„Marichka, Ivan – wir wissen zu wenig über euch“ Sarah Kuratle, Schriftstellerin _ Dornbirn 11.3.2022

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder meiner Tage ist recht eigen, seit dem 24. Februar sowieso. Da schreibe ich meiner Freundin, Halyna, meinem Freund, Roman. Da höre ich viel Radio, lese Zeitungen und versuche aufzuschreiben, was mir wahr scheint, was ich so besser auszusprechen glaube.

Am 3. März murmle ich morgens auf dem Weg zur Arbeit die Namen Marichka und Ivan, das Wort Holod aus einem Gedicht, das ich zur Zeit der Majdan-Proteste 2013/14 geschriebenen hatte und abends bei einer Solidaritätsinitiative mit 12 anderen Autor:innen lesen würde.

In der Bibliothek, wo ich arbeite, ordne ich Bücher, sortiere Gedanken. Ich suche nach Büchern mit den Schlagwörtern Ukraine und Sowjetunion, nach Bilderbüchern zu Krieg und Flucht. Für den Titel Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine merke ich mich selbst vor, am 4. März.

Am Ende dieser Tage fühle ich mich müde. Dabei bin ich weit weg von Chrystyna Nazar in Lemberg, der die Woche seit dem 24. Februar so lange vorkam wie die acht Jahre Krieg im Donbas. Weit weg von Katja Petrowskaja, die ihr Kinderzimmer in Kiew, ihre Familie vermisst.

Halyna bedeutet Frieden – wo bist du heute, Halyna. Holod bedeutet Hunger – Anne Applebaum hat über Holodomor, die von Stalin gezielt herbeigeführte Hungersnot in den 30ern ein Buch verfasst. Marichka, Ivan – wir wissen zu wenig über euch, über die Ukraine.

Sarah Kuratle, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Seit Tagen versuche ich zu beten, geht mein Gebet für die Ukraine so: Dass in allem Grauen die Liebe zu den Liebsten, die Verbundenheit auch mit allen anderen spürbar ist, vielleicht sogar stärker als die Angst. Dass der Krieg nicht alles ist, in keinem Moment, für niemanden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Lesen und Zuhören sind wertvoll, mit dem Herzen dabei sein, auch bei Erfahrungen, die nicht unsere eigenen sind, es niemals waren. Wir müssen kritisch sein, empfindsam, verständnis- und fantasievoll – die Kunst, auch die Literatur ist dafür eine gute Schule, glaube ich.

Was viele sagen, bestätigte sich bei meiner Suche zwischen Regalen, in Datenbanken: Wir brauchen mehr ukrainische Stimmen. Nämlich: ihre Übersetzungen ins Deutsche. Und zwar deshalb: weil zu wenige Menschen aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzen können.

Der Krieg gegen Putin ist ein Krieg für Frieden und Freiheit, ist auch ein Wirtschafts- und Finanzkrieg. Bei allen Sanktionen gegen Russland braucht es aber weiterhin den kulturellen Austausch, das Gespräch mit russischen Künstler:innen wie Aleksey Porvin in St. Petersburg.

Was liest Du derzeit?

Für mein zweites Romanprojekt nach Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren gibt es eigentlich eine sehr lange Leseliste. Trotzdem lese ich jetzt erst einmal Katja Petrowskajas Buch Vielleicht Esther mit einer Großmutter, die im 1941 besetzten Kiew alleine zurückbleibt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kann das Gewissen zerfallen in inifinitesimale /
Winzigkeiten, kann sich die Gewaltfreiheit /
wie ein Baum unter die Säge legen? Ja kann sie,
falls klar ist, das wächst auch wieder zusammen.

Aus: Alexej Porvin. Ode an das Sägemehl. Gedicht. Übersetzt von Anja Utler.

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sarah Kuratle, Schriftstellerin

https://www.sarah-kuratle.com/

Foto_privat.

9.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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