
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Gabriela Cheng-Voser, Schriftstellerin _ Zürich
Liebe Gabriela, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich las, noch sehr jung, „Malina“, markierte Ingeborg Bachmanns Worte, Sätze, und manchmal waren es halbe oder ganze Seiten. Dies führte zu Fragen, von denen ich damals noch nicht wusste, ob ich sie mir stellen kann und auch darf.
Vor mir liegt die Ausgabe von „du“ (erschienen im September 1994) mit dem Titel „Ingeborg Bachmann – Das Lächeln der Sphinx“. Ich trage diese Ausgabe und ihre Bücher nunmehr 40 Jahre durch mein Leben. Ich würde mich niemals als eine Kennerin ihrer Werke bezeichnen, und nehme mir seit Jahren vor, weitere ihrer Schriften zu lesen. Bis zum heutigen Tag hält mich etwas zurück, von dem ich nicht sagen kann, was es ist.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann ist nicht nur bis zum Äussersten, sondern auch bis in ihr Innerstes vorgedrungen. Ihre Sprache triff mich im Herz, in den Knochen, wirkt sich auf mein Gemüt aus. Ich bewundere die Schärfe ihrer Worte, ihren gebildeten, belesenen und schöpferischen Geist. Die Weite der Horizonte, die sie auskundschaftet, die einen auch überfordern können.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mein Griff zu ihren Werken hängt von meiner Stimmungslage ab – wie könnte es anders sein. Mehrheitlich lese ich in ihren Gedichten und Erzählungen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie weist auf das hin, was nicht Liebe sein kann und beschreibt die inneren und äusseren Antreiber. Sie meint eine allumfassende Liebe, die Liebe zum Mensch-sein. Dabei wählt sie eine Sprache, die ich nicht als belehrend oder als kritisierend empfinde, vielmehr als Anregung oder auch Aufforderung, als ein Weckruf, sich mit den Gefügen auseinanderzusetzen, die unsere Welt dominieren.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Erste Werke über die Liebe, entstanden, soviel ich weiss, in den 50er und 60er-Jahren. 1971 mit ihrem Roman „Malina“. Bachmanns Schwerpunktthemen waren Nähe und Freiheit sowie die damit einhergehenden Betrachtungen zu den gesellschaftlichen, Normen, Tabus und/oder ungeschriebenen Gesetze. Was mich, als Leserin, zu Fragen und folgenreichen Erkenntnissen führte. Zum Beispiel diese Erkenntnis, dass sich nicht jeder Mensch Gedanken darum machen kann und darf, wie er Liebe erfahren, leben und teilen möchte.
An diesen nicht nur geschlechtsbezogenen Missständen arbeiten wir uns immer noch ab.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich denke, Ingeborg Bachmann musste schreiben, weil sie wollte. Sie hat keinen Weg gescheut, um sich selbst zu durchleuchten und die Vorgänge, zu denen sie ihre Stimme erhob.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre mit Sorgfalt gewählte Sprache, ihre Kraft, auch über das Unsägliche zu schreiben, dann auch ihr Mut, an die bedingungslose Liebe zu glauben.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr vor allem gerne zugehört und wäre auch damit einverstanden gewesen, miteinander zu schweigen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe vorerst noch nebenberuflich und insofern in einem bescheidenen Rahmen. Im Moment beschäftige ich mich mit „Mundart-Texten“ und mit einer Idee, wie ich diese präsentieren werde.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar
Die Wahrheit kann entsetzen, sie fordert nach Auseinandersetzung und Aufarbeitung, ist aber letztlich der einzige Grund und Boden, auf dem Wachstum und das über sich hinauswachsen möglich ist.
Herzlichen Dank für das Interview!
Vielen herzlichen Dank für die Einladung.

Zur Person: Gabriela Cheng-Voser, geboren 1960 in der Schweiz. Arbeitete in der Musikbranche, war Pizzabäckerin, Herausgeberin eines Anzeigers, schrieb Kolumnen und textet fast jeden Tag für Menschen, die sie gerne ins Rampenlicht stellt. Beginnende Veröffentlichungen ab 2014 in Anthologien, Zeitschriften. Text des Monats im Literaturhaus Zürich 2018, Shortlist Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2018. Arbeitet an ihrem ersten Roman. » Gabriela Cheng-Voser 17.6.26
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Portrait Gabriela Cheng-Voser und „DU“ _ privat
Walter Pobaschnig, 13.6.2026