„wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren“ Holger Schober, Schauspieler_Wien 2.5.2021

Lieber Holger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich nicht sehr anders als vor der Pandemie. Aufstehen, mit dem Hund raus gehen, Kind versorgen und ab an den Computer. Das Schreiben von Theaterstücken und Drehbüchern ist ja an sich ein sehr einsamer Prozess, wo man sich schon unter „normalen“ Umständen vorkommt, als wäre man in Quarantäne. Die Tage verschwimmen und wenn man keine schulpflichtigen Kinder hätte, würde man überhaupt nicht mehr wissen, was für ein Tag eigentlich ist. Das ist jetzt auch so, mit dem Unterschied, dass meine Frau im Nebenraum sitzt und das gleiche erlebt. Was sich natürlich geändert hat, ist  der Pegel an Hoffnung und Optimismus, dass das alles in absehbarer Zeit besser wird. Der geht nämlich immer weiter nach unten, an manchen Tagen hat man das Gefühl, dass man die Anzeige gar nicht mehr lesen kann.

Ich habe ja im November 2020 das SZENE Waldviertel Festival übernommen, das ab Herbst unter seinem neuen Namen „Tagträumer*innen – Theaterfestival für junges Publikum“ in mehreren Orten im Waldviertel Station machen wird. Und ich weiß noch, als ich im November zugesagt habe, das zu machen, dachte ich mir : Herbst 2021? Das geht sich sicher aus. Da sind wir alle geimpft und die Welt ist ein Ort voller rosa Wolken und wir tanzen alle in den Sonnenuntergang. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher und hoffe, dass wir bis zu unserem Start Ende August überhaupt spielen dürfen. Ein internationales Theaterfestival in diesen Zeiten zu planen, ist ungefähr so lustig, wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren. Abgesehen davon, dass man sich nichts live anschauen kann und ein ganzes Festival aufgrund von Videomitschnitten und Hörensagen plant, macht einen das ständige „Wenn-Dann“ einfach fertig. Vor allem wenn man das zum ersten Mal macht, denn es ist nicht einfach, den Ausnahmefall zu planen, wenn man noch nicht mal weiß, wie der Regelfall funktioniert. Also ist der aktuelle Tagesablauf eine immer unberechenbarere Abfolge an Verzweiflung, Euphorie und dem Wunsch, sich zu betrinken (was für mich als Antialkoholiker besonders verwirrend ist) und den Momenten, wo man einfach auf der Couch sitzt und ins Leere starrt und hofft, dass Wunder passieren.

Holger Schober, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir miteinander lachen können. Wenn ich mit Frau, Kindern und Hund am Boden sitze und kichere, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Dass wir uns gegenseitig spüren, dass wir wissen, dass wir für einander da sind. Dass wir den Mut nicht verlieren. Dass wir uns nicht zerfleischen. Dass wir lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Dass wir aufhören, kleinlich zu sein und das große Ganze sehen können. Dass wir Liebe zulassen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich kann es nicht mehr hören, wenn unser Bundeskanzler von einer „Rückkehr in die Normalität“ spricht. Es wird keine Rückkehr geben, die Pandemie hat unser aller Leben für immer nachhaltig verändert. Es wird an uns liegen, ob wir diese Veränderung annehmen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und statt der Rückkehr zu einer alten Normalität, die unseren Planeten mit 150 kmh gegen die Mauer gefahren hat, hin zu einer „neuen“ Normalität finden, die unser Spezies überleben lässt. Die Kunst kann dabei eine wesentliche Rolle spielen, weil es ihre Aufgabe ist, Fragen zu stellen, ohne dass sie Antworten liefern muss. Das Theater als Treffpunkt für Menschen, die etwas gemeinsam erleben möchten, die sich Emotionen hingeben möchten, die gemeinsam einer Erzählung lauschen möchten, die sie berührt, sie schüttelt und zum Glühen bringt, wird ein wesentlicher Faktor werden, zumindest theoretisch. Ich habe das Gefühl, dass in der Theaterszene sehr viel aufbricht, überall erheben sich Stimmen gegen patriarchale und diktatorische Strukturen, Menschen, die ausgebeutet werden, lernen NEIN zu sagen. Wenn das Theater so einem Selbstreinigungsprozess unterzogen wird, dann hat es vielleicht wieder die Möglichkeit, seiner ureigensten  Aufgabe nachzukommen, nämlich gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren, zu benennen, an zu stoßen und Utopien zu entwickeln. Und bei allem, was rund um uns passiert, werden wir in den nächsten Jahren alles an Utopien brauchen, was wir kriegen können.

Was liest Du derzeit?

„Mein Bruder“ von Karin Smirnoff, das mir die schwedische Verwandtschaft ans Herz gelegt hat. Ein unfassbar starkes Buch, dass teilweise so weh tut, dass ich gar nicht weiß, ob ich es empfehlen soll.

„Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“  von Avi Loeb. Vielleicht unterbewusst ein eskapistischer Gedanke, ganz weit weg zu gehen, da es ja mit dem intelligenten Leben auf unserem Planeten gefühlt seit der Pandemie noch weiter bergab geht, als sonst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“ Von Gustav Mahler- finde ich im Moment sehr tröstlich.

Und mein immerwährendes Lebensmotto, das, wie ich finde, jetzt gerade sehr gut passt: „Ich mache aus Scheiße Gold – oder umgekehrt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Holger, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Buchprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank auch und alles Gute. Danke für diese tolle Interview-Reihe, ich lese sie mit sehr großer Begeisterung.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Holger Schober_Schauspieler, Regisseur, Autor und Festivalleiter

Foto_Anna Stöcher

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren“ Holger Schober, Schauspieler_Wien 2.5.2021

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