„Wir müssen es im Theater schaffen, gleichermaßen Reflektionsraum wie ästhetisch-sinnlicher Raum zu sein“ Tobias Schuster, Dramaturg _ München 13.11.2021

Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wieder weitgehend lustvoll angekommen im Theater-Betriebswahnsinn, grade im Zug zwischen München und Hamburg, ab Morgen dann wieder in München Endproben zur neuen Uraufführung von Thomas Köck. Dazwischen wie immer unendliche Sitzungen, analog und digital und immer der Kampf darum, auch noch irgendwann dazu zu kommen, worum es eigentlich geht: wichtige Texte, Künstler*innen und Autor*innen zu finden und produktive Bedingungen für deren Arbeit zu schaffen. Wenn das klappt, lohnen sich die 200 Sitzungen auf dem Weg dahin.

Tobias Schuster, Dramaturg

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir wieder in direkten Kontakt miteinander kommen, dass Begegnungs- und Diskursräume bestehen und genutzt werden. Dass wir es schaffen gesellschaftliche Konflikte offen und konstruktiv in der analogen Begegnung miteinander auszutragen und dabei wieder zu gesellschaftlicher Solidarität finden. Dass wir als Gesellschaft wieder lernen einander zu begegnen, buchstäblich und im konstruktiven Dialog miteinander.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Im Theater, scheint mir, werden wir auf etwas ganz Grundlegendes zurückgeworfen: die energetische Faszination von Körpern im selben Raum, ihnen auf einer Reise zu folgen, einer gedanklichen, einem Weg durch eine Geschichte oder ein körperliches sich Abarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass es Sehnsucht nach Opulenz, Schönheit, vielleicht gemeinschaftlichem Trost gibt. Wir müssen es schaffen, gleichermaßen Reflektionsraum wie ästhetisch-sinnlicher Raum zu sein, bestenfalls ein Ort, der uns erinnert, dass wir auch anders leben könnten. Ich freue mich auf eine neue Bundesregierung in Deutschland und würde Wien, meinem sehr geliebtem temporär-Zuhause, ebenso einen progressiven Aufbruch wünschen. Ob es klappt?

Was liest Du derzeit?

In letzter Zeit haben mich begeistert: Édouard Louis, Die Freiheit einer Frau, Madame Nielsen, Das Monster, Ivna Zic, Die Nachkommende, Jakob Nolte, Kurzes Buch über Tobias und die Erzählungen von Jonas Eika – außerdem kämpfe ich mich grade, leider viel zu oft unterbrochen, durch „Die Fahnen“ von Miroslav Krleza und verliere ich mich immer wieder mit großer Freude in den 930 Seiten von Wolfram Lotz‘ „Heilige Schrift 1“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir werden keine Helden sein. Wir werden keine Eroberer sein. Wir werden weder Fahnen haben noch ein Land. Wir werden vergessen. Wir werden vergeben. Wir werden die Schwachen und die Sanften sein!“ Virginie Despentes

Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Tobias Schuster, Dramaturg

Tobias Schuster war von 2015-20 leitender Dramaturg am Schauspielhaus Wien und ist seit 2020 Teil des Künstlerischen Leitungsteams der Münchner Kammerspiele.

https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/wir/133-tobias-schuster

Foto_privat.

12.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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