„Dive“ Duncan Hannah. Tagebuch der Siebziger. Rowohlt Verlag

Es ist eine Reise, die jetzt beginnt. Er ist siebzehn. Alles ist in Bewegung. Innen und Außen. Ein neues Jahrzehnt beginnt. Die 1970er. Ein Aufbruch in ein Leben und eine Epoche…

Ein Tagebuch begleitet den Teenager jetzt. Das Bewusstsein soll Ausdruck finden. Das Erlebte dokumentieren und erinnern. Der Weg nach New York. Jeder Tag, jede Nacht voll Kunst und Leben…

Konzerte. Treffpunkte mit Musikgrößen der Zeit wie David Bowie oder Poeten wie Allen Ginsberg. Die Nächte sind ohne Ende. Und der nächste Tag öffnet wieder den Kosmos neuer Welten und Sterne am Boulevard of Dreams

Der us-amerikanische Künstler, Duncan Hannah, legt mit „Dive“ ein künstlerisches Memorial wie faszinierendes Zeitdokument vor, welches in dieser Form einzigartig ist. Sein Tagebuch ist einerseits die unmittelbare Teilhabe am Geschehen der Zeit wie auch die sprachliche Gabe der Beschreibung und Verdichtung des persönlich Erlebten. So ist das Zeitgefühl ganz unmittelbar zu spüren und Leserin und Leser sitzen gleichsam im Led Zeppelin Konzert oder tanzen in der Disco im saturdaynight fever bis in den Morgen.

Beeindruckend ist auch das uneitle Erzählen und Berichten, das immer Ereignis und künstlerische Bühnen- und Strahlkraft in den Mittelpunkt stellt und so äußert lebendig und facettenreich Bilder der Zeit malt und staunen lässt.

„Ein Zeitdokument als Hochschaubahn eines Lebens zwischen Kunst und Begegnung in einer bahnbrechenden Epoche“

Walter Pobaschnig 4_21

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„Es ist besser zu wissen wer man mit anderen ist“ Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller_ Emscherdelta/D 5.5.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich versuche die gewohnte Tagesstruktur beizubehalten. Aufstehen, Brotjob, Erledigung der alltäglichen Dinge, den Rest des Tages teile ich zwischen Familie und Schreiben auf. Allerdings hat jeder Tag diesen unsäglichen C-19-Begleiter. Wir versuchen gesund zu bleiben. Diese Pest nervt, wir versuchen uns so viel Normalität wie möglich zu bewahren.

Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, gesund bleiben, Normalität bewahren aber auch kritisch sein und nicht jede Nachricht bedenkenlos konsumieren. Wo wir gerade stehen, wissen wir nicht. Vielleicht ist der Wahnsinn hier bald überstanden, vielleicht stehen wir aber auch gerade erst am Anfang einer Katastrophe, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Letztes Jahr habe ich im Dezember das Gedicht „Austernzeit“ geschrieben, das ich als analogen Weihnachtsgruß an befreundete Autorinnen und Autoren und Verleger verschickt habe. Der Text hat für mich in den letzten Monaten sehr an Bedeutung gewonnen. Er gibt eine zusammenfassende Antwort auf die Frage, was mir besonders wichtig ist.

Austernzeit

Es sei notwendig sich zurückzuziehen sich zu

Verschließen in einen finstereren raumlosen Ort

Dort abzuwarten in berührungsloser Kälte

Es ist ein Haus kein Zuhause Nur Träume Das ist zu wenig

Kostbar sind die Erinnerungen an das schöne Leben

Doch im Finstern eingeschlossen sind sie nichts wert

Es ist gut zu verstehen wer man ist

Es ist besser zu wissen wer man mit anderen ist

Die Zeit der Umarmungen ist nicht vorbei

Willst du das Licht sehen stell dich ans Fenster

Soll dein Herz weiter schlagen musst du furchtlos sein

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es ist nicht mehr eine Frage „was wir machen wenn die Corona-Pest vorbei ist“ – Ich glaube sie wird nicht zu besiegen sein – wir müssen uns anpassen und langfristige, tragfähige Strategien entwickeln, die uns helfen zu überleben. Wir müssen weitere Pandemien verhindern und wir müssen uns um den Klimawandel kümmern … und das dringendst … und jeder hat eine eigene Nase, an die er sich jetzt fassen kann. Literatur / Kunst kann und darf einfach auch mal nur unterhaltsam sein, da ist nichts dran verkehrt. Literatur/ Kunst muss aber auch den gesalzenen Finger in Wunden legen dürfen. Sie muss und darf kritisch, respektlos und widerspenstig sein. Eine freie Literatur, eine kraftvolle Kunst ist einer der wichtigsten Stützpfeiler der Demokratie. Und sie ist auch Motor des Fortschritts. Der Mensch muss sich weiterentwickeln, wenn er fortbestehen will. Ich finde es anrührend und faszinierend wie der Mensch vor rd. vierzigtausend Jahren die Kunst erfunden hat (siehe Höhlenmalerei in den Höhlen von Almatira oder Chauvet-Pont-D’Arc) und damit quasi das Denken und die Kommunikation in die Welt kam. Es liegt an uns. Ich glaube, wir haben es noch in der Hand.     

Was liest Du derzeit?

The Ontological Constant von Mark A. Murphy. Das ist ein Gedichtband, der in Englisch / Deutsch bei Moloko Print erschienen ist.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles geschieht langsam, beinahe gemächlich, und irgendwo weitab schlägt leise ein Herz. Ich begreife, dass es mein eigenes ist mit seinen letzten Schlägen auf dem Weg ins Tal.“

Das Zitat stammt aus dem Buch „Das Gesicht in der Tiefe der Strasse“ von Wolfgang Hermann, Otto Müller Verlag, S. 92

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir Walter.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller

https://www.nordpark-verlag.de/Kleinhubbert-alles-auf-einmal-gedichte.html

Foto_privat.

6.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kreativität ist heilsam, und es ist schön, wenn Menschen ihre Form und ihren Zugang dazu finden“ Tina Haller, Schauspielerin_Wien 4.5.2021

Liebe Tina, wie sieht jetzt mein Tagesablauf aus?

Der Tagesablauf, je nachdem, ob ich Termine oder Freizeit habe, variiert, aber ein Fixpunkt ist das Schreiben, Kaffee, sind immer noch Zigaretten,  die Innenschau und in irgendeiner Form die Kommunikation mit meinen Herzensmenschen.

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage empfinde ich schwer zu beantworten, da es für mich keine allgemein gültige Antwort darauf gibt.

„wichtig“ ist subjektiv

Für mich ist es wichtig,  nach innen zu schauen, zu fühlen, zu reflektieren, die eigenen Schatten zu beleuchten,  in allem eine Wachstumsmöglichkeit zu sehen, zu vertrauen, einen liebevollen,  wertschätzenden Umgang mit sich und anderen zu leben, der auf Mitgefühl, einem Miteinander,  Harmonie, Humor, Selbstironie, Bewusstsein, Teilen, Schenken, offenem Herz und Unterstützung basiert.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Zum Einen meine ich, Kreativität ist heilsam, und es ist schön, wenn Menschen ihre Form und ihren Zugang dazu finden.

Kunst, egal in welcher Weise, im Kleinen oder Großen, für sich oder für die Allgemeinheit bietet Raum, Geschehnisse zu betrachten, aufzuzeigen, zu reflektieren, zu verarbeiten.

Kreativität und Kunst bezieht sich, zum Anderen, für mich nicht nur auf die Branche, sondern auf das Leben. Leute, die trotz Nöten, Schicksalsschlägen und Traumata jeglicher Form, eine Hoffnung und Liebe im Herzen tragen, sind für mich Künstler. Leute, die ein Licht in diese Welt bringen sind für mich Herzenskünstler. Leute, die sich reflektieren, sich Fehler eingestehen, die Verantwortung für ihre Taten und Handlungen übernehmen, sind Mitschreiber einer Weltgeschichte und somit tragen sie zur Kunst bei.

Leben ist Kunst. Das Leben ist Theater. Spektakel und Debakel. All das wird immer lebendig bleiben Jedes Individuum trägt zum Schauspiel des Lebens bei…daher wird es Bühne immer geben. Geschichte wird immer geschrieben, vielleicht eine liebevollere.

Und abgesehen davon bin ich für das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder ist wichtig, und etwas zu erhalten, ohne darum betteln zu müssen, steht einem zu und das allein schafft schon andere Energien. Es würde vielleicht vielen Menschen ermöglichen, in Ruhe herauszufinden,  was sie von Innen heraus beflügelt und so ein inneres Gefühl kann Positives nach Außen strahlen.

Was liest du derzeit?

Mein Bruder schickt mir oft Texte oder Videos von Dichtern und Philosophen

„Vater Unser“  von Angela  Lehner

Außerdem lese ich viel über diverse Therapieformen und die Polyvagaltheorie

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Geduld

werd ich dich nennen

bis du von selbst anklopfst

um dich mir vorzustellen“

von Anitrellah 😉

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Tina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Tina Haller | Künstlerin

Fotos_1 Julia Wessely; 2 Jeremy Spieß.

4.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nachrichten aus Mittelerde“ J.R.R.Tolkien, mit Illustrationen von Alan Lee, John Howe und Ted Nasmith. Klett-Cotta Verlag.

Es ist ein Jahrhundertwerk, das der britische Autor und Universitätsprofessor J.R.R.Tolkien (1892 – 1973) mit seinem Epos „Der Herr der Ringe“ geschaffen hat. Bis heute ist es in vielerlei Hinsicht bahnbrechend und begeistert Leserinnen und Leser wie inspiriert KünstlerInnen verschiedenster Genres. Die Verfilmung der Romantriologie von Peter Jackson zu Beginn dieses Jahrtausends hat dabei neue vielfältige Impulse geliefert und auch viele weitere spannende Zugänge ermöglicht, die sich vom Text ausgehend Tolkiens Werk nähern.

Die vorliegende bibliophile Neuausgabe „Nachrichten aus Mittelerde“ ist nun Ausdruck dieser Inspirationsreise zu Tolkiens imaginierter „Mittelerde“ und deren wunderbaren Orten, mutigen wie schreckenserregenden Wesen und den Wegen durch und mit diesen in Abenteuer und Erlebnis.

Der Text selbst ist eine Nachlassveröffentlichung von Mitte der 1970er Jahre, welche der Sohn des Autors, Christopher Tolkien, ermöglicht hat. In einem ausführlichen Vorwort geht dieser auf den Prozess der Zusammenstellung der Texte wie auf persönliche Beweggründe ein. Inhaltlich öffnet sich dann die unglaublich weite wie liebevolle Textwelt Tolkiens in vielen neuen Zugängen, die Fans wie Interessierte begeistern. Zusammenhänge werden sichtbar und lassen staunen, die spannenden Erzählungen sind aber auch für sich ein Lesegeschenk, ohne Vorkenntnisse und Detailwissen.

Großformatige Texttafeln, das Wort Gemälde würde hier zu Recht passen, welche die Künstler Lee, Howe und Nasmith auch im Zuge der Filmkonzeptionen erarbeitet und weiterentwickelt haben, illustrieren und machen diesen Textband zu einem besonderen bibliophilen Geschenk. Die Ausdruck- und Strahlkraft dieser Darstellungen ist einzigartig.

„Eine wunderbare Reise in Wort und Bild in die phantastische Welt Tolkiens  – ein künstlerischer Genuss der Sonderklasse“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Der Fokus auf die Elite, auf die Stars, die großen Häuser und teuren Produktionen muss sich ändern“ Nadja Puttner, Tänzerin_Wien 4.5.2021

Liebe Nadja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage sind trotz des nun schon so lange dauernden Kultur Lockdown ziemlich voll. Ich starte meistens mit einer Yoga-Einheit in den Tag, zweimal wöchentlich unterrichte ich morgens in einer Musical-Ausbildung Ballett. Live. Ein Highlight, denn ich vermisse den Ballettsaal und die Arbeit im Studio. Ab dem späten Nachmittag unterrichte ich dann online Tanzklassen, v.a. Ballett aber auch Modern und Körperarbeit für Tänzer*innen.

Nadja Puttner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin

Geprobt habe ich den letzten Monaten kaum, da ja keine Live Vorstellungen möglich sind. Ich bin freischaffende Choreografin und Performerin, setze vor allem meine eigenen Tanztheaterstücke um.

Seit März letzten Jahres wurden all meine geplanten Projekte entweder abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Trotzdem bemühe ich mich, kreativ zu bleiben und auch regelmäßig zu trainieren. Zur Osterzeit des Jahres durfte ich für die Eröffnung einer Kunstinstallation im Wiener Stephansdom eine Performance choreografieren und auch tanzen. Da habe ich gemerkt, wie sehr mir die Bühne und das Performen vor Publikum fehlt – hoffentlich wird das bald wieder möglich sein!

Im Rahmen der von mir mitbegründeten Initiative Tanz und Bewegungskunst Österreich und als Bereichssprecherin für Tanz und Kultur bei der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex engagiere ich mich seit Mai 2020 für eine Aufwertung des künstlerischen Tanzes in Österreich. Insbesondere die Verbesserung der sozialen Lage von freischaffenden Tänzer*innen, Choreograf*innen und Tanzlehrenden liegt mir dabei sehr am Herzen. Die Arbeitsbedingungen in der freien Tanzszene waren schon vor Corona schwierig bis prekär, und die Krise hat sie Situation leider dramatisch verschärft, wie eine von uns durchgeführte Umfrage bestätigt. Durch meinen Einsatz hoffe ich zu erreichen, dass die Künstler*innen der freien Tanzszene langfristig mehr Wertschätzung für ihre Arbeit in Gesellschaft, Politik und auch innerhalb der Künste erfahren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Unsere Träume nicht aus den Augen zu verlieren! Das fällt mir allerdings selbst auch nicht immer leicht. Alles, was ich  mir in den letzten Jahren künstlerisch aufgebaut habe, ist durch die Pandemie unterbrochen worden. Die Zukunft ist für uns freischaffende, im OFF-Bereich tätigen Künstler*innen mehr als ungewiss. Manchmal habe ich Angst, dass ich nicht mehr an die künstlerischen Aktivitäten von vor Corona anschließen werde können.

Es gibt Tage, an denen ich keinen Mut mehr habe, weiter zu planen. Trotzdem versuche ich positiv zu bleiben und male mir immer wieder aus, wie gut es bald sein wird, welche Projekte ich bald realisieren werde, und auf welchen großartigen Bühnen ich meine Stücke noch zeigen werde. Ich arbeite gerade an einen neuen Tanztheaterstück zum Thema Odyssee, das im Oktober in Wien Premiere haben soll, und an einem Solo, in dem ich das letzte Jahr künstlerisch verarbeite. Das tut gut und hilft mir, nach vorne zu schauen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass es für einen erfolgreichen Neubeginn notwendig sein wird, bestehende gesellschaftliche Strukturen gründlich zu hinterfragen und offen für grundlegende Veränderungen zu sein. Theater als Medium, das von der Live-Situation lebt und die Nicht[1]Wiederholbarkeit des Augenblicks repräsentiert, kann bei dieser gesellschaftlichen Neuausrichtung sehr unterstützend wirken.

Unsere (westliche) Gesellschaft ist seit Jahrhunderten geprägt von hierachischen Strukturen, die auf einem dualistischen Weltbild basieren: „richtig sein“ oder „Recht haben“ im Gegensatz zu „falsch sein“ oder „unrecht haben“ ist das Allerwichtigste, um in der Gesellschaft zu reüssieren. Die Auswirkungen dieser jahrhundertelangen Tradition sind deutlich spürbar: die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auf, wir beuten die Natur aus und zerstören sehenden Auges unseren Lebensraum. Es gibt immer weniger Raum für Zwischenmenschlichkeit und Emotionen. Es geht um Geld, Macht, Erfolg, Status, Aussehen. Die Hierachie gibt uns vor, wie wir sein müssen, um voran zu kommen. Dabei vergessen wir oft, dass wir eigentlich von unserer Natur aus darauf ausgerichtet sind, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Einklang zu suchen, uns mit ihnen zu verbinden und auszutauschen.

Die Pandemie lehrt uns auf unbarmherzige Art und Weise, wie abhängig wir alle voneinander sind. Indem sie alle Menschen gleichermaßen trifft, zeigt sie uns, dass in einer Gesellschaft jeder und jede wichtig ist und dass für alle gesorgt werden muss, um das Wohl der Gemeinschaft zu sichern. Unabhängig von Einkommen, Bildungsniveau, Herkunft, Geschlecht, Alter.

„Social-Distancing“ lässt uns schmerzlich spüren, wie wichtig soziale Kontakte für uns sind, wie sehr wir Berührung brauchen oder die (körperliche) Anwesenheit einer geliebten Person. Dinge, die wir oft als unwichtig hintanstellen, da wir uns in einer ununterbrochenen Stressreaktion befinden: egal wieviel wir arbeiten, wie erfolgreich wir sind, wie gut oder jung wir aussehen – es ist nie genug und wir müssen es alleine schaffen.

Ein Neubeginn wird nicht ohne ein grundsätzliches Umdenken auf dieser Ebene stattfinden können. Unsere Gesellschaft braucht einen Paradigmenwechsel: weg von Hierachie und Dualismus hin zu einer Gemeinschaft, in der Diversität, Individualität, unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Ausdrucksformen geschätzt und gelebt werden.

Kunst und insbesondere auch Theater kann und muss bei dieser notwendigen Veränderung unseres gesellschaftlichen Systems eine wichtige Rolle spielen. Und zwar als essenzielles Kommunikationstool, das zwischen verschiedenen Individuen und Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft bzw. auch zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen vermittelt.

Theater ist ein fruchtbarer Boden für den lebendigen sozialen und kulturellen Austausch, den wir so dringend brauchen. Die Live-Theater[1]Erfahrung ist eine Erfahrung, die vor allem auf körperlicher Ebene stattfindet und nicht auf die geistige oder materielle Ebene beschränkt bleibt. Sie verbindet alle Anwesenden – Publikum und Mitwirkende – für die Dauer der Vorstellung auf ganz spezielle Weise. Durch das Gemeinschaftserlebnis werden alle Eindrücke und dadurch ausgelösten Emotionen um ein Vielfaches potenziert, da alle dieselben Schwingungen spüren. Insbesondere Tanz und Musik als non-verbale Ausdrucksformen können Sprache transzendieren, durch das intensive körperliche Erleben Theater direkt emotional erfahrbar machen und auf unbewusster Ebene Veränderungen in Gang setzen.

Was sich meiner Meinung nach innerhalb der darstellenden Künste ebenfalls dringend verändern muss, ist die hierachische Herangehensweise, der Fokus auf die Elite, auf die Stars, die großen Häuser und teuren Produktionen. Der Diversität muss auch hier ein höherer Wert beigemessen werden. Budgets müssen gleichmäßiger verteilt werden. Nicht nur die im letzten Jahr oft zitierten Salzburger Festspiele machen Österreich zur „Kulturnation“. Es sind ebenso die vielen kleinen Kulturinitiativen, OFF-Häuser und Einzelkünstler*innen, die die Theater- und Kulturlandschaft prägen und daher die gleiche Wertschätzung und Anerkennung verdient haben.

Ich wünsche mir, dass diese immense gesellschaftliche Bedeutung von Theater in seiner Vielfalt bei den verantwortlichen Politiker*innen bald ankommt, und dass auch Live-Vorstellungen bald wieder möglich sein werden.

Was liest Du derzeit?

Barbara Clayton: „A Penelopean Poetics. Reweaving the Feminine in Homer’s Odyssey“

Bessel van der Kolk: „The Body Keeps the Score: Brain, Mind and Body

in the Haling of Trauma“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir können uns verstehen, weil wir uns alle in der gleichen Lage  befinden, weil wir alle unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage sind, und weil uns alle trotzdem mehr verbindet als trennt – unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte, unsere Angst und unser Hunger.“

– Ariadne von Schirach, „Du sollst nicht funktionieren: für eine neue Lebenskunst“

Vielen Dank für das Interview liebe Nadja, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanztheaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadja Puttner_Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin

Unicorn Art

Fotos_1 Ingrid Chladek; 2 Unicorn Art

4.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sinn stiften, bei Sinnen sein, oder sich verlieren: sinnlich werden“ Susanne Schirdewahn, Künstlerin_Berlin 3.5.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder meiner Tage ist voll und vollends anders. Da ich zwei Jungs im hohen Teenageralter und derzeit eine Gastschülerin habe, scheuche ich uns alle in den Morgen, um dann selbst online zu unterrichten (DAF) oder an meinen Texten zu schreiben oder ins Atelier zu fahren. Dazwischen versuche ich etwas Ordnung in alles zu bringen, was schwierig ist, da ich so eine Art Furor an der Leine habe. Momentan habe ich das starke Bedürfnis nach kreativem Arbeiten, also nutze ich dafür jede, aber auch jede Minute. Zum Glück kochen wir alle vier gerne und gut, sodass auch das nicht zu kurz kommt.

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eben das: täglich etwas mit Sinn machen. Sinn stiften, bei Sinnen sein, oder sich verlieren: sinnlich werden. Seit ich Deutschtrainerin bin für Wörter, machen auch die plötzlich viel mehr Sinn. Ich glaube, derzeit tut es gut, sich auf die Schönheit von Gedanken einzulassen. Nicht umsonst entdecken viele die Romantik neu, die Natur, die Einfachheit. Doch bei aller Betrachtung ist es wichtig, den Motor am Laufen zu halten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich ist die Kultur ein Zuhause, das wird sich auch nie ändern. Mit ihr gelingt es hervorragend, mal aus dieser „Box“ zu steigen und neue Blickwinkel zu haben. Das darf nicht anders werden! Momentan habe ich nur Sorgen, dass diese Impulse im letzten Jahr eingeschlafen sind. Zuerst zu denken, was man darf und nicht darf, anstatt zu überlegen, was möglich ist. Für diese Möglichkeiten ist „Kulturschaffen“ ein perfektes Fitnessstudio. Wach bleiben! Mitdenken! Manchmal werde ich richtig theatralisch, wenn ich denke: klar, die Kultur ist der Kit in unserer Gesellschaft, aber auch der Auslöser.

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

Was liest Du derzeit?

Durch Zufall bin ich auf das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer gestoßen, der darin aus seiner Sicht als damals 13 Jähriger die Entführung seines Vater (Jan Philipp Reemtsma) beschreibt. Das passt geradezu perfekt in meine bildnerische Auseinandersetzung mit „Traum-Trauma“. Sehr empfehlenswert!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sinn? Sinn!

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

http://www.susanne-schirdewahn.de/

Fotos_1 Tanja Nedwig; 2 Marcel Schwickerath

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„bestehende strukturen /netzwerke etc. zu erhalten und zu unterstützen“ Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin_ Wien 3.5.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

früh morgens aufstehen / social media checken dazu den ein oder anderen espresso / telefonate erledigen und nebenbei dem putzteufel seinen tribut zollen / danach viel zeit mit einreichungen verbringen um zumindest die aussicht auf ein bisserl geld im börserl / und sobald sich die dunkelheit übers corona geplagt land legt und die telefone und sonstigen kommunikationswege still im schlaf versunken versuch ich mich kreativ zu betätigen – will heißen video cutten oder konzepte schmieden. ein paar kunden und aufträge sind uns dann ja doch noch geblieben – ansonsten wären wir schon längst  dem lockdown bedingtem untergang zum opfer gefallen.

Eva Bischof-Herlbauer_Projektionskünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 zusammenhalt und die hoffnung nie aufgeben 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“ 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

bestehende strukturen / kultur affine orte und firmen / netzwerke etc zu erhalten und zu unterstützen – denn das ist die basis unserer arbeit. vieles wird in trümmern liegen aber man darf dies nicht als das ende sehen es geht immer irgendwie weiter wenn zur zeit mehr schlecht als recht 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Was liest Du derzeit?

thor kunkel  / das schwarzlicht terrarium 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

shakespeare – die ganze welt ist eine bühne …

ich möchte diese bühne auch in zukunft nutzen um unsere kunst der welt zugänglich und konsumierbar zu machen  – um dies zu ermöglichen ist eine neue art von kreativität gefragt wege abseits der ausgetretenen pfade zu finden – wir lernen umzudenken, dinge aus anderen blickwinkeln zu sehen  – vielleicht das positive dieser krise – es entsteht viel neues im bereich innovativer techniken und kommunikation. 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin

www.4youreye.at

Alle Fotos_Eva Bischof-Herlbauer

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Verdammt und vernichtet“ Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart. Hermann Parzinger. Beck Verlag

Es ist Kultur in Werk, Austausch und Gespräch, die eine Gesellschaft prägt und die sie weiterentwickelt. Und die sie wesentlich trägt. Etwa in Zeiten besonderer Herausforderungen wie jetzt in einer Pandemie. Kultur und Kunst sind da wichtiger Anker im Sturm der Zeit, der Lebenswelten erschüttert. Und eben diese finden nun auch wesentlich Halt in Wort und Werk, Buch und Film, Musik, verschiedensten Ausdrucksformen von Fragen, Ansichten und Perspektiven wie auch der Möglichkeit von Ablenkung und Erholung darin…

Kultur und Kunst sind aber immer auch in einer kritischen Lage was ihre Möglichkeiten der Voraussetzung und Verwirklichung betrifft. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist dabei in diesen Zeiten der Pandemie öfters gefallen und es galt und gilt sich da zu behaupten und auf Wert und Nutzen für Mensch und Gesellschaft hinzuweisen.

Dieses Ringen der Gegenwart ist aber auch in der Geschichte immer wieder Herausforderung gewesen. Bewunderung wie unmittelbare, direkt oder verzögert, Zerstörung waren da oft sehr nahe beieinander. Jubel und Untergang. Triumph und Drama. Kunst und Kultur haben da viel zu erzählen…

Hermann Parzinger, Archäologe und Prähistoriker, Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, stellt im vorliegenden Buch „Verdammt und Vernichtet“ Kulturzerstörungen in der Weltgeschichte in fundierter wie eindringlicher Weise dar. In dreizehn Überblickskapitel über die Anfänge im Altertum, den byzantinischen Bilderstreit, der neuzeitlichen Reformation, das Zeitalter der Kolonialisierung, der französischen Revolution, des Nationalsozialismus bis zu islamistischen Zerstörungen der Gegenwart und kritischen Ausblicken der Gegenwart gibt der Autor einen kompakten Gesamtüberblick wie eine anschauliche Darstellung dieser dunklen Kapitel unser Menschheitsgeschichte in Schönheit wie Zerstörung und steten Neubeginn von Kunst und Kultur.

„Ein ganz wichtiges Buch, das Erinnerung und Mahnung wie Auftrag und Impuls für die Schönheit und Kraft wie auch Gefährdung von Kunst und Kultur zu aller Zeit ist“

Walter Pobaschnig 5_21

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„jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen“ Jeanne Werner, Schauspielerin_ Wien 2.5.2021

Liebe Jeanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe immer sehr früh auf, das hat sich verändert – ich schlafe tief und fest und wache früh auf. Glücklicherweise habe ich momentan das Privileg viel zu proben und zu drehen: Das ist erfüllend, dafür ist es aber nervenzehrend nicht zu wissen, wann wir wieder vor einem Publikum spielen oder wann beispielsweise wieder Filmfestivals stattfinden dürfen. Wenn ich nicht arbeite, gebe ich mich der Vorbereitung meiner Projekte oder den Kulturformen hin, die man auch in Ein- oder Zweisamkeit betreiben kann: Lesen, Filme schauen, kochen. Ich bin auch jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen, die sich gerade nicht stillen lässt: Nach Kultur, Familie, Gemeinsamkeit.

Jeanne Werner, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Menschen, die Krieg erlebt haben, haben mir kürzlich gesagt: Wir schaffen das, uns geht es doch gut. Neben dieser Art von Demut sind zur Zeit sicher zwei Dinge hilfreich: Verantwortung für sich und andere, und Akzeptanz. Ich habe in dieser Pandemie nach und nach gelernt, dass es nichts bringt, sie wegzuwünschen. Unser vorheriges Leben ist erstmals vorbei und wird in genau derselben Form hoffentlich auch nicht (sofort) wiederkommen: Die unreflektierte und unkontrollierte Art und Weise zu konsumieren, massiv zu reisen und sich dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich habe gemerkt, wie wenig ich brauche. Was ich aber brauche, sind neue Begegnungen und Kultur. Es tut weh, dass die Theater und Kinos, sowie unzählige andere kulturelle Orte mit guten Hygienekonzepten, nicht offen sein dürfen. Sie könnten den Menschen auch in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung und Rückhalt zu geben. Am Ende scheint die Impfung der einzige Ausweg gewesen zu sein, nicht ein verantwortungsvolles Miteinander. Klare und motivierende Botschaften hierzu habe ich in unserer medialen Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern in letzter Zeit stark vermisst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich bin voller Hoffnung, dass etwas neu wertgeschätzt werden wird, das vorher völlig selbstverständlich schien: Das kulturelle Live Erlebnis. Ich weiß genauso wenig wie alle anderen, was nun kommen wird, und welche Rolle wir dabei spielen werden: Aber dass wir wieder zusammen ‚feiern‘ wollen, sei es in einem vollen Theatersaal oder in Form gemeinsamer körperlicher Betätigung in einer Sporthalle, oder wie auch immer… ich bezweifle stark, dass wir den Drang danach verlernen.

Was liest Du derzeit?

„Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski. Ein sehr lebensbejahendes Buch.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mascha Kaléko: „Rezept“

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jeanne Werner, Schauspielerin

Jeanne Werner – theatre and film actress – Home (jeanne-werner.com)

Foto_Chloé Weydert

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren“ Holger Schober, Schauspieler_Wien 2.5.2021

Lieber Holger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich nicht sehr anders als vor der Pandemie. Aufstehen, mit dem Hund raus gehen, Kind versorgen und ab an den Computer. Das Schreiben von Theaterstücken und Drehbüchern ist ja an sich ein sehr einsamer Prozess, wo man sich schon unter „normalen“ Umständen vorkommt, als wäre man in Quarantäne. Die Tage verschwimmen und wenn man keine schulpflichtigen Kinder hätte, würde man überhaupt nicht mehr wissen, was für ein Tag eigentlich ist. Das ist jetzt auch so, mit dem Unterschied, dass meine Frau im Nebenraum sitzt und das gleiche erlebt. Was sich natürlich geändert hat, ist  der Pegel an Hoffnung und Optimismus, dass das alles in absehbarer Zeit besser wird. Der geht nämlich immer weiter nach unten, an manchen Tagen hat man das Gefühl, dass man die Anzeige gar nicht mehr lesen kann.

Ich habe ja im November 2020 das SZENE Waldviertel Festival übernommen, das ab Herbst unter seinem neuen Namen „Tagträumer*innen – Theaterfestival für junges Publikum“ in mehreren Orten im Waldviertel Station machen wird. Und ich weiß noch, als ich im November zugesagt habe, das zu machen, dachte ich mir : Herbst 2021? Das geht sich sicher aus. Da sind wir alle geimpft und die Welt ist ein Ort voller rosa Wolken und wir tanzen alle in den Sonnenuntergang. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher und hoffe, dass wir bis zu unserem Start Ende August überhaupt spielen dürfen. Ein internationales Theaterfestival in diesen Zeiten zu planen, ist ungefähr so lustig, wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren. Abgesehen davon, dass man sich nichts live anschauen kann und ein ganzes Festival aufgrund von Videomitschnitten und Hörensagen plant, macht einen das ständige „Wenn-Dann“ einfach fertig. Vor allem wenn man das zum ersten Mal macht, denn es ist nicht einfach, den Ausnahmefall zu planen, wenn man noch nicht mal weiß, wie der Regelfall funktioniert. Also ist der aktuelle Tagesablauf eine immer unberechenbarere Abfolge an Verzweiflung, Euphorie und dem Wunsch, sich zu betrinken (was für mich als Antialkoholiker besonders verwirrend ist) und den Momenten, wo man einfach auf der Couch sitzt und ins Leere starrt und hofft, dass Wunder passieren.

Holger Schober, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir miteinander lachen können. Wenn ich mit Frau, Kindern und Hund am Boden sitze und kichere, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Dass wir uns gegenseitig spüren, dass wir wissen, dass wir für einander da sind. Dass wir den Mut nicht verlieren. Dass wir uns nicht zerfleischen. Dass wir lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Dass wir aufhören, kleinlich zu sein und das große Ganze sehen können. Dass wir Liebe zulassen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich kann es nicht mehr hören, wenn unser Bundeskanzler von einer „Rückkehr in die Normalität“ spricht. Es wird keine Rückkehr geben, die Pandemie hat unser aller Leben für immer nachhaltig verändert. Es wird an uns liegen, ob wir diese Veränderung annehmen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und statt der Rückkehr zu einer alten Normalität, die unseren Planeten mit 150 kmh gegen die Mauer gefahren hat, hin zu einer „neuen“ Normalität finden, die unser Spezies überleben lässt. Die Kunst kann dabei eine wesentliche Rolle spielen, weil es ihre Aufgabe ist, Fragen zu stellen, ohne dass sie Antworten liefern muss. Das Theater als Treffpunkt für Menschen, die etwas gemeinsam erleben möchten, die sich Emotionen hingeben möchten, die gemeinsam einer Erzählung lauschen möchten, die sie berührt, sie schüttelt und zum Glühen bringt, wird ein wesentlicher Faktor werden, zumindest theoretisch. Ich habe das Gefühl, dass in der Theaterszene sehr viel aufbricht, überall erheben sich Stimmen gegen patriarchale und diktatorische Strukturen, Menschen, die ausgebeutet werden, lernen NEIN zu sagen. Wenn das Theater so einem Selbstreinigungsprozess unterzogen wird, dann hat es vielleicht wieder die Möglichkeit, seiner ureigensten  Aufgabe nachzukommen, nämlich gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren, zu benennen, an zu stoßen und Utopien zu entwickeln. Und bei allem, was rund um uns passiert, werden wir in den nächsten Jahren alles an Utopien brauchen, was wir kriegen können.

Was liest Du derzeit?

„Mein Bruder“ von Karin Smirnoff, das mir die schwedische Verwandtschaft ans Herz gelegt hat. Ein unfassbar starkes Buch, dass teilweise so weh tut, dass ich gar nicht weiß, ob ich es empfehlen soll.

„Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“  von Avi Loeb. Vielleicht unterbewusst ein eskapistischer Gedanke, ganz weit weg zu gehen, da es ja mit dem intelligenten Leben auf unserem Planeten gefühlt seit der Pandemie noch weiter bergab geht, als sonst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“ Von Gustav Mahler- finde ich im Moment sehr tröstlich.

Und mein immerwährendes Lebensmotto, das, wie ich finde, jetzt gerade sehr gut passt: „Ich mache aus Scheiße Gold – oder umgekehrt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Holger, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Buchprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank auch und alles Gute. Danke für diese tolle Interview-Reihe, ich lese sie mit sehr großer Begeisterung.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Holger Schober_Schauspieler, Regisseur, Autor und Festivalleiter

Foto_Anna Stöcher

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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