„Noch wissen wir nicht, wie die neue Normalität aussehen wird“ Timo Kölling, Schriftsteller_ Deesbach/D 18.2.2021

Lieber Timo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen festen Tagesablauf habe ich nicht, auch wenn ich ihn mir gelegentlich wünsche. Ich bin indes ein ziemlich anarchischer Arbeiter. Oft gelingt wochenlang außer Nachdenken und der inneren Vorbereitung und Planung gar nichts – dann wieder ist die Schreibphase da, und ich lasse alles andere stehen und liegen, vermeide jede unnötige Unterbrechung. Die Coronakrise macht sich in meinem Alltag im Grunde nicht bemerkbar, da ich schon immer eher zurückgezogen gelebt habe. Seit bald einem Jahr wohne ich in einem recht abseits gelegenen Dorf im Thüringer Wald. Ich verbringe viel Zeit mit Gehen und Wandern, zum einen, weil ich das schon immer getan habe, zum anderen, weil ich kein Auto besitze und natürlich ständig etwas zu besorgen ist. Hinzu kommt, daß immer etwas im Haus getan werden muß, und daß ich meine Bücher seit ein paar Jahren ausschließlich im Eigenverlag veröffentliche, so daß ich nicht nur mit Schreiben, sondern auch mit Werbung, Verkauf und Versand beschäftigt bin. Auf diese Weise fühle ich mich trotz der Freiheit des Schriftstellers immer sehr eingebunden, wünsche es mir aber auch nicht anders. Was sich täglich sehr einprägt, ist die ruhige Begleitung der Natur. Seit Weihnachten herrscht hier im Bergdorf tiefer Winter, und die manchmal auch bedrückenden Seiten der gewählten Abgeschiedenheit lassen sich kaum von den glücklichen Aspekten unterscheiden. Es ist das normale, gute Leben. Natürlich lese ich täglich die Nachrichten, und dem Grübeln über den Ernst der Lage entkommt man auch hier im ländlichen Abseits nicht.

Timo Kölling, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für die Seinen da zu sein. Ansonsten tue ich mir immer sehr schwer damit, etwas zu sagen, das für alle gelten soll.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Noch wissen wir nicht, wie die neue Normalität aussehen wird. Ich bin davon überzeugt, dass die Literatur und die Kunst sich am tiefsten einprägen und am bereicherndsten wirken, wenn sie, ohne das Zeitgeschehen zu ignorieren, ihren ruhigen Gang weitergehen und sich, um das Wort von Adalbert Stifter hier anzuwenden, ihrem sanften Gesetz überlassen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade den »Abu Telfan« von Wilhelm Raabe zuende gelesen und fange jetzt mit dem neuen Roman von Martin Mosebach an. Außerdem lese ich gerade die Hegel-Biographie von Klaus Vieweg und nebenher recht viel Naturkundliches.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt ein Wort von Leibniz, an das ich nahezu täglich denke. Ich habe es meinem Buch »Romanische Halle« als Motto vorangestellt. Es lautet:

»Wenn nun die Seele in ihr selbst eine große Zusammenstimmung, Ordnung, Freiheit, Kraft oder Vollkommenheit fühlet und folglich daran Lust empfindet, so verursachet solches eine Freude […]. Allein es kann in uns eine unzeitige und unmäßige Freude sein, wenn unsre Lust und Kraft sich erzeiget bei solchen Wirkungen, dadurch folglich andere höhere Kräfte und Wirkungen geschwächt werden […]. Derowegen ist nötig, daß man zwar Freude, aber in solchen Dingen suche, dadurch wir zu beständiger Freude gelangen. Und weil jede Freude nichts anderes ist als die Vergnügung, so die Seele an ihr selbst hat, so müssen wir solche Freudenmittel suchen, dadurch die Seele nicht anderwärts folglich verschlimmert und geschwächt, sondern durchaus verbessert und in ihrem ganzen Wesen erhöhet werde.«

Vielen Dank für das Interview lieber Timo, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ebenfalls vielen Dank fürs Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Timo Kölling, Schriftsteller

Timo Kölling – Offizielle Website des Autors (timokoelling.com)

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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