„Vielleicht endlich einmal die Weichen in die richtige Richtung stellen“ Manfred Bruckner, Schriftsteller_Wien 19.2.2021

Lieber Manfred, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem ich ja auch einen Brotjob hab‘, nicht wesentlich anders als früher. Nur, dass ich halt selbigem jetzt großteils im Home Office nachkomme. Interessant ist natürlich der Wegfall beinahe aller sozialer Aktivitäten, ganz so asozial war ich dann vor dem ganzen Pandemieding doch nicht. Aber es ist bestimmt so, dass ich mit dem Alleinsein immer schon recht gut zurecht komm‘.

Was das Schreiben angeht, gewinn‘ ich auf Grund der Beschränkungen Zeit dafür, weil viel mehr Zuhause. Was aber nicht unbedingt heißt, dass ich deswegen mehr schreibe, weil zu faul und abgelenkt und zu wenig diszipliniert. Aber ich wage zu behaupten, dass ich in Sachen Disziplinierung mit jedem Lockdown besser werde. Möglicherweise schaffe ich dann im übernächsten eine ganze Erzählung, wer weiß.

Manfred Bruckner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß ja nicht, wer dieses uns sein könnt‘, deshalb sag‘ ich vielleicht besser was ich wichtig find‘. Ich denk‘, was man sehr schön miterleben kann, während der Pandemie, ist der Widerstreit zwischen Priorisierung der Ökonomie versus Priorisierung der Gesundheit – und also des Menschen an sich. Wie dabei verschiedene Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich vorgehen und unterschiedlich gut performen – falls man das so sagen kann. Was jetzt wichtig wäre? Vielleicht endlich einmal die Weichen in die richtige Richtung stellen. Also nicht dem Primat der Ökonomie folgen… aber angesichts des Rumors in der Gesellschaft bin ich wiederum nicht so sicher, ob das die Menschen wirklich wollen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich befürchte ja, dass versucht werden wird, nach der Pandemie (falls dieses Nachher tatsächlich eintreten sollte) möglichst schnell wieder in die Spur des Vor-der-Pandemie zu kommen. So als wäre nichts passiert. Man sehnt sich nach der Normalität. Alles soll wieder so sein wie früher, wir hatten schließlich – en gros – ein schönes Leben. Das heißt, alles was an Möglichkeitsräumen während der Pandemie aufgegangen ist und mitunter nachhaltige Verbesserungen für die Allgemeinheit verheißen hätte können, sehr schnell wieder vergessen sein wird. Zur Rolle der Literatur dabei… Raymond Carver hat mal geschrieben: „The days are gone, if they were ever with us, when a novel or a play or a book of poems could change people’s ideas about the world they live in or even about themselves.“ Wenn ich etwas schreibe, dann mache ich das primär, weil ich ein Gefühl transportieren möchte. Und dafür denke ich mir Geschichten aus. Und wenn die Leser:innen dann auch etwas fühlen, dann ist das schon sehr viel.

Was liest Du derzeit?

Die Philosophie des Jazz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt ja diese Geschichte von Coleridges Blume, die geht irgendwie so: Wenn ein Mensch im Traum das Paradies durchwandert hätte, und man gäbe ihm eine Blume als Beweis, dass er dort war, und er fände beim Aufwachen diese Blume in seiner Hand – was dann?

Ich denke, es wäre hoch an der Zeit, zu versuchen, nicht mehr zurück ins Paradies zu gelangen.

Vielen Dank für das Interview lieber Manfred, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Manfred Bruckner, Schriftsteller

bruckner (manfredbruckner.blogspot.com)

Foto_privat.

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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