„Das Überleben ist jetzt unser Thema“ Augusta Laar, Schriftstellerin_ München 20.2.2021

Liebe Augusta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gedichte lesen, Texte überarbeiten, Online Unterrichten (Klavier), mich um drei alte Damen kümmern, Abrechnungen machen (Schamrock-Festival der Dichterinnen 2020), neue Anträge stellen, schreiben, Musik machen, Schallplatten hören und kaufen, Video-Formate ausdenken, Mikro-Installationen entwerfen, einen Kunstverein gründen, Konzepte für hybride Veranstaltungen machen, die Vögel füttern – klingt alles ganz normal für ein Künstler*innen-und Veranstalter*innen-Leben, ist es aber nicht, es fehlt das Reisen und der persönliche Austausch, es fehlen Berlin, Wien, Italien und New York. Zeitungen lesen, weiterdenken, weitermachen – aufstehen und weitermachen.

Augusta Laar, Schriftstellerin, Musikerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kontakt untereinander nicht zu verlieren, sich einbinden in gemeinsame Projekte (z.B. digital), kleine Gespräche führen mit Nachbarn und Freunden, Telefonieren, Skypen, Mails schreiben, Postkarten schreiben, sich verabreden zu Spaziergängen an der frischen Luft. Einige von uns haben in der Pandemie festgestellt: wer keine Termine mehr hat, hat Raum für Ideen …  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir sehen ja was wichtig ist – in Bayern ist das die Hochkultur, für uns Künstler*nnen das Überleben – Wesentlich wird sein: weitermachen, die Verfassung nicht über Bord werfen, auf die Impfung warten –

Wir können uns klar darüber werden wie außergewöhnlich dieses riesige Angebot an kulturellen Ereignissen bisher war, und was wir davon hatten und haben wollen in der Zukunft. Es wurde wenig Kritik geübt, es wurde viel nach Preisen, Bestsellern und Auktionserfolgen geschielt, jetzt wäre Unterscheidung angesagt, was ist wichtig und was nicht. Wo gibt es Kunst, die wirklich zu mir spricht? Wo fühle ich mich als Mensch unter Menschen? Was kann uns als Gesellschaft weiterbringen?

Die Kunst hat immer die gleiche Rolle, ob Virus oder nicht: sie fokussiert, sie fordert und beglückt, sie ist das Material das uns zusammenhält, das uns differenzieren lässt, sie gibt uns Kraft und Hoffnung, gegen Gewalt und Verzweiflung, gegen die Panik. Die Einsamkeit tut ihr nicht schlecht, Isolation führt zu Konzentration (Bazon Brock). Um die Kunst mache ich mir wenig Sorgen, aber um die Künstler*innen doch sehr. Das Überleben ist jetzt unser Thema. Wer keinen guten Verlag hat und keine Preise und Stipendien, und dennoch Kunst macht, ist für uns alle systemrelevant.

Was liest Du derzeit?

Ich lese (eigentlich schon immer) mindestens zehn Bücher gleichzeitig, quer durch alle meine Gedichtbände im Bücherregal und auf den Stapeln neben dem Bett, Sachbücher über Klang, Musik, das Weltall usw.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Bücher sind ja irgendwie Menschenreste“ – Arno Schmidt

Friederike Mayröcker: „Ich brauche die vielen Bücher, die ich mir jeden zweiten Tag kaufe, um jedes ein wenig anzusaugen.“

Vielen Dank für das Interview liebe Augusta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Lyrik-, Musik-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Augusta Laar_Schriftstellerin, Musikerin, Künstlerin

Augusta Laar (poeticarts.de)

Foto_Alan Grund

13.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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