„Einerseits nicht hadern mit sich selbst, andererseits das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken“ Dessi Urumova, Schauspielerin_ Wien 22.4.2021

Liebe Dessi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin eine Frühaufsteherin. Um 5.30h, noch bevor der Wecker läutet, beginnt schon mein Tag. Ich genieße die Zeit des frühen Morgens und starte in den Tag hinein mit heißem Kaffee und guter Musik – das sorgt sofort für Behaglichkeit. Derzeit ist meine Mutter-Rolle mehr gefragt als die der Schauspielerin. Und es ist nicht nur corona-bedingt. Mein Mann, der Schauspieler Alexander Strömer, probt zurzeit viel als Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Dennoch erlebe ich durch ihn sehr viel Rückhalt und Unterstützung!

Ich verkörpere die vielen verschiedenen Rollen daher in meinem Alltag: – Mutter, Ehefrau, Köchin, Lehrerin, Elternvereinssprecherin, Putzfrau, Verführerin, Psychotherapeutin, Krankenschwester, ach, da gibt es unzählige … (lacht)

Dessi Urumova, Schauspielerin

Und ich muss zugeben – es macht richtig Spaß zwischen den Rollen zu „switchen“. Dazwischen, in meiner noch übrigen „freien“ Zeit, tanze ich leidenschaftlich gern Salsa als mein tägliches Workout und für mein absolutes Wohlbefinden. Sagen wir mal so, trotz der für uns allen derzeitigen, herausfordernden Situation, versuche ich diese so gut es geht zu meistern und mein Leben dabei zu genießen.

Meinen Beruf als Schauspielerin kann ich momentan leider nicht so richtig ausüben. Und es ist nicht nur auf die allgegenwärtige Corona Zeit zurückzuführen.  Obwohl meine berufliche Laufbahn erfolgreich startete: prompt nach meiner Schauspielausbildung wurde ich ans Theater an der Josefstadt engagiert und spielte dort im Ensemble von der Klassik bis hin zum gehobenen Boulevard 7 Jahre lang.

Dessi Urumova im Theaterstück „Schwarze Augen für gelegentliche Treffs“

Meine erste große Rolle im Fernsehen, die mir Gelegenheit gab mich einem breiten Fernsehpublikum zu präsentieren, war in einem spannenden österreichischen „Tatort“ unter der Regie von Harald Sicheritz. Ich bin zutiefst dankbar für diese wunderbare, und für mich als Schauspielerin sehr bereichernde, Arbeit. Diese wurde auch unter Anderem in meiner ersten Heimat Bulgarien mit der Auszeichnung des Kulturministeriums um die Verdienste im Ausland, gewürdigt. Auch nach der Geburt meines Sohnes folgten einige gute Theater- und Fernsehengagements.

Jetzt jedoch bin ich umso mehr gefordert, diesen Marathon zu laufen und einer längeren Durststrecke entgegenzuhalten. Das ist eine prekäre Situation, denk ich, für jeden Künstler — einerseits nicht hadern mit sich selbst, andererseits das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen stärken gerade in Situationen, in denen man nur auf sich selbst zurückgeworfen ist. Ohne als Künstler wahr- genommen zu werden. Obwohl ich meine Mutterrolle mit Freude auslebe, sehne ich mich gleichzeitig sehr nach beruflichen Aufgaben. Das Eine schließt ja das Andere nicht aus. Ich bin im Ostblock aufgewachsen (weitere Stationen waren Berlin und dann Wien), und habe miterlebt, wie die Frauen im Osten diesen Balanceakt zwischen  Kind und Karriere lebten, und zwar mit einer gewissen Lässigkeit, einer guten Portion Weiblichkeit und Solidarität untereinander.

Jedoch erkenne ich leider auch in meinem Beruf mit einem weinenden Auge offenbar eine Zweiklassengesellschaft. Frauensolidarität ist etwas für Magazine und Ratgeberliteratur, so scheint mir. In der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus: In meinem Alterssegment – sicherlich nicht mehr die junge Geliebte, aber die nicht mehr ganz junge Frau, die in ihrem Leben bereits etwas erlebt hat und dadurch zusätzlich an Attraktivität, auch des Innenlebens, generiert haben sollte – sind die „wenigen“ Rollen nämlich heiß umkämpft.

Ich versuche stets diese Attraktivität in mir zu finden und auch auszustrahlen, was mir aber viel wichtiger scheint, mit meinem tiefen, inneren Gefühlsleben als Schauspielerin punkten zu können. In der Realität bringt das leider wenig. Obwohl Österreicherin, aber wohl aufgrund meines ethnischen Äußeren, werde ich meistens auf dieAusländerin festgelegt, obgleich ich keinen Akzent habe, – diesen werde ich dann gebeten herzustellen. Das wäre keinesfalls schlimm, wären da auch andere Sichtweisen und Rollenangebote.

Natürlich kann die Rolle einer „Ausländerin“ auch eine tolle und inspirierende Aufgabe sein! Sowie im „Tatort“, die bulgarische Sonderermittlerin Donka, die sehr viele dramaturgische Wandlungen, Drehpunkte, Tiefen und Untiefen zeigen durfte.

Dessi Urumova, in der Fernsehproduktion Tatort „Ausgelöscht“

Umgekehrt ist es aber dann so, dass ich beispielsweise in einem Film einen als Bulgaren ausgewiesenen Darsteller sehe, der nicht einmal Bulgarisch –  nein, ein Kauderwelsch an verunglücktem Russisch von sich gibt. Wie können wir uns dann erwarten, nicht immer mit Australien verwechselt, oder auf Mozartkugeln reduziert zu werden, wenn man sich selbst mit Ländern, die in unserer EU vereint sind, in heimischen Filmen so unreflektiert und stereotyp, ja lieblos, befasst?

Glücklicherweise ergeben sich für mich als Sprecherin immer wieder neue interessante und internationale Projekte. Da meine Muttersprache Bulgarisch ist, liegt unter Anderem der Fokus auf EU-Kulturaufträgen: ich bin die offizielle bulgarische Stimme der Austrian Airlines und des Hauses für europäische Geschichte in Brüssel. Sprachaufnahmen für das Deutschlandradio und den Bulgarischen Rundfunk bereichern meine künstlerische Arbeit als Sprecherin. Das macht mir große Freude.  Und….letztendlich vertraue ich auf mich und meinen eigenen Lebensweg.

Ich bin ja noch jung (lacht).    

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aufwachen!  Nicht weitermachen wie bisher. Dabei warten vermutlich viele darauf, genau das tun zu können: alles soll wieder so sein wie vorher. Aber wie vorher?  Dürfen wir dann alle wieder den einen bei vollgedeckter Tafel zusehen, während man vielen anderen keine Chance gibt und sie einfach vergisst?  Sei es gesellschaftlich … politisch oder kulturell, …  global! Das wäre hoffnungslos.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Was das Künstlerische anbelangt, kann ich persönlich, vielleicht etwas kontrovers, mit einem Vergleich antworten: Können, beispielsweise, Frauen, die gerne in der Kirche aktiv mitgestalten wollen, dies aber nur begrenzt dürfen, die Rolle der Kirche definieren? Ich fürchte, nein!  Aber sie können eine Vision von dem erschaffen, wie es sein sollte, wenn sie die Möglichkeit der Mitgestaltung, des Mitbestimmens haben!

Ich hoffe darauf eine Antwort geben zu können, indem ich selbst wieder etwas dazu beitragen dürfen werde.

Obwohl ich im Innersten weiß, was ich künstlerisch alles zu geben habe. Schauspielerei hat aber viel mit Geheimnis zu tun. Und nicht etwa mit…wie soll ich es ausdrücken … mit Politik …, in der man verkündet, was man alles tun wird, wenn man gewählt wird.

Was mir aber schmerzlich auffällt, das Nicht-Schöne, das Durchschnittliche, das Gewöhnliche, Bekannte, scheint der Allgemeinheit viel lieber als das Schöne, Edle, Ästhetische, das Nicht-Sofort-Einzuordnende, Mysteriöse. Vor dem Schönen, Exotischen, haben wir vermutlich Angst, es bedroht womöglich die unfesten, unsicheren Charaktere, derer es leider in der westlichen, unserer völlig kommerzialisierten Welt, viel zu viele gibt. Blickt man z.B. nach Bulgarien, überhaupt in den vom Westen kritisch, furchtsam beäugten Osten…da hält „frau“ noch etwas auf sich. Sie fühlt ihre Selbstbestimmung und somit auch ihre autonome Macht gerade in ihrer Weiblichkeit.… und sie ordnet sich dadurch eben nicht unter, wie man immer allgemein behauptet, indem sie sich nämlich „fraulich“ gibt. Für unseren Westeuropäer, scheinbar ein Widerspruch. Der beklagt sich wieder, dass die Frauen so „vermännlicht“ sind, und blickt sehnsüchtig …gegen Osten. (lacht). Der Ordnung halber, will ich nicht verhehlen, dass es auch im Osten viel Verbesserungswürdiges gibt.

Ich wünsche uns mehr Solidarität, Achtsamkeit, Zusammenhalt, Offenheit. Jeder Tag sollte uns neue Chancen eröffnen, sich selbst  zu hinterfragen, den Blick nach Innen zu richten, sich neu zu definieren, einander zu achten und sich gegenseitig zu stützen. Diese Werte sind gerade jetzt, wo die Gesellschaft droht gespalten zu werden, wichtiger denn je!

Dessi Urumova,und Alexander Strömer in „Was ihr wollt“

Was liest Du derzeit?

Bedingt durch das Vorbereiten seines ersten Buchreferats in der Volksschule, lese ich erneut mit meinem Sohn Antoine de Saint- Exupery‘s „Der kleine Prinz“ –  diesmal durch die Augen eines Kindes betrachtet.

Ich liebe die Russische Literatur! Zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellern gehört eindeutig Alexander Puschkin. Seine Liebeslyrik ist ein unersetzlicher Teil meiner Lesezeit.

Robert Pfaller „Wofür es sich zu leben lohnt“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Folgendes Zitat von Goethe gab mir meine Lehrerin schon in der Volksschule mit und es begleitet mich bis heute unentwegt:

„Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals – wohl aber durch Handeln! Versuche Deine Pflicht zu tun, und Du weißt was an Dir ist. Was ist aber Deine Pflicht? – Die Forderung des Tages.“  (Johann Wolfgang von Goethe)

Und aktueller mehr denn je – – der Fuchs zum Kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“  (Antoine de Saint de – Exupery) 

Dessi Urumova, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Dessi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dessi Urumova, Schauspielerin

Dessi Urumova – Schauspielerin

Fotos_1 Dimo Dimov; 2 Barbara Wirl; 3 BKI; 4 Sepp Gallauer; 5 Ingp Pertramer; 6 privat; 7 M.K.

24.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s