„Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit“ Lisai Luftvogel_ Schriftstellerin_ Ferrara_ 24.8.2020

Liebe Lisai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Lockdown war in Italien besonders hart. Bewegung war auf einmal ein wesentliches Bedürfnis geworden, das ich vorher nicht so wahrgenommen hatte. Die Straße vor der Haustür immer wieder auf und abgehen, damit das Immunsystem fit bleibt, das war von März bis Mitte Mai meine täglich wichtigste Aktivität gewesen. Schreiben und Lesen konnte ich nicht mehr, bis ich wieder aus der Stadt raus durfte.  Jetzt bewege ich mich weniger, draußen ist es heiß und ich bin faul geworden. Aber ich schreibe und lese wieder. In Italien sind wir gerade in der Sommerpause. Ich gehe kaum außerhalb essen, auf keine Konzerte oder auf Gartenfeste bei Freunden. Nachts ist es nicht so laut wie jeden Sommer, keine laute Musik, kein Gebrüll von jungen Leuten. Zweimal wöchentlich gebe ich auf Zoom einer Anfängergruppe Deutschunterricht. Tagsüber überarbeite ich meinen Roman.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kraft zu sammeln, Ruhe zu bewahren und sich genug zu bewegen.

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor dem Neubeginn müssen wir wahrscheinlich erst noch durch eine harte Krise. Die Pessimisten warten hier schon auf das Schlimmste. Ich liege irgendwo dazwischen. Kreativität ist da besonders wichtig, nicht nur für die Kunst, aber auch Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit.

 

 

Was liest Du derzeit?

„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff, „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk, „Frühlingserwachen“ von Isabelle Lehn

 

 

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. Wieder änderst du die Richtung. Und wieder schlägt der Sturm den gleichen Weg ein. Dies wiederholt sich Mal für Mal, und es ist, als tanztest du in der Dämmerung einen wilden Tanz mit dem Totengott. Dieser Sturm ist jedoch kein beziehungsloses Etwas, das irgendwoher aus der Ferne heraufzieht. Eigentlich bist der Sandsturm du selbst. Etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als dich damit abzufinden und, so gut es geht, einen Fuß vor den Anderen zu setzen, Augen und Ohren fest zu verschließen, damit kein Sand eindringt, und dich Schritt für Schritt herauszuarbeiten. Vielleicht scheint dir auf diesem Weg weder Sonne noch Mond, vielleicht existiert keine Richtung und nicht einmal die Zeit. Nur winzige, weiße Sandkörner, wie Knochenmehl, wirbeln bis hoch hinauf in den Himmel. So sieht der Sandsturm aus, den ich mir vorstelle. Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fließen, auch dein eigenes. Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit beiden Händen auffangen. Es ist dein Blut und das der Vielen. Auch wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr Derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.“

Haruki Murakami, “Kafka am Strand“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisai Luftvogel, Schriftstellerin

Lisei Luftvogel schreibt gerade an ihrem Roman „Verrückung“. Über die Suche einer Kulturwissenschaftlerin nach ihrem Revoluzzer-Vater und zu sich selbst in einer Parallelwelt, die sich immer nur stückweise enthüllt. Eine Reise von Berlin über Damaskus und Beirut vor dem arabischen Frühling.

Foto_privat.

 

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

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