„Weiter Geschichten vom Leben, vom Lieben, vom Leiden, vom Überwinden und von der Hingabe erzählen…“ Anja Herden, Schauspielerin_Hannover 21.8.2020

Liebe Anja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vielleicht ist diese Antwort inzwischen – ca, 3 Monate nach dem Lockdown – nicht mehr besonders interessant, denn gerade jetzt bin ich im Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel – dh: ich schlafe, schwimme, lese, esse, schaue auf’s Meer und in den Sternenhimmel und bin dankbar und glücklich – für alle gerade ‚Nicht-auf-der-Insel-Anwesenden‘ also ein denkbar uninteressanter Tagesablauf ; ) …bestimmte Formen des Glücks, sind ja so fein und innerlich, das es tatsächlich auch nur wenig Spannendes darüber zu berichten gibt.
Während des Lockdowns, den ich in Hannover verbrachte, da ich seit Juli 2019 dort im Engagement am Staatstheater Hannover bin, war mein Tagesablauf, wie bei den meisten Menschen, auch recht unspektakulär und hatte ebenfalls viel mit lesen, schlafen, kochen & essen zu tun – hinzu kamen stundenlanges Radio-hören, joggen, Renovierung & Instandsetzung von Dingen und Räumen, die lange schon darauf gewartet hatten renoviert und instandgesetzt zu werden.

Aber wichtig zu sagen ist vielleicht; das ich trotz all der Sorgen und der vielen Fragezeichen die uns die Corona-Situation beschert hat, den ‚Stillstand‘ sehr genossen habe (natürlich nur, weil ich in der privilegierten Situation eines Festengagements bin und deshalb nicht, von einem Tag auf den anderen vor dem finanziellen Super-Gau stand, wie viele freischaffende Kolleg*innen – darüber war und bin ich mir immer sehr bewusst!).

Aber was ich daher genossen habe war, das das Hamsterrad einfach mal aufgehört hat zu drehen…Das man nichts liefern muss… Das nicht dauernd alles bewertet und verglichen wird. Das wir alle für diesen Moment einfach nur ’sind‘ – ein ‚Geworfen-sein‘ in dem man sich auf eine merkwürdige Weise aufeinander besann….
Ein Gespür für die Fragilität des Seins, das – für einen Moment – auch eine besondere Nähe, trotz all der neu zu lernenden Distanz, geschaffen hat… so jedenfalls ging’s mir in Hannover.

Dann begannen Mitte Mai, wieder die Proben – natürlich war alles anders.
Es gibt nun Hygiene-Konzepte und pandemische Vorkehrungen allüberall, die das proben etwas gewöhnungsbedürftig machten, aber an und für sich, war alles wie gehabt.
10:30 – 14:00 Probe – PAUSE – 18:00-21:00 Probe – Business as usual also – nur das die Stimmung eine sehr andere war. Auch fragil – aber anders fragil als zuvor während des Lockdowns. Eher sehr empfindlich. Überempfindlich gar ?! Oder vielleicht eher verunsichert…. Irritiert voneinander… ?! Die Sorgen und Ängste die uns ja alle umtreiben, insbesondere uns – wahrscheinlich letztendlich tatsächlich – ‚Nicht-Systemrelevanten‘ und das ständige gemeinsame spekulieren, machen einen ja
auf Dauer mürbe und trostlos.

Den Juli habe ich in Salzburg verbracht und dort am Mozarteum einen 4-wöchigen Workshop für Studierende des 2. & 3. Jahrgangs gegeben. Wir haben an Shakespeares Othello gearbeitet und dies waren lange, inspirierte, fleißige und sehr erfüllte Tage – mein Tag begann um 9:00 im Salzburger Volksgartenbad mit einer Stunde schwimmen. 13:00-20:00 Workshop.
21:00 Abendessen und nachbearbeiten der Proben.
Und jetzt – wie gesagt: Müßiggang auf griechischer Insel.
Ab 22.September dann wieder Proben in Hannover, wie gehabt.
Am 19. Oktober Premiere. ‚Dance Nation‘ Regie: Stephan Kimmig
https://www.staatstheater-hannover.de/de_DE/programm-schauspiel/dance-nation.1224770

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wie immer, aber jetzt noch mehr: Achtsamkeit. Rücksichtnahme. Empathie. Respekt….und Mut. Und Liebe. Und Großzügigkeit… dieses mitunter-großzügig-sein, wird mir immer wichtiger …ich muss das auch lernen. Großzügig sein, im Zulassen anderer Bedürfnisse, Meinungen und Ängste…. das heißt NATÜRLICH NICHT den zerstörerischen, den Menschenverachtenden, den aktuelle-Diskurse-verweigernden, den Macht-besessenen, den Hass-predigenden, und all den rassistisch, antisemitisch, sexistisch und/oder homophob konnotierten Kräften, das Feld ‚großzügig‘ zu überlassen – es soll nur heißen; großzügig denen gegenüber zu sein, die sich vielleicht auf der Suche nach Positionierung, vor lauter diffusen und/oder konkreten Ängsten, Sorgen, und
Überforderungen in ‚einfachen Erklärungsversuchen‘ verlieren und verstricken… diesen Stimmen zuhören…etwas dagegensetzen… zB Theater (!) um sie nicht zu verlieren… und sich selber nicht in Selbstgerechtigkeit zu verlieren.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ah ! Quasi schon beantwortet (s.o.) ; )
Nicht aufgeben !
Zeigen, dass wir genau das tun: Die Fahne für das ‚Nicht-wirtschaftlich-sein‘ und deshalb ‚Nichtrelevant-sein‘ hochhalten. Weitermachen ! Weiter Geschichten vom Leben, vom Lieben, vom Leiden, vom Überwinden und von der Hingabe erzählen… Weiter singen. Weiter tanzen. Weiter dichten. Weiter musizieren. Weiter einander zum Lachen bringen. Zum Weinen. Zum Nachdenken. Zum Zweifeln. Zum Durchhalten. Zum jetzt-erst-Recht. Zur Hoffnung.
Zum für-ein-paar-Stunden-Vergessen !
Vielleicht besteht sogar eine Chance jetzt, das wir uns besinnen auf Themen – und nicht nur auf Erfolg und auf das Streben nach ersten Plätzen in Theater-Hitparaden…nach Preisen und Auszeichnungen. Vielleicht ist da wirklich eine Chance über Begegnung mit dem Publikum nachzudenken! Das fehlt so oft. Das geht so oft verloren. Und das dürfen wir ja – gerade jetzt – nicht aufgeben! …Wie es Pina Bausch, ein für alle mal perfekt auf den Punkt brachte: ‚Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren‘ !!!!!!

 

Was liest Du derzeit?
Die Terranauten, T.C Boyle & Portnoys Beschwerden, Philip Roth

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ah ! – Schon wieder hab ich es bereits zuvor beantwortet:
‚Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren‘ – Pina Bausch

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Anja Herden, Schauspielerin

Foto_privat.

 

 

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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