„Die Vermittlung von Literatur und Kunst gehört verstärkt in der Schule verankert“ Friedrich Hahn, Schriftsteller_Wien 20.8.2020

Lieber Friedrich, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zugegeben: Es hat schon einige Zeit gebraucht, dass ich mir jetzt wieder etwas selbstverständlicher geworden bin. Aber mein jetziger Tagesablauf ist nicht viel anders als vorher. Die Bedingungen als Schreiberling sind ja der einer Quarantäne nicht unähnlich. Ich bin Frühaufsteher, schreibe ca 2-3 Stunden, dann ist es 10. Bis Mittag kümmer ich mich um Anstehendes: Organisatorisches, Buchhaltung, all diese Dinge. Momentan bereite ich die 25.dichte®meile vor (22.11.) und meinen letzten Textvorstellungstermin (10.9.). Nach 20 Jahren als Redakteur der Alten Schmiede (mit über 80 Veranstaltungen, bei denen ich mehr als 250 AutorInnen mit ihren Neuerscheinungen vorstellte) ist jetzt leider Schluss. So lichten sich die Tätigkeiten neben dem Schreiben. Auch mein Workshop an der Akademie Geras (9.-14.August) wird wahrscheinlich mein letzter sein.

Was der Virus sonst mit mir gemacht hat? Ich bin geduldiger geworden, musste geduldiger werden. Im Februar/März hätte mein neues Buch ERZÄHL MIR NICHTS, meine 42 Einzelveröffentlichung erscheinen sollen. Blöderweise wurde es in Deutschland gedruckt. Lange konnte die fertige Auflage nicht über die Grenze, jetzt hängt es irgendwo im Verteilerzentrum Inzersdorf. Dinge brauchen jetzt eben vielleicht mehr Weile als sonst. Als 68-Jähriger, noch dazu durch ein welkes Bein etwas bewegungseingeschränkt, ist man darüber nicht unfroh.

 

portrait F. Hahn korr

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte mir nicht anmaßen, für UNS ALLE zu sprechen. Was mich betrifft: Geduld. Und Disziplin.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wie ich schon in der Beantwortung deiner ersten Frage angedeutet habe, werden wir klarer sehen, was wirklich wichtig ist. Und was wir bisher als Ballast mit uns herumgeschleppt haben. Wir sind gezwungen, innezuhalten. Und darüber nachzudenken, was uns guttut beziehungsweise was wir brauchen, um vielleicht das zu erreichen, was wir Glück nennen. Shit. Wie ich das schreibe, komme ich mir wie ein Prediger vor. Also vergiss es. Wem Bücher bisher egal waren, werden sie auch jetzt egal sein. Außerdem: Ich fürchte, die Nivellierung hin zu einer Sprache light ist nicht aufzuhalten. Für gewisse Zielgruppen mit Einschränkungen ist die Einfache Sprache natürlich okay. Aber ich denke da an all die SchulabgängerInnen, die Schwierigkeiten mit dem sinnerfassenden Lesen haben. Die bräuchten die Herausforderung, keine Bestätigung. Die Vermittlung von Literatur und Kunst gehörte daher verstärkt in der Schule verankert. Als einer, der an Schulen Workshops abhält, weiß ich, wie toll Kids motiviert werden können, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Aber solange Leute wie Salchers als Schulexperten gelten, sehe ich da für die Umsetzung eher schwarz beziehungsweise türkis.

 

Was liest Du derzeit?

Nachdem mich das Thema Einfache Sprache momentan sehr beschäftigt, habe ich mir LiES! DAS BUCH besorgt. Aber ich halte diese Ansammlung von Plattitüden nicht aus. LITERATUR FÜR ALLE steht am hinteren Deckel drauf. Das kann es doch bitte nicht sein. Was AutorInnen wie Alissa Walser, Arno Geiger, oder Judith Hermann veranlasst haben, bei diesem Projekt mitzumachen, ist mir rätselhaft. Das ist, was ich NICHT lese. Was ich lese steht auf https://leseliste702458521.wordpress.com/

 

portrait hahn

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Als bekennender Knausgard-Fan fällt mir zuallererst ein Zitat ein, das ich auch meiner NAHAUFHÖRUNGs-Biografie  (Bibliothek der Provinz, 2019) als Motto vorangestellt habe: „…aber nicht das Ausschöpfen ist Aufgabe der Literatur, sondern die Konstruktion des Unerschöpflichen…“ (aus: Kämpfen)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Friedrich, viel Freude weiterhin für Deine so engagierten Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Sehr gerne. Ich habe dir zu danken…

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Friedrich Hahn, Schriftsteller

Alle Fotos_privat

 

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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