„Ohne Kunst findet Demokratie nicht statt!“ Karin Prucha, Schriftstellerin_ Klagenfurt 21.2.2021

Liebe Karin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Künstlerin, die viel zuhause arbeitet, hat sich der Tagesablauf nicht verändert. Schreiben ist immer eine Art Klausur, in der ich in andere Welten abtauche, genauso wie die künstlerischen Prozesse, in denen ich Neues entwickle. So wie jetzt, ich schreibe am neuen Roman, bereite eine Installation für eine Fotoausstellung vor, konzipiere das nächste Literatur-Projekt im Öffentlichen Raum, plane ein über die österreichischen Grenzen hinausgehendes künstlerisches Projekt mit einer zeitgenössischen Tänzerin/ Choreographin und einer Jazz-Sängerin/ Komponistin, und bin mittendrin in einer künstlerischen Zusammenarbeit mit einer Kärntner bildenden Künstlerin. Meine Gedanken sind frei, ich schreibe, plane, telefoniere von zu Hause aus. Das Schreiben vorwiegend am Abend und in der Nacht.

Karin Prucha, Schriftstellerin, Künstlerin

Was aber gänzlich anders geworden ist, komplett aufgehört hat, ist meine Arbeit am Theater, das Tanzen, die Lesungen und der Kontakt zum Publikum. Das findet nicht statt, das gibt es einfach nicht mehr. Eine Theater-Produktion wurde zum xten Mal verschoben, neue Aufträge gibt es nicht. Das ist hart, auch für das Einkommen. Die Präsentation meines neuen Buches „Anderland. druga dežela“ (mit wunderbaren Übersetzungen ins Slowenische von Ivana Kampuš) steht in den Corona-Sternen. Das ist schon eigenartig, ein Buch veröffentlicht zu haben und es nicht mit Publikum einweihen zu können. Kunst ist nicht für’s stille Kämmerchen gedacht, sondern für die Menschen, für die Gesellschaft! Die Auseinandersetzung, der Diskurs, der direkte Kontakt fehlen, und sie sind nicht ersetzbar!

Hoffnung machen die bereits fixierten Einladungen zu Lese-Terminen im Sommer. Aber auch die sind natürlich corona-abhängig.

Also arbeite ich schreibend und hoffend zu Hause, gehe oft in die Natur, auf Berge, in den Wald, wandernd, fotografierend, nachdenkend Gedanken sammelnd. Es sind die Augenblicke im Selbst mit dem in der Stille entstehenden Glück, die Kraft geben für die Zukunft.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mut, Zuversicht, Freude am Leben! Nicht in Agonie zu verfallen! Und dennoch genau zu beobachten, zu hinterfragen und gegenzuhalten, was da in der Gesellschaft geschieht, was von der Regierung kommuniziert wird und in der medialen Berichterstattung, welche Ängste damit auf den Teller gehoben werden, welche der Corona-Massnahmen widersprüchlich sind und welche Werte diese Massnahmen vermitteln. Zulassen, dass man möglicherweise auf brennende Fragen keine Antworten nach dem Warum hat. Es geht mir selber so, ich nehme Worte, Zustände, Werthaltungen wahr, die der Demokratie höchst abträglich sind, aber nicht auf alles, was ich beunruhigend finde, habe ich eine Antwort zum Dahinter. Und dennoch: wichtig ist, nicht in Angst zu fallen oder in Aggression, wenn das Gegenüber eine andere Meinung vertritt! Ich habe das Gefühl, die Gesellschaft wird zunehmend polarisierter, unsolidarischer und aggressiver. Auf beiden Seiten der Polarisierung Angst. Angst vor dem Corona-Virus und Angst vor den Corona-Massnahmen. Beides verbunden mit den Vorstellungen von qualvollem Sterben oder der Aufgabe des eigenen Selbst. Begegnungen mit Menschen werden wie zu einem russischen Roulette mit Todesfolge umgewertet. Eine unglaubliche entsetzliche Vorstellung, die Angst macht und lähmt! Genau das ist der falsche Weg.

Daher: Nicht die Lust am Leben verlieren! Mit allen Sinnen wahrnehmen, leben, genießen! Die Natur, mit Freunden, lieben Menschen. Und auf die Mitmenschen schauen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ohne Kunst findet Demokratie nicht statt! Ohne Kunst findet Gesellschaft nicht statt! Für Demokratie ist Kunst, Kultur, Literatur so wichtig wie ein Bissen Brot! Dass die kulturellen Veranstaltungen so an den Schluss von Lockerungen gesetzt werden, stimmt mich sehr bedenklich. Aber auch in Vor-Corona-Zeiten hatte es die Kultur schwer. Die freie Szene ganz besonders. Hier wäre ein Umdenken längst angebracht, eine höherdotierte Förderung für die freischaffenden Künstler*innen, Literat*innen und Kulturinitiativen dringend notwendig, die Einnahmen, Arbeitsbedingungen und Strukturen sehr deutlich verbessern.

Ein Aufbruch in eine längst fällige Änderung unseres ausbeuterischen ungleichen kapitalistischen Systems wäre so notwendig und jetzt wäre eine Chance dazu. Wir sehen doch alle, dass unser Planet das Ausnutzen und Missbrauchen nicht ewig tragen kann. Die Menschen auch nicht. Wir brauchen eine solidarische Gemeinschaft, eine lustvolle Gemeinschaft, die sich für das demokratische, ökologische und ökonomische Wohl unserer Gesellschaft einsetzt und es lebt! Ein Aufbruch in eine andere Gesellschaftsordnung, weg vom gewinn- und leistungsorientierten Konkurrenzdenken auf Kosten anderer hin zu Kooperation, weg von Abwertungen anderer hin zu Gleichberechtigung und Frieden. Den Finger auf die offenen Wunden zu legen und die Ungerechtigkeiten zu thematisieren, immer wieder, ist eine der Aufgaben von Kunst, Kultur, Literatur.

Was liest Du derzeit?

„Zorn und Stille“ von Sandra Gugić. Ihre Themen sind Freiheit und Verantwortung, Liebe und Verlust, Herkunft und Selbstbestimmung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wahrscheinlich sind wir alle ebenso verbunden, wie wir voneinander getrennt sind, ob wir es nun anerkennen oder nicht.“ Und ich füge hinzu: Die Verbundenheit bezieht sich auf die Menschen wie auf alle Wesen dieses Planeten. Das Sein im eigenen Selbst ist eine hohe Kunst, ohne das Eigene zu kennen, erkennen wir nicht das Gemeinsame.

Vielen Dank für das Interview liebe Karin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Karin Prucha, Schriftstellerin, Künstlerin

Literaturhaus Wien: Prucha Karin

Foto_Karin Prucha

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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