
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Christoph Geiser, Schriftsteller _ Bern/Berlin
Lieber Christoph, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre Gedichte und der Erzählband „Simultan“ gehören zu meinem Kanon; zu meinem literarischen Werkzeugkasten; zum festen Bestand meiner Subtexte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Balance zwischen Prägnanz und Unfassbarkeit; Bodenlosigkeit; Schwebezustand.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die Erzählung „Drei Wege zum See“ (aus dem Band „Simultan“) wurde zusammen mit „Frost“ von Thomas Bernhard und „Bergfahrt“ von Ludwig Hohl zum literarischen Katalysator meines ersten Romans „Grünsee“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Immer wieder und grad heute rennt man doch mit dem Schädel gegen die Pyramiden der Macht, und kein Glas Wasser wird einem gewährt…
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Brennend und verbrennend am Ende, Ingeborg Bachmann war keine Ideologin, sondern eine vergeblich Liebende.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin kein Märtyrer… einsam existierend, ja; verdammt und gerettet zugleich, verhext und verzaubert, am Ende erlöst – asozial, nein, mein Schreiben ist Flaschenpost. Antwort erwünscht. Aus dem Jenseits womöglich…
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Die ganz uneitle, fast unauffällige Sprachartistik, vor allem der späten Prosa.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich habe Ingeborg Bachmann einen Brief geschrieben, für den ich mich schäme. Wahrscheinlich 1972, als Kulturredaktor des (kommunistischen!) „Vorwärts“, irgendwelche Interview-Frauen-Fragen stellend, ich erinnere mich nur noch ganz vage. Womöglich habe ich sie gar mit „Fräulein Bachmann“ angeredet, meinen (gross-) bürgerlichen Gewohnheiten von damals gemäss. Sie hat nie geantwortet. Zu Recht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Überleben! Mein letzter Roman, an dem ich seit 2019 gearbeitet habe, „Die Spur der Hasen“, ist jetzt im Druck. Was danach kommt, weiss ich nicht. Kein Roman mehr! Sprachartistische Kabinettstücke vielleicht.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Uniform des Tages ist die Geduld, / die Auszeichnung der armselige Stern / der Hoffnung über dem Herzen. (…) Er wird verliehen / für die Flucht von den Fahnen, / für die Tapferkeit vor dem Freund, / für den Verrat unwürdiger Geheimnisse / und die Nichtachtung / jeglichen Befehls.“ Ich sage es mir ALLE TAGE.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Christoph Geiser, 1949 in Basel geboren, lebt als freier Schriftsteller in Bern und Berlin. Seit 1968 veröffentlicht er Gedichte, Erzählungen und Romane, unter anderem die grossbürgerlichen Familienromane „Grünsee“ und „Brachland“, die Künstlerromane „Das geheime Fieber“ über den Barockmaler Caravaggio und „Das Gefängnis der Wünsche“ über den Marquis de Sade und Goethe. Zuletzt erschien 2019 im Secession Verlag, Berlin, ein Band mit Erzählungen unter dem Titel «Verfehlte Orte». Seit Herbst 2022 publiziert der Secession Verlag eine Gesamtausgabe aller Werke in 13 Bänden.
Weitere Informationen zum Autor unter: http://www.christophgeiser.ch
Zum Verlag: www.secession-verlag.com
Foto: Christoph Geiser _ Yvonne Böhler
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Walter Pobaschnig, 15.6.2026