Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich frühstücke mit meinem zweijährigen Sohn, dann versuche ich so viel Arbeit wie möglich unterzubringen, bis wir am Nachmittag vielleicht in den Tiergarten oder zum Spielplatz gehen. Am Abend sehe ich mit meiner Frau einen Film.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dem Lärm entgehen, den Bildschirmen entgehen, sich auf die menschliche Wirklichkeit konzentrieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In einer kommenden menschlichen Regeneration nach einer erschöpften Moderne, nach dem Neoliberalismus müssen Kunst und Literatur Schönheit und Liebe als ihr Zentrum erkennen, sie allerdings immer im Leben und in der wahren Empfindung aufsuchen, so wertvoll die Hinweise in dieser Richtung, die Bücher und Museen uns bisweilen bieten, auch sein mögen.
Was liest Du derzeit?
Où en sommes nous? vom französischen Anthropologen Emmanuel Todd. Das Buch erklärt, wie vormoderne Familienformen das Unbewusste verschiedener Kulturen bestimmen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Schönheit wird die Welt retten, sagt Dostojewskij.
Vielen Dank für das Interview, lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person: Martin Andersson wurde 1986 in Wien geboren, hat in Wien und Paris Geschichte studiert und ist heute Autor von Erzählprosa, Essays und Gedichten. Im Herbst 2026 erscheint der Roman Ungleiche Teile. Zuletzt: Weidende Stille (Gedichte).“ Wohnort ist Wien-Penzing; und
Website: Martin Andersson
Aktuelles Buch:

Weidende Stille
Dichterfenster, gelbe Rosen lassen ihre Nacken sinken, Schneekristalle kauern auf grünen Nadeln. Im ersten Teil führen ausgedehnte Naturbetrachtungen von der Donau bis nach Kastilien, durch Gärten und Wälder. Der zweite Teil – „Spuren des goldenen Kontinents“ – bietet Haiku vom Mittelmeer bis in den hohen Norden. Im dritten Teil, „Der wiegende Bogen“, öffnet sich ein ganz anderer Raum: Hier entstanden die Gedichte aus einem ungewöhnlichen Verfahren – französische Lyrik wurde übersetzt, vergessen und zu neuen deutschen Versen transformiert. Ein Buch für alle, die in der Poesie jene Momente suchen, in denen die Welt stillsteht und sich zugleich vollkommen öffnet.
Für Leser, die Poesie als Erfahrung suchen – kontemplativ, intensiv, gegenwärtig.
Erschienen 2025 bei CASTRVM-Acéphale (Infotext_ Martin Andersson) Bücher – Martin Andersson
Fotos: Portrait und Cover _ Martin Andersson
Walter Pobaschnig 22.4.2026