„Vom Glück&Leid des Seins“ Der Literatur Kalender 2020 und der literarische Küchenkalender 2020, edition Momente.

„Vom Glück&Leid des Seins“ Der Literatur Kalender 2020, edition Momente.

 

Da blickt der italienische Starautor Umberto Eco hinter einem Vorhang hervor. Aufmerksam, bestimmt und mit großem Interesse für den Menschen und die Welt. Wie er es in all seinen Romanen und Essays eindrücklich zeigte und ein Millionenpublikum begeisterte und begeistert – „Das Schöne, die wahre Freude ist, sechs, sieben, acht Jahre lang (möglichst ewig) in einer Welt zu leben, die man sich nach und nach erbaut, bis sie die eigene wird…“ ist dann ein Zitat des Autors zu lesen. So lässt der traditionsreiche Literaturkalender der edition momente das Jahr 2020 beginnen. Er lädt ein, an der Welt mitzubauen. Selbstbewusst, mutig, ausdauernd. Im Glauben an das Schöne und die Freude des Lebens. Mitten im Glück&Leid des Seins.

„Vom Glück&Leid des Seins“ ist das Thema des Literaturkalenders 2020. Und es sind weitere beeindruckende Fotos&Texte, die durch das Jahr begleiten und anhalten, nachdenken und Inspiration aufnehmen lassen.

„Sie haben mir einmal gesagt, ich sei ihr Stern, vergessen Sie nie, mon amour, dass er nur an einem sehr dünnen Faden hängt und dass er, wenn Sie für einen Augenblick aufhören, ihn zu halten, nicht mehr da sein wird, und um ihn wieder zu erreichen, das wird dauern…“, so schreibt im Kalenderblatt November die Grafikerin Gisele Lestrange an den Dichter Paul Celan. Eine große Liebe gekennzeichnet von „Glück&Leid des Seins“, großen Momenten der Freude wie dunklen des Schmerzes…

Es ist eine besondere literarische Reise, die hier durch das Jahr begleitet. Ein Zauber, der Woche für Woche neugierig macht und den eigenen Lebensweg im Licht von Wort&Bild bedenken und in den Tag (literarische Gedenktage sind angeführt) mitnehmen lässt.

Im Anhang des Kalenders gibt es eine ausführliche Erläuterung zu Leben und Werk der DichterInnen, die von Umberto Eco, Colette, Maya Angelou, Ernst Jandl bis zu Leonard Cohen reicht.

 

 

 

Der literarische Küchenkalender 2020. Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt. Mit Texten, Rezepten&Bildern, edition momente

 

 

Inspiration für Körper und Geist. Essen und Literatur. Eine geniale Idee der Herausgeberin Gräfin Schönfeldt, die auch 2020 eine wunderbare grafische Umsetzung gefunden hat. Ein literarischer Text mit kulinarischem Bezug und dazu das Rezept mit einladenden Fotos, so beginnt jeweils die Kalenderwoche und gibt Ideen für Geist und Küche mit.

Der Januar 2020 beginnt gleich mit einer feurigen Gulaschsuppe, die im Roman „Die Zweisamkeit des Einzelgängers“ von Joachim Meyerhoff serviert wird. So kann das Jahr im Topf beginnen und Wort und Suppe können auch über Tage begleiten. Die Fülle in der Zeit.

Für textliche wie kulinarische Abwechslung ist übers Jahr gesorgt. Da gibt es etwa im Juli Curry und rosa Pudding der Autorin Judith Lennox. Die Himbeeren, die Sahne/Schlag und die Flasche Wein am Bild sehen in jedem Fall sehr einladend aus…

Es sind literarische und kulinarische Überraschungen, die das Jahr ganz wunderbar würzen und schmecken lassen.

 

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„Wir haben es mit einer Zerstückelung der Gesellschaft zu tun, in der ein Wir sehr schwer herzustellen ist.“ Interview Ferdinand Schmalz, Tonhof/Maria Saal, 12.7.2019

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Wie kommt der „Jedermann“ von Ferdinand Schmalz an den Tonhof in Maria Saal/Kärnten?

Ferdinand Schmalz: Ich kenne Markus Achatz (Anm. künstlerische Leitung Theater WalTzwerk) schon länger und als er mich fragte, dachte ich, das ist genau die richtige Location hier. Ich habe dann beim Verlag für ihn vorgesprochen und gesagt, es wäre gut, wenn wir das Stück hierher vergeben. Es ist ein toller Ort und da muss Theater weitergespielt werden.

Welche Bezüge gibt es von Dir zum Tonhof?

Ein Freund von mir, Florian Zambrano Moreno, hat in der Nähe ein Theater, das Theater an der Glan, bei einer der Inszenierungen im Stadel war ich vor Jahren das erste Mal auf Besuch hier am Tonhof und habe auch hier genächtigt. Von der Literaturgeschichte her war es mir natürlich schon vorher bekannt.

 

Gibt es heute vergleichbare Treffpunkte von Literatur, Theater, Musik und weiteren Kunstformen wie es hier am Tonhof in den 1950/60er Jahren von Gerhard und Maja Lampersberg ermöglicht wurde?

Heutzutage ist es viel mehr institutionalisiert, das gab es ja früher nicht. Die Festivals, die es heute gibt, sind so ähnliche Treffpunkte. Etwa das Prosanova in Hildesheim oder das DramatikerInnen Festival in Graz. Es gibt schon einige Plattformen, die in den letzten Jahren zu einem Zusammenkommen von Schreibenden, die sonst im stillen Kämmerchen am Schreibtisch sitzen, geworden sind. Der Bachmannpreis ist ja auch in gewisser Weise so ein Szenetreff geworden. Damals hing es eben vielmehr noch an Privatpersonen.

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In Kärnten wurde vor kurzem eine Kulturstiftung vorgestellt, in der private und öffentliche Hand zusammenwirken sollen. Wie wichtig sind solche kooperierenden Initiativen im modernem Kunstschaffen?

Es ist wichtig, wenn Kunst heute auch von privater Hand her als schützenswert und förderungswürdig erkannt wird, eben als wichtiger Bestandteil einer Gesellschaft. Die Gefahr, die dabei aber besteht, ist, dass Kunst zu einem Event wird, in welchem die Künstlerin oder der Künstler eine Rolle zu spielen hat.

 

Dein Stück „Jedermann (stirbt)“ wurde am Wiener Burgtheater gefeiert und auch mit dem Nestroypreis ausgezeichnet. Große Traditionen stecken in diesem Dramastoff. Du hast schon im Titel neue Akzente gesetzt. Wie hast Du Deinen Zugang zum Jedermann gefunden?

Das Problem beim Titel ist schon, dass er sich im allgemeinen Gebrauch abgenutzt hat. Man kann diesen gar nicht mehr sagen, ohne dass man den ganzen Domplatz plötzlich vor sich sieht. Das ist schon wie ein Eigenname geworden.

Von Hofmannstahl wurde es, wie in der mittelalterlichen Vorlage „everyman“ (Anm. 1510, Drama um christliche Erlösung und letztes Gericht), als ein ambivalenter Eigenname, der persönlich aber für uns alle gelten sollte, gewählt. Mein Titel spiegelt auch diese Ambivalenz wider, und auch diese Drohung „Jeder ist sterblich“. Der Titel sagt eigentlich „Du wirst einmal sterben“. Diesen Bedeutungsgehalt, der unter der ganzen Tradition etwas verschüttet wurde, aber im Stoff steckt, wollte ich mit einem kleinen Verb oder auch den Klammern, die dort stehen, die ja wie eine Regieanweisung sind, aushebeln und durch die Verfremdung wieder aktuell machen. Das war der Gedanke dazu.

 

Jedermann ein Börsenspekulant. Seine Vettern korrupte Politiker. In welcher Spannung stehen in Deinem Stück Theater und Realität?

Ich kann mich da nicht hinter den Satz unseres geliebten Bundespräsidenten stellen – „So sind wir nicht“. Da muss ich leider immer wieder sagen, das ist ein Satz wie eine Tapetentür. Dahinter versteckt sich leider das „Jetzt erst recht“, das auf den Fuß gefolgt ist. Es liegt uns doch relativ nahe in Österreich.

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Überrascht Dich das selbst, wenn Du siehst wie Dein Stück immer wieder so viel Realität offenlegt?

Es ist schon manchmal spannend, wenn man das Gefühl bekommt, die Realität antwortet. Kurz nach der Veröffentlichung des Ibiza Videos gab es eine Vorstellung von „Jedermann (stirbt)“ im Burgtheater und Freunde berichteten mir, dass das Publikum beim Satz „Dir zu vertrauen, hieße einen Staatsfeind zum Minister machen“ vor Lachen auf dem Boden lag, weil es einfach so passt auf die aktuelle Situation.

 

Du sprichst in Deinem Stück auch sozialkritische Polaritäten von reich und arm (Jedermann – der arme Nachbar) in unserer Gesellschaft an.

Ich habe zunächst geschluckt als mich Karin Bergmann (Anm: Burgtheater Direktorin) einlud den Jedermann Stoff zu bearbeiten, also das goldene Kalb der österreichischen Dramatik abzuklopfen, wo es trägt und wo vielleicht doch nur Holz drunter ist. Damals, das war zur Zeit als erstmals größere Gruppen über die sogenannte Balkanroute kamen – etwa 400/500 Leute in Traiskirchen und es heißt, wir haben keine Möglichkeit ihnen ein Dach über dem Kopf zu gebe und am selben Wochenende wurde das Donauinselfest gefeiert wo 1 ½ Millionen Leute drei Tage bespaßt worden sind – in dem Moment dachte ich mir, ja so ein Fest wo Leute auftauchen, die dort nichts zu suchen haben oder allein die Frage, wann schmeckt der Wein nimmer recht, ist schon, trotz der Gefahr, dass man hier in sehr moralinsaure Bereiche abdriftet, einfach sehr interessant.

Da ist eine überzeitliche Spannung da. Dies war das Eine und das Andere war die Auseinandersetzung mit dem Tod, was ja schon in meinem Bachmannpreistext Thema war, und was ich bei dem Stücktext weitergezogen habe. Es ist ja auch eine sehr profane Frage, schaut man am Ende seines Lebens noch einmal anders zurück, ist der Todesmoment ein Erkenntnismonent, wo sich doch noch einmal die Perspektive dreht. Und dies als Auftrag vom Burgtheater (in der ja Tote um die Burg getragen werden) und in der Stadt mit so großer „Todestradition“ an sich, dafür dies zu bearbeiten, hat mich interessiert. Es hat ja übrigens auch Lampersberg gemacht, dass er sich im Sarg durch Maria Saal tragen ließ.

 

Der Teufel und die gute Gesellschaft haben ja in Deinem Jedermann eine Doppelrolle, wie kommt es dazu?

Ja, der Teufel und die gute Gesellschaft sind bei mir eins. Dies ist aus der Idee geboren, dass ich in der Tradition des Stoffes las, dass der Teufel immer aus dem Publikum gekommen ist. Er war direkt aus der Gesellschaft, wurde von Spielmannfiguren vorher angesprochen. Und da habe ich mir gedacht, wenn es schon einer aus der Domplatzgesellschaft ist, warum soll nicht diese als Gesamtheit auftreten, auch im Zuge der Gedanken zu den Finanzkrisen der letzten Jahre. Der ja nicht mehr an einer Person festzumachende Heuschreckenkapitalismus heutzutage mit Beratern, wo man nicht genau weiß, wer hat wie viel Verantwortung. Das ist eine Entwicklung, die mich interessiert hat. Man sieht ja auch heute einen Stab von Zuflüsterern, die sich um eine repräsentative Person ranken. Das ist etwas, was mich in dieser Figur auch interessiert hat, die Vergesellschaftung des Bösen eigentlich.

 

„Der Tod als Öffnung in der Welt“ wird im Stück die Polarität von Tod und Leben/Gesellschaft einmal genannt wie ist dies zu verstehen?

Manchmal denkt man den Tod als Sackgasse, oder von da an geht es nicht weiter. Man kann natürlich auch den Tod als einzigen Ausweg sehen, den wir aus der Welt haben. Oder mit der christlichen Tradition, in der Jesus ja als Überwinder des Todes gilt. Der Tod also als etwas Wundersames, als Ausweg aus dem Leiden der irdischen Existenz. Den Tod so zu lesen, hat mich interessiert. Darin liegt ja auch ein Erlösungsmoment. Es gibt viele Traditionen, die dem Tod eine positive Wendung geben. Etwa in Mexico beim Dia de los Muertos, wo der Tod fast karnevalesk gefeiert wird. Und auch in Wien. Man sagt ja, die Wiener kommen nur auf die Welt, um ihr Begräbnis zu planen. Also eher ein positiver Aufbruchsgedanke, eher etwas von einem Anfang als von einem Ende. Diese Ambivalenzen in den Todesbegriff reinzubringen und die Vorstellung vom Tod zu öffnen, war mein Interesse.

 

„Jedermann ist niemand, niemand anderes als wir, wenn er doch stirbt, verschwindet er doch nicht“ – Wieviel Gesellschaft ist im Ich und wieviel Ich in der Gesellschaft?

Das ist eine schwierige Frage. Wir haben es mit einer Zerstückelung der Gesellschaft zu tun, in der ein wir sehr schwer herzustellen ist. Es ging mir im genannten Satz vor allem auch um das Stellvertretermotiv im Jedermann-Stoff.

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Wie weit ist Religion an sich thematische Auseinandersetzung in Deinem Schreiben?

Der Religion entkommt man nie ganz. Man merkt es erst, wenn man sich eingehender mit Sprache, Kultur und Kunst auseinandersetzt wie sehr Religion die Matrix für alles gibt und wie viele Geschichten – etwa bei meinem Bachmannpreistext (Anm. „mein lieblingstier heißt winter“ , Bachmannpreis 2017) hieß es ja in der Jurydiskussion „das Grab ist leer“ wie der Kühlkasten ohne Leiche dasteht – es sind einfach Erzählstrukturen, denen man nur schwer entkommt. Ich setze mich auch gezielt mit religiösen Elementen auseinander und im Jedermann noch mehr als bei anderen Stücken. Bei Jedermann geht es ja zum Schluss um die Gretchenfrage ob er glaubt, ob er Vertrauen in sich selbst und in die Schöpfung hat. Da war es eine relativ intensive Auseinandersetzung noch einmal mit Religion und der Frage wie spirituell ich selbst bin und ob ich selber gläubig sein könnte. Das Spannende ist, das der Text dies in einer ziemlichen Ambivalenz gefangen hat.

In der Rezeption von „Jedermann (stirbt)“ gibt es ja zwei Seiten. Einerseits wird davon gesprochen, dass aus dem Stück aller Weihrauch draußen ist und Andere loben, es werden wieder ernsthaft religiöse Fragen am Theater gestellt. Das finde ich nicht unspannend. Man merkt, die Rezeption kann sich gut abarbeiten daran.

 

Wie steht es heute um Erkenntnismomente, Erkenntnisprozesse in unserer Gesellschaft?

Heute wird Politik über Gefühle gemacht. Es braucht die Apokalypse/Weltuntergang, der an die Wand gemalt wird, sonst bewegt sich gar nichts in der Politik, was ich für keine gute Entwicklung halte. Entscheidungen bräuchten viel mehr rationales Überlegen, Ruhe, Gelassenheit – die wissenschaftlichen Daten, die auf dem Tisch liegen, auszuwerten – und dann auch entscheiden und nicht danach, wer die Bevölkerung am Besten einschüchtern kann und dadurch ein Umdenken verankern kann.

 

Die Frage nach dem Tod im Stück ist ja auch eine Frage an das Leben – was könnte gelingendes Leben sein?

Da kommen wir sehr schnell in einen moralinsauren Bereich. Weil im Endeffekt wissen kann`s keiner. Es gibt Richtwerte, wie etwa die Goldene Regel, die ich auch unterschreiben würde. Aber sobald man anfängt die große Weisheit gepachtet zu haben, ist man schon am Holzweg, finde ich. Es geht eher darum jeden zu bestärken in seiner eigenen Fähigkeit die richtigen Entscheidungen zu treffen – in den Momenten, wo man selbst drinnen steckt. Da von vornherein zu sagen, das und das ist gut, wer weiß, wenn man sich an alle Regeln hält, kommt man am Schluss des Lebens drauf, das man gar nicht gelebt hat. Auch das ist die Gefahr an fixen Regelwerken. Vielmehr ist es wichtig, den klaren, wachen Menschenverstand zu schulen, der auf jede Situation mit den richtigen Mittel eingeht und abwiegen anfängt. Als wie jetzt zu sagen das, das, das ist das gute Leben – Haus, Kind, gute Werke und was sonst noch aufgezählt wird.

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Was sind Deine weiteren künstlerischen Schwerpunkte und Vorhaben?

Aus dem Bachmannpreistext ist ein Roman im Entstehen. Geht langsam voran, weil ich für das Theater noch einiges abzuarbeiten hatte. Das „Jedermann (stirbt)“ Stück für das Burgtheater, „der Tempelherr“, der im März des Jahres in Berlin Premiere hatte und jetzt arbeite ich noch an einem Stück für die Nibelungenfestspiele in Worms im nächsten Jahr. Und dann ist endlich Zeit für die Prosa da.

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für alles!

 Gespräch_Fotos – Walter Pobaschnig, 12.7.2019  Tonhof, Maria Saal/Kärnten.

 

„Jedermann (stirbt)“ Ferdinand Schmalz. Produktion Theater WalTzwerk, Maria Saal, Tonhofstadel, Spieltermine bis 28.Juli 2019

 

 

„Jedermann (stirbt)“ Fulminante Premiere – Theater WalTzwerk im Tonhofstadel/Maria Saal, Kärnten, 12.7.2019.

Hier hat niemand ein Gesicht. Nur Totenmasken sind zu sehen. Nun folgen ein Stampfen und Tanzen im starren Rhythmus. Der Weg in die Welt. Es beginnt mit dem Tod.

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Langsam schält sich die Gruppe aus der dichten Fellkleidung. Menschwerdung. Nackt und bloß. Aber nicht lange. Als die Kleider schnell und nur halb bedeckend angelegt sind, ist schon klar, hier bleibt niemand lange. Das nackte Ankommen und Verschwinden, der nahe Tod sind allgegenwärtig.

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Aber die Rollen sind schnell verteilt. Macht und Geld sind in einer Hand. Des Jedermann. Die Vettern, die um ihren Wahlkampf bangen, sind stets in seiner Nähe. Und jetzt wird zum Fest geladen. Zum Tanz um das Geld. Alles geschieht wo und wie jedermann es will. Doch der arme nackte Nachbar bittet um einen Anteil des Geldes. Der Gerechtigkeit willen. Jedermann will davon nichts wissen. Legt ihm einen bunten Mantel um und zwingt ihm zum Rausch im Garten. Der Rhythmus verschlingt Fragen und Klagen. Die Illusion des Wertes ist das Wunder. Und das lässt Jedermann als Gold regnen wie es ihm gefällt. Bis der Tod zum letzten Tanz bittet und Jedermann sich nach Freundschaft und Rettung streckt, springt und stumm am Boden aufschlägt…

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Das Theater WalTzwerk, Intendanz Markus Achatz und Sarah Rebecca Kühl, bringt zu seinem 25 Jahr Jubiläum eine fulminante Inszenierung von Valerie Voigt-Firon des „Jedermann (stirbt)“ Stückes (Uraufführung 2018 Burgtheater Wien) von Ferdinand Schmalz auf die traditionsreichen Theaterbretter des Tonhofstadel in Maria Saal/Kärnten und begeistert das Publikum mit selbstbewusster Variation und Ansprache. Regie und Ensemble setzen die Sprachkunst und die gesellschaftliche Reflexionskraft des preisgekrönten Stückes (Nestroypreis 2018) des Bachmannpreisträgers von 2017 in ganz außergewöhnlicher Präzession und Spielkraft. Im klug gesetzten Bühnenbild hat das Ensemble eine solche Aufmerksamkeit, Wucht und Variation, die einmalig Ausdruck und Ansprache verbinden. Sprache, Mimik und Bewegung werden zum tragenden dramatischen Rhythmus, der eine existentielle Dichte erreicht, die mitreißend ist. Dieser Regiekunstgriff funktioniert sensationell. Innovation, Kreativität und Selbstbewusstsein fordert das Drama von Ferdinand Schmalz. Das Theater WalTzwerk scheut sich in Inszenierung und Ensemble, wie Bühnenbild und Kostüm, davor nicht. Hier wird viel gewagt und alles gewonnen, ein wunderbarer Theaterabend – Gratulation!

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„Jedermann (stirbt)“ Ferdinand Schmalz

Regie: Valerie Voigt-Firon

Schauspiel: Sarah Rebecca Kühl, Miha Kristof-Kranzelbinder, Markus Achatz, Simone Leski, Alexander Kuchinka

Bühne: Thomas Garvie

Kostüm: Anna Gentilini

Produktionsleitung: Kerstin Haslauer

 

Weitere Spieltermine: 14., 18., 19., 20., 21., 25., 26., 27., 28. Juli 2019,

Beginn jeweils 20:30 Uhr

 

Spielort: Tonhofstadel Maria Saal, Schnerichweg 2; 9063 Maria Saal

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Walter Pobaschnig

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„Maschinen wie ich“ Ian McEwan, Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

 

Charly ist 32 Jahre alt und sein Leben stellt sich gerade auf den Kopf. Seine Mutter ist verstorben und dies stellt ihn vor neue persönliche Herausforderungen wie auch Aktivitäten. Für Trauer bleibt ihm jetzt nicht viel Zeit, da er zunächst das Einfamilienhaus verkaufen muss, das ihm zu groß und auch zu anstrengend ist. Es ist nicht sein Interesse houskeeper zu sein oder zu werden. Es ist jedoch ein günstiger Zeitpunkt für den Verkauf, Bauland ist sehr gefragt und jetzt steht Charlie vor den Möglichkeiten an modernster Innovation der Zeit teilzuhaben. Und das ist die Technik, genauer – ein Roboter!

Gesagt, getan, gekauft – „Vor uns saß das ultimative Spielzeug, der wahrgewordene Traum vieler Jahrhunderte…Unfassbar aufregend, aber auch frustierend…“.  Seine zehn Jahre Jüngere Freundin, Mirinda, findet den neuen Hausgast auch interessant. Sein Name ist schnell gefunden – Adam, der erste Roboter. Und Charly durfte ja auch programmierend miterschaffen. Eigenschaften waren auszuwählen – „offenherzig, schüchtern, energisch, tapfer…“.  Und jetzt ist Adam hier. Nackt und präsent. Und für Charly und Miranda beginnt eine ganz neue Zeit, die sie vor ungeahnte persönliche Erfahrungen, Fragen und Herausforderungen stellen wird…

Der britische Schriftsteller Ian McEwan, der 1998 mit dem Booker Preis und 1999 mit dem Shakespeare Preis der Alfred_Toepfer-Stiftung ausgezeichnet wurde, nimmt mit seinem neuen Roman wesentliche philosophische Fragen in Menschenbild, Ethik und auch Religion auf, die sich im Zusammenhang moderner Technologien und deren Anwendungsbereiche in der Gegenwart zunehmend stellen. Der Autor verpackt dies in eine mitreißend humorvolle Geschichte einer Partnerschaft, in der Mann und Frau ihr Selbstverständnis im Leben „zu dritt“ völlig neu reflektieren und ordnen müssen. Es ist ein direkter, sehr pointierter Sprachstil, der Leserin und Leser von Beginn an anspricht und gespannt bis zum großen Finale folgen lässt.

„Ein großartiger Roman in Stil und Spannung wie  im Anspruch von Frage und Reflexion zu Mensch, Technik und Zukunft.“

„Maschinen wie ich“ Ian McEwan, Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

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„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Es sind zwei ganz besondere Ereignisse in den USA, welche das Jahrzehnt der 1970er Jahre in großen Utopien und Optimismus fulminant beginnen lassen. Die Musik und das Weltall sind die Auslöser für das gemeinschaftliche Erwarten, Feiern und Erhoffen von Millionen Menschen, weit über das Land hinaus. Eine neue Zeit in Vision und ungeahnter Dimension des Lebens bricht für so viele an und lässt eine Generation durchstarten:  „flower power, make love not war“ und „one small step for a man, one giant leap for mankind“. Das Musikfestival in Woodstock 15.-18.August 1969. Die Mondlandung 21.Juli 1969, Apollo 11. So endet und beginnt ein Jahrzehnt, dass so viel an Aufbruch und Veränderung in allen Lebensbereichen in sich tragen wird. Im aktiven innovativen Geist einer Generation und vor allem auch einem sound, der Lebensgefühl und Ausdruck spiegelt, prägt und trägt…

Der Autor, Kolumnist und künstlerische Ideengeber, Initiator und Berater (etwa Donaufestival Krems) Jens Balzer, legt mit „Das entfesselte Jahrzehnt“  eine vieldimensionale Zeitreise in das Jahrzehnt der 1970er Jahre vor, die vor allem in ihren zahlreichen kulturellen Querverbindungen und Erläuterungen, Spannung und Information verbindet und so ein Lesevergnügen öffnet, das ganz besonders ist.

Der Autor setzt vier Schwerpunktkapitel, die mit Aufbruch, Veränderung, Bewusstseinsbildung und Ausblick zusammengefasst werden können. Dabei kommt der Musik von David Bowie, Disco bis zu Punk eine besondere Bedeutung und Beachtung zu aber auch den wesentlichen Veränderungen der Lebensverhältnisse in wissenschaftlicher Innovation (etwa Antibabypille),  medialer Ansprache (Fernsehen, Werbung) und schließlich beginnender Digitalisierung. Beachtlich ist auch wie dem Autor eine weltweite Zusammenschau von Kultur, Gesellschaft und Politik gelingt. Ebenso ist der gute Erzählstil hervorzuheben, der Geschichte und story einzigartig zu verbinden weiß.

„Ein Buch wie ein Rockkonzert, das ein Jahrzehnt fulminant auf eine spannende wie informative Bühne bringt und leicht mitschwingen wie auch kritisch Hintergründe und Ausblicke mitdenken lässt.“

„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

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„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Sie ist achtzehn Jahre alt. Und jetzt ist eine Entscheidung getroffen. Aden Grace kommt mit dem genehmigten Visum für die große Reise nach Hause. Ihre Mutter ist im Bett, alle Bilder sind umgedreht. Es ist ein kurzes Gespräch. Eigentlich nur eine Mitteilung über die Abreise. Doch diese hat eigentlich schon früher hier begonnen. In diesem Haus. Bei Vater und Mutter und der Suche der Tochter nach sich selbst. Sie war allein. Hier und dort. Kann eine Reise das ändern? Die eigene Welt neu erschaffen?

Jetzt geht Aden zu ihrem Vater. Er ist Professor an der Universität Berkley, sein Fachgebiet sind Nahoststudien. Der Vater versucht mit ihr zu sprechen und ihre Bewegründe und vor allem die Gefahren dieser Reise zu bedenken. Doch auch er selbst wählte in jungen Jahren den Weg nach Kandahar, um seinen persönlichen Fragen nachzugehen und Erkenntnis zu gewinnen. Aden erinnert ihn daran und lässt sich nicht aufhalten…

Am Flughafen trifft sie Decker. Sein Weg führt nach Pakistan wie der von Aden auch. Beide haben Bücher im Gepäck, die an der Zollkontrolle kritisch hinterfragt werden. Es sei für ihre religiösen Studien, sagen sie. Sie dürfen nach längerem Argumentieren passieren und steigen in das Flugzeug. Aden will mehr über ihre Religion und über ihr Selbstbild erfahren, deswegen ist sie jetzt im Flugzeug. Lange hatte sie mit ihrem Freund über die Möglichkeiten vor Ort dazu, in Pakistan gesprochen. Sie hatte sich vorbereitet. Doch als sie am Flughafen ankommen und die Stadt betreten, öffnet sich eine Welt, in der die Schatten des Krieges schon wie Regen auf die dunkle Erde fallen. Und der Weg wird noch weiterführen. Weiter in das Unvorstellbare, das alles fordern wird…

Der Deutschlandfunk Preisträger des Ingeborg-Bachmann Literaturwettbewerbes 2017 in Klagenfurt, John Wray, zeichnet in „Gotteskind“ den Weg einer jungen Frau nach, die sich von Familie und Herkunft löst, um ihren religiösen Fragen nachzugehen und Erkenntnis über ihren Lebensweg zu gewinnen. Dem Autor gelingt es dabei sehr anschaulich einen jungen Menschen in Wille und Ambivalenz zu beschreiben wie auch die Erfahrungen und Reflexionen darzustellen, welche sich in dieser Suche ergeben. Es ist ein moderner kritischer Entwicklungsroman, der in Thema und Anspruch mutige zeitgeschichtliche Wege geht, die in Spannung und Interesse folgen lassen.

„Ein Buch, das in spannender Erzählung wesentliche zeitkritische Fragen nach Sinn und Tragik in der Wandlung von Lebensidealen öffnet.“

„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

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Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

 

Die Geschichte dieses Buches beginnt in der Kindheit der Autorin. Als die Mutter eine Schublade öffnet, kommt ein vergilbtes Heft mit geheimnisvollen handgeschriebenen Schriftzeichen zum Vorschein. Das Interesse des Kindes ist geweckt und begleitet, bis die Möglichkeit kommt, dieser besonderen Familiengeschichte nachzugehen. Hinein in eine Zeit europäischer Konflikte, Kriege, Friedenschlüsse und mannigfachen Aufbrüchen der Gesellschaft in neue Herausforderungen…

Die Kärntner Autorin, Isolde Moser, studierte Philosophin mit Schwerpunkten zu Biographien und Geschichte, legt mit den Militär Tagebuchnotizen ihres Urahns, des Artilleristen Josef Sechterberger, eine ganz besondere Zeitreise in die Epoche Napoleons und deren dramatischen Bewegungen in Krieg, Politik und Friedensperspektiven bzw. -hoffnungen vor.  Der Zeitraum, der im Tagebuch vermerkten Stationen des Artilleristen, umfasst die Jahre 1813-1823. Es beginnt also mit dem militärischen Ringen in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19.Oktober 1813, in dem Napoleon einer europäischen Allianz (Russland, Preußen, Österreich, Schweden, England) unterliegt. Am Schlachtfeld auch Josef Sechterberger, der unmittelbarer Akteur wie Augenzeuge ist. Weitere militärische Stationen folgen für den Artilleristen und an seinen Wegrouten werden wesentliche militärische Entwicklungen wie Lebensbedingungen und gesellschaftliche Prozesse der Zeit deutlich.

„Ein Militär-Tagebuch der Epoche Napoleons und deren europäischen Folgejahren, das in umfangreicher Zuordnung, Erklärung und Illustration zu einem eindrücklichen Panoptikum von Mensch, Zeit, Politik und Gesellschaft wird.“

Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

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Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

Commissario Brunetti hat Dienstschluss. Er blickt noch kurz aus dem Fenster, bevor er die Questura verlässt. Ein wolkenloser Himmel über Venedig. Einer dieser Tage und Abende, in denen der Glanz der Sonne im Wasser zu malen scheint und sich die Gondeln darin wie tanzende Sterne spiegeln. Er überlegt kurz über die Piazza San Marco zu gehen, aber das Wetter und die damit verbunden zu erwartenden Menschenaufläufe verbieten das. So steigt er in die öffentlichen Verkehrsmittel um zum Palazzo Falier zu gelangen. Sein Schwiegervater bat ihn um einen Termin…

Angekommen, erzählt ihm der Conte über seinen langjährigen Freund Gonzalo, der auch zur Familie gehört und ebenso dem Commissario und seiner Frau gut vertraut ist. Brunetti hat ihn selbst kürzlich getroffen und sein heller gewordenes Haar und auch der bemühte aber sichtbare der Gang des Alters fiel ihm auf. Und jetzt kommt der Conte auf den Punkt. Brunetti zieht die Augenbrauen hoch…

Der kinderlose Gonzalo wünsche sich jetzt eine Regelung für sein Erbe. Er wünsche sich einen Sohn und habe sich bereits über Adoptionen erkundigt. Und jetzt mache sich der Conte Sorgen. Doch seine Hilfe hat der Gonzalo abgelehnt. Darum dieses Gespräch mit seinem Commissario Schwiegersohn…

Brunetti ahnt, dass dies eine sehr heikle Angelegenheit ist, in der Interessen und Geld bald den Himmel über der Lagunenstadt verdunkeln könnten. Und er hat Recht. Es beginnt ein Sturm, in dem er nun Ruhe bewahren muss, um die schwankende Stadt und deren Familien wieder in sichere Häfen zu führen…

Die amerikanische Bestsellerautorin Donna Leon legt mit ihrem achtundzwanzigsten Fall für Commissario Brunetti eine spannende, abwechslungsreiche und wunderbar lebensweltliche Reise zu Familienwegen und Interessen vor, der Leserin und Leser gerne folgen.

„Ein Roman, der über die Macht des Sterbens und die Angst davor und noch viel mehr über das Leben in Traum, Erwartung und schwieriger Endlichkeit erzählt.“

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

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„Eine bejahende, freiheitsliebende Message“ Bachmannpreis 2019

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Abwechslungsreich, engagiert und spannend. So lassen sich die 43.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zusammenfassen. Dies trifft auf die Texte der 14 AutorInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz  – Martin Beyer, Ines Birkhan, Birgit Birnbacher, Yannic Han Boan Federer, Leander Fischer, Andrea Gerster, Daniel Heitzler, Julia Jost, Tom Kummer, Lukas Meschik, Ronya Othmann, Katharina Schultens, Silvia Tschui, Sarah Wipauer – wie auf die Jurydiskussionen (Jury – Hubert Winkels, Stefan Gmünder, Nora Gomringer, Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke –  im Saal wie des Publikums danach zu. Es sind Texte, die im unterschiedlich bewerteten Anspruch von literarischer Konstruktion wesentliche Fragen an Mensch und Gesellschaft in Aufmerksamkeit, Kritik  und Utopie stellen.

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Der Ingeborg Bachmannpreis ging heuer, nach einer spannenden Stichwahl zwischen Birgit Birnbacher und Yannic Han Bao Federer, an die in Salzburg geborene und lebende Schriftstellerin und Soziologin Birgit Birnbacher. Ihr Text „Der Schrank“ verband hohe sprachliche mit kritischer sozialer Aufmerksamkeit. Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens tätig, betonte, dass die soziale Frage nach der Reaktion des Individuums im „Wegbrechen von Arbeitsverhältnissen“ und den Prozessen neuer Identitätsfindung, etwa angesichts von „Zynismen: Neue Arbeit“, im Text thematisiert werde. Stefan Gmünder, Literaturredakteur bei „Der Standard“, hob hervor, dass das „reduziert werden auf eine Nummer im Text nicht plakativ ist“ sondern im „hier und jetzt“ passiert. Insgesamt sei der Text literarisch „äußerst fein gemacht.“ Klaus Kastberger, Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz Nabl Institut der Stadt Graz und Leiter des Literaturhauses Graz, sprach davon, dass viel „Bachmann im Text steckt“, in literarischen Topoi (etwa Das Verschwinden, Romanende von Malina) und der Erzählstruktur „puren Alltagsleben in Leichtheit und Verspieltheit und doch Dringlichkeit“. Michael Wiederstein, Chefredakteur des Schweizer Literaturmagazins Literarischer Monat/Schweizer Monat, betonte die „Empathie für eigene Figuren und den Humor – etwa bei Berlacovic (Erzählfigur, Anm.)“, das ist „großartig.“

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Im Interview nach der Preisverleihung wies die Bachmannpreisträgerin darauf hin, dass es „für uns Autorinnen und Autoren eine Verpflichtung ist, bestimmte Missstände in der Gesellschaft nicht auszusparen. Mein Text handelt von der Erosion der sozialen Mitte. Es war mir sehr, sehr wichtig dies zu zeigen.“ Ebenso sei aber die Referenz auf Samuel Beckett am Ende wesentlich, „das Singen als große Freiheitslust“. Denn am Ende sollte „eine bejahende, freiheitsliebende message“ stehen.

Grundsätzlich werde in der modernen Gegenwartsliteratur um „Inhalte gerungen“, dies zeigten für sie auch eindringlich „die Texte wie die Jurydiskussionen in Klagenfurt.“

 

Marie-Luise Mathiaschitz, Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt, welche den Ingeborg Bachmann Hauptpreis in Höhe von 25 000EUR zur Verfügung stellt, hob hervor, dass „moderne Literatur immer Reflexion unserer Gesellschaft ist und diese verschiedenen Blickwinkel sind wichtig, um Gesellschaft mitgestalten zu können.“ Der Landeshauptmann von Kärnten, Peter Kaiser, wies darauf hin, dass es gesellschaftliche „Aufgabe der Kultur an sich ist, im Besonderen aber auch der Literatur, autokratischen Formen entgegenzuwirken.“

Hubert Winkels, Juryvorsitzender und Literaturredakteur des Deutschlandfunk, betonte die „Reflexionskraft von Literatur“, die in allen Lebensbereichen, besonders aber auch in gesellschaftspolitischen Herausforderungen wichtig ist.

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Weitere PreisträgerInnen sind: Leander Fischer – Deutschlandfunk Preis, Ronya Othmann – Publikumspreisträgerin BKS Preis, Julia Jost – Kelag Preisträgerin, Yannic Han Biao Federer – 3sat Preis.

Herzliche Gratulation den PreisträgerInnen und Dank an die Veranstaltungsleitung/Unterstützung von ORF, 3sat, Stadt Klagenfurt und Land Kärnten!

Der Ingeborg Bachmannpreis wird seit 1977 in Klagenfurt vergeben. Der erste Preisträger war Gert Jonke. Der renommierte Literaturwettbewerb ist einer der wesentlichen Treffpunkte der Präsentation und Diskussion moderner deutschsprachiger Gegenwartsliteratur.

 

Walter Pobaschnig, 3.7.2019

https://literaturoutdoors.com

 

 

„Station bei Bachmann“ Gespräch und Fotoporträt mit Sarah Wipauer, Bachmannpreisteilnehmerin 2019, 21.6.2019

Die Entscheidung für den Treffpunkt ist für Sarah Wipauer schnell getroffen, „der 9.Bezirk ist ein sehr spannender Stadtbereich“. Schon in ihrer Terminzusage lässt die Autorin anklingen, dass auch das „Alsergrundland“ viel an Überraschung und Geheimnis in sich trägt. Ich bin neugierig.

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Wir treffen uns vor dem ersten Wohnhaus von Ingeborg Bachmann in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Rothschild Spitals am Währinger Gürtel. Bachmann zieht hier 1946 ein. Als wir uns vor der schwerem holzgetäfelten Eingangstüre begegnen, ist gerade ein Umzug im Gange. Kartons, Lampen und Bücher werden bei sengender Hitze in den Transporter gehoben.

Umgezogen ist die Bachmannpreisteilnehmerin 2019, Sarah Wipauer, selbst nicht oft. „Wien ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt die junge Schriftstellerin „ich bin hier geboren und auch aufgewachsen.“ In ihrer langjährigen Tätigkeit an der Universität Wien im administrativen Studienorganisationsbereich spielt die Topographie hier vor Ort ebenso eine wichtige Rolle – „ich bin fast jeden Tag hier, viele Institute, an denen ich zu tun habe und hatte sind hier angesiedelt.“ Wipauer erzählt auch, dass sie im Alten AKH, dem zentralen Krankenhaus der Stadt Wien in diesem Bezirk, geboren ist. Nach dem Neubau des Krankenhauses und dem Umbau des traditionsreichen Stadtareals ist ihre Geburtsadresse jetzt ein Restaurant geworden, lächelt sie. Es ist auch jetzt noch viel an baulicher Bewegung vor Ort „man kann sich vorstellen wie es hier vor 200 Jahren war aber auch wie es in 100 Jahren sein wird“, viel an Zeit, an alter Welt und an Schnittflächen zu neuen Entwürfen von Stadt und Stil seien hier lesbar, erzählt Wipauer.

Die Neugierde und das Schreibinteresse der Autorin für Lebensorte und ihre Entwicklungen und Hintergründe wird deutlich, „Historisches ist dabei sehr oft der Ausgangspunkt.“ Thematisch war bei Schreibprojekten im vergangenen Jahr „Pest und Barock in Wien im 17. und Anfang des 18.Jahrhunderts“ bedeutsam. Topographien spielen aber grundsätzlich eine besondere literarische Rolle – „manche meiner Texte sind relativ genau verortet“. Es sind urbane Landschaften, die „nicht so im Mittelpunkt stehen aber auch eine Geschichte haben.“ Die Freiheit von Sprache und Erzählkonstruktion ist dabei ebenso wesentlich.

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Im Inneren des Jahrhundertwende Hauses erzählt Wipauer, dass sie mit siebzehn Jahren Bachmann gelesen hat und dann „in den Zwanzigern wieder“. Eine Einladung nach Klagenfurt ist immer auch ein Grund diese wesentliche österreichische Autorin wieder zu entdecken. Wie etwa beim Literaturkurs im Musil Haus/Museum in Klagenfurt 2011, an dem die Autorin teilnahm, „ich las in den Nächten immer Bachmann. Es waren die Erzählungen.“ Im romantisch wuchernden Innengarten frage ich die Autorin nach ihren Schreibanfängen, „ich schreibe Texte, seit ich schreiben lernte. Der Schwerpunkt ist Prosa.“ In der Frage nach literarischen Vorbildern ist die Schriftstellerin zurückhaltend, „es gibt Schwerpunkte und Phasen“, in denen sich AutorInnen abwechseln. „Kurzgeschichten, die ins Surreale gehen“, liest sie derzeit.

„Ich habe die Handelsakademie in Wien-Hetzendorf besucht und mich dann für das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Sinologie entschieden“, umreißt die Autorin ihren Bildungs- und Berufsweg, „ich bin froh über alle Einblicke dieser Wissenschaften. Die Zugänge zu Literatur etwa, die noch nicht übersetzt ist – bis ich sterbe kann ich hier weiterlernen.“

 

 

Als wir das Haus verlassen, schlägt Wipauer den Weg in Richtung Altes AKH ein, „wohin wohl diese Straße führt?“, fragt die Autorin. Es ist offensichtlich, dass das „Alsergrundland“ für die Schriftstellerin ein Entdeckungsland ist und es hier noch sehr viel zu erzählen gibt.

Bevor es jedoch weiter geht, machen wir Station in der “Taverna Gyros“ in der Währinger Straße. Der Besitzer Fokianos Konstantinos, aus Thessaloniki gebürtig, freut sich der Wiener Bachmannpreisteilnehmerin einen Gutschein für ein Abendessen für zwei Personen überreichen zu dürfen. Herzlichen Dank für diese freundliche Überraschung!

Das Gutscheinkuvert ist eingepackt und wir spazieren zur Statue eines Röntgen Wissenschaftlers im Anne-Carlsson Park. Am Weg umschreibt Wipauer die Gedanken zum in wenigen Tagen beginnenden Literatur- und Fernsehereignis in Klagenfurt, „ich freue mich auf Klagenfurt, die Stadt, die anderen Autorinnen und Autoren wie auch das Rundherum, hoffe aber auch, dass ich wieder heil zurückkomme.“ Ihr Text sei ein neues Schreibprojekt, mehr könne, dürfe sie dazu jetzt noch nicht sagen.

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Jetzt sind wir bei der ausdrucksstarken Büste im Park angelangt. Guido Holzknecht, dem österreichischen Mediziner und Pionier der modernen Radiologie, wurde hier 1932 ein Denkmal gesetzt. Dabei wurden auch die schweren Verletzungen und Amputationen an der Hand des Wissenschaftlers abgebildet. Holzknecht hatte diese bei seinen Bemühungen zur Fortentwicklung der Röntgenwissenschaft erlitten. Er hatte bis zu seinem frühen Tod trotz vieler Operationen weitergearbeitet. An seinem Sterbebett war auch Sigmund Freud. Holzknecht war einer seiner Klienten, aber auch ein persönlicher Freund, der diesen wiederum in seiner Krebserkrankung behandelte. Ebenso war Holzknecht Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Im Krieg wurde die Statue nun vermutlich zerstört. In jedem Fall kam es danach zu einer Neuaufstellung, in welcher Holzknecht alle Finger zurückgegeben wurden. Ein Leben für die Wissenschaft im schonungslosen Einsatz und schließlich dem Preis verbrannter Hände und dem frühen Tod.

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Eine ganz besondere Geschichte, auf welche die Autorin hier aufmerksam macht und die für mich jetzt auch auf Ingeborg Bachmann zurückverweist. „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers“, formulierte Ingeborg Bachmann über Schreiben und Leben. Eine erstaunliche Analogie von Wissenschaft und Literatur im Anspruch von Erkenntnis und Ausdruck wie dessen Konsequenzen hier im Wiener Park und dessen Nachbarn Ingeborg Bachmann und Guido Holzknecht. Der Kreis schließt sich – auch hier in Bachmanns  „Alsergrundland“.

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Danke für diese sympathische Begegnung und diesen spannenden Nachmittag, liebe Sarah Wipauer, und alles Gute für Klagenfurt!

 

Walter Pobaschnig, 21.6.2019

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Alle Fotos_Walter Pobaschnig