„Vielleicht kann die jetzige Krise die Menschen (und nicht nur „die Politiker“) lehren, dass es anders gehen kann“ Leopold Federmair, Schriftsteller _ Japan_5 Fragen_25.3.2020

Lieber Leopold, Du lebst in Japan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst, etwas ruhiger vielleicht, aber im März ist an der Uni, wo ich meinem Brotberuf nachgehe, sowieso vorlesungsfrei. Geplant war, dass ich die zweite Märzhälfte mit meiner Familie in Venedig verbringe, daraus wurde nichts. Und auch aus dem für 31. März in der Alten Schmiede zu Wien geplanten Symposion mit Peter Henisch, Olga Martynova, Anna Weidenholzer, Robert Stripling wird vorläufig nichts. Schriftsteller haben ja die meiste Zeit home office. Die derzeit laufende Vorbereitung für dieses Symposion über die Zukunft des Romans bzw. das Projekt, zu dem es gehört, hat aus uns fünfen etwas wie eine kleine Urgemeinde gemacht, so sehe ich das (ein bisschen selbstgefällig) zumindest, aber physisch zusammengekommen sind wir bisher nicht. Durch das Nicht-Reisen-Müssen (ja!) habe ich mehr Zeit zur Verfügung, der Roman, an dem ich arbeite, geht schneller voran, als ich das von ihm erwartet hatte.

 

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Warum das Virus in Japan so zurückhaltend ist, kann ich nicht sagen, es hat etwas Rätselhaftes. Die Schulen sind früh geschlossen worden, aber die Regeln werden nicht sehr strikt gehandhabt, allgemeine Ausgangsbeschränkungen gibt es nicht. Natürlich hätte ich Gründe zur Hand, die Reinlichkeit der Japaner (kann man verallgemeinern!), Distanziertheit, keine Bussis, kein Händeschütteln, dann auch die geringe Luftverschmutzung, auch in den Metropolen… Trotzdem, es bleibt rätselhaft.

Tagesablauf, wenn du’s genau wissen willst: Aufstehen, frühstücken, Blick ins Internet, Frühstück für meine Tochter machen, mit dem Fahrrad in mein Studio an der Uni fahren, schreiben, manchmal ein Café (ja!) besuchen, auch Spaziergänge in den Wäldern und zwischen den Feldern, im ersten Frühling, die Kirschbäume beginnen zu blühen, viel früher als in früheren Jahren, gegen Abend einkaufen, kochen, essen, häufig sehen wir danach im Heimkino (home cinema) Filme, zuletzt einen japanischen von 1999, Popoya („Der Bahnvorstand“), nach einer Erzählung von Jiro Asada, im Schnee von Hokkaido spielend, wunderbarer Film in der Tradition von Yasujiro Ozu, Shohei Imamura etc.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Wir alle“, das bezieht sich vermutlich auf Österreich oder Europa. Ich verfolge die viralen Corona-Entwicklungen in diversen Ländern, sie sind recht unterschiedlich (und die Erhebung und Darstellung ist unterschiedlich), z. B. sind meine Freunde in Spanien derzeit ziemlich in der Bredouille, sprich in einem echten Ausnahmezustand, aber ich kann ihnen keine Ratschläge geben. Vieles liegt ohnehin auf der Hand. Das Wort „viral“ hatte bis vor kurzem einen coolen und elanvollen Bedeutungshof, der mich ehrlich gesagt ziemlich genervt hat. To go viral, oh! Jetzt hat sich eine ganz andere, ältere und nicht metaphorische Bedeutung zurück in den Vordergrund gedrängt. Vielleicht kann das auch heilsame Wirkungen haben.

 

In Deinen Romanprojekten geht es auch wesentlich um Beschreibung von Lebenserfahrungen/-kontexten. Es geht dabei um persönliche Wahrnehmungen, Herausforderungen und gesellschaftliche Prozesse.

Auch jetzt wird es ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen bzw stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Seit Jahren frage ich mich, anfangs zögernd, ob wir nicht zwangsläufig auf eine neue Katastrophe zusteuern. Zyklentheorie und so. Im 20. Jahrhundert gab es zwei sehr große Katastrophen (und mittlere wie die Spanische Grippe), nach dem ersten Weltkrieg hat man nicht viel daraus gelernt, nach dem zweiten schon, aber nach ungefähr einem halben Jahrhundert begannen gewisse „Errungenschaften“, das Wort ist gar nicht so schlecht, doch wieder zu bröckeln, und Neues kam nicht in Sicht, nur Altes. (Eigentlich müsste ich die Wirtschaftskrise von 1929 hinzufügen, und den darauf folgenden New Deal, den neuen contrat social.) Vielleicht kann die jetzige Krise die Menschen (und nicht nur „die Politiker“) lehren, dass es anders gehen kann, dass man Alternativen ausarbeiten kann, dass wir, auch wenn wir uns streiten, doch eine Gemeinschaft sind und der Streit in deren Dienst stattfinden sollte. Was mir in den letzten Jahren Sorgen machte, ist das Lagerdenken, der mangelnde Respekt vor dem anderen – was, wie man jetzt sieht, auch heißen kann: Mangel an Distanz zum anderen.

In Japan sollten die Leute aus dem jetzigen Stillstand im Schulsystem, der zum Glück nicht unnötig von „school at home“ durchkreuzt wird, weil die Ferien sowieso immer mit Hausaufgaben zugemüllt sind, lernen, dass es nichts bringt, immer alles noch mehr zu verbessern, zu vermehren, zu vergrößern, aus- und anzufüllen. Dass Spiel und Nichtstun und Schlafen wichtig und schön sind. Das hat man den hiesigen Kindern nämlich ausgetrieben, und die Kinder nehmen es in ihre Erwachsenenexistenz, in die sogenannte Arbeitswelt, mit.

 

Was liest Du derzeit?

Unendlicher Spaß von David Foster Wallace (schon lange) und Gedanken dichten von George Steiner (seit kurzem). Ich höre in diesen Tagen Country Music, besonders Townes Van Zandt, zeitlebens ein Außenseiter, unglücklich und großartig. Long live the United States, carajo!

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Wasserbläschen wandern

das Bächlein hinab

Schattige Kreuze am Grund

 

Vielen Dank für das Interview lieber Leopold und viel Erfolg für Deinen neuen Roman und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leopold Federmair, Schriftsteller

Aktueller Roman:  Leopold Federmair, Die lange Nacht der Illusion (2020), Otto Müller Verlag

 

23.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Leopold Federmair

 

https://literaturoutdoors.com

 

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