Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26 _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Susanne Sommer, Schriftstellerin _ performing „Malina“ _ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26
Im Interview _ Christoph Geiser, Schriftsteller _ Bern/Berlin
Lieber Christoph, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre Gedichte und der Erzählband „Simultan“ gehören zu meinem Kanon; zu meinem literarischen Werkzeugkasten; zum festen Bestand meiner Subtexte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Balance zwischen Prägnanz und Unfassbarkeit; Bodenlosigkeit; Schwebezustand.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die Erzählung „Drei Wege zum See“ (aus dem Band „Simultan“) wurde zusammen mit „Frost“ von Thomas Bernhard und „Bergfahrt“ von Ludwig Hohl zum literarischen Katalysator meines ersten Romans „Grünsee“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Immer wieder und grad heute rennt man doch mit dem Schädel gegen die Pyramiden der Macht, und kein Glas Wasser wird einem gewährt…
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Brennend und verbrennend am Ende, Ingeborg Bachmann war keine Ideologin, sondern eine vergeblich Liebende.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin kein Märtyrer… einsam existierend, ja; verdammt und gerettet zugleich, verhext und verzaubert, am Ende erlöst – asozial, nein, mein Schreiben ist Flaschenpost. Antwort erwünscht. Aus dem Jenseits womöglich…
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die ganz uneitle, fast unauffällige Sprachartistik, vor allem der späten Prosa.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich habe Ingeborg Bachmann einen Brief geschrieben, für den ich mich schäme. Wahrscheinlich 1972, als Kulturredaktor des (kommunistischen!) „Vorwärts“, irgendwelche Interview-Frauen-Fragen stellend, ich erinnere mich nur noch ganz vage. Womöglich habe ich sie gar mit „Fräulein Bachmann“ angeredet, meinen (gross-) bürgerlichen Gewohnheiten von damals gemäss. Sie hat nie geantwortet. Zu Recht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Überleben! Mein letzter Roman, an dem ich seit 2019 gearbeitet habe, „Die Spur der Hasen“, ist jetzt im Druck. Was danach kommt, weiss ich nicht. Kein Roman mehr! Sprachartistische Kabinettstücke vielleicht.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Uniform des Tages ist die Geduld, / die Auszeichnung der armselige Stern / der Hoffnung über dem Herzen. (…) Er wird verliehen / für die Flucht von den Fahnen, / für die Tapferkeit vor dem Freund, / für den Verrat unwürdiger Geheimnisse / und die Nichtachtung / jeglichen Befehls.“ Ich sage es mir ALLE TAGE.
Herzlichen Dank für das Interview!
Christoph Geiser, Schriftsteller
Zur Person: Christoph Geiser, 1949 in Basel geboren, lebt als freier Schriftsteller in Bern und Berlin. Seit 1968 veröffentlicht er Gedichte, Erzählungen und Romane, unter anderem die grossbürgerlichen Familienromane „Grünsee“ und „Brachland“, die Künstlerromane „Das geheime Fieber“ über den Barockmaler Caravaggio und „Das Gefängnis der Wünsche“ über den Marquis de Sade und Goethe. Zuletzt erschien 2019 im Secession Verlag, Berlin, ein Band mit Erzählungen unter dem Titel «Verfehlte Orte». Seit Herbst 2022 publiziert der Secession Verlag eine Gesamtausgabe aller Werke in 13 Bänden.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Gunna Wendt, Schriftstellerin _ München.
Veronika Kulcsar_Tänzerin, Choreographin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Gunna Wendt _ Heike Bogenberger
Fotos: Veronika Kulcsar_Tänzerin, Choreographin _ Wien _ performing Malina _ Romanschauplatz Malina Wien _ Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 6/21.
Im Interview _ Gabriela Cheng-Voser, Schriftstellerin _ Zürich
Liebe Gabriela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich las, noch sehr jung, „Malina“, markierte Ingeborg Bachmanns Worte, Sätze, und manchmal waren es halbe oder ganze Seiten. Dies führte zu Fragen, von denen ich damals noch nicht wusste, ob ich sie mir stellen kann und auch darf.
Vor mir liegt die Ausgabe von „du“ (erschienen im September 1994) mit dem Titel „Ingeborg Bachmann – Das Lächeln der Sphinx“. Ich trage diese Ausgabe und ihre Bücher nunmehr 40 Jahre durch mein Leben. Ich würde mich niemals als eine Kennerin ihrer Werke bezeichnen, und nehme mir seit Jahren vor, weitere ihrer Schriften zu lesen. Bis zum heutigen Tag hält mich etwas zurück, von dem ich nicht sagen kann, was es ist.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann ist nicht nur bis zum Äussersten, sondern auch bis in ihr Innerstes vorgedrungen. Ihre Sprache triff mich im Herz, in den Knochen, wirkt sich auf mein Gemüt aus. Ich bewundere die Schärfe ihrer Worte, ihren gebildeten, belesenen und schöpferischen Geist. Die Weite der Horizonte, die sie auskundschaftet, die einen auch überfordern können.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mein Griff zu ihren Werken hängt von meiner Stimmungslage ab – wie könnte es anders sein. Mehrheitlich lese ich in ihren Gedichten und Erzählungen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie weist auf das hin, was nicht Liebe sein kann und beschreibt die inneren und äusseren Antreiber. Sie meint eine allumfassende Liebe, die Liebe zum Mensch-sein. Dabei wählt sie eine Sprache, die ich nicht als belehrend oder als kritisierend empfinde, vielmehr als Anregung oder auch Aufforderung, als ein Weckruf, sich mit den Gefügen auseinanderzusetzen, die unsere Welt dominieren.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Erste Werke über die Liebe, entstanden, soviel ich weiss, in den 50er und 60er-Jahren. 1971 mit ihrem Roman „Malina“. Bachmanns Schwerpunktthemen waren Nähe und Freiheit sowie die damit einhergehenden Betrachtungen zu den gesellschaftlichen, Normen, Tabus und/oder ungeschriebenen Gesetze. Was mich, als Leserin, zu Fragen und folgenreichen Erkenntnissen führte. Zum Beispiel diese Erkenntnis, dass sich nicht jeder Mensch Gedanken darum machen kann und darf, wie er Liebe erfahren, leben und teilen möchte.
An diesen nicht nur geschlechtsbezogenen Missständen arbeiten wir uns immer noch ab.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich denke, Ingeborg Bachmann musste schreiben, weil sie wollte. Sie hat keinen Weg gescheut, um sich selbst zu durchleuchten und die Vorgänge, zu denen sie ihre Stimme erhob.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre mit Sorgfalt gewählte Sprache, ihre Kraft, auch über das Unsägliche zu schreiben, dann auch ihr Mut, an die bedingungslose Liebe zu glauben.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr vor allem gerne zugehört und wäre auch damit einverstanden gewesen, miteinander zu schweigen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe vorerst noch nebenberuflich und insofern in einem bescheidenen Rahmen. Im Moment beschäftige ich mich mit „Mundart-Texten“ und mit einer Idee, wie ich diese präsentieren werde.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar
Die Wahrheit kann entsetzen, sie fordert nach Auseinandersetzung und Aufarbeitung, ist aber letztlich der einzige Grund und Boden, auf dem Wachstum und das über sich hinauswachsen möglich ist.
Herzlichen Dank für das Interview!
Vielen herzlichen Dank für die Einladung.
Gabriela Cheng-Voser, Schriftstellerin
Zur Person: Gabriela Cheng-Voser, geboren 1960 in der Schweiz. Arbeitete in der Musikbranche, war Pizzabäckerin, Herausgeberin eines Anzeigers, schrieb Kolumnen und textet fast jeden Tag für Menschen, die sie gerne ins Rampenlicht stellt. Beginnende Veröffentlichungen ab 2014 in Anthologien, Zeitschriften. Text des Monats im Literaturhaus Zürich 2018, Shortlist Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2018. Arbeitet an ihrem ersten Roman. » Gabriela Cheng-Voser 17.6.26
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Portrait Gabriela Cheng-Voser und „DU“ _ privat
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Gernot Ragger, Schriftsteller, Verleger
Lisa Kröll, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Gernot Ragger _ privat.
Fotos: Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 1/22
Liebe Petra/Lieber Gernot, welche Zugänge gibt es von Euch zum Werk Ingeborg Bachmanns?
(Petra) P: Ich wohne in Klagenfurt und liebe die Plätze an denen auch Ingeborg Bachmann war. Mit ihren Werken habe ich mich besonders in den letzten Wochen auseinandergesetzt, da heuer 100 Jahre Ingeborg Bachmann gefeiert wird.
(Gernot) G: Ich bin eigentlich weniger über ihre Texte als durch ihre Briefwechsel zur Person Ingeborg Bachmann gekommen. Und auch wenn ich danach ihre Texte gelesen habe, glaube ich doch, durch die Briefe mehr über sie zu erfahren, da ich mir die Hintergründe ihres Schreibens besser vorstellen kann.
Petra Mickl und Gernot Ragger am Kreuzbergl/Klagenfurt. Ingeborg Bachmann ist in unmittelbarer Wege aufgewachsen und setzt auch in der Erzählung „Drei Wege zum See“ diesem Erholungsraum zwischen Stadt und Wörthersee ein literarisches Denkmal.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
P: Die Wortgewandtheit und der sprachgewaltige Mut ihre Wahrheit aus- und anzusprechen.
G: Jeder Schriftsteller hat seinen Stil, manche ähneln einander, manche sind aber „besonders“ – sie sind unverwechselbar. Bei Bachmann ist das der Fall.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
P: „Mir gefallen die „Frankfurter Vorlesungen“ sehr gut. Ihre Gedichte sind einzigartig. Ihre Dankesreden zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.
G: Mein Favorit ist „Der gute Gott von Manhattan“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
P: Wie man weltpolitisch sehen kann, wird es diese patriarchale zerstörerische Männerwelt im Kollektiv immer geben.
Ich habe das persönliche Glück, dass ich mit Männern keine gewaltvollen Erfahrungen gemacht habe und auch der Krieg in Österreich seit vielen Jahrzehnten Geschichte ist.
Die Literatur von Ingeborg Bachmann hat mich sehr zum Nachdenken gebracht auf eine eigene Art und Weise. Wenn man sich näher mit der Person Ingeborg Bachmann auseinandersetzt, versteht man auch das Geschriebene besser. Sie hatte kein einfaches Leben in einer männerdominanten Welt, aber immer wieder ihre Glücksmomente und auch schönen Erlebnisse.
G: Wenn man bedenkt, dass ihre Werke über 50 Jahre alt sind, haben sie die Zukunft vorweggenommen. Was derzeit auf der Welt und leider auch in Österreich an Gewalt innerhalb von Beziehungen passiert, ist verstörend und erschreckend. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Österreicher oder Asylsuchende handelt. Die letzten Jahre haben in rasantem Tempo dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle drastisch gesunken ist, gewalttätig zu sein, fast keine Überwindung mehr braucht.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
P: Sie hat den Krieg im jugendlichen Alter miterlebt und war dadurch traumatisiert. Sie hatte die Gabe ihr persönliches Leid literarisch zu verarbeiten, auf eine Art und Weise wie es sonst keine(r) geschafft hat, vor allem auch aus weiblicher Sicht.
G: Wer sich mit den Briefwechseln zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan sowie Max Frisch auseinandergesetzt hat, weiß, dass Bachmann wirklich keine „normalen“ Beziehungen durchleben durfte. Natürlich schlägt sich Privates im Schreiben nieder, aber schreiben oder erleben sind eben doch zwei verschiedene Erfahrungen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
P: Durchaus. Besonders wenn man diesen Beruf gewählt hat und aus diesem der Lebensunterhalt bezogen wird. In dieser Zeit gibt man auch sehr viel von sich. Wer ein Buch geschrieben hat, braucht meistens danach wieder die kreative Pause. Es ist ein schöner Moment, wenn die Kreativität wieder zurückkommt und es an das nächste Werk geht.
Bei der Gelegenheit möchte ich Ingeborg Bachmann weiter zitieren, die ebenso meinte „und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit“.
So ist es. Sie war eine mutige Frau, die sich den Herausforderungen stellte, gleichzeitig daran aber zerbrach.
G: Es gibt Texte, bei denen man tausend Tode stirbt, bevor sie soweit sind, veröffentlicht zu werden, und es gibt wieder Texte, die sich quasi von selbst schreiben. Die Bereitschaft für Martyrium und Freude, für Leid und Leichtigkeit müssen in jedem Autor vorhanden sein.
Ein Buch ist nicht fertig, wenn es veröffentlicht wird, ein Buch ist fertig, wenn es geschrieben ist.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
P: Die Beziehung zwischen Mann und Frau, die Leidenschaft, Treue und Untreue, Zerstörung und Selbstzerstörung. Je mehr du liebst und gibst, umso mehr kannst du auch enttäuscht werden. Jede Beziehung sollte auf Augenhöhe gelebt werden, um zu gelingen.
Die Liebe zwischen Mann und Frau wird nie aussterben und auf einer gewissen Ebene immer kompliziert bleiben.
G: Die Qualität Nähe und Distanz gleichermaßen zuzulassen. Grenzen zu ziehen ohne sie zu erkennen. Dinge anzusprechen ohne zu werten.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
P: Ich gehe auch gerne am Kreuzbergl spazieren. Wenn sie länger gelebt hätte, hätte ich sie vielleicht spontan gefragt, ob ich mich zu ihr dazusetzen darf, (es gibt ja genug Sitzgelegenheiten am Kreuzbergl). Da es aber keine Realität ist, kann ich es mir leicht in Gedanken ausmalen.
Anschließend hätte ich sie gefragt, warum sie Malina, einen weiblich klingenden Namen gegeben hat. Vielleicht steckt aber die Lösung im Roman selbst.
G: Ob Enttäuschungen und Rückschläge für ihr Schreiben wichtiger waren als Glücksgefühle und Erfüllung.
Was sind Eure aktuellen Projektpläne?
P: Seit ein paar Wochen erlebt meine Kreativität ein Comeback, daher schreibe ich an meinem 4. Buch weiter, das spätestens Anfang nächsten Jahres erscheinen sollte.
G: Endlich, nach 20 Jahren wird jetzt mein Buch über meinen Vater fertig. Neben diesen „Hungrigen Schritten“ soll auch noch eine Trilogie erscheinen – drei Bücher, die eigentlich eines sind, die ich aufgrund der Thematik jedoch auf drei Bände aufgeteilt habe. Alle drei in einem hätten nicht funktioniert.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
P: Ich möchte von ihr gerne eine Hommage an Maria Callas (Entwurf) zitieren: „Sie hat immer direkt getroffen, auf den Umwegen über Libretti, über Figuren, zu denen man Liebe haben muß, um sie akzeptieren zu können. Sie war der Hebel, der eine Welt umgedreht hat, zu dem Hörenden, man konnte plötzlich durchhören, durch Jahrhunderte, sie war das letzte Märchen“.
Genau diese Hingabe steckte ebenfalls in Ingeborg Bachmann, da sie eine Virtuosin der Literatur war.
G: „Darum bin ich dieser Zigeunerin auf den Fersen, solange ich denken kann, die von nirgends herkommt und nirgends zuhause ist und diese Horste begünstigt – Die so geduckt unten geht und plötzlich über den Asphalt und auf fliegt, damit ihre Füße keine Spur lassen.“
(Aus „Der gute Gott von Manhattan“)
Herzlichen Dank für das Interview!
Petra Mickl, Schriftstellerin
Petra Mickl:geboren 1970 in Klagenfurt. Handelsschule, Matura an der Handelsakademie für Berufstätige, zum damaligen Zeitpunkt habe ich im Büro als Sekretärin gearbeitet. Ausbildung zur Sozialpädagogin. Abgeschlossenes Studium der Pädagogik sowie Grundlagen der Psychologie. Langjährige Tätigkeit im sozialen Bereich als Trainerin für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Diplomierte Mentaltrainerin.
Tätigkeit im pädagogischen Bereich mit Kindern bzw. Jugendlichen im Alter von ca. 10-14 Jahren als Sozial- bzw. Freizeitpädagogin.
Ich schreibe seit ca. 8 Jahren nebenberuflich.
Meine Werke: Die Farben des Lebens (2019), Mein Date mit der Zeit (2023) und Lichtallee (2024). Alle Bücher sind in „der wolf verlag“ erschienen. Ebenso bin ich in diversen Anthologien vertreten.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Petra Mickl, Schriftstellerin
Lisa Kröll, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Petra Mickl _ privat.
Fotos: Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ acting Malina _ Ungargasse/Romanschauplatz Malina _ Wien Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 1/22
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Cornelia Koepsell,,SchriftstellerinKarla Mahler, Künstlerin, Model _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto_ Cornelia Koepsell _ privat.
Fotos: Karla Mahler, Künstlerin, Model _ Wien _ performing „Undine geht“ Donau/Wien _ Erzählung Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 10/25
2026 _ 100.Geburtstag von Hans Werner Henze, Komponist *1.7.1926 Gütersloh +27.10.2012 Dresden.
Es ist ein so reiches Leben, dass wie jenes seiner gleichaltrigen Kunstkollegin, Projektpartnerin und Freundin, der Schriftstellerinn und Büchnerpreisträgerin Ingeborg Bachmann aus den unmittelbaren Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft und deren Gewalt und Schuld bis in die eigene Familie und der lebenslangen intellektuellen wie künstlerischen Auseinandersetzung mit Krieg, Gewalt, Gesellschaft im Fokus der Möglichkeiten und Aufgabe von Musik und Literatur geprägt war. Kunst wird zum Weg des Neuen, einer neuen Musik, um die Welt (vielleicht) zu verändern, es in jedem Fall immer zu versuchen in Kunst und Leben.
Das Musikgenie Hans Werner Henze wird in seinen großen breitenwirksamen Opernwerken („Der Prinz von Homburg“, „Der junge Lord“ 1958/64) meist kurz umrissen – innovativ, mutig, in facettenreichen Kooperationen. Doch über diese großen Oper „blockbuster“ hinaus strahlt ein Werk und ein Leben, das vom tiefen Anspruch und Engagement für Kunst und Gesellschaft getragen und geleitet war.
Der vorliegende Würdigungsband versammelt nun kompetente Kunst- und Lebensstimmen, die das musikalische Phänomen, den politischen Kosmos wie den Menschen Hans Werner Henze in Weg, Stationen und Intention vorstellen, erläutern, facettenreich öffnen und somit auch seine Werkrezeption neu inspirieren und beleben. Dazu ist herzlich zu gratulieren!
„Eine beeindruckende Würdigung in kompetenten facettenreichen Zugängen zu einem der bedeutendsten modernen Komponisten und langjährigen Freund und Kooperationspartner Ingeborg Bachmanns.“
„Der neue wilde Wohlklang – Hans Werner Henze“ _ Wolfgang Molkow, Rainer Peters, Hans-Klaus Jungheinrich. Wolke Verlag.
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich frühstücke mit meinem zweijährigen Sohn, dann versuche ich so viel Arbeit wie möglich unterzubringen, bis wir am Nachmittag vielleicht in den Tiergarten oder zum Spielplatz gehen. Am Abend sehe ich mit meiner Frau einen Film.
Martin Andersson, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dem Lärm entgehen, den Bildschirmen entgehen, sich auf die menschliche Wirklichkeit konzentrieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In einer kommenden menschlichen Regeneration nach einer erschöpften Moderne, nach dem Neoliberalismus müssen Kunst und Literatur Schönheit und Liebe als ihr Zentrum erkennen, sie allerdings immer im Leben und in der wahren Empfindung aufsuchen, so wertvoll die Hinweise in dieser Richtung, die Bücher und Museen uns bisweilen bieten, auch sein mögen.
Was liest Du derzeit?
Où en sommes nous? vom französischen Anthropologen Emmanuel Todd. Das Buch erklärt, wie vormoderne Familienformen das Unbewusste verschiedener Kulturen bestimmen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Schönheit wird die Welt retten, sagt Dostojewskij.
Vielen Dank für das Interview, lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person: Martin Andersson wurde 1986 in Wien geboren, hat in Wien und Paris Geschichte studiert und ist heute Autor von Erzählprosa, Essays und Gedichten. Im Herbst 2026 erscheint der Roman Ungleiche Teile. Zuletzt: Weidende Stille (Gedichte).“ Wohnort ist Wien-Penzing; und
Dichterfenster, gelbe Rosen lassen ihre Nacken sinken, Schneekristalle kauern auf grünen Nadeln. Im ersten Teil führen ausgedehnte Naturbetrachtungen von der Donau bis nach Kastilien, durch Gärten und Wälder. Der zweite Teil – „Spuren des goldenen Kontinents“ – bietet Haiku vom Mittelmeer bis in den hohen Norden. Im dritten Teil, „Der wiegende Bogen“, öffnet sich ein ganz anderer Raum: Hier entstanden die Gedichte aus einem ungewöhnlichen Verfahren – französische Lyrik wurde übersetzt, vergessen und zu neuen deutschen Versen transformiert. Ein Buch für alle, die in der Poesie jene Momente suchen, in denen die Welt stillsteht und sich zugleich vollkommen öffnet. Für Leser, die Poesie als Erfahrung suchen – kontemplativ, intensiv, gegenwärtig.