„Ein Gedicht rettet den Tag“ Anton G. Leitner, Schriftsteller_Weßling/D 14.4.2021

Lieber Anton, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auch im Lockdown gehe ich ab dem späteren Vormittag ein Haus weiter, in meinen Verlag, wie früher auch. Alles ist jetzt nur wesentlich aufwändiger und kostenintensiver: Vorher eine FFP3-Einweg-Maske aufsetzen, Hände desinfizieren etc. Ich bin selbst Hochrisikopatient und muss besonders darauf achten, mir nicht dieses verdammte Corona-Virus einzufangen. Ansonsten fühl ich mich jetzt in unseren Redaktionsräumen bisweilen etwas einsam und verloren, keine freien MitarbeiterInnen sind da, mit denen man scherzen könnte, höchstens meine langjährige Angestellte Gabriele Trinckler, wenn sie nicht im Homeoffice ist. Bei offenem Fenster arbeiten, auch bei Eiseskälte, auf mögliche Alarmwerte unserer CO-2-Ampeln reagieren, ggf. die Vorfilter unserer mobilen Hepa-Filteranlagen reinigen, natürlich ebenfalls unter Beachtung der Coronaregeln. Außerdem mache ich mir Gedanken und Sorgen, wie ich meine Festkosten weiter bedienen kann. Ich bekomme absurderweise keine staatlichen Coronahilfen mehr, weil seit der zweiten Stufe der Corona-Hilfsmaßnahmen in Deutschland das Jahr 2019 zur Beurteilung der Höhe des Umsatzrückganges als Referenzjahr herangezogen wird. Ausgerechnet 2018 fiel ich durch eine doppelseitige Lungenembolie mehrere Monate lang aus, 2019 durch einen Herzinfarkt fast sechs Monate, vorher hatte ich 26 Jahre ohne größere gesundheitliche Probleme praktisch durchgearbeitet. Da 2019 krankheitsbedingt genauso schlecht lief wie das Coronajahr 2020 mit seinen Lockdowns bekomme ich keine Unterstützung vom Staat, für einen normal denkenden Menschen vollkommen unbegreiflich, für die deutsche Bürokratie kein Grund, sich um einen Härtefallausgleich zu bemühen. So werde ich jetzt auch noch für meine Krankheiten doppelt bestraft.

Anton G.Leitner_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zu überleben, psychisch und physisch und wirtschaftlich. Und sich die Hoffnung auch von streckenweise dilettantisch agierenden KrisenmanagerInnen aus der Politik und ihrer unbeweglichen, kafkaesk anmutenden allmächtigen Bürokratie nicht nehmen lassen, was mir zunehmend schwerer fällt. Deshalb schreibe ich so viel wie selten in meinem Leben, denn wirklich relevante Literatur entsteht meines Erachtens ja immer in existenziellen Lebenssituationen, wie wir sie gerade erleben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich breche ja eigentlich schon seit 2018 jährlich neu auf, nach so schweren Erkrankungen fühle ich mich mit 25 Kilo weniger gleichsam neugeboren, insofern hat mich die Coronakrise zu einem Zeitpunkt getroffen, als ich mich wieder in der Lage fühlte, ganze Bäume auszureißen. Der Lockdown hat dann ja alle Veranstaltungspläne ersatzlos vernichtet. Aber zunächst hoffe ich auf eine Impfung, sofern bis dahin Deutschland endlich ausdiskutiert hat, wer wann wo von wem womit in welcher Reihenfolge geimpft werden darf oder nicht. Literaturschaffende wie ich wurden vom hiesigen Staat schlecht, von ihren Leserinnen und Lesern allerdings sehr gut behandelt. Ohne deren Unterstützung und Solidarität hätte ich nach meinen Krankheitsausfällen die Coronakrise nicht mehr stemmen können. Insofern freue ich mich unbändig darauf, meinem Publikum nach der Krise wieder persönlich begegnen zu können. Mich verbinden mit diesen Menschen inzwischen viele Freundschaften, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Und das gilt natürlich in ganz besonderer Weise für all meine Poetenfreundinnen und -Freunde. Gemeinsam werden wir dann dem Motto frönen: Ein Gedicht rettet den Tag.

Was liest Du derzeit?

Im Bereich der Prosa den Roman „Was uns erinnern lässt“ von Kati Naumann (HarperCollins Germany). Im Bereich der Lyrik kehre ich zurück zu meinen Lesewurzeln aus der Jugend, nämlich zu Charles Bukowski. Da lese ich parallel zum amerikanischen Orignal („Storm for the Living an the Dead“, herausgegeben von Bukowski-Kenner Abel Debritto bei ecco / HarperCollins) die deutsche Ausgabe „Dante Baby, das Inferno ist da. 94 unzensierte Gedichte“, erschienen im MaroVerlag, übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Wunderbar politisch unkorrekte Gedichte in einer Zeit, in der manche damit beginnen möchten, die Märchen gendergerecht umzuschreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Die Zukunft war früher auch besser.« und »Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.« Zwei wunderbar treffende Zitate des Komikers Karl Valentin, vom offiziellen München lange Zeit unterschätzt, aber von den Münchnern selbst schon seit jeher geliebt. Und von mir natürlich auch.

Vielen Dank für das Interview lieber Anton, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anton G.Leitner, Schriftsteller

Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist lebt als Lyriker, Herausgeber und Verleger in Weßling (Landkreis Starnberg). Er publizierte bislang dreizehn Gedichtbände. Im April 2021 erscheint sein neuer Band »Wadlbeissn. Zupackende Verse« (Volk Verlag, München). Leitners Gedichte wurden in neun Sprachen sowie in diverse Dialekte (u. a. Schottisch, Londoner Cockney und Damaszenisch) übersetzt. Neben 28 Folgen der buchstarken Jahresschrift »Das Gedicht« edierte er über 40 Anthologien, zuletzt bei Reclam »Gedichte für alle Liebeslagen« (März 2021). Leitner wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem »Bayerischen Poetentaler« und dem »Tassilo«-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

www.AntonLeitner.de

www.dasgedichtblog.de

www.dasgedicht.de

Foto_Volker Derlath_München

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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