Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeder meiner Tage ist recht eigen, seit dem 24. Februar sowieso. Da schreibe ich meiner Freundin, Halyna, meinem Freund, Roman. Da höre ich viel Radio, lese Zeitungen und versuche aufzuschreiben, was mir wahr scheint, was ich so besser auszusprechen glaube.
Am 3. März murmle ich morgens auf dem Weg zur Arbeit die Namen Marichka und Ivan, das Wort Holod aus einem Gedicht, das ich zur Zeit der Majdan-Proteste 2013/14 geschriebenen hatte und abends bei einer Solidaritätsinitiative mit 12 anderen Autor:innen lesen würde.
In der Bibliothek, wo ich arbeite, ordne ich Bücher, sortiere Gedanken. Ich suche nach Büchern mit den Schlagwörtern Ukraine und Sowjetunion, nach Bilderbüchern zu Krieg und Flucht. Für den Titel Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine merke ich mich selbst vor, am 4. März.
Am Ende dieser Tage fühle ich mich müde. Dabei bin ich weit weg von Chrystyna Nazar in Lemberg, der die Woche seit dem 24. Februar so lange vorkam wie die acht Jahre Krieg im Donbas. Weit weg von Katja Petrowskaja, die ihr Kinderzimmer in Kiew, ihre Familie vermisst.
Halyna bedeutet Frieden – wo bist du heute, Halyna. Holod bedeutet Hunger – Anne Applebaum hat über Holodomor, die von Stalin gezielt herbeigeführte Hungersnot in den 30ern ein Buch verfasst. Marichka, Ivan – wir wissen zu wenig über euch, über die Ukraine.
Sarah Kuratle, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Seit Tagen versuche ich zu beten, geht mein Gebet für die Ukraine so: Dass in allem Grauen die Liebe zu den Liebsten, die Verbundenheit auch mit allen anderen spürbar ist, vielleicht sogar stärker als die Angst. Dass der Krieg nicht alles ist, in keinem Moment, für niemanden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Lesen und Zuhören sind wertvoll, mit dem Herzen dabei sein, auch bei Erfahrungen, die nicht unsere eigenen sind, es niemals waren. Wir müssen kritisch sein, empfindsam, verständnis- und fantasievoll – die Kunst, auch die Literatur ist dafür eine gute Schule, glaube ich.
Was viele sagen, bestätigte sich bei meiner Suche zwischen Regalen, in Datenbanken: Wir brauchen mehr ukrainische Stimmen. Nämlich: ihre Übersetzungen ins Deutsche. Und zwar deshalb: weil zu wenige Menschen aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzen können.
Der Krieg gegen Putin ist ein Krieg für Frieden und Freiheit, ist auch ein Wirtschafts- und Finanzkrieg. Bei allen Sanktionen gegen Russland braucht es aber weiterhin den kulturellen Austausch, das Gespräch mit russischen Künstler:innen wie Aleksey Porvin in St. Petersburg.
Was liest Du derzeit?
Für mein zweites Romanprojekt nach Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren gibt es eigentlich eine sehr lange Leseliste. Trotzdem lese ich jetzt erst einmal Katja Petrowskajas Buch Vielleicht Esther mit einer Großmutter, die im 1941 besetzten Kiew alleine zurückbleibt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Kann das Gewissen zerfallen in inifinitesimale / Winzigkeiten, kann sich die Gewaltfreiheit / wie ein Baum unter die Säge legen? Ja kann sie, falls klar ist, das wächst auch wieder zusammen.
Aus: Alexej Porvin. Ode an das Sägemehl. Gedicht. Übersetzt von Anja Utler.
Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
G estern noch wähnten wir Leichtlebigen und Unbekümmerten, wir Träumer und Hedonisten, arglos und naiv wie wir waren, uns weltweit von einer nahezu unsichtbaren Pandemie umzingelt, die mittlerweile schon zwei Jahre währt, uns gehörig Angst eingejagt hat und uns zeitweise vollständig zu lähmen drohte. Unverschuldet.
I nzwischen müssen wir erneut begreifen, dass es, neben Eingesperrtsein und mangelnder Bewegungsfreiheit, neben Dahinsiechen auf Intensivstationen und dem Verlust vieler Menschenleben aufgrund einer tückischen Seuche, noch viel stärkeren Anlass zur
V erzweiflung gibt. Verzweiflung, die ohne Not von Machthabern ohne Moral und Empathie ausgelöst wurde, Verzweiflung, die dieselben Verantwortlichen so schuldhaft wie willkürlich über Wehrlose brachten und weiterhin bringen. Uns jedoch nicht im Entferntesten das Recht gibt, vor lauter Hoffnungslosigkeit zu kapitulieren oder gar zu resignieren. Nein, die ziemlich egoistische Furcht vor dem Virus und seinen Folgen wurde vor kurzem in allen freiheitsliebenden Ländern, Herzen und Köpfen vielmehr von Abscheu, Aufbegehren und echter
E mpörung abgelöst. Angesichts des Unbegreiflichen, was sich zwischen Odessa und Kiew, zwischen Lwiw und Mariupol, zwischen Charkiw und Sewastopol abspielt. Angesichts eines Grauens, das sich kaum in Worte fassen lässt und von dem wir zu Unrecht gehofft hatten, es sei ausgestorben. Und abgelöst auch von internationaler, grenzenloser Solidarität. Denn ein durch nichts zu rechtfertigender, einseitig „erklärter“ Angriffskrieg, mittels erbärmlicher
P ropaganda als bloßer Konflikt oder vorübergehende Militäraktion beschönigt, hält uns in Atem, lässt uns an den Errungenschaften von Aufklärung und Humanität zweifeln, setzt einem ganzen Volk zu, treibt Flüchtende in eine Hölle der Aussichtslosigkeit, sorgt dafür, dass Tausende von Unschuldigen ohne Unterlass bombardiert und vertrieben werden, einen
E lenden und sinnlosen Tod sterben, verwundet und verstümmelt werden, ihre Heimat verlieren, mitansehen müssen, wie man ihre Nächsten und ihren Besitz vernichtet. Wie sich Entsetzen und Fassungslosigkeit ausbreiten.
A ber menschliche Vernunft, Anstand, Mut, Mitleid, unbedingter Friedenswille und Brüderlichkeit sind stärker als der Albtraum des Krieges. Sind mächtiger als ideologische Verblendung, als blanke Gewalt und primitive Verrohung und werden, besser früher als später, den Sieg davontragen. Sind so unendlich viel wertvoller und nachhaltiger als jeglicher militärischer Triumph. Was vermag der Zugewinn an Territorien, der höchstens einen einsamen und isolierten Despoten befriedigen kann, gegen einen vielstimmigen
C hor der Hilfsbereitschaft und die durch keine Waffe aufzuhaltende Bereitschaft zur Harmonie, zum Schulterschluss und zur Verständigung der Nationen schon auszurichten? Schon nach wenigen Tagen ist deutlich geworden, wie der große
E ifer, mit dem sich Millionen Menschen all over the world unter die Arme greifen, stützen, zusammenschließen, gegenseitig stärken und sich ihrer Liebe versichern, die
A ngreifer in die Enge treibt. Ihre vorgeblichen Ziele als niedere Gesinnung entlarvt. Nicht mehr lange, und den Kurzsichtigen, Gewissenlosen und Blutrünstigen wird die Puste ausgehen. Ihre abstoßende Todesgeilheit wird sich verflüchtigen. Und sie werden, vielleicht über Nacht, zur Besinnung kommen und innehalten. Alle Tyrannen dieser Erde wissen nur zu genau: Die Euphorie des Abschlachtens und Auslöschens hält nicht lange vor. Wenn ihre Stunde also geschlagen hat und der Hass sich verflüchtigt hat, wenn sie reumütig, verunsichert und abgekämpft das Feld räumen müssen, wenn die Munition verfeuert ist und die Arsenale leer sind, wenn sich das ganze Ausmaß der Verheerung abzeichnet, wenn im großen Buch der Geschichte abgerechnet wird und die Rollenverteilung unter Liebeswilligen und Hassenden irgendwann wieder stimmt, dürfen die einst Geschundenen und die Opfer, die Helfer und die Retter, die Selbstlosen und die Unterjochten, soeben noch vor den
C äsaren der Neuzeit zitternd, und mit ihnen die gesamte Menschheit wieder
H offnung schöpfen. Sorgen wir – das ist mein größter Wunsch – in Zukunft mit vereinten Kräften noch sehr viel mehr dafür, dass man überall wachsam bleibt und, wo immer es nur geht, den
A nfängen wehrt. Versprechen wir uns, dass man es erst gar
N icht so weit kommen lässt und den kriegerischen Bestrebungen Tür und Tor öffnet – wie noch in diesem trügerisch heiteren, in Wahrheit zutiefst beschämenden Frühjahr 2022. Dass Diplomatie und Fingerspitzengefühl, Pazifismus und
C levere Verhandlungsführung von Anfang an die Oberhand gewinnen und das Hegemonialstreben verblendeter Unterdrücker gleich im Keim ersticken. Setzen wir dem kriegerischen Wahnsinn ein für alle Mal ein
E nde und etablieren wir dauerhaften Frieden. In unseren Familien und Häusern, Dörfern und Städten, an unseren Küsten und Grenzen, in Wäldern und Ländern, auf Inseln und Feldern, unter unseren Freunden und Kindern – und nicht zuletzt im Kreis unserer Widersacher und unserer verständnislosen Mitmenschen. Give peace a chance: Jetzt und für immer. Now and forever. Maintenant et pour toujours.
Jens Rosteck_10.3.2022
Jens Rosteck Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Pianist
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Jens Rosteck, Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Pianist