Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als freischaffender Schauspieler und Regisseur ist man es eigentlich gewöhnt, seine Tagesstruktur immer wieder selber planen zu müssen.
Daher wird man gerade jetzt wieder sehr daran erinnert, dass wir Menschen sowas wie regelmäßige Abläufe brauchen und wir sie auch selbstständig erarbeiten können.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir zusammenhalten und Gott behüte nicht beginnen uns gegeneinander auszuspielen. (Herr Schröder???) Kunst und Kultur sind ohnehin und völlig zu Unrecht Waisenkinder in unserem System, wir sollten sie pflegen und immer wieder zum Blühen bringen, weil die Fantasie es ist, die uns über die schlimmsten Zeiten retten kann.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Frage habe ich, glaub ich, schon vorher beantwortet.
Lasst uns einfach nicht aufhören zu spielen, zu lachen und das Herz sprechen zu lassen.
Was liest Du derzeit?
Der Schauspieler und das Ziel von Declan Donnellan und Erde von Wolf Wondratschek
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Macht brauchst du nur, wenn du Böses vorhast!
Um alles andere zu tun reicht Liebe“
(Charlie Chaplin)
Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist eine Resignation, die jetzt in dieser Situation als Schauspielerin stattfindet. Eine Resignation, dass nichts mehr möglich ist. Das ist eigentlich das Letzte, das man haben sollte.
Ines Schiller, Schauspielerin_Palais Auersperg _ Wien
Aus dieser Resignation geht dann aber eine unglaubliche Kraft hervor, weil es kein konkretes Ziel mehr gibt.
In diesem unkonkreten wabernden Zustand kommen wir gleichsam wieder an „Grunddinge“ unseres Wesens – dass wir wieder dem Leben vertrauen.
Im Vertrauen auf dieses „nackte“ Leben kommt es zu einem Weg, der unabhängiger ist von den Umständen.
Bei mir hat sich jetzt Resignation in Ruhe umgewandelt.
Diese Zeit, das Leben jetzt ist vielleicht mit dem Fasten vergleichbar. Du isst regelmäßig Fette, Öle, Salze und irgendwelche Zusatzstoffe. Und wenn Du dann beginnst nur noch Reis und Kartoffeln zu essen, also puristisch, dann führt dies auch zu elementaren Grundprozessen des Körpers und Grunddingen des Geistes zurück. Da ist Liebe dabei. Aber auch Angst und Schmerz. Diese sind alle teil unseres Wesens als Mensch
Wenn wir Angst, Liebe, Schmerz empfinden können, dann ist immer etwas da vom Leben!
Wir müssen wissen, dass immer etwas da ist vom Wesen des Lebens. Und dass es in Bewegung ist. Das nichts statisch bleibt sondern sich verändert.
Und die Liebe – wenn man die zulassen kann, dann hat man zumindest die Sicherheit, dass man lieben kann. Und mehr geht eh nicht.
Ohne Liebe können wir nicht leben. Jedes Lebewesen, Mensch oder Tier, empfindet immer Liebe.
Ein Ort inspiriert einfach. Es passiert. Das Denken verändert sich.
Der Mensch verhält sich immer zum Raum.
Je klarer die Räume sind, je fantastischer, je geschichtlicher, desto mehr verhält sich der Mensch zum Raum. Auch wenn er es nicht will.
Das Palais Auersperg ist wie ein geheimer Garten in Wien. Ein „secret garden“ in Raum und Licht. Es ist wunderbar!
Ich bin mit Schauspiel, Theater, Kabarett aufgewachsen. Meine Tante Ingrid Schiller ist Schauspielerin. Ich lernte schon Texte mit sieben Jahren.
Ich war in Mexico und mir ging das Geld aus. Ich machte Pantomime auf der Straße für die Touristen. Als ich zurückkam, wusste ich, ich will Schauspielerin werden.
Dann machte ich die Aufnahmsprüfung am Konservatorium und ich wurde genommen. Ich konnte es gar nicht glauben als mein Name da genannt wurde. Wir standen in einer Reihe, fünfundzwanzig, und dann wurde mein Name aufgerufen und ich habe nach rechts und links geschaut. Ich habe meinen eigenen Namen nicht mehr verstanden, so sehr habe ich mich gefreut (lacht).
Dann war ich im dritten Jahr nach dem Studium schon am Volkstheater München engagiert, dann machte ich „Feuchtgebiete“. Es gab immer viele Engagements. Ich konnte mich da manchmal auch nicht schützen als es zu viel wurde.
Außerhalb von dem was wir sehen, findet sehr viel statt – wenn wir hinschauen. In Mensch. Ort. Welt.
Der Mensch kann sich nicht für jemanden opfern. Das ist masochistisch. Es gibt Hingabe, Liebe – aber dazu muss es Reserven geben. Es braucht Kompetenz und Kraft. Dann ist es sinnvoll. Wenn ich etwas nicht mehr kann, dann gehe ich. Sonst geht es nur um etwas Perfides.
Wien, das sind meine Freunde. Mein Freund, der für die Liebe aus Paris hierherzog. Und dann Quarantäne (Im März, Anm.), bumm. Dieser enge Raum und es beginnen auch Streitereien, Kleibürgerkriege. Ist dumm, aber passiert.
Ich bin im Liebesstreit die Amazone. Da muss man in Deckung geben. Ich habe auch Pfeil und Bogen zuhause (lacht).
Ausdiskutieren geht nicht in einer Streitsituation. Da ist es ja ein Mittendrin. Da wird es nur schlimmer. Kurz weggehen und dann ist es wieder gut.
Ich war jetzt drei Jahre am Landestheater in Linz. Ich entdecke Wien gerade erst. Es ist schwierig jetzt unter den Umständen.
Ich kenne Wien eigentlich noch gar nicht. Ich bin neugierig.
Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe eine Morgenroutine, die versuche ich, weiterhin einzuhalten. Aufwachen, im Bett Kaffeetrinken, langsam in den Tag starten mit Achtsamkeit- oder Meditationsübungen, danach Nachrichten lesen, Körperpflege usw. Wenn alle Kinder zuhause sind, funktioniert das natürlich mal mehr und mal weniger. Aufgrund meiner jahrzehntelangen Depressionen hab ich mir aber angewöhnt, ein paar Rituale immer beizubehalten, eine gewisse Routine zu verteidigen. Das ist etwas, das nun für viele, die zum ersten Mal in so einer Ausnahmesituation sind, etwas neu und ungewohnt.
Simone Dueller, Künstlerin
Vormittags versuche ich, zu arbeiten – das reicht, je nach aktuellem Projekt, von organisatorischer Computerarbeit bis hin zur Ausarbeitung von Workshops, Telefonaten oder künstlerischem Arbeiten. Die Zeitfenster dafür sind immer klein, da die Kinder auch sonst zu Mittag nach Hause kommen und im Lockdown sind dann auch diese Arbeitsfenster natürlich unterbrochen durch Fragen, Elternpflichten, etc.
Zu Mittag wird gekocht und gemeinsam gegessen. Wenn viel zu erledigen ist, dann muss ich das anders lösen – die Großen kochen dann oder die Oma.
Am Nachmittag hole ich auf, was am Vormittag arbeitsmäßig nicht erledigt werden konnte. Da kommt aber meistens noch spielen mit der Kleinen, Lernunterstützung bei den Großen und unvorhergesehene Zusatzaufgaben dazu. Und was dann noch irgendwie eingebaut werden sollte: Rausgehen an die Luft, Reparaturarbeiten, mindestens eine Stunde Zeichnen oder Schreiben oder eine andere künstlerische Arbeit.
Abends dann wieder ein gemeinsames Abendessen und Abendprogramm: spielen, gemeinsam was lesen oder anschaun, die Kleinste ins Bett bringen. Wenn diese dann irgendwann zwischen 20:00 und 21:30 schläft, würde eigentlich mein freier Abend beginnen. Realistischerweise kommen dann aber die größeren Kinder mit Fragen und dann finde ich mich erst nach 22:00 oder oder 23:00 alleine im Wohnzimmer wieder. Was dann meistens noch unerledigt ist: Arbeits-To-Dos vom Vormittag, Zeit ganz für mich, Zeit zum Lesen oder Nachrichtenschaun. Und: in der ganzen Aufzählung war der Haushalt noch nicht mal dabei. Das ist auch der Grund, weshalb das tägliche Wäsche- und Geschirrwaschen mein Mann macht. Ich mache dann einmal die Woche ein paar Stunden, wo ich alles Liegengebliebene im Haushalt aufarbeite.
Das ist die Beschreibung eines routinierten Tages. Und weil wir aber nur Menschen sind, bewegen wir uns meistens irgendwo um diesen Plan herum, mit größeren und kleineren Abweichungen. Also mit verspätetem Essen, Chaos überall, verschobenen Deadlines, erschöpften Stunden auf der Couch. Und um uns gegenseitig nicht aufzufressen oder wahnsinnig zu werden, bin ich sehr nachsichtig mit uns und mir selbst. Nur bei meinen Prioritäten bin ich streng: Familie, Kunst, gesellschaftliches Engagement und ein notwendiges Maß an Selbsfürsorge (Meditatonspraxis, gut auf den Körper schauen usw) stehen an erster Stelle. Alles andere muss leider chaotisch in der Ecke liegen bleiben, bis ich tatsächlich die Zeit und den Kopf dafür habe. Dieses Interview zB habe ich ausgefüllt, während neben mir zwei Kinder laut musizierten und ein drittes Kind Hilfe beim Kochen brauchte. Ich entschuldige mich also für eventuelle seltsame Fehler oder flapsige Formulierungen. Ich kann mich grad selbst nicht denken hören, so laut ist es. 😉
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht untergehen in dem ganzen Strudel an Ängsten, Negativität und Unsicherheit. Bei sich bleiben – eventuell auch mal einfach schaun, was die eigenen Prioritäten wirklich sind. Nachsichtig mit sich selbst sein, wenn man das Gefühl hat, von alledem überfordert zu sein. Nicht bitter werden. Sich der eigenen Privilegien bewusst werden und sie positiv für jene nutzen, die diese nicht haben.
Dankbar sein. Wütend sein. Und dann immer wieder mal raustreten aus der eigenen Sicht und einen Blick aufs große Ganze werfen. Interessiert bleiben an der Welt, den Zusammenhängen und den Vorgängen, doch sich nicht darin verlieren, dann lieber kurz Nachrichten- &Informationspause machen.
Ich selbst finde den Gedanken von RADICAL SOFTNESS voll schön. Also: sanft bleiben, in der Liebe bleiben – dem ganzen Schmarren zum Trotz. Dann bleibt die Kraft über, für sich selbst und sein Umfeld gut zu sorgen. Und mit Umfeld meine ich auch: die Welt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an zu?
Die Kunst ist Seelenbalsam für all die Wunden, die gerade in Krisenzeiten aufbrechen oder neu hinzugefügt werden. Sie kann Gefühle in Bildern, Liedern, Worten ausdrücken, die wir selbst nicht beschreiben können und das wiederum hilft, damit umgehen zu lernen.
Kunst zeigt neue Perspektiven und Lösungen auf, die wir uns oft gar nicht trauen, anzudenken.
Kunst tröstet. Und auch dieser Aspekt ist ungemein wichtig und wird zu Unrecht oft belächelt: Kunst kann und darf auch manchmal einfach eine wunderbare und heilsame Ablenkung sein.
Was liest Du derzeit?
„Die schmutzige Frau“ von Luisa Francia
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn du nicht mehr weiter weißt, was du tun sollst: tue was Gutes.
Simone Dueller, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Marianne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin mehr zuhause, und habe mehr Zeit zum Schreiben.
Marianne Jungmaier, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was für andere Menschen wichtig ist, kann ich nicht sagen. Aber für mich ist es wichtig, meinen inneren Frieden zu bewahren. Das erreiche ich, indem ich meditiere, meinen Körper gesund erhalte, auf meine Gedanken achte.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich sehe es eher als Umbruch, als Veränderung. Ich übe mich in Anpassungsfähigkeit. Übe, jeden Tag zu nehmen, wie er kommt. Das gilt auch für meine literarischen Projekte, die sich verändern müssen, weil ich nicht reisen kann. (Außer im Kopf.) Literatur, und auch Kunst keeps me sane. Und ich denke, es ist auch wichtig, dass die Künstler*innen jetzt laut bleiben, der Politik auf die Finger schauen, unbequem sind. Stichwort: Absagen im Kulturbereich.
Was liest Du derzeit?
Die Autobiographie von Helmut Lethen, In den kommenden Nächten von Irmgard Fuchs, Tales of Earth Sea von Ursula K. LeGuin, Die helle Kammer von Roland Barthes und Tonglen von Pema Chödrön.
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht eher ein Schreibhinweis, der mir selber nützt. „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“ (Celan)
Vielen Dank für das Interview liebe Marianne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Serge, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist sehr unterschiedlich. Manchmal habe ich Gott sei Dank Arbeit. Hin und wieder gab und gibt es für mich Dreharbeiten. Dafür bin ich sehr(!) dankbar.
Ansonsten: Ich bin bloß mehr zuhause als früher und habe damit kein Problem. Es entspannt mich, wenn ich zuhause herumtrödeln kann. Ich komme auch viel mehr in den Lesemodus zurück. Man wird nicht mehr so oft abgelenkt. Grundsätzlich komme ich mit der Verlangsamung sehr gut zurecht. Und hin und wieder werkeln meine Lebensgefährtin und ich auch in unserem kleinen Garten. Zusammen zu puzzeln, das war im Frühjahr. Eines haben wir noch offen. Schauen wir mal. 😉
Serge Falck, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was wichtig ist? Nicht die Nerven zu verlieren. Das Leben an sich ist anfällig für Veränderungen, das weiß man doch. Es ist erschreckend, wie einige aus unserem Bekanntenkreis, die damit nicht klarkommen, irgendwelchen „Theorien und Erklärungen“ anheim fallen. Sie suchen sich ihre Wahrheiten im Internet und bei einem bestimmten Sender.
Für uns ist es überhaupt kein Problem, MNS-Masken zu tragen und die sozialen Kontakte auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Ich denke oft daran, dass meine Großmutter zwei Weltkriege überlebt hat und wir regen uns auf, dass wir etwas Freiheit aufgeben müssen? Wenn ich meine Freiheit einschränke, um damit anderen zu helfen, dann ist das doch voll ok. Immanuel Kant hat das doch so treffend gesagt: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Film, Theater, der Kunst an sich zu?
Die Kunst sollte unsere Zeit immer kritisch begleiten. Das ist ihre Aufgabe und zugleich ihr Motor. Es wird aber auch eine große Aufgabe darin liegen, die Leute wieder zum Kunstgenuss zu verführen. Ich frage mich, wie viele sich schon an den Kunstverzicht gewöhnt haben könnten. Das wäre schlimm. Kunst und Kultur sind wesentlich für unsere seelische Gesundheit.
Was liest Du derzeit?
Ich habe in letzter Zeit viel Bücher über Trump gelesen, weil ich es nicht verstehen kann, dass dieser Mann immer noch so viele Wähler hinter sich scharen kann.
a) „A very stable Genius“ von Philip Rucker und Carol Leoning
b) „Zu viel und nie genug“ von seiner Nichte Mary L.Trump
b) „Autokratie überwinden“ von Masha Gessen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es gibt so viele wichtige Zitate aus den Büchern. Ich habe mich jetzt mal für zwei hier aus dem Buch „Autokratie überwinden“ entschieden:
* Journalismus ist für die Demokratie unverzichtbar, weil er innerhalb einer Stadt, eines Staates, einer Nation das Bewusstsein einer gemeinsamen Realität schafft. Ohne diese gemeinsame Realität kann es keinen“öffentlichen Raum“ geben – den der Philosoph Jürgen Habermas als Ort beschrieb, wo sich öffentliche Meinung bildet.
* Die „Freiheit, miteinander zu sprechen“ setzt eine gemeinsame Sprache voraus. Trump Angriff auf die Sprache ist somit ein Angriff auf die Freiheit selbst. In seiner „Berichtigung der Namen“ warnte Konfuzius: Wenn die Sprache nicht korrekt ist, dann verfallen die Moral und die Künste; wenn das Recht abhandenkommt, stürzt es die Menschen in hilflose Verwirrung. Deshalb darf es beim Gesagten keine Beliebigkeit geben. Trumps Lügen und Worthülsen sind Musterbeispiele für Beliebigkeit und fortlaufende Bekräftigungen der Macht.
mit lieben Grüßen, Serge
Vielen Dank für das Interview lieber Serge, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Gunther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Moment recht Kinder-fokussiert: Nachmittage, Abende, Wochenenden mit den Jungs, und nun, mit einem Covid-geschlossenen Kindergarten, täglich 24/7. Daneben – abgesehen von beruflichen Projekten für internationale Organisationen – schreiben, wann immer es geht: Gefühle wahrnehmen, Gedanken sammeln. Das ist nicht immer einfach – Kinder spüren jedes Abdriften sofort.
Gunter Neumann_Lesung AK Wien 22.10.2020 _ Foto_Walter Pobaschnig.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Kurz gefasst sind es Schlagworte: Rücksicht auf andere; Zusammenarbeit, bei uns, in Europa und darüber hinaus; Mut. Und uns bewusst zu sein für das, was wir haben: Im Vergleich zum Elend in vielen Teilen der Welt noch immer große Sicherheit und Gesundheit. Wir jammern auf hohem Niveau, und haben Verantwortung.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Im Gespräch zu bleiben, über unsere Blase hinaus, mit Menschen und ihren Hoffnungen und Ängsten. Ohne Besserwisserei, ohne Belehrung. Menschen zu erreichen, wahrzunehmen, und gemeinsam dafür zu arbeiten, was uns langfristig wichtig ist.
Literatur, Kunst dienen nicht nur dem Wohlfühlen, sie müssen unter die Haut & in die Tiefe gehen, den unter den Teppich gekehrten Schrecken aufdecken, Träume verfolgen, Verdrängtem nachspüren. Kunst muss pointiert sein, akzentuiert, kontrovers, manchmal exzentrisch. Im Leben aber sind Kooperation und Kompromisse nötig. Literatur, Kunst können uns helfen, über die täglichen Herausforderungen hinaus neue Räume zu öffnen. Sie können inspirieren, auch mutig zu sein, und nicht einer dystopischen Lust am Weltuntergang zu frönen.
Was liest Du derzeit?
Leider komme ich derzeit viel zu wenig zum Lesen. Wolfgang Paternos heuer erschienenes „So ich noch lebe“, über den Justizmord an seinem Großvater: eine berührende wie beklemmende Geschichte von Denunziation, Niedertracht und ein wenig, zu wenig Mut. Zuvor Nora Bossongs „Schutzzone“: ausgezeichnet im UNO-Milieu recherchiert, einer Sphäre, die mir beruflich vertraut ist. In traumwandlerischer Hellsichtigkeit, Sensibilität und poetischer Sprache zieht uns Bossong in das mäandernde Leben der Protagonistin & in internationale Konflikte. Beide Bücher: empfehlenswert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Carpe diem“. Alt, aber immer gültig: „Nutze den Tag“. Wofür? Das ist in der Verantwortung jedes und jeder Einzelnen von uns. Ohne Belehrung – Seismograph für Epochenumbrüche zu sein maße ich mir nicht an.
Vielen Dank für das Interview lieber Gunther, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin früh wach, gehe die Prater Hauptallee rauf und runter und verbringe den Tag dann meist schreibend. Mich schon sehr auf das nächste Schauspielprojekt freuend, habe ich jetzt noch Zeit für anderes – die Liebe zum Beispiel, die mein Leben und mich momentan mehr durcheinander wirbelt als die herrschende Corona-Pandemie.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Achtsamkeit. Nicht nur die brave Achtsamkeit, die sich eine Maske aufsetzt und Mindestabstände einhält, sondern auch jene, durch die wir unser Umfeld bewusster wahrnehmen und sorgsam entscheiden und handeln.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, ein Kunstwerk – sei es nun ein Buch, ein Bild, ein Musikstück oder ein Film – ist immer „mehr“. Mehr als Alltag, mehr als Normalität, mehr als das, was gemeinhin erkennbar ist. Die Kunst strebt darüber hinaus, also in Richtung des Unfassbaren. Somit hat sie das Potential neue Formen und Bilder zu erschaffen, die unter Umständen Leitbild sein können. Hoffnung geben können. Motivation sein können. Kunst zeigt uns Möglichkeiten der Realität, und für diese sollten wir wach sein. Immer. Nicht nur jetzt.
Was liest Du derzeit?
„We should all be feminists“ von Chimamanda Ngozi Adichie
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man eröffnet der Frau die Zukunft und sie wird sich nicht mehr an die Vergangenheit klammern.“ Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ Im Glauben, dass diese Tatsache sich nicht auf die Frau beschränkt, sondern für den Menschen gilt.
Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Kirstin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich finde immer eine kreative Auseinandersetzung, die mich reizt. Zur Zeit ist es schwierig als Schauspielerin zu arbeiten, also schreibe ich mehr, meist in meinem „Kreativhäusl“, da kann ich zum Gerhirnlüften schnell in den Garten gehen und mich durch das wahllose Abschneiden von drei Blättern oder durch die Beobachtung meiner Haus und Hof Eidechse Rudi wieder zentrieren.
Der Gewinn des DIXI-Kinderliteraturpreises 2020 (die Verleihung findet lustigerweise an meinem Geburtstag, am 17.11., statt) hat mich dazu inspiriert neben Theaterstücken und Lyrik für Erwachsene, auch Gedichte und Texte für Kinder zu schreiben. So ist gerade eine neue Kindergeschichte, „Das große Vielleicht“, entstanden.
In den Wochen des Lockdowns habe ich außerdem begonnen jeden Tag eine Zeichnung zu machen. Zu Beginn war die Intention einfach nur meiner Familie und meinen Freunden etwas Aufmunterndes schicken zu können. Ich habe die Serie, die dabei entstanden ist, Time-Frogs getauft, und jetzt werden daraus Postkarten und ein Kalender, daran arbeite ich gerade.
Das Schreiben von Geschichten für Kinder und das Zeichnen und Malen empfinde ich als sehr befreiend. Darin liegt die Kraft der Imagination, die Kraft des Spielerischen, die Kraft, dass alles möglich ist.
Und ich gehe gerne spazieren, betrachte die Landschaft, sammle Steine, beobachte Tiere, sehe, wie das Wetter die Farben des Himmels wechselt… die Entdeckung der Langsamkeit… ich genieße alles, was nicht virtuell ist.
Lesen, schreiben, malen, reden, viel Wein trinken, Rad fahren, mich im Garten eingraben…
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich Zeit nehmen. SanftMUT.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mir persönlich schenkt die künstlerische Auseinandersetzung ein reiches Leben, sie ist mein Schutz- und Forschungsraum. Ich weiß um ihre Kraft und ich hoffe, dass wir auch gesellschaftlich als Kollektiv ihren Wert und ihre Wichtigkeit erkennen und unsere Prioritäten verändern.
Kirstin Schwab (Vordergrund) in „Heile mich“ Aktionstheater Ensemble_29.1.2020 WerkX Wien.
Was liest Du derzeit?
„Summer“ von Ali Smith.
Ihre Romane inspirieren mich. Ihr Blick auf Kunst und Politik fasziniert mich. „Summer“ ist das vierte und letzte Buch einer Tetralogie, eines Jahreszeitenzyklus , der Versuch, ein Buch ganz nah an unserer unmittelbaren gesellschaftspolitischen Gegenwart zu schreiben.
„Actress“ von Anne Enright.
Der Titel hat mich als Schauspielerin magisch angezogen (-;
„On confidence“ – The School of Life. Vertrauen ins Vertrauen. Das ist meine tägliche Übung.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
The important thing is this:
to be able, at any moment, to sacrifice what we are
for what we could become.
(Charles Du Bos)
Vielen Dank für das Interview liebe Kirstin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Mercedes, gratuliere zu Deinem fulminanten Debütroman „Das Palais muss brennen“!
Wie kam es zu Romanidee und wie gestaltete sich der Schreib- und Abschlussprozess Deines Romans in diesen herausfordernden Zeiten?
Ich wollte über Kinder in einem rechtskonservativen Umfeld schreiben, die, auch wenn sie nicht ganz ausbrechen können, das wäre ja zu heldenhaft, ganz sicher nicht wie ihre Eltern werden wollen.
Ich war im März 2020 in der ersten Lektoratsphase und konnte den Lockdown zum Glück nutzen, ohne Ablenkung an der Fertigstellung des Romans zu arbeiten.
Mercedes Spannagel, Schriftstellerin
Deine ProtagonistInnen kennzeichnet Lebenslust wie gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Es ist gleichsam ein Leben zwischen reflektiertem spielerischen ästhetischen Protest wie einer poetischen Zärtlichkeit für Mensch und zerbrechlichen Augenblick. Drückt dies das Lebensgefühl Deiner Generation aus?
Es gibt verschiedene Lebensrealitäten und meine ProtagonistInnen sollen und können nicht alles abbilden, aber ich habe versucht eine für mich spürbare Ambivalenz zu spiegeln, zu überspitzen.
„Danke, ich liebe Dich“, schreibt Lu am Morgen an die Wand bevor sie geht. Das Erleben, Erfahren von Sinn und Sinnlichkeit ist intensiv wie unsentimental. Was macht Liebe heute aus und wie kann sie gelingen?
Wir sind dabei, uns von den überholten Vorstellungen, dass alles für immer und ewig sein muss, zu lösen, die Gesellschaftsstruktur ändert sich, dadurch bekommen wir vielleicht mehr Freiheiten, die uns auch Angst machen. Ganz allgemein muss man sich immer einlassen.“
Mercedes Spannagel, Schriftstellerin _ Palais Auersperg, Wien
Dein Roman bringt die Rasanz moderner Lebenswelt in Bedürfnis, Anspruch und Kritik in eine fulminante einzigartige Sprachform. Wie entwickelte sich Dein Schreibstil und was kann, muss Sprache heute leisten?
In der Literaturwerkstatt Graz, in der ich mit 15 meine erste Werkstatt besucht habe, wurde Peter Stamm für seine Nüchternheit und Präzision hochgehalten. Damals habe ich noch mit vielen Adjektiven und großen Wörtern geschrieben, danach habe ich vielleicht ein wenig geweint. Nachdem mein ursprünglicher Zugang zum Schreiben das Erfinden von Geschichten war, habe ich mich dann verstärkt damit auseinandersetzen müssen, wie ich eigentlich die Geschichten erzählen will. Heute glaube ich nicht mehr, dass es so viele Worte braucht, nur die richtigen. Und dabei ist absurd: Was sind die richtigen Worte? Durch Sprache können wir uns einander annähern.
Gibt es literarische Vorbilder für Dich?
Mein Stapel an Lieblingsbüchern wächst. Klassiker darunter sind „Der Fremde“ von Albert Camus, „Homo Faber“ von Max Frisch oder „Die Ausgesperrten“ von Elfriede Jelinek. Aber es gibt genug zeitgenössische Schätze z.B. „Der Mauerläufer“ von Nell Zink, „Einladung an die Waghalsigen“ von Dorothee Elmiger, „Halb Taube Halb Pfau“ von Maren Kames.
Orte spielen in Deinem Roman eine wichtige Rolle. Was bedeuten Dir Orte? Welche Lieblingsorte gibt es und was macht diese aus?
Mein Lieblingsort ist eine kleine Stadt an der französischen Atlantikküste. Ich werde immer eigentlich ans Meer wollen.
Ich bin sehr ortsaffin, weshalb sie auch für meine Texte sehr wichtig sind, oft Ausgangspunkt eines Textes. Dabei muss ich nicht alles detailliert beschreiben, aber ich muss oder möchte alles wissen.
Wir sind für den Fototermin hier im Wiener Palais Auersperg. Hattest Du im Roman ein bestimmtes Palais vor Augen?
Nein, das habe ich im Kopf entworfen. Ich bin gerne Architektin oder Innenarchitektin, wenn auch nur durch Buchstaben.
Hast Du selbst einen Hund, ein Haustier? Was bedeuten Dir Tiere?
Nein habe ich nicht; ein Haustier ist keine leichtfertige Anschaffung. Aber ich find Tiere super. Überhaupt schreibe ich gerne über Tiere, weil ich sie super finde.
Welche Sportarten übst Du aus bzw. schätzt Du?
Fechten. Mit zehn Jahren habe ich damit angefangen und nach vielen Jahren Florett, habe ich vor ein paar Jahren auf Säbel gewechselt. Laufen gehe ich zum Beispiel nicht so gern.
Wie war Dein Weg zum Schreiben? Liegt Dein Schwerpunkt auf Prosatexten?
Ich schreibe seit ich schreiben kann. Das erste Buch, das ich gelesen habe, war ein „Fünf Freunde“-Buch von Enid Blyton. Die erste Kurzgeschichte, die ich mit acht oder neun geschrieben habe, war eine Abenteuergeschichte à la „Fünf Freunde“. Prosa ist meine Form, aber wahrscheinlich wäre ich am liebsten Lyrikerin, obwohl ich mich noch nie getraut habe Gedichte zu schreiben.
Was sind Deine nächsten Schreibpläne?
Ein zweites Buch.
Mercedes Spannagel, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Mercedes und weiterhin viel Freude und Erfolg!
Liebe Sabina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, zu mir kommen, aus meinen Träumen erwachen, in der Realität ankommen und mich fokussieren. Während meine Bialetti Kanne kocht, meditiere ich. Ich liebe frische Luft, Sauerstoff – daher ist das Fenster in der Früh meist offen. Ich fühle gern diese Welt mit ihren Menschen ohne mich andauernd in Gesellschaft begeben zu müssen…..
Sabina Dobric, Schauspielerin
Der Tag hat als alleinerziehende Mutter leider zu wenige Stunden, wesentlich ist die Verantwortung für mein Kind da zu sein. Also gestalte ich meinen Alltag um diese Mitte, ohne auch das Leben rundum zu verpassen. Ich war schon immer selbständig, daher bringt mich als Frau und Mutter nichts so leicht aus der Ruhe – auch eine Pandemie nicht. Das Leben geht weiter. .
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Entschlossenheit weiterzumachen, für sich, unsere Lieben und für uns als Gesellschaft. Der Zusammenhalt, der zu spüren ist, erfreut und gibt Zuversicht und Kraft.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Kultur kämpft generell. Mit und ohne Pandemie. Und sie wird – wie immer – überleben. Und wir müssen es auch.
Was liest Du derzeit?
Die Unsterblichkeit von Milan Kundera.
Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?
Emotion ist keine Performance. Von Violeta Radić habe ich gelernt, dass jede Rolle in einem selbst gefunden werden muss. Und das erfordert sehr viel Hingabe des eigenen Seins. Das macht für mich Schauspiel aus.
Sabina Dobric, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sabina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Sabina Dobric_Schauspielerin, Künstlerin, Model
Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Romanschauplatz „Malina“_Wien 6_2020.
7.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.