„jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen“ Jeanne Werner, Schauspielerin_ Wien 2.5.2021

Liebe Jeanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe immer sehr früh auf, das hat sich verändert – ich schlafe tief und fest und wache früh auf. Glücklicherweise habe ich momentan das Privileg viel zu proben und zu drehen: Das ist erfüllend, dafür ist es aber nervenzehrend nicht zu wissen, wann wir wieder vor einem Publikum spielen oder wann beispielsweise wieder Filmfestivals stattfinden dürfen. Wenn ich nicht arbeite, gebe ich mich der Vorbereitung meiner Projekte oder den Kulturformen hin, die man auch in Ein- oder Zweisamkeit betreiben kann: Lesen, Filme schauen, kochen. Ich bin auch jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen, die sich gerade nicht stillen lässt: Nach Kultur, Familie, Gemeinsamkeit.

Jeanne Werner, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Menschen, die Krieg erlebt haben, haben mir kürzlich gesagt: Wir schaffen das, uns geht es doch gut. Neben dieser Art von Demut sind zur Zeit sicher zwei Dinge hilfreich: Verantwortung für sich und andere, und Akzeptanz. Ich habe in dieser Pandemie nach und nach gelernt, dass es nichts bringt, sie wegzuwünschen. Unser vorheriges Leben ist erstmals vorbei und wird in genau derselben Form hoffentlich auch nicht (sofort) wiederkommen: Die unreflektierte und unkontrollierte Art und Weise zu konsumieren, massiv zu reisen und sich dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich habe gemerkt, wie wenig ich brauche. Was ich aber brauche, sind neue Begegnungen und Kultur. Es tut weh, dass die Theater und Kinos, sowie unzählige andere kulturelle Orte mit guten Hygienekonzepten, nicht offen sein dürfen. Sie könnten den Menschen auch in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung und Rückhalt zu geben. Am Ende scheint die Impfung der einzige Ausweg gewesen zu sein, nicht ein verantwortungsvolles Miteinander. Klare und motivierende Botschaften hierzu habe ich in unserer medialen Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern in letzter Zeit stark vermisst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich bin voller Hoffnung, dass etwas neu wertgeschätzt werden wird, das vorher völlig selbstverständlich schien: Das kulturelle Live Erlebnis. Ich weiß genauso wenig wie alle anderen, was nun kommen wird, und welche Rolle wir dabei spielen werden: Aber dass wir wieder zusammen ‚feiern‘ wollen, sei es in einem vollen Theatersaal oder in Form gemeinsamer körperlicher Betätigung in einer Sporthalle, oder wie auch immer… ich bezweifle stark, dass wir den Drang danach verlernen.

Was liest Du derzeit?

„Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski. Ein sehr lebensbejahendes Buch.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mascha Kaléko: „Rezept“

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jeanne Werner, Schauspielerin

Jeanne Werner – theatre and film actress – Home (jeanne-werner.com)

Foto_Chloé Weydert

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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