstellerin_Wien 22.8.2020

Liebe Gabriele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen und hoffen, ich hätte das ganze Corona-Zeug nur geträumt. Dann die Nachrichten einschalten und feststellen, dass der Albtraum erst anfängt. Dann nicht aufräumen, nicht putzen, nichts aussortieren und nichts kochen. Jeden schönen Tag nützen, an dem ich zum Wirt’n gehen kann und er mir im Gastgarten etwas servieren darf. Und: weiterschreiben, administrieren und weiter davon träumen, dass es wieder eine Zeit der Umarmungen und der vollen Kinos, Theater und Konzertsäle geben wird.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Keine Ahnung, für jeden wohl etwas anderes. Ich erlebe immer wieder Menschen, die in eine regelrechte Corona-Idylle verfallen sind: Biedermeierliches Kochen und Spazierengehen, keine Menschen außerhalb der Familie mehr treffen. Nirgendwo mehr hinfahren, nicht einmal an einen See. Ich mochte mein Leben vor Corona: Nach dem Schreiben ins Kaffeehaus gehen, Freunde und Freundinnen treffen und vor allem Kino, Theater, Lesungen besuchen. Ich finde es befremdlich, wenn das jemandem nicht fehlt. Und mir wird fremd, wer die Sehnsucht danach nicht hat.

 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein, und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Subversiv zu bleiben. Immer! Alles in Frage zu stellen, auch jetzt, auch das scheinbar Selbstverständliche, Logische, Unzweifelhafte.

Kunst ist der schmale Grat zwischen Zweifel und Verschwörung.  

 

 Was liest Du derzeit?

„Schäfchen im Trockenen“  von Anke Schelling, und „Von schlechten Eltern“ von Tom Kummer.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther gesagt haben. Und wenn er es nicht gesagt hat, so pflanze ich trotzdem eines. An jedem Tag, der hoffnungslos scheint.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Gabriele, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gabriele Kögl, Schriftstellerin

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=5389

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21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Weiter Geschichten vom Leben, vom Lieben, vom Leiden, vom Überwinden und von der Hingabe erzählen…“ Anja Herden, Schauspielerin_Hannover 21.8.2020

Liebe Anja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vielleicht ist diese Antwort inzwischen – ca, 3 Monate nach dem Lockdown – nicht mehr besonders interessant, denn gerade jetzt bin ich im Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel – dh: ich schlafe, schwimme, lese, esse, schaue auf’s Meer und in den Sternenhimmel und bin dankbar und glücklich – für alle gerade ‚Nicht-auf-der-Insel-Anwesenden‘ also ein denkbar uninteressanter Tagesablauf ; ) …bestimmte Formen des Glücks, sind ja so fein und innerlich, das es tatsächlich auch nur wenig Spannendes darüber zu berichten gibt.
Während des Lockdowns, den ich in Hannover verbrachte, da ich seit Juli 2019 dort im Engagement am Staatstheater Hannover bin, war mein Tagesablauf, wie bei den meisten Menschen, auch recht unspektakulär und hatte ebenfalls viel mit lesen, schlafen, kochen & essen zu tun – hinzu kamen stundenlanges Radio-hören, joggen, Renovierung & Instandsetzung von Dingen und Räumen, die lange schon darauf gewartet hatten renoviert und instandgesetzt zu werden.

Aber wichtig zu sagen ist vielleicht; das ich trotz all der Sorgen und der vielen Fragezeichen die uns die Corona-Situation beschert hat, den ‚Stillstand‘ sehr genossen habe (natürlich nur, weil ich in der privilegierten Situation eines Festengagements bin und deshalb nicht, von einem Tag auf den anderen vor dem finanziellen Super-Gau stand, wie viele freischaffende Kolleg*innen – darüber war und bin ich mir immer sehr bewusst!).

Aber was ich daher genossen habe war, das das Hamsterrad einfach mal aufgehört hat zu drehen…Das man nichts liefern muss… Das nicht dauernd alles bewertet und verglichen wird. Das wir alle für diesen Moment einfach nur ’sind‘ – ein ‚Geworfen-sein‘ in dem man sich auf eine merkwürdige Weise aufeinander besann….
Ein Gespür für die Fragilität des Seins, das – für einen Moment – auch eine besondere Nähe, trotz all der neu zu lernenden Distanz, geschaffen hat… so jedenfalls ging’s mir in Hannover.

Dann begannen Mitte Mai, wieder die Proben – natürlich war alles anders.
Es gibt nun Hygiene-Konzepte und pandemische Vorkehrungen allüberall, die das proben etwas gewöhnungsbedürftig machten, aber an und für sich, war alles wie gehabt.
10:30 – 14:00 Probe – PAUSE – 18:00-21:00 Probe – Business as usual also – nur das die Stimmung eine sehr andere war. Auch fragil – aber anders fragil als zuvor während des Lockdowns. Eher sehr empfindlich. Überempfindlich gar ?! Oder vielleicht eher verunsichert…. Irritiert voneinander… ?! Die Sorgen und Ängste die uns ja alle umtreiben, insbesondere uns – wahrscheinlich letztendlich tatsächlich – ‚Nicht-Systemrelevanten‘ und das ständige gemeinsame spekulieren, machen einen ja
auf Dauer mürbe und trostlos.

Den Juli habe ich in Salzburg verbracht und dort am Mozarteum einen 4-wöchigen Workshop für Studierende des 2. & 3. Jahrgangs gegeben. Wir haben an Shakespeares Othello gearbeitet und dies waren lange, inspirierte, fleißige und sehr erfüllte Tage – mein Tag begann um 9:00 im Salzburger Volksgartenbad mit einer Stunde schwimmen. 13:00-20:00 Workshop.
21:00 Abendessen und nachbearbeiten der Proben.
Und jetzt – wie gesagt: Müßiggang auf griechischer Insel.
Ab 22.September dann wieder Proben in Hannover, wie gehabt.
Am 19. Oktober Premiere. ‚Dance Nation‘ Regie: Stephan Kimmig
https://www.staatstheater-hannover.de/de_DE/programm-schauspiel/dance-nation.1224770

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wie immer, aber jetzt noch mehr: Achtsamkeit. Rücksichtnahme. Empathie. Respekt….und Mut. Und Liebe. Und Großzügigkeit… dieses mitunter-großzügig-sein, wird mir immer wichtiger …ich muss das auch lernen. Großzügig sein, im Zulassen anderer Bedürfnisse, Meinungen und Ängste…. das heißt NATÜRLICH NICHT den zerstörerischen, den Menschenverachtenden, den aktuelle-Diskurse-verweigernden, den Macht-besessenen, den Hass-predigenden, und all den rassistisch, antisemitisch, sexistisch und/oder homophob konnotierten Kräften, das Feld ‚großzügig‘ zu überlassen – es soll nur heißen; großzügig denen gegenüber zu sein, die sich vielleicht auf der Suche nach Positionierung, vor lauter diffusen und/oder konkreten Ängsten, Sorgen, und
Überforderungen in ‚einfachen Erklärungsversuchen‘ verlieren und verstricken… diesen Stimmen zuhören…etwas dagegensetzen… zB Theater (!) um sie nicht zu verlieren… und sich selber nicht in Selbstgerechtigkeit zu verlieren.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ah ! Quasi schon beantwortet (s.o.) ; )
Nicht aufgeben !
Zeigen, dass wir genau das tun: Die Fahne für das ‚Nicht-wirtschaftlich-sein‘ und deshalb ‚Nichtrelevant-sein‘ hochhalten. Weitermachen ! Weiter Geschichten vom Leben, vom Lieben, vom Leiden, vom Überwinden und von der Hingabe erzählen… Weiter singen. Weiter tanzen. Weiter dichten. Weiter musizieren. Weiter einander zum Lachen bringen. Zum Weinen. Zum Nachdenken. Zum Zweifeln. Zum Durchhalten. Zum jetzt-erst-Recht. Zur Hoffnung.
Zum für-ein-paar-Stunden-Vergessen !
Vielleicht besteht sogar eine Chance jetzt, das wir uns besinnen auf Themen – und nicht nur auf Erfolg und auf das Streben nach ersten Plätzen in Theater-Hitparaden…nach Preisen und Auszeichnungen. Vielleicht ist da wirklich eine Chance über Begegnung mit dem Publikum nachzudenken! Das fehlt so oft. Das geht so oft verloren. Und das dürfen wir ja – gerade jetzt – nicht aufgeben! …Wie es Pina Bausch, ein für alle mal perfekt auf den Punkt brachte: ‚Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren‘ !!!!!!

 

Was liest Du derzeit?
Die Terranauten, T.C Boyle & Portnoys Beschwerden, Philip Roth

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ah ! – Schon wieder hab ich es bereits zuvor beantwortet:
‚Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren‘ – Pina Bausch

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Anja Herden, Schauspielerin

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„Die Ballade von Jethro Tull“ Ian Anderson/Mark Blake. Autobiographie. Hannibal Verlag.

 

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„Ich wuchs in Schottland in einem Haus auf, in dem ich mich als Einzelkind fühlte. Meine beiden Brüder waren viel älter als ich…Mit neun bekam ich die erste Rock-Scheibe…“

So beginnt der schottische Musiker und Komponist Ian Anderson seinen autobiographischen Rückblick auf die ersten Zugänge und Berührungspunkte mit moderner Rock-Musik. Der 1947 geborene Anderson gründete mit zwanzig Jahren die Band Jethro Tull. Sein Gesang wie besonders sein Querflötenspiel wurden zum markanten Ausdruck einer der prägendsten und einflussreichsten Bands der Musikgeschichte. Jethro Tull ging unkonventionelle Wege in Musikstil, Idee und Variation und begeisterte wie begeistert das Publikum bis in die Gegenwart.

Die vorliegende Autobiographie ist eine weitere beeindruckende bibliophile Ausgabe des hannibals Verlages, welche Herz und Seele von Musik und Buchdruck begeisternd verbindet.

Beeindruckend ist auch die Fülle von Fotomaterial, welche Bandleben wie Bandgeschichte dokumentieren. Unglaublich was hier aus privaten Fotoalben, Konzertimpressionen wie Dokumenten ans Licht gebracht wurde und staunend blättern lässt. Es ist ein Lebendigwerden einer Epoche, welches hier zu bestaunen und genießen ist und das weit über eine herkömmliche Autobiographie hinausgeht. Vielmehr verbindet es wie die Musik Jethro Tulls Variationen von Wort und Bild und bietet so einen Erlebnisraum, der einem Konzert und dessen Fülle von Eindrücken sehr nahekommt.

Der hannibal Verlag setzt hier Maßstäbe modernen Präsentationsstils und zeigt damit auch wie lebendig und faszinierend Buchkultur sein kann.

 

„Ein faszinierendes Ereignis moderner Autobiographie und Buchkultur.“

 

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„Die Vermittlung von Literatur und Kunst gehört verstärkt in der Schule verankert“ Friedrich Hahn, Schriftsteller_Wien 20.8.2020

Lieber Friedrich, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zugegeben: Es hat schon einige Zeit gebraucht, dass ich mir jetzt wieder etwas selbstverständlicher geworden bin. Aber mein jetziger Tagesablauf ist nicht viel anders als vorher. Die Bedingungen als Schreiberling sind ja der einer Quarantäne nicht unähnlich. Ich bin Frühaufsteher, schreibe ca 2-3 Stunden, dann ist es 10. Bis Mittag kümmer ich mich um Anstehendes: Organisatorisches, Buchhaltung, all diese Dinge. Momentan bereite ich die 25.dichte®meile vor (22.11.) und meinen letzten Textvorstellungstermin (10.9.). Nach 20 Jahren als Redakteur der Alten Schmiede (mit über 80 Veranstaltungen, bei denen ich mehr als 250 AutorInnen mit ihren Neuerscheinungen vorstellte) ist jetzt leider Schluss. So lichten sich die Tätigkeiten neben dem Schreiben. Auch mein Workshop an der Akademie Geras (9.-14.August) wird wahrscheinlich mein letzter sein.

Was der Virus sonst mit mir gemacht hat? Ich bin geduldiger geworden, musste geduldiger werden. Im Februar/März hätte mein neues Buch ERZÄHL MIR NICHTS, meine 42 Einzelveröffentlichung erscheinen sollen. Blöderweise wurde es in Deutschland gedruckt. Lange konnte die fertige Auflage nicht über die Grenze, jetzt hängt es irgendwo im Verteilerzentrum Inzersdorf. Dinge brauchen jetzt eben vielleicht mehr Weile als sonst. Als 68-Jähriger, noch dazu durch ein welkes Bein etwas bewegungseingeschränkt, ist man darüber nicht unfroh.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte mir nicht anmaßen, für UNS ALLE zu sprechen. Was mich betrifft: Geduld. Und Disziplin.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wie ich schon in der Beantwortung deiner ersten Frage angedeutet habe, werden wir klarer sehen, was wirklich wichtig ist. Und was wir bisher als Ballast mit uns herumgeschleppt haben. Wir sind gezwungen, innezuhalten. Und darüber nachzudenken, was uns guttut beziehungsweise was wir brauchen, um vielleicht das zu erreichen, was wir Glück nennen. Shit. Wie ich das schreibe, komme ich mir wie ein Prediger vor. Also vergiss es. Wem Bücher bisher egal waren, werden sie auch jetzt egal sein. Außerdem: Ich fürchte, die Nivellierung hin zu einer Sprache light ist nicht aufzuhalten. Für gewisse Zielgruppen mit Einschränkungen ist die Einfache Sprache natürlich okay. Aber ich denke da an all die SchulabgängerInnen, die Schwierigkeiten mit dem sinnerfassenden Lesen haben. Die bräuchten die Herausforderung, keine Bestätigung. Die Vermittlung von Literatur und Kunst gehörte daher verstärkt in der Schule verankert. Als einer, der an Schulen Workshops abhält, weiß ich, wie toll Kids motiviert werden können, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Aber solange Leute wie Salchers als Schulexperten gelten, sehe ich da für die Umsetzung eher schwarz beziehungsweise türkis.

 

Was liest Du derzeit?

Nachdem mich das Thema Einfache Sprache momentan sehr beschäftigt, habe ich mir LiES! DAS BUCH besorgt. Aber ich halte diese Ansammlung von Plattitüden nicht aus. LITERATUR FÜR ALLE steht am hinteren Deckel drauf. Das kann es doch bitte nicht sein. Was AutorInnen wie Alissa Walser, Arno Geiger, oder Judith Hermann veranlasst haben, bei diesem Projekt mitzumachen, ist mir rätselhaft. Das ist, was ich NICHT lese. Was ich lese steht auf https://leseliste702458521.wordpress.com/

 

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als bekennender Knausgard-Fan fällt mir zuallererst ein Zitat ein, das ich auch meiner NAHAUFHÖRUNGs-Biografie  (Bibliothek der Provinz, 2019) als Motto vorangestellt habe: „…aber nicht das Ausschöpfen ist Aufgabe der Literatur, sondern die Konstruktion des Unerschöpflichen…“ (aus: Kämpfen)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Friedrich, viel Freude weiterhin für Deine so engagierten Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Sehr gerne. Ich habe dir zu danken…

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Friedrich Hahn, Schriftsteller

Alle Fotos_privat

 

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Der poetische Text ist das andere Denken und weder Werkzeug noch Waffe“ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin 19.8.2020

Liebe Kerstin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

6.30 Uhr aufstehen, Frühstück, Schreibtisch, Hund, Herd, Fahrradfahren, Freundesgesellschaft, Wein, Zubettgehen

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

„…die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die man ändern kann, die Weisheit, das eine von anderen zu unterscheiden.“

Zitat: R. Niebuhr, der, im Gegensatz zu mir, diesem Ansinnen die Anrufung Gottes voranstellt

 

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur fasst im Bewusstsein stets weiter als es aktuelle Geschehnisse  tun. Mit meiner Literatur will und kann ich nichts bewältigen, allenfalls Fragen stellen und dem Chaos (Inhalt) eine Form geben. Zwar spielt die Zeit in den Text, doch der poetische Text ist das andere Denken und weder Werkzeug noch Waffe. Der Zeitgeist, wie immer, jongliert mit Moralkeulen, Parolen und Pöbelei. Ein Neubeginn einer Gesellschaft (den ich nicht sehe) kann nur stattfinden, wenn die Systemfrage gestellt wird.

 

 

Was liest Du derzeit?

Iwan Gontscharow „Oblomow“

Peter Rühmkorf, Essays und Gedichte

 

 

Welchen Textimpuls/Zitat möchtest Du uns mitgeben? 

„Eng schließet der Himmel uns ein

Doch uns ist gegeben

Auf keiner Stätte zu ruhn.“  (Friedrich Hölderlin)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Kerstin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kerstin Hensel, Schriftstellerin

http://www.kerstin-hensel.de/

Foto_Dirk Skiba

 

 

17.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com