Liebe Miriam, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der variiert und ist manchmal fremdbestimmt, durch Zeiten an Filmsets oder während Theaterproben inklusive Vorstellungen. Dann wieder schaff ich mir meine eigene Struktur, bin neugierig, was das Theater und Kino für mich als Zuseherin zu bieten hat, lese viel, lerne gerne, betreibe auch mal Stadtflucht. Das ist nun glücklicherweise wieder,- noch- ,möglich. Ich genieße das Unstete und Vielseitige.
Miriam Veronika Fussenegger, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Begegnung, wenn möglich urteilsfrei, reger und interessierter Austausch, kritisches Denken, Geduld, sich als Kollektiv finden und als solches auftreten, wir müssen keine EinzelkämpferInnen sein, ich will KollegInnen unterstützen und auch feiern
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Der Mensch reflektiert sich in der Kunst, verarbeitet was ihn beschäftigt und lässt dabei die ZuseherInnen teilhaben, ermöglicht ihnen eben diese Verarbeitung. Kunst stellt Infrage, klagt an, irritiert, erleichtert, entführt. Ich stelle mir eine Welt ohne all das so karg und trostlos vor, umso vieles ärmer. Für mich steht es nicht zur Debatte, dass Kunst ein essentieller Teil des Mensch Seins, -Werdens und vor allem Bleibens ist. Immer.
Was liest Du derzeit?
Ich habe die schlechte Angewohnheit immer mehrere Bücher auf einmal zu lesen. Im Moment betrifft das Sally Rooneys „Schöne Welt, wo bist du“, Michael Köhlmeiers „Shakespeare erzählt“ und Juli Zehs „Spieltrieb“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Jeder ist verantwortlich für alle anderen.“ Fjodor Dostojewski
Vielen Dank für das Interview liebe Miriam Veronika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Miriam Veronika Fussenegger, Schauspielerin
Foto_privat.
16.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Ich habe seit einer schweren Gesundheitskrise vor 10 Jahren einen Lebensgrundsatz: immer nur 1 Projekt pro Tag abarbeiten, damit sich meine obersten Prinzipien, (innere) RUHE & GEDULD (mit mir selbst) zu bewahren, in der Wochenbilanz zugunsten der Gesamtverfassung auswirken. Konkret sieht das dann so aus, daß ich bei den ersten beiden Instantkaffees am sonnigen Fensterplatz zunächst im obersten Buch vom gefährlich schwankenden Stapel wenigstens 1 Kapitel lese, in mehreren anderen Büchern kurz querlese, um eines davon für den nächsten Tag ganz nach oben umzuschichten, und dann erst das Handy einschalte, um alle socialmedia Nachrichten meiner zahlreichen Accounts auf Facebook, Twitter, Instagram und neuerdings TikTok zu überprüfen. Dadurch nehme ich noch neue Impulse ins erwachende Denken auf, um mich dann 1 künstlerischen Sache zu widmen, sei es ein Gedicht zu schreiben (ganz altmodisch mit Kugelschreiber auf Papier), ein Foto vom Vortag aufzubereiten (mit einer Editor App) oder mit einer Auftragsarbeit am PC weiter voran zu kommen, wie jüngst die Erstellung hochaufgelöster TIFF-Dateien für einen Produkthersteller, der meine Quantenlyrik und malerischen Motive (www.PostmoderneKunst.de) als Design benutzen will (mehr sei da noch nicht verraten, da sich die Kooperation erst in der Aufbauphase befindet).
Nachmittags bekomme ich dann endlich Hunger und mache einen langen Spaziergang durch die sogenannte „Grüne Achse“, dank derer man in Düsseldorf u.a. entlang der Düssel (ja, definitiv DER Fluss hier!) die Stadt ohne allzu viel Verkehrslärm durchqueren kann. Unterwegs esse ich (die erste Nahrungsaufnahme erledige ich aus verdauungstechnischen Gründen lieber im Gehen als im Sitzen) und reflektiere nochmal meditativ über die erledigten Arbeiten, setze mich zwischendurch auf Parkbänke, wenn mich noch spontane Inspirationen einholen, um Notizen zu machen, und recherchiere in Jobbörsen nach freien Stellen als Betreuungskraft in Seniorenheimen (www.Betreuungsalltag.de). Seit dem ersten Corona-Sommer bin ich wieder arbeitslos und finde trotz des Personalmangels in der Pflegebranche keine neue Stelle, verfolge die ganze Pflegedebatte stattdessen aktiv mit Kommentaren und eigenen Beiträgen.
Abends gönne ich mir oft eine heiße Wanne gegen die chronischen Schmerzen (in den 14 Berliner Jahren hatte ich diesen Wellness-Luxus nie!) und schaue danach gerne Scifis und Actionthriller im Bett bei einem Mikrowellen-Fertiggericht.
Tom de Toys, Multimedialer Lyriker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich mag keine pauschalen Behauptungen über „alle“ Menschen, müsste mich auf die Meinungsmache von Massenmedien, Klischees und Vorurteile berufen, um über „alle“ zu sprechen, werde selber nicht gerne als statistische Nummer gehandelt, von daher: ich weiß weder, was für „alle“ wichtig sein könnte, geschweige denn „jetzt“.
Mein Vater warnte als Klimaforscher bereits in den 90ern vor der menschgemachten Luftverschmutzung, aber es dauerte 30 Jahre, bis sich Politiker dafür (scheinbar) interessierten – und das auch nur, um sich beim Wähler anzubiedern. 30 Jahre! Was soll da schon wichtig sein? Den Druck macht sich die junge Generation (zum Glück!), aber ich bin mit ü50 inzwischen ziemlich desillusioniert, andere von der Wichtigkeit von irgendwas überzeugen zu wollen.
Alles dauert ewig lange, bis sich was ändert. Die Menschheit verschleppt ihre Probleme, solange kein sichtbarer Notfall eintritt, der sie zum sofortigen Handeln zwingt. Besonders wichtig ist daher für MICH, einfach keinerlei große Erwartungen an andere Menschen zu haben, das Beste zu erhoffen, aber mit dem Schlimmsten zu rechnen. DANN ist die Enttäuschung am geringsten und die Überraschung am schönsten, wenn irgendein kleines Wunder geschieht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich empfinde überhaupt keine Aufbruchsstimmung, sondern hatte bereits mit Anfang 20 als aufmüpfiger, leicht paranoider Politdichter der Socialbeat/Slampoetry-Bewegung das unheimliche Gefühl, einer kollektiven Matrix ausgeliefert zu sein, die sich subtil infrastrukturell durch die gesamte Gesellschaft zieht, ohne daß man als einzelner Privatmensch jemanden zur Verantwortung ziehen könnte, weil jeder nur auf seine eingeschränkten Pflichten besteht und Dich auf den freundlichen Sachbearbeiter nebenan verweist
Eine echte Poetisierung beginnt meiner bescheidenen persönlichen Meinung nach in der Seele des Einzelnen und hat wesentlich mehr mit dem zenbuddhistischen Ankommen im ichlosen, leeren Fluss der Gegenwart zu tun als mit architektonischen Fantastereien und industriellen Innovationen. Die werden immer erst im zweiten Schritt akzeptiert, wenn sich das kollektive seelische Befinden bereits geändert hat.
Was liest Du derzeit?
Also, Beckett und Huxley sind schon seit meiner Jugend verinnerlicht, die empfehle ich natürlich immer wieder jedem. Was aber nicht unbedingt für jeden ein Lesevergnügen sein dürfte, ist die Fachliteratur, wenn man nicht in der Branche selber tätig ist. Ich lese derzeit das brandneue Sachbuch einer Kollegin: „WIR! Manifest für eine menschliche Pflege“ von Brigitte Bührlen, um meinen beruflichen Horizont zu vertiefen. Angehörige von Pflegebedürftigen spielen ja in meinem Alltag als Betreuer eine große Rolle. Da spüre ich oft die Überforderung von Ehepartnern, Töchtern, Söhnen und Enkeln, aber eben auch deren Erleichterung, wenn wir ihnen vermitteln können, daß ihre Liebsten gut gepflegt und betreut werden…
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eins meines Lieblingsautors, dem Religionsphilosophen Alan Watts: „Man ist nicht… ein bloßer Fremdling im Weltsystem, sondern gleichsam das Ende einer Nervenfaser, durch welches das Universum sich selbst betrachtet.“ (1972 in der Autobiografie ZEIT ZU LEBEN, mehr unter www.AlanWatts.de)
Vielen Dank für das Interview lieber Tom, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tom de Toys, Multimedialer Lyriker
Foto_privat.
23.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Helwig, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Er ist wesentlich von meinem Brotberuf als Biologe (Geschäftsführer eines ökologischen Planungsbüros) bestimmt. Zeiten für die Literatur nutze ich flexibel, wenn sie sich auftun – dann wende ich mich entweder meiner herausgeberischen Tätigkeit für die Buchreihe keiper lyrik oder der Arbeit an eigenen Texten zu. Grundsätzlich kann ich mich immer hinsetzen und literarisch arbeiten, da bin ich nicht an bestimmte Tageszeiten oder Umstände gebunden.
Helwig Brunner, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das lässt sich wohl nicht so pauschal sagen, wie die Frage es nahezulegen scheint. Einige vorrangige Anforderungen sind offensichtlich: Ein wesentlich verstärktes Umweltbewusstsein in Anbetracht des Klimawandels und des fortschreitenden Verlusts der Biodiversität und das klare Bekenntnis zu freien, demokratischen Gesellschaftsformen angesichts illiberaler Entwicklungen z. B. in Ungarn, Polen und Afghanistan zählen sicher dazu. Darüber hinaus soll es aber im Sinne der gesellschaftlichen Diversität und der individuellen Selbstbestimmung jedem Menschen überlassen bleiben, seine Prioritäten selbst festzulegen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Notwendigkeit, Gesellschafts- und Lebensentwürfe neu zu denken, gab und gibt es zu jeder Zeit. Jüngste Umstände wie die Corona-Pandemie oder die wiederkehrende Evidenz politischen Machtmissbrauchs machen diese Notwendigkeit jetzt vielleicht besonders offensichtlich. Wesentlich dabei sind so altbacken erscheinende Werte wie Bescheidenheit und Redlichkeit im Denken und Tun anstelle von Hybris, Maßlosigkeit und Machtkalkül. Literatur und Kunst bieten Möglichkeiten, herkömmliche Denkstrukturen aufzubrechen und mit viel Empathie und Sorgfalt neue, alternative Strukturen zu formen – die grundlegendste und vielleicht wichtigste Form des Aufbruchs überhaupt.
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Nachtkästchen liegt die „Poetik des Raums“ von Gaston Bachelard, außerdem die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift „manuskripte“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man sollte im Leben niemals die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist so groß.“ (Bertrand Russel)
Vielen Dank für das Interview lieber Helwig, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist der 100.Geburtstag einer Schriftstellerin über deren Werk Peter Handke sagt „Es gibt Andeutungen von Räumen, aber mit den Räumen wird eigentlich fast nur gespielt, so als ob es die Räume gar nicht gibt“. Und Räume sind es, die das Leben der österreichischen Schriftstellerin Ilse Aichinger (1921 – 2016) in allen dramatischsten Facetten des Seins und Verschwindens begleiten und zur poetischen Auseinandersetzung, Stellungnahme gleichsam zwingen, im Wissen nicht festhalten aber erzählen zu können, zu müssen.
Da ist der Raum, die Wohnung der Kindheit bei der Großmutter in Wien. Die Vertreibung und Zerstörung Ihres Lebens, der Tod, und die Trennung von der Schwester wie das Versteck in Wien. Räume, die voll Dunkelheit und voller zerbrechender Bilder sind, die zeitlebens wie Blitzlichter erscheinen und verschwinden. Einer Kinoleinwand gleich. Ihre Gedichte erzählen eindringlich davon. Eine Welt tut sich auf, dringt ein. Ein Rückblick, ein Erzählen und ein Weiterleben…
Die vorliegende Audio CD des speak low Verlages ist eine sehr gelungene Zusammenstellung von Gedichten, Texten von und über Ilse Aichinger, die teils von ihr selbst bzw von der Schauspielerin Corinna Kirchhoff gelesen werden. Ebenso sprechen Michael Krüger und Peter Handke über des Werk Aichingers.
Sehr gelungen ist auch das umfassende Begleitheft mit Lebensbeschreibung wie einem beeindruckenden Bilderbogen, der Lebensstationen in Ort wie Familie und Schriftstellerkolleginnen*en zeigt, Ingeborg Bachmann. Das sind ganz besondere Aufnahmen.
„Eine außergewöhnliche hommage in Wort und Bild, die in Poesie und Erschütterung begeistert!“
Liebe Xenia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kommt auf den Tag an. Mein Kalender ist derzeit, im Vergleich zu der gähnenden Leere vor noch einem halben Jahr, wieder bunt gefüllt mit Terminen, was mich natürlich sehr freut! Einerseits bin ich seit heuer Teil des ilveroteatro Ensembles geworden und unsere Proben an Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ sind gerade in vollem Gange (Premiere ist am 24. November im Theater Center Forum, Regie: Veronika Buchecker).
Andererseits gebe ich die Rolle der „Klischee Schauspielerin“, die sich durch Nebenjobs in Gastro & Co. ihre Mäuse dazu verdient.
Das Jahr war, ich glaube für alle, eine wahre Achterbahn der Gefühle und es ist selbstverständlich noch Luft nach oben, aber gerade durch diesen extremen Kontrast von Jänner zu Jetzt bin ich eigentlich recht zufrieden wie es momentan läuft, auch wenn mir die aktuelle Lage wieder etwas Sorgen bereitet…
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Demut vor dem Leben und unserem Planeten. Nichts für selbstverständlich nehmen. Und vor allem denk ich, wäre es wichtig, darauf zu achten, in dieser Zeit der Überdigitalisierung & Social Media, das Mensch-Sein nicht zu verlernen. Ich finde es ehrlich gesagt traurig oder gar erschreckend, in welche Richtung das teilweise zu gehen droht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater / Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Mir hat es damals sehr das Herz gebrochen, als gesagt wurde : „Wir als Künstler – oder die Kunst an sich wäre nicht systemrelevant“. Und das mag zu einem gewissen Punkt vielleicht stimmen (ein Theaterstück ist keine Herz-OP schon klar) ABER – und damit wiederhole ich womöglich viele Künstler*innen mit folgenden Worten, so kitschig es auch klingen mag, wir waren, sind und werden immer „Seelenrelevant“ sein.
Kunst, egal ob in Form von Film, Sprech- oder Musiktheater, in Büchern oder Malerei, ist so vielseitig. Sie verschönert das Leben, kann unterhalten, aufklären, inspirieren, schockieren, heilen, lädt zum Träumen ein, schafft es eine Botschaft auf eine ganz bestimmte Weise zu vermitteln oder kann zu einem sozialen Weltphänomen werden. Sie kann die Gesellschaft prägen oder den Zeitgeist widerspiegeln und für die Ewigkeit festhalten. Gerade das Theater hat so viele Jahrhunderte überlebt, sich immer wieder verändert und weiterentwickelt. Es wäre eine Schande, wenn dieser magische Ort nicht in irgendeiner Weise in der Zukunft weiterbesteht. Und für mich als Schauspielerin gibt es nichts Schöneres, als ein kleiner Teil davon zu sein.
Was liest du derzeit?
„Frankenstein“, von Mary Shelley,
„Oliver Twist“ von Charles Dickens
„The String of Pearls“ von Thomas Preskett Prest
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
“At times the world may seem an unfriendly and sinister place, but believe that there is much more good in it than bad. All you have to do is look hard enough. and what might seem to be a series of unfortunate events may in fact be the first steps of a journey.”
― Lemony Snicket
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Vielen Dank für das Interview liebe Xenia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Fotos_Tom Weilguny.
14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich und glücklicherweise genau wie vor Covid.
Wir proben, bereiten uns auf die nächste Premiere vor, und abends dirigiere ich zur Zeit sehr oft Cats, da die Kollegen ganztägig an Miss Saigon arbeiten. Da steige ich als 4. aber später ein.
Michael Römer _Dirigent, Pianist Mitglied der Musikdirektion VBW Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten und den Glauben an die Kultur und ihre Kraft für Alle nicht verlieren.
Kultur IST systemrelevant, sie findet bloß auf emotionaler Ebene statt und ist deshalb für einige da ‚Oben‘ nicht (be-)greifbar.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Wir spüren es ja immer wieder in Konzerten und Vorstellungen…das Live Erlebnis kann man nicht mit einem Stream Konzert vergleichen.
Die Gefühlswelle Aller, die dabei sind, fährt direkt in die Seele und jeder kann es spüren wie gut es tut ‚dabei‘ zu sein und ein Teil dieser Kulturkraft zu sein.
Was liest Du derzeit?
Not Since Carrie: Forty Years of Broadway Musical Flops �by Ken Mandelbaum (kein Witz 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Genieß` das Geschenk der Musik überall um dich herum. Sie ist der kleine Atem der Welt, der unsere Seele mit einen Hauch von Liebe auffüllt.
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Michael Römer _Dirigent, Pianist Mitglied der Musikdirektion VBW Wien
Foto_privat.
10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Herzlich Willkommen, liebe Carmen Pratzner, Tänzerin/Choreografin, hier im Biedermeier Hotel Wien an der Ungargasse dem Romanschauplatz „Malina“! Vielen Dank für Dein Kommen und die Teilnahme an diesem Projekt zum Romanjubiläum!
Herzlichen Dank für die Einladung!
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin – am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Was bedeuten Dir Orte?
Orte sind für mich in meiner künstlerischen Arbeit als Tänzerin/Choreografin sehr wichtig. Es geht darum, dass Besondere eines Ortes, eines Raumes zu finden und auch der Frage nachzugehen, wie ich mich als Mensch an diesem Ort bewege.
Ich möchte auch immer etwas für und mit dem Ort als Kunstschauplatz machen.
Ich lasse mich gerne von Orten inspirieren, was dann in Bewegung, Ausdruck übergeht. Das kann sich auf die Geschichte, Ereignisse, Wahrnehmung beziehen – Farben können da etwa sehr inspirieren.
Wie kann man sich diesen künstlerischen Prozess der Arbeit mit und an einem Ort vorstellen? Das ist ja auch hier unmittelbar am Romanschauplatz im Schreibprozess so passiert.
Das kommt darauf an, ob es der Ort ist, von dem ich ausgehe, wie im Roman, oder ob der Ort eine Inspiration ist, die mich weiterführt.
In meiner Arbeit ist etwa die Isolierung, Verkleinerung von Räumen ein Thema. Was passiert, wenn Räume wegfallen, nicht mehr verfügbar sind? Was ja ein allgemein großes Thema ist.
Die Frage, was macht es mit Körper und Geist, wenn Räume fehlen, war in meinen Projekten da wesentlich.
Derzeit thematisiere ich den öffentlichen Raum, Platz. Mich interessiert da, wie Menschen zusammenkommen, sich bewegen in großen öffentlichen Räumen, die ja von uns gestaltet werden und denen wir Bedeutung geben. Reaktionen und Bedeutungsebenen sind dabei Fragen, die mich anleiten.
Bei Malina und Ingeborg Bachmann ist ja der unmittelbare Lebensraum zum Kunstschauplatz geworden. Ist dies auch in Deinen Projekten so?
Eigentlich nicht. Gezwungenermaßen in der Pandemie schon. Während des ersten Lockdowns habe ich mich beschäftigt mit dem Raum in meiner eigenen Wohnung, was wohl auch viele Kolleginnen*en gemacht haben, einfach aus der Not heraus, weil bestimmte Räume ja verboten und uns diese Räume wie Proberäume, Studios genommen wurden.
Aus diesen Gegebenheiten der Verbote bzw. Einschränkungen von Kunsträumen entstand ein Baukasten, Spiel – welches auch online zu sehen ist – wie man seinen Körper im Wohnraum platziert, erkundet, neu entdeckt und damit spielt, mit Alltagsbewegungen. Was mache ich in diesem Raum? Welche Bewegungsmuster gibt es von mir und wie erkenne ich diese und kann ich diese auch auf den Kopf stellen? Als Beispiel etwa die Frage, wie kann ich eine Schublade auf- und zumachen und funktioniert dies auch im Handstand? Es gab da viele kreative Ideen (lacht). Und da ist auch ein Video entstanden, das ich noch bearbeite.
Autobiografische Zugänge, wie es Ingeborg Bachmann im Roman setzt, wie ich es verstanden habe, hatte ich bisher nicht.
Es sind bei mir immer spezielle Orte in der Recherche aufgetaucht oder ich habe welche entdeckt, die mich interessiert haben. Ich wüsste aber jetzt nicht, was der künstlerische Ort mit größter privater Nähe gewesen wäre.
Im größeren Kontext ist der Begriff Heimat immer wieder ein Thema. Ich bin in Vorarlberg geboren und aufgewachsen und arbeite dort auch immer wieder und bin gut vernetzt vor Ort.
Ich fühle mich mittlerweile mehr als Wienerin obwohl ich ja nicht hier geboren bin aber vielleicht macht das ja gerade eine Wienerin aus (lacht).
Den Ortswechsel von Wien und Vorarlberg finde ich immer wieder künstlerisch spannend und inspirierend.
Das Zugezogensein als Wienerin verbindet Dich mit Ingeborg Bachmann. Zeitlebens hatte die Schriftstellerin auch eine gute Verbindung nach Kärnten, ihr Geburtsland. Wie wirkt sich die Verbindung zu Herkunftsorten auf Deine künstlerische Arbeit aus?
Gute Frage (lacht). Ich denke, für mich war es auch ganz wichtig, Heimat zu verlassen, um Neues zu sehen, Neues kennenzulernen, einfach als Mensch einen Austausch zu haben, anderes zu erleben, das fließt ja dann automatisch in meine künstlerische Arbeit ein. Wie ich damit umgehe, welche Menschen ich treffe, welche Orte ich sehe – das ist ja immer auch Teil des künstlerischen Prozesses wie es auch bei Ingeborg Bachmann und Malina der Fall ist.
Das Zurückkehren ist immer auch ein Bewusstwerden der eigenen Wurzeln. Da sind bestimmte Sachen, die sehr vertraut sind, die Stärke geben und andererseits, dass man selbst auch Impulse mitbringen kann oder zumindest hoffe ich das, dass es funktioniert (lacht). Dass man in die Heimat, das Zuhause neue Ideen, Inspiration mitbringt und Verbindungen, Synergien schafft.
Zuhause, dies ist im größeren Kontext Österreich. Wir haben heute den Nationalfeiertag. Geschichte spielt ja auch in Malina, persönlich wie gesellschaftlich, eine Rolle. Inwieweit sind dies auch Zugänge, Themen Deiner künstlerischen Arbeit?
Es ist mir wichtig, aber in meinen Arbeiten ging ich bis jetzt noch nicht geschichtlich weiter zurück. Aktuelle politische wie gesellschaftskritische Fragen der jüngeren Geschichte sind Themen, die ich aufgeworfen habe.
Kunsthistorisch brennt mir die Verbindung zur bildenden Kunst unter den Fingern und ich werde gerne das Körperverständnis im Wandel der Darstellung als Inspiration aufnehmen und damit arbeiten.
Auch die Geschichte, Geschichten, Erfahrungen, die sich in einen Körper einschreiben, finde ich sehr spannend.
Ich habe mich kürzlich mit meiner Ahnenfolge beschäftigt und da Verbindungen in Familie, Orten entdeckt, die mich auch zur Beschäftigung mit allgemeiner Geschichte anregten. Ich merke bei diesen historischen Themen, dass ich einen persönlichen Bezug dazu brauche.
Als die Einladung jetzt zum Malinaprojekt und Ingeborg Bachmann kam, erinnerte ich mich etwa an einen Liegestuhl mit einem Zitat von ihr, welcher im Sommer auf meinem Arbeitsweg zu sehen war – „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“. Das hat mich immer beeindruckt und ich dachte jedesmal im Vorübergehen „ja, leider, so ist es“.
Einschreibungen von Geschichte, Geschichten, persönlich und historisch, darum geht es auch im Roman Malina und den Weg inmitten dieses Umgebenseins, Eingeschriebenseins zu sich selbst. Wie siehst Du den Weg zu sich selbst im Roman und in der gesellschaftlichen Gegenwart?
Im Roman, den ich in Auszügen gelesen wie den Film gesehen habe, dachte ich mir, man spürt den Körper im Schreiben, in den Worten. Mich hat die Form dieser sprachlichen Fragmentarisierung, diese kurzen Sätze, das sich ja dann auch steigert, sehr beeindruckt und auch körperlich berührt. Es ist ein innerliches Beben zu spüren, ein Erschüttern, Zerbrechen, eine Nervosität aber auch eine Ruhe in diesem Ganzen darin.
Der Roman spielt sich ja auf sehr kleinem Raum in der Stadt ab, bis auf eine Reise zum Wolfgangsee. Der Schauplatz, das ist das Zimmer, die Wohnungen, der private Raum, da passiert aber so viel an Bewegung.
Es ist eine Suche nach sich selbst als Thema im Roman und ich glaube dies ist in der jüngeren Zeit noch aktueller geworden. Diese ständige Suche nach Glück, Sinn, nach sich selbst, nach Halt in einer sich immer schneller ändernden Welt, wir suchen Ruhe und Ordnung zu gewinnen, auch Pausen im Lebensalltag, die man sich gut setzen muss (lacht).
Für mich sind die Romanfiguren Teile einer Person, eines Menschen. Viele Aspekte, Eigenschaften in Einem, viele Seiten, die wir alle haben und die wir auch ordnen müssen. Ich finde diese Interpretation viel schöner.
Haben sich jetzt in den 50 Jahren seit Erscheinen Roman die vielen Aspekte einer Persönlichkeit im Widerstreit minimiert bzw. aufgelöst?
Überhaupt nicht. Es ist zwar in den strengen Geschlechterrollen viel in Bewegung, da mischt sich viel durch aber das Weiterdenken, auch gesellschaftlich, ist da ein Prozess.
Es gibt eine gesellschaftliche Kategorisierung, Definition, Ordnung und deren Polarität von Individualität und Gesellschaft. Darin bewegen wir uns und so sehe ich auch die Ich-Erzählerin im Roman.
Die Themen des Romans sind sehr zeitgemäß, immer noch, weil es um Menschen, den Menschen geht.
Alltagssituationen mögen sich ändern aber die Gefühlslage des Menschen ist ähnlich, vielleicht sogar mehr durcheinander, gerade auch in Ausnahmezeiten wie jetzt.
Der Roman ist sehr menschlich und deswegen sehr aktuell.
Du sprichst das sehr Menschliche im Roman an – ist da auch typisches Weibliches in gesellschaftlicher Rolle und Kritik dargestellt und wie siehst Du das Frausein heute?
Ja und Nein. Es wirkt sehr der damaligen Zeit voraus. Da ist diese starke, arbeitende, unabhängige Frau, die aus dieser Sicht emanzipiert wäre, sich dann aber in aller Leidenschaft verliert und wenn man es banal ausdrückt, diesem Mann nachrennt.
Ich frage mich oft ob es so schlimm ist, wenn wir sehr feminin konnotierte Dinge gut finden. Der Roman ist da der Zeit voraus, damals wie heute. Es geht um Weiblichkeit – selbstbewusst und kompromisslos. Auch das Verlieren in der Liebe ist eine weibliche Stärke. Das Leidenschaftlich-Sein-Dürfen, Frau-Sein-Dürfen, dass das nicht schwach ist sondern dass eine intensive Liebe, Lust, Vernarrtheit auch schön ist, Energie gibt, das stark sein kann, wenn man weiß was man will. Leider verliert sich im Roman der Charakter selbst darin.
Es ist ganz aktuell wie Ingeborg Bachmann mit Frauenthemen umgeht.
Wir sind noch nicht emanzipiert, noch immer nicht, da ist noch viel Arbeit zu tun.
Diese Rollen im Roman und die Fragen, die sie aufwerfen, finde ich sehr spannend und aktuell.
Wie kann es heute gelingen das Selbst in der Liebe zu behalten und feminin, maskulin konnotierte Persönlichkeitsseiten zu leben? Ist das heute leichter geworden?
Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Es wäre naiv zu sagen, dass dies damals als Frau nicht schwieriger war. Das glaube ich schon. Gesellschaftliche Errungenschaften der Frau haben aber auch Beziehungswirklichkeiten verändert. Dieses gesellschaftlich weniger Angewiesensein auf einen Mann verändert in jedem Fall die Dynamik in Beziehungen.
Ich weiß es nicht ob es für die Männer jetzt schwieriger ist, wenn sie gleichsam „strenger“ ausgewählt werden (lacht).
Menschen finden sich immer wieder. Die Gründe sind anders oder auch gleich.
Liebe hat es immer gegeben und wird es immer geben.
Ihre Rolle als unverheiratete Frau im Roman war in der damaligen Zeit schon besonders. Auch der Mann, Ivan, mit seinen zwei Kindern. Heute sind ja patchwork Familien normal.
Die Dynamik in einer Beziehung, egal wie sie sich definieren, ist individuell aber dann auch wieder für alle ähnlich, gleich, weil man sich selbst, miteinander darin finden muss.
Sich selbst behalten, im Austausch zu bleiben, sich zu stärken, ist wahrscheinlich ausgeglichener als damals. Das ist eine wichtige und schöne Sache.
Wie ist ein Gefühlschaos in der Liebe zu leben, zu ordnen?
Als Künstlerin liegt es auf der Hand, aber ich bin ganz ehrlich der Meinung, dass es ganz wichtig ist, sich kreativ auszudrücken und da Orientierung und Ordnung zu finden, zu verarbeiten in Musik, Schreiben, Tanz, in Bewegung, Spiel, Zeichnen, ganz egal wie die Ausdrucksmöglichkeiten sind. Das wird immer so hinten angereiht oder verkommt als Luxus, wird als nicht so wichtig abgetan. Ich bin der Meinung dies ist ein fataler Fehler. Wenn nötig, ist natürlich professionelle psychologische Hilfe wesentlich, was ich für ganz, ganz wichtig halte.
Menschen zersplittern sich auch innerlich immer mehr, weil sie diese Kultur des Ausdrückens nicht ausleben können, keinen Kanal für ein Bündeln finden.
Der kreative Weg ist einer der schönsten und hilfreichsten Sachen menschlichen Weges und Selbstverständnisses, Selbstvergewisserns in Geist und Körper. Da ist es wichtig unterstützend sein zu können.
Das intensive Schreiben des Charakters im Roman fand ich ein sehr wichtiges Bild. Diese massive Zahl an Zetteln, Briefe, die herumliegen und auch Symbolkraft haben. Das Zersplitterte wird sichtbar, bleibt liegen.
Ohne Kultur sind wir nur Wirbeltiere auf der Suche nach Nahrung und Fortpflanzung und das finde ich immer wieder sehr traurig.
Dass wir uns nicht mit unserer Kultur beschäftigen und den Sachen, die behandelt gehören, ist sehr traurig.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?
Unmittelbar in meiner Arbeit und auch im privaten Lesen bisher nicht viele. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man sie kennt und um sie weiß, ihr Werk und Leben, dass es sie gegeben hat.
Frauen in der Literatur werden ja viel zu oft übersehen. Deswegen ist es schön und auch so wichtig, dass Ingeborg Bachmann so etabliert ist, dass man davon hört und auch dass es den jährlichen Literaturpreis gibt.
Was kannst Du zum Romanjubiläum von Malina als Frau und Künstlerin mitnehmen?
Ich glaube, ich nehme mir mit, dass die femininen Seiten, die teilweise fälschlich als schwach gesehen werden, in Stärke umgewandelt werden sollen und wir darauf stolz sein dürfen, dass wir Stärke in der Feminität finden und diese auch ausleben.
Dass man sich nicht emanzipiert, indem man die Masken einer Zeit annimmt.
Dass man Feminin-Sein nicht als Schwäche oder Minderwertigkeit ansieht, sondern ein Stolz-Sein entwickelt.
Dass Leidenschaft, Liebe da sein darf und wir darin auch Stärke finden.
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin – am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Carmen, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle künstlerischen Projekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin
Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wieder weitgehend lustvoll angekommen im Theater-Betriebswahnsinn, grade im Zug zwischen München und Hamburg, ab Morgen dann wieder in München Endproben zur neuen Uraufführung von Thomas Köck. Dazwischen wie immer unendliche Sitzungen, analog und digital und immer der Kampf darum, auch noch irgendwann dazu zu kommen, worum es eigentlich geht: wichtige Texte, Künstler*innen und Autor*innen zu finden und produktive Bedingungen für deren Arbeit zu schaffen. Wenn das klappt, lohnen sich die 200 Sitzungen auf dem Weg dahin.
Tobias Schuster, Dramaturg
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir wieder in direkten Kontakt miteinander kommen, dass Begegnungs- und Diskursräume bestehen und genutzt werden. Dass wir es schaffen gesellschaftliche Konflikte offen und konstruktiv in der analogen Begegnung miteinander auszutragen und dabei wieder zu gesellschaftlicher Solidarität finden. Dass wir als Gesellschaft wieder lernen einander zu begegnen, buchstäblich und im konstruktiven Dialog miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Im Theater, scheint mir, werden wir auf etwas ganz Grundlegendes zurückgeworfen: die energetische Faszination von Körpern im selben Raum, ihnen auf einer Reise zu folgen, einer gedanklichen, einem Weg durch eine Geschichte oder ein körperliches sich Abarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass es Sehnsucht nach Opulenz, Schönheit, vielleicht gemeinschaftlichem Trost gibt. Wir müssen es schaffen, gleichermaßen Reflektionsraum wie ästhetisch-sinnlicher Raum zu sein, bestenfalls ein Ort, der uns erinnert, dass wir auch anders leben könnten. Ich freue mich auf eine neue Bundesregierung in Deutschland und würde Wien, meinem sehr geliebtem temporär-Zuhause, ebenso einen progressiven Aufbruch wünschen. Ob es klappt?
Was liest Du derzeit?
In letzter Zeit haben mich begeistert: Édouard Louis, Die Freiheit einer Frau, Madame Nielsen, Das Monster, Ivna Zic, Die Nachkommende, Jakob Nolte, Kurzes Buch über Tobias und die Erzählungen von Jonas Eika – außerdem kämpfe ich mich grade, leider viel zu oft unterbrochen, durch „Die Fahnen“ von Miroslav Krleza und verliere ich mich immer wieder mit großer Freude in den 930 Seiten von Wolfram Lotz‘ „Heilige Schrift 1“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir werden keine Helden sein. Wir werden keine Eroberer sein. Wir werden weder Fahnen haben noch ein Land. Wir werden vergessen. Wir werden vergeben. Wir werden die Schwachen und die Sanften sein!“ Virginie Despentes
Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tobias Schuster, Dramaturg
Tobias Schuster war von 2015-20 leitender Dramaturg am Schauspielhaus Wien und ist seit 2020 Teil des Künstlerischen Leitungsteams der Münchner Kammerspiele.
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht nicht immer gleich aus aber es gibt einige Routinen, die mich regelmäßig begleiten. Dazu gehört gleich nach dem Aufstehen Sport, Frühstücken, Üben und/oder Büroarbeit. Dann geht es entweder zum Unterrichten, zum Proben oder zu anderen Terminen. Wichtig ist mir eine gute und realistische Struktur und Organisation (manche Kolleg:innen und Freund:innen bleibt da oft ein Schmunzeln nicht aus, wenn sie meine vielen To [1] Do-Listen sehen). Durch eine gute Struktur (es wird aber ohnehin meist wieder alles anders) versuche ich zu vermeiden, mir ständig zu viel vorzunehmen und es gelingt es mir besser, zufrieden den Tag abzuschließen.
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Freunde am Tun – am idealsten in Arbeit und Freizeit. Ich versuche mich immer auf eine Sache zu konzentrieren und alles andere einstweilen auf „Parkposition“ zu stellen. Ich will voll und ganz bei einer Sache sein – und das in all meinen Lebensbereichen. Das gelingt mir natürlich nicht immer, aber ich versuche jeden Tag ein wenig bewusster zu werden. Die Antwort klingt jetzt etwas allgemein, ich weiß. Ein Beispiel wäre jeden Tag meine Tasse Kaffee zu genießen – und das tu ich tatsächlich. Also der Schlüssel für Zufriedenheit ist, wie so oft, die kleinen Dinge des Lebens wahrzunehmen – ein Lächeln, ein inspirierendes Gespräch, Dankbarkeit. Meine Oma sagt oft zu mir: „zufrieden soll man sein“, das ist einer meiner Leitsätze geworden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass wir immer vor einem Aufbruch stehen unabhängig davon, was sich gerade im Außen abspielt. Aber klar beeinflusst es mich und uns alle massiv, wenn beispielsweise gerade eine Pandemie herrscht.
Wesentlich ist, wie jeder Einzelne von uns mit Veränderungen umgeht – es geht um die mentale Einstellung. Ich kann ständig Angst haben, vor allem Möglichen oder aber auch darauf vertrauen, dass ich mit dem was kommt umgehen kann oder umgehen lerne. Und ich plädiere an die Eigenverantwortung von jedem Einzelnen. Wir können und sollten uns qualitativ hochwertige Informationsquellen suchen, uns mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigen und nach bestem Wissen und Gewissen handeln und Entscheidungen treffen. Wer mehr weiß, dem kann weniger vorgemacht werden.
Freiheit heißt Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und andere. Die Musik gibt mir persönlich sehr viel Kraft und hilft mir Dinge zu verarbeiten oder zu reflektieren. Das Spielen am Saxophon versetzt mich emotional in Gefühlswelten, die für mich mit Worten oft schwer beschreibbar sind.
Was liest Du derzeit?
Ich lese meist mehrere Bücher parallel. Auch darüber muss ich selbst oftschmunzeln. Aktuell sind das neben anderen:
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Martin Suter: Warum sind alle so ernst geworden
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Glücklich ist nicht, wer Anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür
hält. (Seneca)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Immer anders, was schön ist, aber auch anstrengend.
Für mein Medizinstudium sitze ich mal vor online-Vorlesungen, mal bin ich an der Klinik, mal arbeite ich an meiner Diplomarbeit. Darüber hinaus engagiere ich mich im Bereich Jugendsexualpädagogik und im Opferschutz gewaltbetroffener Frauen.
In den Lücken dazwischen schreibe ich, tanze oder stehe auf Poetry Slam Bühnen.
Tara Meister, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu einer Lebendigkeit zurückzufinden, denke ich. Berühren nicht zu verlernen, Begegnungen nicht zu scheuen und kulturellen Austausch zu suchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke nicht, dass wir um jeden Preis zurückmüssen. Die Pandemie hat die Frage aufgeworfen, wie weit wir miteinander arbeiten wollen, bereit sind, uns zu solidarisieren und für gemeinsame Ziele zurückzustecken in Krisenzeiten. Ich denke, diese Frage sollte weiterverfolgt werden, gerade wenn es um das Thema Klimakrise geht. Kunst und Literatur müssen immer wieder Fragen stellen, wiederholen. Vieles ist falsch gelaufen. Wir müssen uns mit psychischer Gesundheit beschäftigen, das ist lange überfällig.
Vielleicht sollte auch im Bereich Literatur thematisiert werden, was Solidarität bedeutet, wie solidarisches Schreiben aussieht.
Was liest Du derzeit?
Sonetten von Ann Cotten. Die Texte sind frisch und spielerisch, das Richtige, wenn der Winter kommt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zu jeder Tageszeit etwas anderes wahrscheinlich. Gerade fällt mir das Gedicht von Ingeborg Bachmann ein, „Nach dieser Sintflut“.
Nach dieser Sintflut
Nach dieser Sintflut
möchte ich die Taube,
und nichts als die Taube,
noch einmal gerettet sehn.
Ich ginge ja unter in diesem Meer!
flög‘ sie nicht aus,
brächte sie nicht
in letzter Stunde das Blatt.
Tara Meister, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Tara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tara Meister, Schriftstellerin
Fotos_1-3 Fedor Schlegel; 4 Andreas Brückner.
28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.